Ernst Ludwig Heim (1747 bis 1834) 1. Teil

Ernst Ludwig Heim
ERNST LUDWIG HEIM, Briefmarke von 1984.

Als ihn in seiner Praxis eine ziemlich überkandidelte Schauspielerin aufsuchte, lautete Heims Diagnose:

Ihnen fehlt gar nichts, gute Frau. Sie brauchen nur ein paar Tage lang unbedingte Ruhe.

„Gar nichts“ zu haben, das passte der Dame aus dem Königlichen Schauspielhaus ja nun gar nicht:

Aber sehen Sie sich doch nur meine belegte Zunge an!

Die braucht auch Ruhe.

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S;=)

Bei einer Gesellschaft wurde Dr. Heim von einem „Heilpraktiker“, den er für einen ausgesprochenen Quacksalber hielt, immer wieder als „Herr Kollege“ angesprochen, bis Heim sich das mit deutlichen Worten verbat.

Das verstand der andere nun überhaupt nicht:

Warum? Wir üben doch den gleichen Beruf aus!

Heim bestätigte:

Sicher, wie Optiker und Tischler. Beide machen Brillen.

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S;=)

Zur letzten Ruhe fand Dr. Heim in Kreuzberg auf den Friedhöfen am Halleschen Tor.

Ernst Ludwig Heim kann drum als Thema in meine Kreuzbergführung eingebunden werden. Näheres unter 030-693 16 49 (Herbert-Friedrich WiTzel) oder per Mail: herbert_f_witzel(at)web.de

 

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Nachkommen

Carl Spitzweg-Sonntagsspaziergang
Carl Spitzweg (1808 bis 1885): Sonntagsspaziergang.

Eine größere Familie geht an einem schönen Frühlingssonntag spazieren, so wie hier auf diesem Bild. Da sehen wir jedenfalls die ersten fünf, die älteste Tochter mit ihrem Bräutigam ist nicht mehr mit drauf, weil beide etwas langsamer sind als die anderen.

Nach der Wiese geht es durch den Wald und der Weg wird immer schmaler und die Familie zieht sich immer weiter auseinander. Irgendwann blickt sich die Mutter um und stellt fest, dass die Tochter mitsamt Bräutigam verschwunden ist.

Unruhig fragt sie ihren Mann:

Wo bleiben denn die Kinder? Was machen die bloß?

Antwortet der Familienvater kurz und knapp:

Nachkommen.

Freitag, 28.2.2014 – WiTzels Tagblatt

ACHTUNG! Wichtige Durchsage – jedenfalls für mich: Sechs Tage sollst du ackern und rackern, aber den siebten Tag, den Feiertag, heiligen. Das ist der Sonntag. Deshalb ist ab sofort, d.h. ab nächsten Montag, MONTAGS RUHETAG bei WiTzels Tagblatt. Ich sag’s bloß heute schon, damit Sie am Montag keinen Schock kriegen.

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  1. Tagesmusik, Duo Camillo mit dem Oldie, but Goldie: „Die Pfaffen rasen durch den Wald“;
  2. Bild des Tages: Salomo und die Königin von Saba in Berlin;
  3. Spruch zum Tage von Anno Nym;
  4. Auflösung zur Berliner Wer-war-das?-Kalendergeschichte von gestern;
  5. Kalendergeschichte zu Apelles, dem Hofmaler Alexanders des Großen;
  6. Vorlesung mit Katja aus der Albestraße;
  7. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

1. Ton ab für die Tagesmusik:

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S;=)

2. Bild des Tages:

Salomo und die Königin von Saba.
Konrad Witz: Salomo und die Königin von Saba (1434-35). Zu sehen in Berlin, Gemäldegalerie. [Bildquelle: The Yorck Project.]
Oft wirken ja die Repros besser als das Original, gerade bei Jahrhunderte alten Tafelbildern, aber in diesem Fall hat mich doch zuerst das Original schwer beeindruckt. – Sie können mich für Berlin als Kunstführer buchen, übrigens. Ich zeige Ihnen gern, was ich selbst sehenswert finde, z.B. dieses Altarbild des Konrad Witz oder auch die Galerie Johann König einschließlich der dazugehörenden Ausstellungen und Events in St. Agnes.  – HERBERT WITZEL, <herbert_f_witzel[at]web.de>Tel.: 030-693 16 49. (Führungsdauer ca. anderthalb Stunden, Gruppe bis 12 Personen = 50 EUR.) Für Kunstfreunde der Moderne mit einem freien Zeitfenster Anfang Mai (2.-4.) 2014 sei besonders empfohlen das http://www.gallery-weekend-berlin.de/

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S;=)

3. Spruch zum Tage:

„Hör auf, wenn es am schönsten ist.“

ANNO NYM.

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S;=)

4. Auflösung der Kalendergeschichte von gestern: Wer war das??? Der verhinderte Tragödiendichter und erfolgreichste Komiker seiner Zeit war dieser hier:

Otto Reutter.
. Otto Reutter.

Das Plakat stammt von hier:
Apollo-Theater.

Mehr zum Apollo-Theater findet sich in meinem Beitrag auf unterwegs-in-berlin.de :

Das war die Berliner Luft!

Saharet

[Abbildungen: wikimedia.]

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S;=)

5. Kalendergeschichte heute:

Von Apelles, dem Hofmaler Alexanders des Großen, blieb uns kein einziges Werk erhalten und doch gehört er zu den berühmtesten Malern der Weltgeschichte. Eines Tages wurde er von einem Kollegen gefragt, ob er ihm einen Rat geben könne, so von Künstler zu Künstler als Coaching, und Apelles antwortete:

Hand vom Bild.

Das meint im Prinzip das gleiche wie Anno Nühm: Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören – auch beim Bilder malen. Der Künstler, der perfekt sein und das vollkommene Gemälde schaffen will, der hört sonst nie auf. Das Bild wird aber dadurch nicht besser oder gar perfekt, sondern nur immer wieder anders, weil der Künstler sich jeden Tag ändert. Wenn er seine Bilder in Ruhe lässt, dann ändern sie sich von allein.

Die Bilder machen, was sie wollen.

GERHARD RICHTER.

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S;=)

6. Vorlesung, heute von und mit Katja, Sonnenschein der Albestraße:

http://volkslesen.tv/07-11-fruehstuecksgruppe-liest-roger-bollen-marilyn-sadler/

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S;=)

7. Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Das schöne Leben geht weiter

1907 kam Mata Hair zum ersten Mal nach Berlin und eroberte hier den „Wintergarten“ in der Friedrichstraße. Anschließend zog sie für ein paar Monate in die Nachodstraße 18, zusammen mit einem gutsituierten Leutnant des 11. westfälischen Garderegiments.

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Mata Hari bei der Arbeit.

Außerdem gab sie in Berlin vor Kaiser Wilhelm II. und seiner Familie eine Sonvervorstellung. Angeblich soll sie danach mit einem Prinzen kurzzeitig liiert gewesen sein. Dem hat sie nie widersprochen, ein Umstand, der in ihrem Spionageprozess gegen sie verwendet werden sollte.

Im Winter 1906/1907 hob sie wie die Klapperstörche ab nach Ägypten mit ihrem westfälischen Gardeleutnant und war für ihre europäischen Fans eine Weile außer Sicht und unerreichbar.

Am 30. März 1907 telegafierte sie von Rom aus an ihren Manager, ob es neue Engagements gebe. Und sie schrieb an Richard Strauss, um sich für seine neue Inszenierung anzubieten: „Nur ich kann die Salomé tanzen.“ Er antwortete nicht. Sie reiste nach Paris zurück.

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Mata Hari zu ihren besten Zeiten in Paris.

Mata Hari musste feststellen, dass man sie in Paris schon fast vergessen hatte. Inzwischen war ihr Tanz vielfach von Nachwuchstänzerinnen kopiert worden und nichts Besonderes mehr. Die Legende ihrer Lebensgeschichte wurde auch schon mal als Stoff für Bunte Abende benutzt. Auf ihr Evakostüm hatte sie ebenfalls kein Patent. Die Tänzerin und spätere Schriftstellerin Colette trat jetzt genauso nackt wie Mata Hari als „ägyptischer Traum“ im „Moulin Rouge“ auf.

Ihre beste Zeit schien vorbei zu sein, obwohl sie weiterhin eingeladen wurde zu den Festen der oberen Zehntausend und auch als Tänzerin wieder ins Gespräch kam. Im „Houlgate“, im „Pont aux Dames“ und im „Trocadéro“ tanzte sie auf Wohltätigkeitsveranstaltungen. Die Zeitungen schrieben über sie.

1910 spielte sie in Monte Carlo die Rolle der Kleopatra in „Antar“, einer Bühnenversion der gleichnamigen Sinfonie von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow. Der hat den „Hummelflug“ komponiert. Nix für ungut, ich sag’s ja nur.

Der Regisseur des Stücks war allerdings nicht zufrieden mit ihrer tänzerischen Leistung. „Antar“ wurde dann zwar auch in Strasbourg gespielt, jedoch ohne Mata Hari. Sie war schwer enttäuscht. Ihre Auseinandersetzung mit diesem Regisseur wurde ein gefundenes Fressen für die Presse und führte schließlich zu einem Gerichtsprozess.

Mata Hari klagte wegen Verleumdung und forderte Schadensersatz. Der Prozess zog sich lang hin, bis Dezember 1911. Mata Hari gewann. Sie hatte nun zwar ihre Ehre wieder, doch bekam dafür keine Engagements mehr.

Foto: Jacob Merkelbach.
Foto: Jacob Merkelbach.

Die letzten Monate bis zum Ende des Prozesses verbrachte sie auf einem Schloss des verheirateten Bankiers Xavier Rousseau als wohlversorgte Mätresse.

Am 7. Dezember 1911 tanzte sie in der Mailänder Scala als Prinzessin im 5. Akt von Christoph Willibald Glucks Oper „Armide“. Im Januar 1912 spielte sie die Venus in Antonio Marcenos Ballett „Bacchus und Gambrinus“. Sonst war die Venus immer blond gewesen. Mata Hari verkörperte mit ihrem dichten Haar eine ganz neue und bejubelte „schwarze Venus“. Nun wurde sie auch in die Salons der italienischen Reichen eingeladen.

Als herbe Enttäuschung entpuppte sich ihre Idee, zusammen mit dem Russischen Ballett aufzutreten, dessen rauschende Erfolge zu einem Siegeszug durch Europa führten.

In Monte Carlo hatte sie den Impresario Sergej Djaghilew kennengelernt und versuchte nun, mit ihm ein entsprechendes Bewerbungsgespräch zu führen. Doch er versetzte sie unentschuldigt und brüskierte sie dann, als sie ihn zielstrebig, wie sie war doch noch am Wickel kriegte, im Theater, während seiner Bühnenarbeit. Da stand der Meister nun nebst seinem Mitstreiter Vaslav Nijinsky und dem Choreografen, während die Bühne umgebaut wurde durch Heerscharen der „Herren von der Technik“.

Mata Hari solle sich ausziehen und hier auf der Bühne ein Tänzchen als Kostprobe hinlegen, sprach Diaghilew.

Entrüstet brach Mata Hari ihre Bewerbung ab. Es war allerdings auch ein bisschen sehr blauäugig gewesen, zu glauben, sie könne ohne klassische Ausbildung bei einer der besten Ballettgruppen der Welt als Primaballerina mitmischen.

1913 reiste Mata Hari nach Berlin, sah den deutschen Kronprinzen in Uniform und bat darum, vor ihm tanzen zu dürfen. Sie bekam ein „nein, danke“ als Antwort und reiste wieder ab. In Paris trat sie in den „Folies Bergère“ als Spanierin auf und tanzte letztmalig ihren Schleiertanz in einem Kino. Das „Auge des Tages“, die Sonne hatte ihren Zenit überschritten.

M Hari

Ihre exotische Lebensgeschichte glaubte man noch bis in die „Goldenen Zwanziger Jahre“ hinein wie die BILD-Zeitung.

Es hatte zwar stets kritische Geister gegeben, die bei ihrer Lebensgeschichte leicht verwundert die Brauen hochzogen, wenn sie etwa fröhlich erzählte, sie käme aus dem heiligen Ort Jaffnapatam an der Küste Malabars. Die Stadt Jaffnapatam liegt in Ceylon. Doch ihre wahre Herkunft, so wie wir sie Ihnen hier ungefiltert berichtet haben, verehrte Leserin und geschätzter Leser, diese Wahrheit wurde erst 1930 vom Journalisten Charles S. Heymans entblättert.

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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Die nächste Lied- und Lesebühne findet statt – wenn der liebe Gott will und wir leben – am Montag, dem 3. März 2014, in Lankwitz; gleiche Stelle, gleiche Welle…

Herzliche Einladung!
Herzliche Einladung!

Donnerstag, 27.2.2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Tagesmusik von und mit Nadia Birkenstocks keltischer Harfe;
  2. Das (Fantasy-)Bild des Tages von Johann Heinrich Füssli(Henry Fuseli): Belindas Traum;
  3. Spruch zum Tage: J.R.R. Tolkien;
  4. Berliner Kalendergeschichte als Kurzkrimi: WER WAR DAS?,
  5. Vorlesung;
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

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1. Ton ab für Nadia Birkenstock „Merrily kiss the Quaker’s wife“ Celtic Harp:

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S;=)

2. Bild des Tages:

Fuessli-Belindas_Traum
Johann Heinrich Füssli (1741 bis 1825): Belinda träumt von Zwergen, Elfen, Engeln, Faunen und andern Fuzzis aus der Welt der Fantasy. [Bildquelle: The Yorck Project.]
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S;=)

3. Spruch zum Tage:

„Ich bin doch eigentlich selber ein Hobbit.“

J.R.R. TOLKIEN, entnommen aus diesem Buch:
http://www.amazon.de/J-R-R-Tolkien-Ueberblick-Begruenders-Fantasy-Literatur/dp/149484480X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1393334248&sr=8-1&keywords=Witzel+Tolkien

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S;=)

4. Berliner Kalendergeschichte, erzählt von EGON JAMESON:

WER WAR DAS?

(Heißer Tipp vorneweg: Der Gesuchte ist für mich, den Tagblatt-Blogger Herbert WiTzel, deswegen hochinteressant, weil er seinerzeit die höchsten Gagen von allen bezog. Also muss er ja wohl irgendwas richtig gemacht haben. – Und nun übergebe ich das Wort an den Erzähler Egon Jameson:)

1910 waren drei Berliner Theater im Besitz meiner Familie:

  1. Das Gebrüder-Herrnfeld-Theater, das vom Alexanderplatz in die Kommandantenstraße gezogen war, gehörte den Brüdern meiner Mutter.
  2. Das Apollo-Theater in der Friedrichstraße wurde geleitet vom Mann meiner Cousine, der Vortragskünstlerin Hedda Herrnfeld.
  3. Last not least die dritte Bühne, das „Ganz kleine Staatstheater“ — es hatte mich zum Intendanten und Regisseur.

Ja, mich, Egon Jameson himself und höchstpersönlich.

Dieses „Staatstheater“ war erbaut aus alter Pappe, aus gemopsten Holzleisten, aus ausgeschnittenen Figurinen und Kulissen und anderen Hintergründen der Neuruppiner bunten Bilderbogen. Es stand — zum Entsetzen aller Mitbewohner — im Korridor unserer Wohnung in der Lietzenburger Straße herum.

Als Bediener des Vorhangs und der elektrischen Beleuchtung wurde mein Schulfreund Joseph Schildkraut verpflichtet, der spätere Hollywooder Filmliebling.

Schildkraut
Schauspieler Joseph Schildkraut, hier mit Kammersängerin Maria Olszewska (1932).
[Bildquelle: wikimedia.]
Dramaturg und Sprecher war Otto, der Dünne, ein Jüngling, der mir auf dem Affenplatz des Zoologischen Gartens sämtliche Murmeln abgewonnen und seither meine Verehrung erworben hatte.Wir drei bildeten das Direktorium, und da wir niemandem Rechenschaft über unser Repertoire abzugeben hatten, widmeten wir uns unserer Aufgabe nur, wenn wir gerade hierzu Lust hatten.

Zum 2. Oktober des Jahres 1910 hatten wir eine außergewöhnliche Festvorstellung vorbereitet. Den Anlaß bildete weder die Geburtstagsfeier des Generalfeldrnarschalls Paul von Hindenburg noch das Wiegenfest des irischen Dichters Oscar Wilde, sondern — ich muß es ehrlicherweise gestehen — mein eigenes Erdenjubelfest. Der größte Teil unseres Publikums, das wir teils mit Hilfe persönlicher Erpressungen, teils durch nervende Bitten zu jenem Ereignis herangebracht hatten, konnte nur am frühen Nachmittag erscheinen, weil es abends selbst auf der Bühne stand. Großzügig in Dingen der Kunst schenkte man uns eine Stunde Zeit.

Unser Salon und das Speisezimmer waren mit Ehrengästen überfüllt. Als Vorprogramm gab es Kaffee mit Apfelstrudel und Schlagsahne. Danach folgte das Hauptstück, nämlich ‚Hannibal vor den Toren‘ oder ‚Der arme Schlucker‘ — eine Tragödie, die noch nie aufgeführt worden war. Sie hatte zwanzig Jahre in der Schublade eines märkischen Gutes geschlummert. Der Autor war ein junger Kolonialwarengehilfe aus einer Magdeburgischen Provinzstadt. Er hieß Otto, der Dicke. Dieser Otto, der Dicke, war der Vater Ottos, des Dünnen. Der Papa persönlich hatte keine Ahnung, daß wir durch die liebenswürdige Hilfe seines Sprosses in den Besitz dieser Jugenddichtung gekommen waren. Verdacht schöpfte der Autor erst‚ als er auf seinem Stuhl in der ersten Reihe umherrutschend vernahm, wie Feldherr Hannibal — übrigens großartig vom Sohn gespielt — seinen Generälen eingestand, daß er beschlossen habe, die Belagerung Roms aufzugeben, weil er … UCK … UCK … an einem nicht zu bremsenden … UCK … Schluckauf leide … UCK.

Ich gehe nicht als reicher Schurke ins Verbrecheralbum ein … UCK … UCK … UCK…‚ doch will ich auch kein armer Schlucker in der Weltgeschichte sein … UCK … UCK…

Bekanntlich war bisher unbekannt, warum Hannibal vor den Toren Roms plötzlich umkehrte.

Hannibal.
Hannibal überschreitet die Alpen. Im Hintergrund erkennen wir einen Elefanten mit Schluckauf, an dem der Feldherr sich wahrscheinlich angesteckt hatte.
[Bildquelle: wikimedia.]
Diese geradezu revolutionäre Aufdeckung des Grundes für seinen Rückzug erregte besonders unter den Akademikern und sonstigen intellektuellen Zuschauern herzerfrischende Heiterkeit. Am meisten lachten allerdings die Kulleraugen des Autors. Er drückte uns die Hände und seinen indiskreten Sohn (er fiel im Ersten Weltkrieg) an sich.

Ihr scheinheiligen Banditen, woher habt ihr das Manuskript?

Es blieb unter uns Direktoren Berufsgeheimnis. Der noch immer lachende Dramatiker hieß einmal Pfützenreuter. Seine Wiege stand in dem magdeburgischen Städtchen Gardelegen in der Sandstraße 508 — standesamtlich genau festgelegt erblickte er am 24. April 1870 das Licht dieser Welt. Er selbst hatte es später in knappste Verse gebracht:

Vater im Kriege. Mutter im Bett./Ich in der Wiege. Schönes Terzett.

Baby Pfützenreuter wuchs auf, setzte sich in der Schule mittels eines seelenvollen Blickes aus seinen immens beredten Kulleraugen durch, während seine Gedanken durch kunstgeschwängerte Wolken irrten. Der Vater, ein ehrenwerter Kaufmann, brachte den verträumten, aufgrund seiner literarischen Interessen mit Recht als „ungeraten“ beschimpften Sohn zu dem führenden Kolonialwarenhändler am Ort in die schwere Lehre. Aber dieses mißratene Lausebübchen reimte „Leere“ auf „Lehre“, rückte aus, meldete sich bei einer Wanderschmiere, wurde brutal zurückgeholt, einem anderen, noch strengeren Meister als Lehrling zugewiesen, rückte zu einem gastspielenden Wanderzirkus aus, wurde abermals heimgebracht, rückte zur nächsten wandernden Bühnentruppe aus und wurde wiederum heimgeholt.

Der Jüngling mit dem höheren Ziel in seiner Brust las neben dem Sauerkohlfaß Shakespeares Königsdramen, suchte nach Reimen auf Erbsenpüree und brachte dieses Einkriegespiel mit dem wütenden Papa in folgende Kurzform:

Wollt’ zum Theater. Kaufmann gelernt./Krach mit dem Vater. Heimlich entfernt.

Die Sehnsucht nach Lorbeerkranz und Rampenlicht trieb den Neunzehnjährigen schließlich nach Berlirn. lm „Americain-Theater“ schob er Kulissen.

Deutsch-amerik. Theater
Firmenstempel des „Americain Theater“ in den Zwanziger Jahren.
[Bildquelle: wikimedia.]
Für ein paar Groschen Wochenlohn hungerte der junge Mann sich durch und schlief, wenn’s auch für die Dachbodenmiete nicht mehr reichte, im Obdachlosenasyl. Als Kopfkissen diente ihm eine Bühnenausgabe von  Band „Heinrich V.“ Der Romeo in „Romeo und Julia“ schien ihm zu leichtsinnig. Er selber war gnadenlos fürs Seriöse.

Gelegentlich durfte er als Statist mitwirken. Das waren die Höhepunkte seines Daseins. In den Klamauk-Abschluß-Bildern brauchte man jeden Körper. Pfützenreuter machte gute Miene zum albernen Spiel. Er genoß die Honigsüße des Applauses, als ob er während des gesamten Abends die Hauptrolle gemimt hätte.

Mit Zwanzig warf er Shakespeare übern Haufen und machte sich „selbständig“: Er dichtete seine eigenen, bestimmt besseren Königsdramen, und da ihn seine künstlerische Tätigkeit als Kulissenschieber Aushilfs-Statist nicht ausfüllte, wuchsen die Werke an Länge und Breite. Im Theater hatten die Akrobaten, Zauberer und Komiker nicht das rechte literarische Verständnis für den ewig toternsten und ach so weltabgewandten Nachwuchs-Dichter. Ein Bühnenkomiker meinte:

Ich zahl’ dir zwei Mark bar auf die Hand für ein anständiges, das heißt leicht verständliches und lustiges Couplet.

Zwei harte Mark.
Mannomann – richtiges Geld! Allerdings stand 1910 drauf und nicht 1967, aber eine Mark ist und bleibt eben eine harte Mark.
[Bildquelle: wikimedia.]
Zwei Mark in echt – das war das erste Honorarangebot für ihn als Autor! Dem konnte selbst der Stolz eines Dramenverfassers nicht widerstehen, dessen Magen derzeit immer mitknurrte.

Pfützenreuter schöpfte aus der Tiefe seines eigenen Erlebens und nannte sein Lied Nummer Eins:

Will man denn? Man muß!

(Später hat er es aktualisiert und Tausende von Tantiemen daran verdient.) Die Pointe im Schlußvers hieß:

Jeden Abend um Punkt neun/Muß ich furchtbar lustig sein./Ob in Sorgen und Verdruß,/Will man denn? Man muß!

Das „Americain Theater“ lachte sich krumm und schief und alles sang schlußendlich mit:

Will man denn? Man muß!

„Wer war das?“, erkundigte sich der Herr Direktor des „Americain“. Der Vortragskünster zeigte auf Kulissenschieber Pfützenreuter.

Du? Woher hast du die Idee? Wer macht dir die Reime?

Königsdramenpoet Pfützenreuter verstand die Fragen seines Direktors nicht. Was sollte das heißen?

Ich hab’s geschrieben. Ganz allein. Will man denn? Man muß!

Der mißtrauische Direktor, an großsprecherische Manieren gewöhnt,  platzierte den Kulissenschieber in seinem Büro auf den Schreibtischsessel, befahl ihm, ein Lied für eine ältere Soubrette zu dichten, und schloss die Tür von außen ab. Als er zwei Stunden später wieder aufschloss, legte Pfützenreuter ihm sein nächstes Opus vor:

Mir kannste, wat de willst, erzählen, Kind./Ick gloob dir erst, wenn wir verheirat’ sind.

Der Direktor betrachtete sein neues Hausgenie mit höchster Bewunderung und verdoppelte den Kulissenschieberlohn. Pfützenreuter änderte als Antwort seinen Text um in: „Muß ich denn? Ich will nicht!“

Er verließ beledigt die Stätte seines ersten Erfolges, denn er war ja doch zu Höherem geboren. Sein Ehrgeiz war es, Menschen zu Tränen zu rühren — und nicht, alberne Leute zum Lachen zu bringen.

= = =

Tja. Irren ist menschlich … UCK … Mein Vater hat ihn live erlebt, diesen verhinderten Hannibal, bei einem Gastspiel in Hannover im „Maxim“, und mir gesagt, daß dieser Mann auch hätte „Hänschen klein“ singen können und alles hätte sich gebogen vor Lachen, weil er eine dermaßen komische Ausstrahlung auf die Bühne brachte.

WIE HIESS ER?

Nein, nicht mein Vater — der hieß Herbert Witzel, genau wie ich. Jetzt ist der Künstlername des Komikers gefragt.

Die Auflösung lesen Sie morgen in WiTzels Tagblatt.

;=)

5. Vorlesung – diesmal aus den Texten des Dichters Robert Walser, der in Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße 70, wohnte:

Robert Walser in Berlin

[Bildquelle: wikimedia.]

http://volkslesen.tv/36-08-senioren-lesen-robert-walser/

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6. Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Neues Leben

Ihr Tanz und die legendenreiche Lebensgeschichte faszinierten das Paris des erwachenden 20. Jahrhunderts. Fremdländische Frivolitäten kannte man zwar schon zur Genüge, doch eine wahrhaftige indische Bajadere war etwas ganz Neues. Weil die damals wenigen Wissenschaftler für indische und javanische Kultur sich kaum in ihre Vorstellungen verirrten, hatte sie auch keine Enttarnung zu befürchten.

Außerdem beherrschte sie perfekt „die Kunst der erotischen Entkleidung“ und legte den Parisern mit ihrem Schleiertanz einen Striptease hin, wie sie den noch nie gesehen hatten.

Mata Haris Vergangenheit lautete von nun an wie folgt: Sie sei das Kind eines Brahmanen und einer 14jährigen Tempeltänzerin, die bei ihrer Geburt verstarb. Aufgezogen wurde sie in einer unterirdischen, dem Gott Shiva geweihten Höhle, wo sie von Kindesbeinen an durch Priester in den Tänzen zur Verehrung dieses Hindugottes unterwiesen wurde.

Shiva-Musee Guimet
Gott Shiva, 11. Jahrhundert (Musée Guimet).

Sie sei mit duftenden Jasmingirlanden bekränzt worden, habe die Altäre der hundert Hindugottheiten geschmückt und sich in wunderbaren Gärten ergangen. Mit 13 Jahren habe sie zum ersten Mal nackt vor dem Altar eines Hindutempels getanzt. Vermutlich hätte sie an diesem Ort in Südindien ihr weiteres Leben verbracht, wenn nicht ein Märchenprinz aufgetaucht wäre, ein britischer Offizier, der sie tanzen gesehen und sich sofort unsterblich in sie verliebt hatte. Er entführte und heiratete sie.

Diesem Offizier habe sie einen Sohn geboren, Norman, der von einer eifersüchtigen Dienerin grundlos vergiftet worden sei. Nach indischem Brauch habe sie dann die Dienerin mit ihren eigenen Händen erwürgt.

Dieser Lebenslauf stand ihr vorzüglich, weil sie eine große, dunkle Erscheinung war, mit Samtaugen und hindumäßigen Gesichtszügen. Damit es nicht so langweilig für sie selbst wurde, entwickelte sie gelegentlich neue Versionen der Legende, verlegte dann ihre Kindheit nach Java und behauptete, eine natürliche Enkelin des indonesischen Königs zu sein, dessen Tochter sich in einen niederländischen Offizier verliebt habe. Als Zweijährige sei sie dann in ein deutsches Internat gekommen und habe mit 16 Jahren den britischen Offizier MacLeod geheiratet.

Mata Haris Schleiertänze wurden ein Wahnsinnserfolg in allen großen Städten Europas. Und ihr Auftreten war ein Skandal, jedenfalls setzte die Leiterin einer Vorstellung es durch, dass Mata Hari eine Flanellwindel tragen musste.

1905 verdiente sie bei einer Vorstellung 10.000 Francs und wurde an 35 Abenden gebucht.

Ihr erstes Auslandsgastspiel gab sie 1906 in Madrid. Dort lernte sie Jules Cambon kennen, den französischen Botschafter.  1917 beim Spionageprozess konnte er ihr zwar nicht das Leben retten, doch Cambon war der einzige, der für sie gutsagte und sich nicht versteckte.

Ebenfalls 1906 trat sie in Paris im Olympia-Theater vor voller Hütte auf und später in Monte Carlo als Opern-Attraktion. In „Le Roi de Lahore“ von Jules Massenet tanzte sie die Salomé. Von Monte Carlo aus reiste sie zu einem Gastspiel nach Wien, wo sie triumphale Erfolge erlebte.

MATA HARI

[Repros (2): Archiv Syzygos.]

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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WitTzels nächste Lied- und Lesebühne findet statt – wenn der liebe Gott will und wir leben – am Montag, dem 3. März 2014, in Lankwitz; gleiche Stelle, gleiche Welle…

Herzliche Einladung!
Herzliche Einladung!

Mittwoch, 26.2.2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Tagesmusik von und mit Sallie Ford & The Sound Outside, sehr krass und verdammt witzig, für mich jedenfalls;
  2. Bild des Tages von Carl Larsson: „Grüß schön den Onkel“;
  3. Spruch zum Tage von Hans Christian Andersen;
  4. Kalendergeschichte: Hans Christian Andersen und Berlin und wie die Feilnerstraße zu ihrem Namen kam;
  5. Vorlesung;
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

Ton ab für meinen besonderen Liebling Sallie Ford:

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Bild des Tages:

Larsson.
Carl Larsson: „Grüß schön den Onkel“ (1917). [Repro: The Yorck Project.]
= = =    S;=)

Spruch zum Tage:

Die Folianten vergilben und aller gelehrte Glanz unserer großen Städte wird eines Tages blass und stumpf, aber das Buch der Natur erlebt jedes Jahr eine neue Auflage.

HANS CHRISTIAN ANDERSEN (1805 bis 1875), dänischer Märchendichter.

Andersen
Porträtiert von Constantin Hansen. [Bildquelle: wikimedia.]
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S;=)

Kalendergeschichte:

Hans Christian Andersen und Berlin und

wie die Feilnerstraße zu ihrem Namen kam

Der Prophet bzw. Märchenerzähler galt erst mal nichts im eigenen Lande Dänemark. Hans Christian Andersen wurde als Dichter zuerst in Deutschland entdeckt und übersetzt und veröffentlicht, dann in Dänemark und später weltweit. Ich hab mal das Andersen-Museum in Odense besucht und kann mich erinnern an einen riesengroßen Tisch voller Übersetzungen der Andersenschen Märchen in wohl sämtliche Schriftsprachen. Seine über dreißig Auslandsreisen führten Andersen häufig auch nach Berlin. Hier besuchte er zweimal die Brüder Grimm, zuletzt im Winter 1845/46, doch musste er traurig feststellen, dass sie seine Märchen nicht einmal kannten.

Viel wohler fühlte er sich im Feilner-Haus, vor allen Dingen, weil dort „die schwedische Nachtigall“ Jenny Lind wohnte während ihres Engagements an der Berliner Oper 1844/45. Andersen gehörte zu ihren glühenden Verehrern – jedenfalls fingen seine Ohren zu glühen an, wenn sie sang.

 

Jenny Lind
Jenny Lind, „die schwedische Nachtigall“ (1850). [Bildquelle: wikimedia.]
Tobias Christoph Feilner, ein Töpfergeselle aus der Oberpfalz, kam 1793 nach Berlin, begann hier mit der Herstellung von Terakotten und  farbigen Backsteinen erfand schließlich die großen weißen Berliner Kachelöfen, deren Ruhm sogar bis nach Weimar zu den Klassikern drang. Jedenfalls ließ sich auch Goethe einen solchen schicken.

Aus der Töpferei mit sieben Angestellten wurde eine Fabrik mit mehr als hundert Beschäftigten. Feilner konnte sich 1829 in der Hasenhegergasse – so hieß sie damals noch – ein zweistöckiges, neun Fenster breites Haus nach Bauplänen seines Freundes Schinkel hinstellen lassen. In diesem gastfreundlichen Haus gaben sich Bildhauer wie Schadow und Komponisten wie Liszt, Meyerbeer und Mendelssohn-Bartholdy die Klinke in die Hand.

1945 fiel das Haus den Bomben zum Opfer, doch die nach Feilner benannte Straße gibt es noch.

= = =

Gibt es in Berlin eine Wohnung, die aussieht, als hätte dort eine Bombe eingeschlagen? Müssen Räume entrümpelt werden? Brauchen Sie eine Allesabfuhr? Dann wenden Sie sich getrost an unseren Herrn Frank Toebs mit seiner 25jährigen Berufserfahrung:

entruemplung.de
entruemplung.de

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S;=)

5. Vorlesung:

http://volkslesen.tv/49-09-staatsbibliothek-liest-daniel-kehlmann-1/

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S;=)

Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Aus Gretchen wird Mata Hari

1903 sucht sie Unterschlupf für eine Auszeit bei ihrem Vater in Den Haag, der sie willig aufnimmt und unterstützt. Die Zeiten haben sich geändert und er auch. Inzwischen ein kleines bisschen weiser geworden, fragte er sie aus wie ein Berufsberater.

Am beeindruckendsten fand ich die Tempeltänzerinnen auf Java“, erinnerte sich Margaretha. „Als ich ihnen zugesehen hab, da dachte ich, alles Leben ist Tanz.“

Vielleicht ist es ja wirklich so“, meinte der Vater.

Quatsch“, lautete ihre missmutige Entgegnung. Die Pariser Enttäuschungen saßen ihr noch in den zarten Knochen. „Soll ich mit dir vor die Tür gehen, Papa? Hier sehe ich stille Grachten, saubere Häuser und brave Bürger. Hier tanzt nichts und niemand.“

Adam Zelle musste lächeln. „Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wir sehen sie so, wie wir sind.“

Sie sah sich die Dinge lange an. Dann stand ihr Entschluss fest, Tänzerin zu werden. Der Vater erklärte sich bereit, sie materiell und ideell dabei zu unterstützen.

Im folgenden Jahr entwarf sie nicht nur ihr Kostüm, das sowohl in einen europäischen Nachtclub als auch in einen javanischen Tempel gepasst hätte, sondern sie skizzierte auch einen passenden Lebenslauf zum Kostüm und wählte den Künstlernamen „Mata Hari“. Das ist Malaiisch, heißt verdolmetscht „Auge des Tages“ und meint die Sonne. Viele halten den Mond für viel wichtiger als die Sonne, denn tagsüber, so sagen sie, da sei es doch sowieso hell. Aber Mata Hari gehörte nicht zu denen, die das Licht scheuen. Nur ihre Brüste hielt sie stets bedeckt.

Mit Kostüm.

[Repro: Archiv Syzygos.]

1905 trat sie zum ersten Mal in Paris auf, tanzte den ersten Schleiertanz ihres Lebens so leidenschaftlich, als ob es um gerade dieses ginge, und es ging ja auch um ihr Leben. Vorbei waren auf einmal die Demütigungen, die Tyrannei, die Schläge, das Drohen und die ständige Angst vor dem, was als nächstes Schlimmes passiert.

Mata Hari war jetzt zu Hause in ihren sprechenden Bewegungen und nicht zuletzt mit ihren glühenden Augen fesselte sie die Aufmerksamkeit des Publikums. Mit diesem Tanz riss sie ihre Umgebung hinein in einen Taumel lautlos lachenden Entzückens, um dann die selbe Umgebung mit hinabzuziehen in die tragischen Tiefen des Todes: Es ist gemein, was lebt, muss sterben. Den Körper zeigte sie her, doch ihre Seele blieb für alle ein faszinierendes Rätsel. Niemand schlief ein.

Bei ihrem Debüt als importierte Bajadere befand sich im überraschten und begeisterten Publikum der Herr Guimet, Eigentümer des gleichnamigen Museums für orientalische Kunst, gelegen im 16. Arrondissement. Er lud sie ein, in seinem Museum zu tanzen.

Die nunmehrige Orientalin Mata Hari nahm das Angebot an und riss im Musée Guimet die Anwesenden durch ihre elektromagnetischen Tänze zu stürmischen Beifallskundgebungen hin. In einem juwelenbesetzten Büstenhalter und durchsichtigen Gewändern bewegte sie sich rhythmisch und geheimnisvoll vor dunkel schimmernden Bronzestatuen, grünen Palmen und mit farbenfrohen Girlanden verzierten Säulen. Sie war „geschmeidig wie ein aufgerichtetes, von der Flöte des Schlangenbändigers hypnotisiertes Reptil. Ihr biegsamer Körper verschmolz zeitweilig mit den wogenden Flammen, um plötzlich, mitten in einer Verrenkung, zu erstarren… Mit heftiger Bewegung reißt Mata Hari sich die Juwelen vom Leib. Und nackt scheint ihr Körper bis in die Schatten zu reichen! Sie geißelt die Luft mit ihren verrenkten Armen, peitscht die unerschütterliche Nacht mit ihrem langen, schweren Haar…“ (Édouard Lepage, Theaterkritiker.)

Vor ihr öffnete sich ein neuer Weg. Mit wachem Verstand hatte sie geahnt, dass nicht nur Propheten in ihrem Vaterlande nichts gelten, sondern auch exotische Schönheiten wie sie. Und Anbeter werden ihr zu Füßen liegen und diesen neuen Weg ihres Lebens pflastern, denn eine Mata Hari gibt es nur einmal.

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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Herzliche Einladung!
Herzliche Einladung!

Die nächste Lied- und Lesebühne findet statt – wenn der liebe Gott will und wir leben – am Montag, dem 3. März 2014, in Lankwitz; gleiche Stelle, gleiche Welle…

Dienstag, 25.2.2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Tagesmusik mit dem erfrischend deutsch-britischen Duo Astral Plane (Silvia Plegniere vom hiesigen Festland und Kevin Romang von der britischen Insel);
  2. Bild des Tages: „Der Morgen“, Philipp Otto Runge;
  3. Spruch zum Tage von Friedrich Nietzsche;
  4. Kalendergeschichte (Ricarda Huch und Berlin);
  5. Vorlesung;
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

= = =

Ton ab für die Red-River-Rock’n’Rollige Tagesmusik, heute instrumental von ASTRAL PLANE:


Bild des Tages diesmal als Bildergeschichte von Philipp Otto Runge:

Runge 1
„Der Morgen“_.1 – Da liegt er klitzeklein und farblos am Rand ganz unten, ihm geht der Arsch auf Grundeis sozusagen.
Runge 2
Hier – mit doppeltem Boden – sieht „Der Morgen“ schon besser aus…
Runge 3
Aller guten Dinge sind drei, auch beim Erwachen am „Morgen“.

= = =

S;=)

Spruch zum Tage:

Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen eine Freude machen könne.

FRIEDRICH NIETZSCHE.

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S;=)

Kalendergeschichte:

Ricarda Huch und Berlin

Radierung Lindner.
Radierung von Johann Lindner.

Uhlandstraße Nr. 194 wohnte im dritten Stock der Staatsanwalt Franz Böhm mit seiner Frau Marietta, Tochter Ricarda Huchs. Als die Schriftstellerin im Herbst 1927 von München nach Berlin übersiedelte, wurde sie hier so freundlich aufgenommen, dass sie in Ruhe ihre „Lebensbilder deutscher Städte – Im alten Reich“ ( Schreibzeit 1927 bis 1929) vollenden konnte.

Ihr Schwiegersohn lehnte den aufkommenden Nationalsozialismus ab, bekam dadurch immer mehr berufliche Schwierigkeiten, verließ1932 Berlin und zog zu seiner Mutter nach Freiburg zwecks Doktorarbeit. Ricarda Huch ging mit ihrer Tochter und dem Enkel Alexander nach Heidelberg. An ihren Verleger schrieb sie:

Es wird Sie vielleicht wundern, daß ich mich sehr schwer von Berlin trenne, ich habe mich so in die Landschaft verliebt, daß mich nicht einmal Heidelberg lockt, eher abschreckt. Hier freute ich mich von einem Sonntag auf den anderen, wo wir Ausflüge machten; kaum jemals habe ich mein Herz so an eine Landschaft gehängt.

= = =

S;=)

WERBUNG

Wir wissen nicht, wen Ricarda Huchs Schwiegersohn damals mit der Räumung seiner Wohnung in der Uhlandstaße 194, dritter Stock, beauftragte. Heute empfehlen wir für solche Zwecke, für Entrümpelung und Allesabfuhr Fa. Frank Toebs:

entruemplung.de
entruemplung.de

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S;=)

Vorlesung – so viel Zeit muss sein:

http://volkslesen.tv/42-11-realschule-coburg-i-liest-antoine-de-saint-exupery/

S;=)

Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Neues Scheitern und neues Leben

Im Herbst des Jahres 1900 wurde Major MacLeod in den Ruhestand versetzt, nach 28 Dienstjahren. Nun zogen sie wieder zusammen und machten sich gegenseitig die Hölle heiß.

Seine Frau zog es mit allen Fasern zurück nach Europa. John wollte bleiben, weil er sich hier mit seiner Pension ein viel besseres Leben leisten konnte.

Ihre Beziehung war im Grunde schon gar keine mehr und die Ehe völlig zerrüttet.

Als beide im März 1902 schließlich doch gemeinsam in die Niederlande zurückkehrten, mussten sie aus Geldmangel wieder bei Johns Schwester Frida in Amsterdam einziehen. Hier lebten sie in getrennten Zimmern und spielten „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, bis der ständig betrunkene John am 26. August mit der kleinen Non aus dem Haus torkelte und nicht mehr zurückkam. Die Mutter verfiel in eine Wahnsinnsangst, wusste nicht, wo man die Tochter suchen sollte. Sie hatte außerdem kein Geld und kein gar nichts. Mit Hilfe des Staatsanwaltes Eduard Philips beantragte sie am 27. August die sofortige Scheidung. Am 30. August 1902 sprach das Amsterdamer Amtsgericht die „Trennung von Tisch und Bett“ aus.

Der Major im Ruhestand wurde zu Unterhaltszahlungen an seine Ex-Frau in Höhe von monatlich 100 Gulden verdonnert, doch die kamen nie bei ihr an. Sie musste sich nun selber kümmern um das tägliche Brot und das Geld für die Miete und alles.

Die Tochter wurde der Mutter zugesprochen, doch nachdem MacLeod wieder geheiratet hatte, blieb sie in beiderseitigem Einverständnis beim Vater Der zog mit seiner zweiten Frau aufs Land, in das kleine Nordbrabanter Dorf Velp.

Im Oktober 1902 reiste Margaretha in die Modestadt Paris mit der Idee, dort auf dem Laufsteg Karriere zu machen.

Daraus wurde jedoch nichts.

Um ihre Baguettes zu verdienen, stand sie für mehrere mehr oder weniger begabte Maler Modell. Man musste sie lieben oder ablehnen, dazwischen gab es nichts. Margaretha wollte geliebt werden. Wer sie ablehnte wie der eigenwillige, frühreife Pinselstar Octave Denis Victor Guillonnet, der erlebte ihren beeindruckend hinreißenden Ohnmachtsanfall, von dem sie sich erst wieder erholte, als er sie denn doch porträtieren wollte. Schließlich fragte er sie entnervt, warum sie überhaupt nach Paris gekommen sei.

Ich dachte“, antwortete sie, „alle Frauen gehen nach Paris, wenn sie ihren Männern weglaufen.“

Auch Guillonnets Künstlerkollege Gustave Assire engagierte sie einmal als Modell und nie wieder. „Sie will glücklich sein, weiß aber nicht, wie es geht. Das machte mich unglücklich.“ (Gustave Assire.) Außerdem hatte Assire mit dem Impressionisten Renoir zwar nicht das geniale Talent gemeinsam, aber immerhin eine geradezu sehnsüchtige Leidenschaft für die Schönheit der Frauenbrüste. Doch ihren Busen hielt das Modell stets bedeckt.

Warum?“ krächzte er mit seiner Absinthstimme. „Sie sind doch ein Aktmodell. Zum Akt gehören auch die Brüste.“

Gretchen schüttelte den Kopf und behauptete, irgendwo müsse eine Grenze sein. (Erst 1912 erzählte sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit einem ihrer Verehrer, dem Journalisten Paul Olivier, die wahre Begründung, warum sie auch später stets und ständig selbst bei ihren verwegensten Nackttänzen die Brüste mit zwei Filigranschützern bedeckte. Mit Verschwiegenheit ist es allerdings bei Journalisten so eine Sache. Doch dazu kommen wir später noch.)

Nach diesen einmaligen Auftritten als Modell lief nichts mehr und aus war der Traum vom prickelnden Paris. Ziemlich unterm Teppich kehrte Margaretha zurück nach Holland.

Den nächsten Sturm auf die Bastille und Paris unternahm sie zu Pferde und bewarb sich als Zirkusreiterin. Doch auch damit fiel sie durch nach dem Motto: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ (Samuel Beckett.)

Margareta
Margareta als Wiederholungstäterin zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Sie fühlte sich verletzt und hatte plötzlich Sehnsucht nach Geborgenheit, wie ein Kind, das ausgerissen ist und auf einmal Angst bekommt, weil die Welt doch nicht so freundlich ausschaut, wie im Bilderbuch.

1903 sucht sie Unterschlupf für eine Auszeit bei ihrem Vater in Den Haag, der sie willig aufnimmt und unterstützt. Die Zeiten haben sich geändert und er auch. Inzwischen ein kleines bisschen weiser geworden, fragte er sie aus wie ein Berufsberater.

Am beeindruckendsten fand ich die Tempeltänzerinnen auf Java“, erinnerte sich Margaretha. „Als ich ihnen zugesehen hab, da dachte ich, alles Leben ist Tanz.“

Vielleicht ist es ja wirklich so“, meinte der Vater.

Quatsch“, lautete ihre missmutige Entgegnung. Die Pariser Enttäuschungen saßen ihr noch in den zarten Knochen. „Soll ich mit dir vor die Tür gehen, Papa? Hier sehe ich stille Grachten, saubere Häuser und brave Bürger. Hier tanzt nichts und niemand.“

Adam Zelle musste lächeln. „Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wir sehen sie so, wie wir sind.“

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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Die nächste Lied- und Lesebühne findet statt – wenn der liebe Gott will und wir leben – am Montag, dem 3. März 2014, in Lankwitz; gleiche Stelle, gleiche Welle…

Montag, 24.2.2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Tagesmusik : „Bring Me Sunshine“, das passt immer;
  2. Bild des Tages ist ein BANKSY;
  3. Spruch zum Tage von Abraham Lincoln;
  4. Kalendergeschichte, diesmal über Richard Wagner, Cosima und Berlin;
  5. Vorlesung aus dem Buch des Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer;
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

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Ton ab für die Tagesmusik, diesmal auf gut Very British mit den JIVE ACES und REBECCA GRANT zum flotten Start in die neue Woche:

= = =

S;=)

Bild des Tages:

BANKSY
Das hat BANKSY gemacht. [„Copyright Is For Losers“; BANKSY.]
= =

S;=)

Und hier die passende Empfehlung:
http://www.amazon.de/BANKSY-Book-Pictures-Wieland-Kraut-ebook/dp/B0096CFUSU/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1393097008&sr=8-1&keywords=Wieland+Kraut+BANKSY

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S;=)

Spruch zum Tage:

Mein bester Freund ist der Mensch, der mir ein gutes Buch gibt, das ich noch nicht gelesen habe.

ABRAHAM LINCOLN.

= = =

S;=)

Kalendergeschichte

zu Richard Wagner, Cosima und Berlin:

R-Wagner
Barrikadenkämpfer Wagner.

Richard Wagner, damals Kapellmeister in Dresden, war bereit, für die Idee der Freiheit seine Karriere zu opfern. Beim Dresdner Maiaufstand 1849 stand auch er mit auf den Barrikaden an der Seite der Auständischen. Ein junger Offizier, Botho von Hülsen, hatte die Aufgabe, diesen Aufstand niederzuwerfen, und machte bei dieser Gelegenheit mit dem Komponisten persönlich Bekanntschaft.

Später wurde von Hülsen Generalintendant der Berliner Staatsoper und machte aus seinem Herzen keine Mördergrube: „Nach unserer Begegnung in Dresden im Mai 1849 widerstrebt es mir, in irgendeine persönliche Beziehung zu dem Genannten zu treten.“ Sogar 15 Jahre später noch weigerte sich von Hülsen, Wagner zu empfangen. Der hatte sich in Berlin inzwischen mit dem „Tannhäuser“ und seinen anderen Opern längst durchgesetzt, doch die Verhandlungen mit dem Intendanten der Staatsoper mußte sein Schwiegerpapa Franz Liszt stellvertretend führen.

Wie kam Wagner zum Schwiegerpapa?

Cosima
Cosima de Flavigny.

Nun denn, hinter jedem starken Mann steht eine schwache Frau. Solange es umgekehrt ist und der schwache Mann hinter einer starken Frau steht, ist sie seine Mami.

Hedwig
St.-Hedwigs-Kathedrale am heutigen Bebelplatz.

Liszts Tochter Cosima de Flavigny heiratete 1857 in der Berliner Hedwigskirche einen Schüler ihres Vaters, den Kapellmeister und Klavierspieler Hans von Bülow. Auf ihrer Hochzeitsreise besuchten sie Richard Wagner in Zürich. Ihrer Ehe mit Bülow verdankte Cosima die beiden Ablegerinnen Daniela und Blandine.

Je öfter sie dem 15 cm kleineren und dafür zum Ausgleich 24 Jahre älteren Wagner begegnete, desto stärker wurde ihre Zuneigung zu dem Dresdner Barrikadenkämpfer auf allen Notenlinien. Mit ihrem Mann zusammen besuchte sie das enfant terrible im Sommer 1862 in Wiesbaden-Biebrich, wo Wagner an den Meistersingern arbeitete. Im Sommer 1863 gestanden sich Cosima und Wagner auf einer Kutschfahrt durch Berlin ihre gegenseitige Liebe.

R&C
„Ich Tarzan – du Jane!“ (Vgl. mein „Ständchen für Jane“ als globale Flirt-Vorlage, zu hören heute in einer Woche in Lankwitz; siehe Plakat gaaanz uuunten auf dieser Seite.)

[Bildquelle für diese 4 Fotos/Repros: wikimedia.]

Tja. Sehn Se, det is Berlin! Falls es bei Ihnen auch gefunkt hat und Sie Ihre olle Single-Wohnung zugunsten einer frischen Zweierkiste aufgeben möchten, empfehlen wir guten Gewissens zwecks Entrümpeln der Räume Herrn Frank Toebs mit seiner 25jährigen Berufserfahrung.

entruemplung.de
entruemplung.de

= = =

S;=)

Nehmen Sie sich ruhig die Zeit für die folgende Vorlesung mitsamt Vogelgezwitscher, diesmal aus einem Buch, das schon meine Mecklenburger Großeltern gern gelesen haben und das mich inzwischen auch begleitet, nämlich Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer:

http://volkslesen.tv/25-11-prerow-liest-johannes-gillhoff/

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S;=)

Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari „Gresha“ Margareta (Mata Hari) und John MacLeod in Ostindien

Zwischen den Eheleuten kam es immer öfter zu Zank und Streit, weil Gresha sich ihr Leben ganz anders vorgestellt hatte. Und John MacLeod hatte vielleicht nicht unbedingt einen guten Kern, aber dafür eine rauhe Schale ganz bestimmt.

Wenige Wochen nach der Geburt seines Sohnes wurde MacLeod nach Batavia versetzt, das sich heute „Jakarta“ nennt und damals zur holländischen Kolonie in Ostindien gehörte.

Am 1. Mai 1897 schritten sie über den Laufsteg des Dampfschiffes „SS [= Steamship] Amalia“ und dampften ab nach Java, das durch die halfzware Selbstdreher-Boygroup „Javaanse Jongens“ in unseren Zeiten wieder sehr bekannt geworden ist.

Gresha
Margareta und John MacLeod (das Pärchen ganz links an der Reling) auf dem Weg nach Niederländisch-Ostindien.

Kurz vor Weihnachten wurde MacLeod nach Malang versetzt und zum Major befördert. In Malang brannte die Luft. Es war die „Côte d’Azur Indonesiens“ und bot ein entsprechendes gesellschaftliches und kulturelles Leben. „Gresha“ litt zuerst unter der Hitze und schwitzte entsetzlich. Doch sie fand hier sofort Anschluss und entwickelte sich rasch zur gern gesehenen Salonlöwin. Dem tat auch die Geburt der Tochter Luisa Jeanne am 2. Mai 1898 keinen Abbruch.

Es machte ihr ausgesprochen Spaß, mit den Söhnen der Plantagenbesitzer und den jungen Offizieren zu flirten, was John MacLeods Eifersucht zum Kochen brachte. Er rächte sich seinerseits durch „Suff und Puff“, wie die Soldaten sagten, d.h. er trank und ging fremd. Außerdem fing er an, seine Frau zu schlagen, wenn er betrunken war. Mehr als einmal bedrohte er sie mit dem geladenen und entsicherten Dienstrevolver, um sie einzuschüchtern.

Vater und Sohn.
Vater und Sohn MacLeod (1899).

1898 bestieg Königin Wilhelmina den holländischen Thron. Zur Feier dieses Tages wurde in Malang August von Kotzebues Schauspiel „Die Kreuzfahrer“ aufgeführt. Margaretha MacLeod durfte die Rolle der Königin übernehmen, ihr erster Auftritt vor Publikum.

1899 wurde John MacLeod im März nach Medan auf Sumatra versetzt. Dadurch lebte das Paar die nächsten sieben Monate voneinander getrennt und hielt Verbindung durch Briefe und Telegramme. Seit Margarethas öffentlichem Auftritt als Königin und nun auch noch seiner dienstlich erzwungenen Abwesenheit, hielt John es vor Eifersucht nicht mehr aus. Außerdem besaß sie ein genauso gestörtes Verhältnis zum Geld wie ihr Vater. Sprüche wie „Geiz ist geil“ entlockten ihr ein fröhliches Lachen.

Wenn John seine schriftlichen Gardinenpredigten schickte bezüglich Sitte, Anstand, Zurückhaltung und Sparsamkeit, dann bekam er immer häufiger Antworten im Sinne von „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Überhaupt wurde „trotzdem“ anscheinend Margarethas Lieblingswort.

Nun zeigte sich klar und deutlich, dass sie beide nicht nur vom Alter her, sondern auch durch ihre völlig verschiedenen Persönlichkeiten meilenweit voneinander getrennt waren.

Die Kluft zwischen ihnen wurde tiefer und ihre gegenseitige Entfremdung immer größer.

Margaretha begann sich für die javanischen Tempeltänze zu interessieren. Diese Art zu tanzen bildete eine der Säulen ihrer künftigen Karriere, neben ihrem geheimnisvollen Hindu-Gesicht und der magnetischen Kraft ihrer Augen, die sie bis ans Lebensende behalten hat.

Ende Juni 1899 starb der kleine Norman John an einer Vergiftung. Wenige Wochen danach warf die Cholera eine Hausangestellte der Familie aufs Sterbebett. In ihren letzten Stunden beichtete sie, sie habe das Essen des Sohnes vergiftet, um sich zu rächen dafür, dass MacLeod ihren Liebhaber, einen einheimischen Soldaten, schwer bestraft habe.

Die kleine Tochter hatte Glück und entging der Vergiftung, weil sie von ihrer Mutter noch gestillt wurde.

 

 

 

Luise Jeanne MacLeod, genannt „Non“ [malaiisch „Mädchen“]  (1903).
Luise Jeanne MacLeod, genannt „Non“ [malaiisch „Mädchen“] (1903).

[Bildquelle für sämtliche Fotos: Archiv Syzygos.]

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

= = =

Herzliche Einladung!
Herzliche Einladung!

Sonntag, 23.2.2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Für den Sonntag bisschen besinnliche Musik zum die Seele baumeln lassen mit Sister Act;
  2. Bild des Tages: Februar aus dem Stundenbuch des Duc de Berry;
  3. Spruch zum Tage von Herrn und Frau Volksmund;
  4. Kalendergeschichte, diesmal frisch aus Paris;
  5. Vorlesung;
  6. Buch-Empfehlung;
  7. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

Ton ab für Sister Act (man beachte auch Thomas Gottschalk mit seiner weißen Kochmütze, die er nur trägt, um die Schwarzen zu ärgern):

= = =

S;=)

Bild des Tages:

Februar
Aus dem Stundenbuch des Duc de Berry: der Monat Februar. [Bildquelle: The Yorck Project.]
= = =
S;=)

Spruch zum Tage:

Im Monat Februar stellen wir verwundert fest, dass das Gehalt für 28 Tage genauso wenig reicht wie für 31.

Volksweisheit.

= = =

Kalendergeschichte:

Der Reiseleiter erklärt die Gegend:

Und jetzt, meine Herren, fahren wir am berühmtesten Puff von Paris vorbei.

Tönt einer hinten im Bus:

Warum eigentlich?

= = =

S;=)

Vorlesung am Sonntag:

http://volkslesen.tv/02-12-kreuzberg-kocht-und-liest-ana-lichtwer/

= = =

S;=)

Zum Selberlesen empfehlen wir heute etwas Selbstgeschriebenes:

http://www.amazon.de/J-R-R-Tolkien-Ueberblick-Begruenders-Fantasy-Literatur/dp/149484480X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1393060926&sr=8-1&keywords=Witzel+J.R.R.+Tolkien

Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Trauring, aber wahr…

Gretchen stieß auf eine Zeitungsannonce mit folgendem Text: „Offizier, auf Urlaub aus Indonesien, sucht junge Frau mit liebenswürdigem Charakter zwecks Heirat.“ Dieser Offizier hieß Campbell Rudolph John MacLeod, wie sie zielstrebig eine Woche später herausfand. Er war 20 Jahre älter als sie, zuckerkrank und wurde von diversen rheumatischen Zipperlein geplagt. Trotz alledem war Margaretha von MacLeods Auftreten und Ausstrahlung und besonders von seiner Uniform schlichtweg begeistert – selbst dann noch, als sich herausstellte, dass er die Anzeige gar nicht selber aufgegeben hatte, sondern sein Freund, der Erzschelm Richard Owen. „Richy“ vertrat das Prinzip: „Ohne Wein, Weib und Gesang/bleibst du ein Narr dein Leben lang.“

Nichtsdestotrotz mündete diese heitere Herrenbelustigung in eine Hochzeit Margarethes mit dem leicht glatzköpfigen Rudolph MacLeod am 11. Juli 1895 im Rathaus zu Amsterdam, wie Sie hier sehen, verehrte Leserin und geschätzter Leser:

Gretchens Hochzeitsfoto.

Hochzeitsfoto.

Ihre Hochzeitsreise führte sie in die hessische Stadt der 15 Quellen, Wiesbaden, wo schon alte Römer gern zur Kur hinfuhren und ihre Kniegelenke ausschüttelten. Später im Spionageprozess wurde ihr Wiesbaden zum Vorwurf gemacht, denn sie hätte ja mit ihrem Mann die Flitterwochen auch in Venedig verbringen können, wo alle hinfahren zum Honeymoon.

Wiesbaden

Margaretha und John MacLeod in Wiesbaden.

Danach zog Gretchen mit dem ersten Offizier ihres Lebens zur verwitweten Schwägerin Frida in deren Haus an der Amsterdamer Leidsekade. Die beiden Frauen waren schon vom ersten Tag an spinnefeind und verstanden sich überhaupt nicht. Auch in der Ehe kriselte es sofort.

Am 30. Januar 1897 brachte Frau MacLeod ein strammes Knäblein zur Welt. Margaretha ließ sich inzwischen „Gresha“ nennen. Den Sohn tauften sie Norman John.

[Bildquelle der Fotos: Archiv Syzygos.]

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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Herzliche Einladung!
Herzliche Einladung!

Sonnabend, 22.2.2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Tagesmucke von & mit den ROCK TIGERS aus Korea;
  2. Bild des Tages: Carl Spitzweg;
  3. Spruch zum Tage von Adriano Celentano;
  4. Kalendergeschichte aus einem Berliner Pfarrhaus;
  5. Aktualitäten-Kabinett, diesmal mit aktueller Werbung aus Steglitz-Zehlendorf;
  6. Vorlesung;
  7. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

Ton ab für die Tagesmusik, diesmal aus Korea von den „Rock Tigers“ (dortselbst schwer angesagte Rockabilly-Truppe mit Standbass und spitzenmäßiger Sängerin):

= = =

S=;)

Bild des Tages:

Carl Spitzweg: Der (leider abgefangene) Liebesbrief.
Carl Spitzweg: Der (abgefangene) Liebesbrief.

= = =

S;=)

Spruch zum Tage:

Eine liebende Frau hört auch das, was man noch gar nicht gesagt hat.

ADRIANO CELENTANO.

Adriano Celentano und Claudia Mori.
Adriano Celentano und Claudia Mori.

= = =

S;=)

Kalendergeschichte zum Thema „Volle Kirche“

Berlin, Taubenstraße 3. Das Pfarrhaus der (zerstörten) Dreifaltigkeitskirche diente als Dienstwohnung des Predigers und Theologieprofessors Friedrich Schleiermacher (1768 bis 1834). Schleiermacher hatte bei seinen Gottesdiensten sonntags immer volle Hütte. Nach den Gründen befragt, antwortete der kleine verwachsene Mann mit heiligem Lächeln:

Meine Studenten kommen, weil sie müssen. Die Damen kommen wegen der Studenten und die Offiziere kommen wegen der Damen.

Friedrich_Daniel_Ernst_Schleiermacher
Kirchenfüller Friedrich Schleiermacher.

= = =  S;=)
Achtung, Werbung bzw. wir wandern jetzt gedanklich von vollen Kirchen hinüber zu leeren Räumen: eine Empfehlung für Entrümplungen, Haushaltsauflösung und Sperrmüllabfuhrin Berlin – spez. Steglitz-Zehlendorf:

entruemplung.de
entruemplung.de

Fuhrunternehmer Frank Toebs (siehe Bild) hat immerhin über 25 Jahre Berufserfahrung.

= = =

Vorlesung:

http://volkslesen.tv/05-09-krippenerzieher-lesen-heinrich-heine/

(Thema Nummer Eins: Heinrich Heine über Berliner Frauen. – Thema Zwo: Alarm im Kasperletheater!)

S;=)

Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Mata Haris Jugend als Margaretha Geertruida Zelle

Als Gretchen Zelle am 7. August 1894 achtzehn Jahre alt geworden war und ihre Pflegeeltern beobachtete, die mit ihr den Geburtstag feierten und dabei recht zufrieden aussahen, fragte sie beim Abendessen: „Onkel Taconis, wie geht eigentlich Glücklich sein?“

Frag mich etwas Leichteres, Gretchen“, antwortete der Onkel und aß weiter. Die Tante nickte stumm. Sie fand, solche Themen gehörten sich nicht für eine 18jährige. Damit war die Frage nach dem Glück erst mal beantwortet. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Nach Spätsommer, Herbst und Winter 1894/95 kam der Frühling und Anfang Mai beim Abendessen fragte Margaretha schon wieder: „Onkel Taconis, wie geht eigentlich Glücklich sein?“

Der Onkel guckte auf einmal hilflos durch die Zimmerdecke gen Himmel. Heute war überhaupt nicht sein Tag. Anschließend sah er Gretchen mit leeren blauen Augen an und fragte: „Hast du schon die Zeitung gelesen?“

Sie schüttelte den Kopf, dass ihre dunklen Locken flogen.

Lies erst mal die Zeitung, Gretchen“, sagte Onkel Taconis. „Dann reden wir weiter.“ Und die Tante nickte dazu. „Ist doch erstaunlich, dass jeden Tag genauso viel passiert, wie in die Zeitung passt“, sinnierte er abschließend und die Tante nickte wieder.

Margaretha glaubte zwar damals schon nicht mehr alles, aber ein paar Illusionen hatte sie doch noch. Vielleicht machte das Zeitunglesen ja wirklich glücklich. Tausende und Abertausende von erwachsenen ABC-Schützen können nicht irren. Deshalb nahm Gretchen brav nach dem Essen und Abräumen die „Nieuws van den Tag“, setzte sich ans Fenster und fing im letzten Licht der Sonne an zu lesen und zu blättern.

Dabei stieß sie auf eine Zeitungsannonce mit folgendem Text: „Offizier, auf Urlaub aus Indonesien, sucht junge Frau mit liebenswürdigem Charakter zwecks Heirat.“ Dieser Offizier hieß Campbell Rudolph John MacLeod, wie sie zielstrebig eine Woche später herausfand. Er war 20 Jahre älter als sie, zuckerkrank und wurde von diversen rheumatischen Zipperlein geplagt. Trotz alledem war Margaretha von MacLeods Auftreten und Ausstrahlung und besonders von seiner Uniform schlichtweg begeistert – selbst dann noch, als sich herausstellte, dass er die Anzeige gar nicht selber aufgegeben hatte, sondern sein Freund, der Erzschelm Richard Owen. „Richy“ vertrat das Prinzip: „Ohne Wein, Weib und Gesang/bleibst du ein Narr dein Leben lang.“

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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PLAKAT 3.3._.14

Freitag, 21.2.2014 – WiTzels Tagblatt

HEUTE frisch:

  1. Tagesmusik mit einem gut gelaunten John Fogerty (Sänger der Hitfabrik „Creedence Clearwater Revival“);
  2. Bild des Tages: Tatüttüt Tata im Dschungel;
  3. Spruch zum Tage von Dylan Thomas;
  4. Kalendergeschichte, diesmal gedichtet (Erich Kästner);
  5. Vorlesung;
  6. Aktualitäten-Kabinett, diesmal LIVE aus Sotschi;
  7. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

Ton ab für die FreiTagesmusik mit John Fogerty, dem Sänger von „Creedence Clearwater Revival“:

= = =

S;=)


Bild des Tages:

Rousseau
Henri Rousseau: Tatü Tata im Dschungel.

Spruch zum Tage:

Ich liebe die Menschheit, besonders die Frauen.

D-Thomas
DYLAN THOMAS (1914 bis 1953)

Kalendergeschichte, diesmal gedichtet:

Besuch vom Lande

Sie stehen verstört am Potsdamer Platz.

Und finden Berlin zu laut.

Die Nacht glüht auf in Kilowatts.

Ein Fräulein sagt heiser: >Komm mit, mein Schatz!<

Und zeigt entsetzlich viel Haut.

Sie wissen vor Staunen nicht aus und nicht ein.

Sie stehen und wundern sich bloß.

Die Bahnen rasseln. Die Autos schrein.

Sie möchten am liebsten zu Hause sein.

Und finden Berlin zu groß.

Es klingt, als ob die Großstadt stöhnt,

weil irgendwer sie schilt.

Die Häuser funkeln. Die U-Bahn dröhnt.

Sie sind das alles so gar nicht gewöhnt.

Und finden Berlin zu wild.

Sie machen vor Angst die Beine krumm.

Und machen alles verkehrt.

Sie lächeln bestürzt. Und sie warten dumm.

Und stehn auf dem Potsdamer Platz herum,

bis man sie überfährt.

ERICH KÄSTNER

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S;=)

Vorlesung:  … so viel Zeit muss sein …

http://volkslesen.tv/21-12-donau-universitaet-krems-liest-janosch/

Aktualitäten-Kabinett:

Ein Schnappschuss aus Sotschi von der Winterolympiade

Plischke.
Gesponsort von „Witzels Tagblatt“, geklaut als Postkarte von den Stade Auktionen: Teilnehmer Rübezahl. (Plischke-Kunst.)

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S;=)

Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Mata Haris Kindheit als Margaretha Geertruida Zelle

Gretchen“, wie sie oft und gern gerufen wurde und sich ungern nennen hörte, fiel während ihrer Schulzeit eher durch schlechte als durch gute Noten auf. Sie verlebte eine glückliche Kindheit, bis — ja, bis Vater Zelle, der Hutmacher, 1889 am Börsentanzplatz beim Spekulieren diesmal voll daneben haute. „Die Börse ist wie eine Lawine, ein ständiges Auf und Ab“ (Adam Zelle).

Er musste das Haus wieder verkaufen und sich erheblich einschränken. Seine Frau und die fünf Kinder betraf das natürlich genauso, sie zogen aus einem Palast in eine Mietwohnung. Margaretha, inzwischen dreizehn Jahre alt, war als verwöhnte kleine Prinzessin herangewachsen. Nun fühlte sie sich wie nach einem Raubüberfall des Schicksals. Sie kannte danach Zeiten mit Geld und Zeiten ohne Geld und lernte nicht für die Schule, sondern fürs Leben: mit Geld ist besser.

Wie wir inzwischen dank jahrzehntelanger Erfahrungen mit Geheimagent 007 und anderen Agenturen und Jobcentern wissen, gehen über die Hälfte aller Ehen daran kaputt, dass Papa den lieben langen Tag müßiggeht und nichts mehr bringt, jedenfalls kein Geld von der Arbeit nach Hause. Beim Börsenverlierer und Bankrotteur Zelle war denn auch ab 1890 ein „Getrenntes Leben“ angesagt. Mit dem Geld schwand auch das Familienglück. Vater Zelle verließ wenige Monate später seine Frau und ging 1891 nach Amsterdam. Tochter und Söhne erlebten, wie das Band zwischen ihren Eltern und damit die Familie auseinandergerissen wurde. Das Sakrament ihrer Kindheit, behütet von Vater und Mutter, hatte sich in Luft aufgelöst.

Eine gerichtliche Scheidung brauchte es nicht, weil die Mutter noch im gleichen Jahr 1891 an der Schwindsucht starb. Das Mädchen verlor seine „angebetete, kleine Mama“ und damit die letzte elterliche Geborgenheit. Es gab kein Zuhause mehr, in dem sie aufgewachsen war.

Als Pflegekind wurde Margaretha durch die Verwandtschaft weitergereicht, während Adam Zelle in Amsterdam seine Pommes frites jetzt als Handlungsreisender verdiente, 1891 die zweite Frau heiratete und mit deren Geld ein neues Geschäft aufmachte, diesmal mit Petroleum. „Rockefeller ist damit Millionär geworden“ (Adam Zelle). Allerdings blieb die erste Million für Zelle in dieser Zeit die schwerste und gar nicht mehr zu schaffen. Er stank nie nach Geld, sondern immer nur nach dem Petroleum, das er in kleinen und kleinsten Mengen verkaufte.

Getchen landete bei einem Patenonkel und sollte im ersten Anlauf für jenes Arbeitsfeld ausgebildet werden, das mit dem schönen Wort „Kindergarten“ bezeichnet wird. Heute nennen wir diesen Beruf „Erzieherin“.

Wie es nun dazu kam, dass sie die Lehre abbrach, das weiß keiner so genau. Jedenfalls hat sich Herr Wybrandus Haanstra, der Leiter des Lehrinstitutes, in die 15jährige verliebt. Da sind sich alle einig. Eine Formulierung des Casus knaxus liest sich so: „Als sie halbnackt auf dem Schoß des Schuldirektors angetroffen wurde, musste sie die Lehranstalt verlassen“ (Marijke Huisman), was der Schuldirektor sicherlich bedauerte. Andererseits hat er es beruflich gut überstanden und sogar noch als Schulmann ziemliche pädagogische Pionierleistungen hingelegt, wie sich bei Google auf Niederländisch nachlesen lässt. Ein tüchtiger Pädagoge eben.

Sehr viel spricht allerdings dafür, dass Grethe nicht gegangen wurde, sondern aus freien Stücken selbst diese „Lehranstalt“ verlassen hat, deren Direktor sich ihr gegenüber nicht bremsen konnte. Man kann es auch „Knospenfrevel“ nennen, was der alte Herr da getrieben hat mit seiner Schülerin, die gerade erst dabei war, sich zu entwickeln und sich darüber zu wundern, dass sie für Männer immer interessanter wurde.

Gretchen wanderte ohne Berufsausbildung ab nach Den Haag zu Onkel Taconis nebst Tante. Sich zukünftig mit den Ablegern anderer Leute herumzuärgern, das wäre sowieso nicht ihre große Leidenschaft geworden. Sie träumte seit ihrer Zeit als exotische Prinzessin von einem Leben nicht im Kindergarten, sondern in einem Zaubergarten voller Überraschungen.

Doch damals hing sie wieder in der Luft und wurde eines Tages 17, aber mehr auch nicht. Sie hatte keinen existenzsichernden Beruf gelernt, sondern fühlte sich zur Schönheit berufen und baute auf ihre Anziehungskraft. Es gab so viele Märchenprinzen, die sie bewunderten im nahegelegenen Seebad Scheveningen während der Sommersaison, doch diese Frösche hüpften immer wieder weg.

Kein Wunder also, dass sie daran dachte, sich und ihre Situation gründlich zu verändern.

Gretchen Zelle mit 24.

Gretchen Zelle um 1900.

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig gibt es Mata Haris Lebensgeschichte als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert vom Verfasser Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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WiTzels nächste Lied- und Lesebühne findet statt – wenn der liebe Gott will und wir leben – am Montag, dem 3. März 2014, in Lankwitz; gleiche Stelle, gleiche Welle…