Donnerstag, 27.2.2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Tagesmusik von und mit Nadia Birkenstocks keltischer Harfe;
  2. Das (Fantasy-)Bild des Tages von Johann Heinrich Füssli(Henry Fuseli): Belindas Traum;
  3. Spruch zum Tage: J.R.R. Tolkien;
  4. Berliner Kalendergeschichte als Kurzkrimi: WER WAR DAS?,
  5. Vorlesung;
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

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1. Ton ab für Nadia Birkenstock „Merrily kiss the Quaker’s wife“ Celtic Harp:

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S;=)

2. Bild des Tages:

Fuessli-Belindas_Traum
Johann Heinrich Füssli (1741 bis 1825): Belinda träumt von Zwergen, Elfen, Engeln, Faunen und andern Fuzzis aus der Welt der Fantasy. [Bildquelle: The Yorck Project.]
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S;=)

3. Spruch zum Tage:

„Ich bin doch eigentlich selber ein Hobbit.“

J.R.R. TOLKIEN, entnommen aus diesem Buch:
http://www.amazon.de/J-R-R-Tolkien-Ueberblick-Begruenders-Fantasy-Literatur/dp/149484480X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1393334248&sr=8-1&keywords=Witzel+Tolkien

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S;=)

4. Berliner Kalendergeschichte, erzählt von EGON JAMESON:

WER WAR DAS?

(Heißer Tipp vorneweg: Der Gesuchte ist für mich, den Tagblatt-Blogger Herbert WiTzel, deswegen hochinteressant, weil er seinerzeit die höchsten Gagen von allen bezog. Also muss er ja wohl irgendwas richtig gemacht haben. – Und nun übergebe ich das Wort an den Erzähler Egon Jameson:)

1910 waren drei Berliner Theater im Besitz meiner Familie:

  1. Das Gebrüder-Herrnfeld-Theater, das vom Alexanderplatz in die Kommandantenstraße gezogen war, gehörte den Brüdern meiner Mutter.
  2. Das Apollo-Theater in der Friedrichstraße wurde geleitet vom Mann meiner Cousine, der Vortragskünstlerin Hedda Herrnfeld.
  3. Last not least die dritte Bühne, das „Ganz kleine Staatstheater“ — es hatte mich zum Intendanten und Regisseur.

Ja, mich, Egon Jameson himself und höchstpersönlich.

Dieses „Staatstheater“ war erbaut aus alter Pappe, aus gemopsten Holzleisten, aus ausgeschnittenen Figurinen und Kulissen und anderen Hintergründen der Neuruppiner bunten Bilderbogen. Es stand — zum Entsetzen aller Mitbewohner — im Korridor unserer Wohnung in der Lietzenburger Straße herum.

Als Bediener des Vorhangs und der elektrischen Beleuchtung wurde mein Schulfreund Joseph Schildkraut verpflichtet, der spätere Hollywooder Filmliebling.

Schildkraut
Schauspieler Joseph Schildkraut, hier mit Kammersängerin Maria Olszewska (1932).
[Bildquelle: wikimedia.]
Dramaturg und Sprecher war Otto, der Dünne, ein Jüngling, der mir auf dem Affenplatz des Zoologischen Gartens sämtliche Murmeln abgewonnen und seither meine Verehrung erworben hatte.Wir drei bildeten das Direktorium, und da wir niemandem Rechenschaft über unser Repertoire abzugeben hatten, widmeten wir uns unserer Aufgabe nur, wenn wir gerade hierzu Lust hatten.

Zum 2. Oktober des Jahres 1910 hatten wir eine außergewöhnliche Festvorstellung vorbereitet. Den Anlaß bildete weder die Geburtstagsfeier des Generalfeldrnarschalls Paul von Hindenburg noch das Wiegenfest des irischen Dichters Oscar Wilde, sondern — ich muß es ehrlicherweise gestehen — mein eigenes Erdenjubelfest. Der größte Teil unseres Publikums, das wir teils mit Hilfe persönlicher Erpressungen, teils durch nervende Bitten zu jenem Ereignis herangebracht hatten, konnte nur am frühen Nachmittag erscheinen, weil es abends selbst auf der Bühne stand. Großzügig in Dingen der Kunst schenkte man uns eine Stunde Zeit.

Unser Salon und das Speisezimmer waren mit Ehrengästen überfüllt. Als Vorprogramm gab es Kaffee mit Apfelstrudel und Schlagsahne. Danach folgte das Hauptstück, nämlich ‚Hannibal vor den Toren‘ oder ‚Der arme Schlucker‘ — eine Tragödie, die noch nie aufgeführt worden war. Sie hatte zwanzig Jahre in der Schublade eines märkischen Gutes geschlummert. Der Autor war ein junger Kolonialwarengehilfe aus einer Magdeburgischen Provinzstadt. Er hieß Otto, der Dicke. Dieser Otto, der Dicke, war der Vater Ottos, des Dünnen. Der Papa persönlich hatte keine Ahnung, daß wir durch die liebenswürdige Hilfe seines Sprosses in den Besitz dieser Jugenddichtung gekommen waren. Verdacht schöpfte der Autor erst‚ als er auf seinem Stuhl in der ersten Reihe umherrutschend vernahm, wie Feldherr Hannibal — übrigens großartig vom Sohn gespielt — seinen Generälen eingestand, daß er beschlossen habe, die Belagerung Roms aufzugeben, weil er … UCK … UCK … an einem nicht zu bremsenden … UCK … Schluckauf leide … UCK.

Ich gehe nicht als reicher Schurke ins Verbrecheralbum ein … UCK … UCK … UCK…‚ doch will ich auch kein armer Schlucker in der Weltgeschichte sein … UCK … UCK…

Bekanntlich war bisher unbekannt, warum Hannibal vor den Toren Roms plötzlich umkehrte.

Hannibal.
Hannibal überschreitet die Alpen. Im Hintergrund erkennen wir einen Elefanten mit Schluckauf, an dem der Feldherr sich wahrscheinlich angesteckt hatte.
[Bildquelle: wikimedia.]
Diese geradezu revolutionäre Aufdeckung des Grundes für seinen Rückzug erregte besonders unter den Akademikern und sonstigen intellektuellen Zuschauern herzerfrischende Heiterkeit. Am meisten lachten allerdings die Kulleraugen des Autors. Er drückte uns die Hände und seinen indiskreten Sohn (er fiel im Ersten Weltkrieg) an sich.

Ihr scheinheiligen Banditen, woher habt ihr das Manuskript?

Es blieb unter uns Direktoren Berufsgeheimnis. Der noch immer lachende Dramatiker hieß einmal Pfützenreuter. Seine Wiege stand in dem magdeburgischen Städtchen Gardelegen in der Sandstraße 508 — standesamtlich genau festgelegt erblickte er am 24. April 1870 das Licht dieser Welt. Er selbst hatte es später in knappste Verse gebracht:

Vater im Kriege. Mutter im Bett./Ich in der Wiege. Schönes Terzett.

Baby Pfützenreuter wuchs auf, setzte sich in der Schule mittels eines seelenvollen Blickes aus seinen immens beredten Kulleraugen durch, während seine Gedanken durch kunstgeschwängerte Wolken irrten. Der Vater, ein ehrenwerter Kaufmann, brachte den verträumten, aufgrund seiner literarischen Interessen mit Recht als „ungeraten“ beschimpften Sohn zu dem führenden Kolonialwarenhändler am Ort in die schwere Lehre. Aber dieses mißratene Lausebübchen reimte „Leere“ auf „Lehre“, rückte aus, meldete sich bei einer Wanderschmiere, wurde brutal zurückgeholt, einem anderen, noch strengeren Meister als Lehrling zugewiesen, rückte zu einem gastspielenden Wanderzirkus aus, wurde abermals heimgebracht, rückte zur nächsten wandernden Bühnentruppe aus und wurde wiederum heimgeholt.

Der Jüngling mit dem höheren Ziel in seiner Brust las neben dem Sauerkohlfaß Shakespeares Königsdramen, suchte nach Reimen auf Erbsenpüree und brachte dieses Einkriegespiel mit dem wütenden Papa in folgende Kurzform:

Wollt’ zum Theater. Kaufmann gelernt./Krach mit dem Vater. Heimlich entfernt.

Die Sehnsucht nach Lorbeerkranz und Rampenlicht trieb den Neunzehnjährigen schließlich nach Berlirn. lm „Americain-Theater“ schob er Kulissen.

Deutsch-amerik. Theater
Firmenstempel des „Americain Theater“ in den Zwanziger Jahren.
[Bildquelle: wikimedia.]
Für ein paar Groschen Wochenlohn hungerte der junge Mann sich durch und schlief, wenn’s auch für die Dachbodenmiete nicht mehr reichte, im Obdachlosenasyl. Als Kopfkissen diente ihm eine Bühnenausgabe von  Band „Heinrich V.“ Der Romeo in „Romeo und Julia“ schien ihm zu leichtsinnig. Er selber war gnadenlos fürs Seriöse.

Gelegentlich durfte er als Statist mitwirken. Das waren die Höhepunkte seines Daseins. In den Klamauk-Abschluß-Bildern brauchte man jeden Körper. Pfützenreuter machte gute Miene zum albernen Spiel. Er genoß die Honigsüße des Applauses, als ob er während des gesamten Abends die Hauptrolle gemimt hätte.

Mit Zwanzig warf er Shakespeare übern Haufen und machte sich „selbständig“: Er dichtete seine eigenen, bestimmt besseren Königsdramen, und da ihn seine künstlerische Tätigkeit als Kulissenschieber Aushilfs-Statist nicht ausfüllte, wuchsen die Werke an Länge und Breite. Im Theater hatten die Akrobaten, Zauberer und Komiker nicht das rechte literarische Verständnis für den ewig toternsten und ach so weltabgewandten Nachwuchs-Dichter. Ein Bühnenkomiker meinte:

Ich zahl’ dir zwei Mark bar auf die Hand für ein anständiges, das heißt leicht verständliches und lustiges Couplet.

Zwei harte Mark.
Mannomann – richtiges Geld! Allerdings stand 1910 drauf und nicht 1967, aber eine Mark ist und bleibt eben eine harte Mark.
[Bildquelle: wikimedia.]
Zwei Mark in echt – das war das erste Honorarangebot für ihn als Autor! Dem konnte selbst der Stolz eines Dramenverfassers nicht widerstehen, dessen Magen derzeit immer mitknurrte.

Pfützenreuter schöpfte aus der Tiefe seines eigenen Erlebens und nannte sein Lied Nummer Eins:

Will man denn? Man muß!

(Später hat er es aktualisiert und Tausende von Tantiemen daran verdient.) Die Pointe im Schlußvers hieß:

Jeden Abend um Punkt neun/Muß ich furchtbar lustig sein./Ob in Sorgen und Verdruß,/Will man denn? Man muß!

Das „Americain Theater“ lachte sich krumm und schief und alles sang schlußendlich mit:

Will man denn? Man muß!

„Wer war das?“, erkundigte sich der Herr Direktor des „Americain“. Der Vortragskünster zeigte auf Kulissenschieber Pfützenreuter.

Du? Woher hast du die Idee? Wer macht dir die Reime?

Königsdramenpoet Pfützenreuter verstand die Fragen seines Direktors nicht. Was sollte das heißen?

Ich hab’s geschrieben. Ganz allein. Will man denn? Man muß!

Der mißtrauische Direktor, an großsprecherische Manieren gewöhnt,  platzierte den Kulissenschieber in seinem Büro auf den Schreibtischsessel, befahl ihm, ein Lied für eine ältere Soubrette zu dichten, und schloss die Tür von außen ab. Als er zwei Stunden später wieder aufschloss, legte Pfützenreuter ihm sein nächstes Opus vor:

Mir kannste, wat de willst, erzählen, Kind./Ick gloob dir erst, wenn wir verheirat’ sind.

Der Direktor betrachtete sein neues Hausgenie mit höchster Bewunderung und verdoppelte den Kulissenschieberlohn. Pfützenreuter änderte als Antwort seinen Text um in: „Muß ich denn? Ich will nicht!“

Er verließ beledigt die Stätte seines ersten Erfolges, denn er war ja doch zu Höherem geboren. Sein Ehrgeiz war es, Menschen zu Tränen zu rühren — und nicht, alberne Leute zum Lachen zu bringen.

= = =

Tja. Irren ist menschlich … UCK … Mein Vater hat ihn live erlebt, diesen verhinderten Hannibal, bei einem Gastspiel in Hannover im „Maxim“, und mir gesagt, daß dieser Mann auch hätte „Hänschen klein“ singen können und alles hätte sich gebogen vor Lachen, weil er eine dermaßen komische Ausstrahlung auf die Bühne brachte.

WIE HIESS ER?

Nein, nicht mein Vater — der hieß Herbert Witzel, genau wie ich. Jetzt ist der Künstlername des Komikers gefragt.

Die Auflösung lesen Sie morgen in WiTzels Tagblatt.

;=)

5. Vorlesung – diesmal aus den Texten des Dichters Robert Walser, der in Charlottenburg, Kaiser-Friedrich-Straße 70, wohnte:

Robert Walser in Berlin

[Bildquelle: wikimedia.]

http://volkslesen.tv/36-08-senioren-lesen-robert-walser/

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6. Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Neues Leben

Ihr Tanz und die legendenreiche Lebensgeschichte faszinierten das Paris des erwachenden 20. Jahrhunderts. Fremdländische Frivolitäten kannte man zwar schon zur Genüge, doch eine wahrhaftige indische Bajadere war etwas ganz Neues. Weil die damals wenigen Wissenschaftler für indische und javanische Kultur sich kaum in ihre Vorstellungen verirrten, hatte sie auch keine Enttarnung zu befürchten.

Außerdem beherrschte sie perfekt „die Kunst der erotischen Entkleidung“ und legte den Parisern mit ihrem Schleiertanz einen Striptease hin, wie sie den noch nie gesehen hatten.

Mata Haris Vergangenheit lautete von nun an wie folgt: Sie sei das Kind eines Brahmanen und einer 14jährigen Tempeltänzerin, die bei ihrer Geburt verstarb. Aufgezogen wurde sie in einer unterirdischen, dem Gott Shiva geweihten Höhle, wo sie von Kindesbeinen an durch Priester in den Tänzen zur Verehrung dieses Hindugottes unterwiesen wurde.

Shiva-Musee Guimet
Gott Shiva, 11. Jahrhundert (Musée Guimet).

Sie sei mit duftenden Jasmingirlanden bekränzt worden, habe die Altäre der hundert Hindugottheiten geschmückt und sich in wunderbaren Gärten ergangen. Mit 13 Jahren habe sie zum ersten Mal nackt vor dem Altar eines Hindutempels getanzt. Vermutlich hätte sie an diesem Ort in Südindien ihr weiteres Leben verbracht, wenn nicht ein Märchenprinz aufgetaucht wäre, ein britischer Offizier, der sie tanzen gesehen und sich sofort unsterblich in sie verliebt hatte. Er entführte und heiratete sie.

Diesem Offizier habe sie einen Sohn geboren, Norman, der von einer eifersüchtigen Dienerin grundlos vergiftet worden sei. Nach indischem Brauch habe sie dann die Dienerin mit ihren eigenen Händen erwürgt.

Dieser Lebenslauf stand ihr vorzüglich, weil sie eine große, dunkle Erscheinung war, mit Samtaugen und hindumäßigen Gesichtszügen. Damit es nicht so langweilig für sie selbst wurde, entwickelte sie gelegentlich neue Versionen der Legende, verlegte dann ihre Kindheit nach Java und behauptete, eine natürliche Enkelin des indonesischen Königs zu sein, dessen Tochter sich in einen niederländischen Offizier verliebt habe. Als Zweijährige sei sie dann in ein deutsches Internat gekommen und habe mit 16 Jahren den britischen Offizier MacLeod geheiratet.

Mata Haris Schleiertänze wurden ein Wahnsinnserfolg in allen großen Städten Europas. Und ihr Auftreten war ein Skandal, jedenfalls setzte die Leiterin einer Vorstellung es durch, dass Mata Hari eine Flanellwindel tragen musste.

1905 verdiente sie bei einer Vorstellung 10.000 Francs und wurde an 35 Abenden gebucht.

Ihr erstes Auslandsgastspiel gab sie 1906 in Madrid. Dort lernte sie Jules Cambon kennen, den französischen Botschafter.  1917 beim Spionageprozess konnte er ihr zwar nicht das Leben retten, doch Cambon war der einzige, der für sie gutsagte und sich nicht versteckte.

Ebenfalls 1906 trat sie in Paris im Olympia-Theater vor voller Hütte auf und später in Monte Carlo als Opern-Attraktion. In „Le Roi de Lahore“ von Jules Massenet tanzte sie die Salomé. Von Monte Carlo aus reiste sie zu einem Gastspiel nach Wien, wo sie triumphale Erfolge erlebte.

MATA HARI

[Repros (2): Archiv Syzygos.]

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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WitTzels nächste Lied- und Lesebühne findet statt – wenn der liebe Gott will und wir leben – am Montag, dem 3. März 2014, in Lankwitz; gleiche Stelle, gleiche Welle…

Herzliche Einladung!
Herzliche Einladung!
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