Sonnabend, 1.3.2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Tagesmusik mit gut gelaunten Dorfrockern aus Bamberg und dem „Flößerlied“;
  2. Bild des Tages, diesmal getragen von den Wellen des Missouri: Ein Grand mit Vieren mindestens;
  3. Spruch zum Tage von Ninon de Lenclos;
  4. Kalendergeschichte zu „Papa Wrangel“, überliefert von Theodor Fonate);
  5. Vorlesung: „Bonjour Tristesse“ (ist aber gar nicht sooo triest wegen der herzerfrischend schnuckligen Vortragenden Stefanie Förstel);
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

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1. Ton ab für die Tagesmusik  (die lohnt sich heute nicht nur wegen des Liedes, sondern auch wegen der wunderschönen laufenden Bilder aus dem Frankenland):

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2. Bild des Tages:

Bingham
George Caleb Bingham: Flößer beim Kartenspielen (1847). [St. Louis (Missouri), City Art Museum. – Bildquelle: The Yorck Project.] 

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3. Spruch zum Tage:

Die Annäherungsversuche der Männer scheitern viel häufiger durch ihre eigene Tölpelei als durch die Tugendhaftigkeit der Frauen.

NINON DE LENCLOS (1620 – 1705), französische Kurtisane und Salonière.

NINON
[Bildquelle: wikimedia.]

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4. Kalendergeschichte:

Wrangel und die schönen Weiber von Neuruppin

Ehrenjungfrauen
[Historische Ansichtskarte; Bildquelle: Archiv Syzygos.]
Friedrich von Wrangel inspizierte Truppen in Neuruppin und die Ruppiner hatten stolz ihre Ehrenjungfrauen in einer Reihe aufgestellt, die hübschesten natürlich vorneweg. Wrangel küßte munter zur Begrüßung die ganze Frontspitze durch und befahl dann, auf den Rest deutend: „Eule [er meinte seinen Adjutanten Eulenburg], küsse weiter.“

(Überliefert von Theodor Fontane.)

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5. Vorlesung:

http://volkslesen.tv/03-11-create-berlin-liest-francoise-sagan/

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6. Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Kapitel 4:

mata-hari-1911
Mata Hari 1911.

Die Kurtisane

Für unsere exotische Tänzerin ist die Kunst zunächst die Rettungsbrücke, die zur Befreiung aus dem ehelichen Joch dient, und dann nie etwas anderes als ein Mittel, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sich im Glanz ihrer Schönheit zu zeigen, schließlich die Männer zu verführen.“ Enrique Gómez Carillo, „Mata Hari“.

Dank ihrer Publikumserfolge als Tänzerin wurde Mata Hari zu den Soireen der Reichen in Paris eingeladen, um dort aufzutreten und danach für ein bisschen Small Talk zur Verfügung zu stehen, denn nun waren doch alle neugierig geworden auf sie.

Diese Gespräche verwandelte sie dank ihrer Ausstrahlung in erotische Feste und halbe Orgien, wenn sie denn schilderte, wie sie von einer Priesterin die Geheimnisse der Liebe in einer Vollmondnacht erklärt bekommen habe und wenn sie dann von den 64 heiligen Riten der Wollust sprach in Andeutungen und lockenden Bewegungen, dann konnte ihr kein Mann widerstehen.

Wenn sie auch nicht aus Indien stammte, so kannte sie doch das Kamasutra gut in- und auswendig und sie brauchte dauernd Geld und Lebendigkeit. Die Liebe einer solch kostbaren Perle des Orients gab es nicht kostenlos. Allerdings hatte sie ein Faible für Uniformen. Bei Soldaten spielte für sie Geld oft keine Rolle. Unter ihren Liebhabern finden sich zahlreiche Militärs unterschiedlicher Nationalitäten.

Ihre erste größere Affäre spielte sich in Berlin ab mit dem erwähnten Leutnant der westfälischen Gardehusaren. Er hatte ihr in der Nachodstraße 18 eine Wohnung eingerichtet. Dieser Leutnant hieß Alfred Kiepert. Dass er mit der gleichnamigen Buchhandlung verwandt war, ist nicht anzunehmen. Husar Kiepert, ein reicher, verheirateter Gutsbesitzer, und Mata Hari lebten zirka zehn Monate zusammen und trennten sich dann. Sie reiste zurück nach Paris und erklärte, sie sei in Ägypten auf den Pyramiden herumgeklettert, habe der Sphinx „guten Tag“ gesagt und anschließend in Indien einen Maharadscha auf seinen Safaris begleitet.

Man sieht sich im Leben immer zweimal. 1914 trafen sich die Tänzerin und der Leutnant wieder. Im Blätterwald der Zeitungen rauschte es wie folgt: „Als Mata Hari, die schöne Tänzerin, dem reichen, vor den Toren Berlins lebenden Gutsbesitzer auf Wiedersehen sagte, hatte sie als Abschiedsgeschenk einige Hunderttausende bei sich. Ob nun der Glanz des Geldes verblasst ist oder die Liebe sie wieder zusammengeführt hat, auf jeden Fall konnte man sie, offensichtlich glücklich und einander sehr zugetan, im privaten Speiseraum eines noblen Restaurants der Stadt beobachten.“

1910 soll sie, jedenfalls den Behauptungen seiner Ehefrau zufolge, den Aktienmakler Javier Roisseau ruiniert haben. Sie lebte in dieser Zeit zurückgezogen in der Provinz Touraine, bewohnte ein Schöner-wohnen-Versteck, nämlich das Château de la Dorée, dessen Freitreppe sie auch schon mal zu Pferde hinauf und hinab stieg, und ließ sich von ihm an den Wochenenden besuchen. Nach ihrer Trennung verdiente er sich seine Brötchen als Handlungsreisender für Champagner. Vielleicht hatte sie ja mit ihm entsprechende Fortbildungsseminare veranstaltet, wer weiß.

Später lernte sie Édouard Willem van der Capellen kennen und lieben, einen verheirateten Oberst der holländischen Husaren mit reichlich Geld auf der Tasche.

Richtig gründlich verliebt hat sie sich dann in den russischen Hauptmann Vadime de Masloff. Ihn besuchte sie 1916 in Vittel, einem französischen Kurort im militärischen Sperrgebiet. Er hatte eine Verwundung erlitten und erholte sich dort davon. Möglicherweise spionierte sie, doch die Liebe interessierte sie stets viel mehr als der Krieg, dessen industrielle Dimensionen des Tötens niemand ahnte außer denen, die hinterher schon immer alles vorher gewusst haben.

Als sie in ihrem Hotelzimmer verhaftet wurde, entdeckte die Spurensicherung mehrere Fotos von de Masloff. Eins dieser Fotos hatte sie beschriftet: „Vittel 1916. Zur Erinnerung an einige der schönsten Tage meines Lebens mit meinem Vadim, den ich über alles liebe.“ Einem ihrer Vernehmungsbeamten schrieb sie aus dem Gefängnis einen anrührenden Brief, in dem sie sehnsüchtig um eine Nachricht von de Masloff bat. Der Russe behauptete allerdings, ihre Liaison sei nur eine unwichtige Affäre gewesen.

Überhaupt hat sich unsere hormongesteuerte Männerwelt nicht mit Ruhm bekleckert, als es ihr dreckig ging. „Nobody knows you when you’re down and out“, heißt es in einem Blues. Mata Hari konnte ein Lied davon singen.

Immerhin gab es wenigstens einen, der sie nicht verleugnet hat und zu ihren Gunsten aussagte, nämlich der französische Diplomat Jules Cambon, den sie 1906 in Madrid kennengelernt hatte.

Foto von Jacob Merkelbach.
Foto: Jacob Merkelbach.

Damit soll das Thema „Kurtisane“ abgehakt sein. Habent sua fata libelli – „Bücher haben ihre Schicksale“, Autoren dito. Je mehr ich mich hier mit Mata Hari beschäftigt habe, desto sympathischer ist sie mir geworden, und neben allen anderen Eigenschaften war sie doch in erster Linie eine zarte Frau, die es verdiente, von Männern gut behandelt zu werden, allen Gender Tender Theorien zum Trotz. Deshalb widerstrebt es mir, hier ihre Liebhaber aufzuzählen und dann noch die Details auszuwalzen.

Charles Bukowski packte in den „Notes of a dirty old man“ seine gesamte Lebensweisheit in einen einzigen Ratschlag: „Lass dich nie ohne Geld erwischen.“

Jean-Luc Godard erzählt zum ältesten Dienstleistungsgewerbe der Welt schlüssig und nachvollziehbar „die Geschichte der Nana S.“

Spätestens ab 1915 war Mata Hari zahlungsunfähig. Der Pariser Amtsarzt Dr. Bizard, zuständig für den Gesundheits-TÜV der Prostituierten, will sie wiederholt in besseren Stundenhotels gesehen haben.

Wir werden Dr. Bizard im letzten Kapitel wieder begegnen.

1912 führte Mata Hari in ihrer Villa in Neuilly ein Champagnergespräch mit dem Journalisten Paul Olivier, der sie sehr verehrte und alles über sie ganz genau wissen wollte. Er verstand nicht, warum diese Tänzerin, die doch stets geneigt war, einen Schleier nach dem andern abzulegen, so beharrlich ihre Brüste bedeckt hielt.

Sie erzählte ihm, Ehemann John MacLeod habe ihr in Suff und Liebesrausch die linke Brustwarze abgebissen. – Nun denn. „Wenn es nicht wahr ist, ist’s doch gut erfunden.“ (Giordano Bruno.)

[Abbildungen: Archiv Syzygos.]

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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Die nächste Lied- und Lesebühne findet statt – wenn der liebe Gott will und wir leben – am Montag, dem 3. März 2014, in Lankwitz; gleiche Stelle, gleiche Welle…

Herzliche Einladung!
Herzliche Einladung!
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