Donnerstag, 13. März 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 36

Donnerstag, 13. März 2014

  1. Tagesmusik heute von The Byrds mit reichlich quietschenden Mädels als Background-Kreischerinnen;
  2. Bild des Tages als Zeichnung zum Ausmalen: Heinrich Zille;
  3. Spruch zum Tage von Johann Heinrich Pestalozzi;
  4. Kalendergeschichte, diesmal vom zarten Mann Robert Walser über einen Dichter;
  5. Vorlesung, diesmal ein Fenster in die Ewigkeit – so sieht jedenfalls die Vorleserin die Schreibe des Dino Buzzatti;
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.
  7. Besondere Donnerstags-Schmakazie ist heute der Steckbrief eines viel gelesenen Verbotenen.

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Ton ab für The Byrds mit den Versen des Predigers Salomo, dass alles seine Zeit hat; „TURN, TURN, TURN“:

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Das Buch „Prediger“ (auch „Ecclesiastes“ oder „Kohelet“ betitelt) ist die Tür zur Bibel für Intellektuelle. Das Original hat Martin Luther für uns so übersetzt:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Nach meinen Erfahrungen ist Gott immer pünktlich.

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S;=)

Bild des Tages zum Thema: Alles hat seine Zeit.

Heinrich Zille
Heinrich Zille (1858 – 1929): „Wie herrlich ist es, nichts zu tun und von dem Nichtstun auszuruh’n!“

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S;=)

Spruch zum Tage:

Gottesvergessenheit ist das größte Unglück der Welt.

JOHANN HEINRICH PESTALOZZI (1746 bis 1827) aus dem €U-freien Land des Wilhelm Tell.

Pestalozzi-Familienwappen.
Das Familienwappen der Pestalozzis gefällt mir, denn Blau und Gelb sind auch die Farben meiner Geburtsstadt Braunschweig und es waren die Lieblingsfarben des Abbé Pierre.

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S;=)

Viertens. Robert Walsers kleine (Kalender-)Geschichte:

von einem Dichter

Ein Dichter beugt sich über seine Gedichte, deren er zwanzig gemacht hat. Er schlägt eine Seite nach der anderen um und findet, daß jedes Gedicht ein ganz besonderes Gefühl in ihm erweckt. Er zerbricht sich mit großer Mühe den Kopf, was das wohl für ein Etwas ist, das über oder um seine Poesien schwebt. Er drückt, aber es kommt nichts heraus, er stößt, aber es geht nichts hinaus, er zieht, aber es bleibt alles, wie es ist, nämlich dunkel. Er legt sich ganz auf das geöffnete Buch in seine verschränkten Arme und weint. Dagegen beuge ich mich nun, der Schelm von Verfasser, über sein Werk und erkenne mit unendlich leichtem Sinn das Rätsel der Aufgabe. Es sind ganz einfach zwanzig Gedichte, davon ist eines einfach, eines pompös, eines zauberhaft, eines langweilig, eines rührend, eines gottvoll, eines kindlich, eines sehr schlecht, eines tierisch, eines befangen, eines unerlaubt, eines unbegreiflich, eines abstoßend, eines reizend, eines gemessen, eines großartig, eines gediegen, eines nichtswürdig, eines arm, eines unaussprechlich und eines kann nichts mehr sein, denn es sind nur zwanzig einzelne Gedichte, welche aus meinem Mund eine, wenn nicht gerade gerechte, so doch schnelle Beurteilung gefunden haben, was mich immer am wenigsten Mühe kostet. Eins aber ist sicher, der Dichter, der sie gemacht hat, weint noch immer, über das Buch gebeugt; die Sonne scheint über ihn; und mein Gelächter ist der Wind, der ihm heftig und kalt in die Haare fährt.

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Robert Walser

ROBERT WALSER (1878 bis 1956).

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Fünftens. Vorlesung:

http://volkslesen.tv/16-09-hausgemeinschaft-liest-dino-buzatti/

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Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Ihr Gerichtsprozess nimmt seinen unerbittlichen Verlauf

Jetzt steht der Anklagevertreter auf, Oberleutnant Mornet. „Angeklagte“, spricht er Mata Hari an mit einer Stimme, die klingt wie eine frisch geschliffene Axt. Sie schenkt ihm trotzdem ein Lächeln, als habe er sie um ein Autogramm gebeten, denn den grausamen Ernst dieser Verhandlung hat sie noch nicht erkannt.

Sie haben unserem Geheimdienst Ihre Dienste angeboten“, fährt Mornet fort. „Wir sind zum Schein auf Ihren Vorschlag eingegangen. Als ersten Auftrag übergaben wir Ihnen einen Brief an einen unserer Agenten in Belgien. Sie haben Ihren Auftrag erfüllt und den Brief in Belgien wie vereinbart abgeliefert. Wissen Sie aber auch, was aus dem Empfänger dieses Briefes wurde?“

Nein“, antwortet Mata Hari leise.

Dann sage ich es Ihnen jetzt: Die Deutschen haben ihn erschossen. Und Sie waren es, die ihn verraten hat.“ Damit spielt er seinen höchsten Trumpf gegen Mata Hari aus. Er blickt sich um im Saal. Erfolg auf der ganzen Linie. „Was hat Sie eigentlich überhaupt dazu bewogen, uns Ihre Dienste anzubieten?“

Mata Hari betrachtet verlegen den Boden und antwortet dann: „Ich befand mich in finanziellen Schwierigkeiten.“

Mornet zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die Angeklagte und wendet sich an die Richter. „Meine Herren, Sie sehen hier eine bezahlte Spionen, weiter nichts.“

Die Beweisaufnahme ist damit abgeschlossen.

Mata Haris Verteidiger, Rechtsanwalt Clunet, er gibt sein Bestes in einem vier Stunden dauernden Plädoyer, doch das ist nicht genug.

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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Steckbrief

Ein viel gelesener Verbotener

Tja, so ist das: Was gut ist, setzt sich durch. Deshalb war die zweite Lyriksammlung des Täters immerhin schon nach drei Wochen vergriffen. Aber es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und auch für ihn hieß Parole: ÜBEN!  ÜBEN!! ÜBEN!!!

Vor seinem Erwachsenwerden hieß der Täter noch Harry mit Vornamen und machte als Kaufmann erst mal pleite. Danach sponserte sein Onkel ein Jurastudium. Von der Universität Göttingen erhielt Harry infolge eines Duells das Consilium abeundi, was so viel heißt wie: „Und Tschüss!“ auf Lateinisch.

Aber nichts ist so schlimm, daß es nicht auch zu etwas gut wäre, denn jetzt zog er nach Berlin — gerade noch rechtzeitig, um hier Carl Maria von Webers Oper: „Der Freischütz“ als Uraufführung im Schauspielhaus mitzuerleben.

Briefmarke.
Zwecks Illustration des Geschehens bringen wir hier einen Briefmarkenblock aus dem ehemaligen Osten, damit unsere ehemaligen Brüder und Schwestern auch eine Freude haben.

Harry hörte allerdings nicht nur Musik in Berlin, sondern auch Vorlesungen bei Savigny und Hegel, besuchte den Salon Rahel Varnhagens und konnte Ecke Charlottenstraße/Jägerstraße in der Lese-Konditorei Stehely die dort ausgelegten 80 Zeitungen studieren, bevor es ihn ins Café Royal zog, Unter den Linden 33, sein Stammlokal. In seinen Berliner Briefen schreibt er:

Sie können hier oft die interessantesten Menschen sehen. Dort am Tisch das kleine Männchen mit den ewig vibrierenden Gesichtsmuskeln, mit den possierlichen und doch unheimlichen Gesten? Das ist der Kammergerichtsrat Hoffmann, der den Kater Murr geschrieben.

Damit der Gesuchte nach Examen und Promotion in den Staatsdienst gehen kann, läßt er sich taufen und bekommt einen Satz neuer Vornamen. Doch seine Träume von einer Münchener Professur verwirklichen sich trotzdem nicht. Er zieht nach Paris. Dort lernt er Mathilde kennen, seine spätere Frau. In der Heimat werden seine Schriften verboten. Nichtsdestotrotz ist und bleibt er ein viel gelesenes Genie der deutschen Sprache. Eines Tages stellt er fest:

Sonderbar! Nachdem ich mein ganzes Leben hindurch mich auf den Tanzböden der Philosophie herumgetrieben, allen Orgien des Geistes mich hingegeben, mit allen möglichen Systemen gebuhlt, ohne befriedigt worden zu sein — jetzt befinde ich mich plötzlich auf demselben Standpunkt, worauf auch der Onkel Tom steht, auf dem der Bibel.

??? Auflösung morgen !!!

TIPP: Wer sehr ungeduldig ist und die Auflösung nicht abwarten kann, der soll im TAGESSPIEGEL vom Sonntag, dem 12. September 1999, nachschlagen. Dort wurde dieser Steckbrief abgedruckt und die Auflösung erschien eine Woche später.

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