Sa=Sonnabend, 12. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 62

Sa=Sonnabend, 12. April 2014

  1. Tagesmusik GENESIS; 2. Bild des Tages ARCHE NOAH; 3. Spruch zum Tage betrifft die TITANIC; 4. Kalendergeschichte, diesmal FUSSBALL; 5. Vorlesung aus der Schweizer Bank: Christian Morgenstern; 6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY vom Richardplatz.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens. Wollte ich nur gesagt haben.

= = =

Ton ab für GENESIS und ihren visionären EU-Song „Land Of Confusion“:

 Tja. Oder wie Loriot sagen würde vor Kameras und Mikrofonen: „Ach was?“

= = =

S;=)

Bild des Tages:

Jacopo Bassano.
Jacopo Bassano: Bau der Arche Noah (1580).

Zur Gesichtskontrolle, verehrte Surferin und geschätzter Surfer, hier ein Porträt des Künstlers, gefunden als Illustration von 1683 in der „Teutschen Academie der edlen Künste wie etwa Hausbau, Bildhau und Malerei“ des Joachim von Sandrart, siehe zweite Reihe links:

Bassano-Porträt.
Tja bzw. „Ach was?“

= = =

S;=)

Spruch zum Tage:

Die TITANIC wurde von Fachleuten gebaut, die ARCHE NOAH von Laien.

Volksmund beim Survival Training.

= = =

S;=)

Kalendergeschichte – diesmal von Gastautor Frank Toebs zum Berliner Regionalfußball:

BBC Südost
Das kurze Leben des Fußballklubs von der „Wrangelritze“
Sieht man heute von der Skalitzer Straße an der Ecke, wo sich ein Hamburger-Verkäufer angesiedelt hat, auf das alte Kreuzberger Kasernengelände mit den Gründerzeit-Fassaden direkt gegenüber, ahnt man nicht, dass dahinter einst die gefürchtete „Wrangelritze“ lag. Ein innerhalb des alten Kasernenareals mit Schotter und Ascheresten aufgefüllter Fußballplatz.
Spielflächen dieser Art waren im Nachkriegs-Berlin und noch bis Ende der 1970er Jahre durchaus verbreitet. Wer hier seine Heimspiele austrug und nicht – wie sonst gewohnt- auf einem mehr oder weniger gepflegten Rasen kickte, hatte schon im Vorfeld einer Begegnung Respekt beim Gastverein allein durch die nicht vorhandene Qualität der Spielfläche. Feine Technik, wie man sie heute bevorzugt, stand hier noch nicht im Fokus. Auf einem derart harten Platz musste vor allem der empfindsame Techniker und Torjäger damit rechnen, bei Grätsche richtig was abzubekommen.
Heute ist bekannt, damals ahnte man es nur, dieser „Koks“ und die Asche enthielten manchmal giftige Rückstände, die sich bei Kontakt unangenehm in die Haut einfraßen. Die Heilung einer Wunde dauerte entsprechend lange. Wer noch auf solchen Flächen spielte, weiß: Die beste Methode damals in Ruhe gelassen zu werden, bestand darin, selbst eingangs so auszuteilen, dass sich viele Gegenspieler anschließend nichts mehr trauten.
Der Verein, der etwa vierzig Jahre lang mit seinen Mannschaften an der Ecke Skalitzer Straße zu Hause war, für den die Gegend vor allem in den Siebzigerjahren fußballerisch bekannt war, ist der BBC Südost gewesen, genauer Berliner Ballspiel Club Süd-ost. Er wurde 1950 von Ehemaligen des SG Union Oberschöneweide, dem Vorgänger des 1. FC Union Berlin gegründet. Einige Spieler waren in den Westteil Berlins abgewandert, weil Union die Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft von Funktionären verwehrt worden war.
Klaus Basikow ist ein bekannter Fachmann und Trainer. Er kennt fast alle alten Geschichten des Vereins und erinnert sich: „Auf dem alten Exerzierplatz hatten wir sehr schöne Erlebnisse. Unser größter Erfolg und überhaupt das überragende Spiel war ein Nachholtermin an einem zweiten Weihnachtstag in den Endsechzigerjahren. Wir traten gegen Preußen Wilmersdorf an, einen Mitstreiter um die vorderen Tabellenplätze, und gewannen vor 1.500 Zuschauern 6:1. Die „Wrangelritze“ kochte, platzte aus allen Nähten.

6:1 gegen Preußen Wilmersdorf.
Die >Wrangelritze< kochte.

Wrangelstraße.
Schon 1969 stieg man in die zweithöchste Berliner Spielklasse, die Amateurliga, auf. Die Spieler vom Kasernengelände genossen Respekt. Der erste Basikow bekannte Spieler türkischer Herkunft in Berlin, der wohl Gastarbeiterstatus und noch keinen Migrationshintergrund hatte, war Şir. „Ein guter Mann“, urteilt Basikow.
Später, zu Beginn der 1980er Jahre, schaffte mit Ilyas Tüfekçi ein Südost-Spieler den Sprung in die Bundesliga.
Einen weiteren Aufstieg, den in die Berliner Regionalliga 1973, feierten die Kreuzberger ohne Klaus Basikow.
In den folgenden Jahren konnte man einige seiner ehemals ungeschliffenen Diamanten dann auch bei höherklassigen Mannschaften finden; bei Blau-Weiß 90 und auch Wacker 04 – damals einflussreiche und erfolgreiche Klubs im alten Westberlin.
1990 erloschen die Lichter in Kreuzberg beim BBC Südost. Die Berliner Fußballwoche schrieb in ihrer Nummer 26 aus jenem Jahr: „Südost löst sich auf. In der außerordentlichen Mitgliederversammlung stimmten die (nur!) zwanzig Anwesenden für eine Auflösung.“ Eine Fusion mit BFC Südring, dem älteren Kreuzberger Traditionsklub, scheiterte. „Man wollte sich nicht einfach tilgen lassen und nur kleiner Partner sein.“ Sturheit siegte. Eine Übernahme durfte es nicht geben.
FRANK TOEBS

Frank Toebs
entruemplung.de

= = =

Vorlesung

http://volkslesen.tv/52-12-lesen-banker-christian-morgenstern/

= = =

Fortsetzungsgeschichte aus dem CAFÉ FANTASY:

WAS GESTERN GESCHAH:

Wieder fing der Blonde an zu trällern: „La, La, La.“
Urs wurde von einer unbändigen Lust gepackt, einfach mitzusingen, doch er traute sich nicht. Er sah lieber nach der Eismaschine.
„Und wenn die Menschen sich versangen“, erzählte der Blonde weiter, „dann schwiegen sie und lauschten in die Stille hinein. Dadurch fanden sie die Melodie wieder, weil sie lauschten und Ohren zum Hören hatten.“ Er wandte sich an Urs. „Wenn du die Ohren aufmachst, dann erkennst du auch eine Melodie. Sie ertönt überall im Radio und im Fernsehen. Du hörst sie von den Führern, den Herrschern, den Regierungen und Verwaltungen.“
Er machte eine Pause.
„Doch wenn du ganz genau hinhörst und dabei still bist, dann erkennst du noch eine ganz andere Melodie, nämlich dieses Lied, das in allen Dingen schläft. Wenn du diese Melodie nicht jeden Tag einmal hörst, dann vergisst du sie wieder. Also hör jeden Morgen gut hin.“ Und dann trällerte er wieder „La, La, La“ und wanderte am Tresen lang zur Tür, vorbei an Urs und der Eismaschine, und schon war er draußen und die Tür ließ noch ein letztes Mal diese Melodie erklingen und dann kam Nadia rein und rief: „Das war Larry Norman, von dem Paul McCartney gesagt hat, er könnte einer der größten Stars der Welt sein, wenn er nicht von Jesus singen würde!“
„Selber schuld“, brummte Urs und sah Nadia zu, wie sie ihr weinrotes Buch vom Kühlschrank nahm, „und tschüss“ sagte und schon wieder weg war, bevor er zu sich kam.

HIER GEHT’S HEUTE WEITER:

Nur seine Hände waren heiß geworden.
VORGESTERN
Blitzartig überholte ihn seine Vergangenheit. Dieser alte Schwarzweißfilm lief ab, wie es damals gewesen war in Hildesheim auf dem Wilhelm-Raabe-Gymnasium, als er schon wieder mal das Klassenziel nicht erreichte und seine Eltern deshalb mit ihm zu Dr. Psychomann gingen. Der unterhielt sich erst nur mit den Eltern. Urs durfte solange unter einem betongrauen Himmel am Ufer der Innerste flußauf und -ab laufen.
Danach sprach Dr. Psychomann mit Urs und dessen Eltern mussten nach draußen vor die Tür.
Schlussendlich wurden sie alle drei zusammen hereingerufen ins Sprech- und Besprechungszimmer. Dr. Psychomann, ein kleines 50jähriges Dickerchen mit hellwachen Augen, saß hinter seinem Schreibtisch aus sibirischer Birke, blinzelte durch die Zweistärkenbrille und faltete die Hände. Dann sagte er zu Vater Bergner, dem Diplomingenieur und Technischen Regierungsoberamtsrat: „Wissen Sie, was Ihrem Sohn fehlt, Herr Bergner? Er braucht Ihre Liebe.“
Mutter und Sohn Bergner ließen ihre Augen zum Gesicht des Vaters wandern. Dieses Gesicht wurde erst blass und dann rot. „Quatsch, der ist krank!“, blaffte Bergner senior den Doktor an. Er sprang auf. „Die Trabers sind die besten Hochseilartisten der Welt und haben trotzdem auch so schwarze Schafe in ihrer Familie, die noch nicht mal schwindelfrei sind. Guten Tag.“ Damit nahm er seine Frau bei der Hand, die extra ein fliederfarbenes Kostüm für heute angezogen hatte, und Urs stand notgedrungen ebenfalls auf, um mit den beiden mitzugehen.
In der Tür drehte sich sein Vater noch mal mit blitzenden Augen zu Dr. Psychomann um und zischte: „Da kann ich doch nix dafür, wenn der Bengel bekloppt ist! In der Familie meiner Frau gibt’s noch ganz andere, die nicht alle Tassen im Schrank haben.“
RINGlingLING machte die Tür zum Richardplatz. Jene Melodie mit ihren Harmonien war verschwunden.
„Nie ist Ruhe“, dachte Urs über die Gegenwart. Dabei ließ seine Vergangenheit ihn ja auch nicht ruhen, sie wirkte bloß so wie ein abgeschlossenes Aquarium. Oder um es mit den Worten Peter Gabriels zu sagen, der vor kurzem die Rockband GENESIS gegründet hatte: „Nichts ist so vergänglich wie die Zukunft und nichts hallt so lange nach wie die Vergangenheit.“
Er sah auf die Uhr. Wahrscheinlich stand jetzt Frau Veronika Mewes-Ritter auf der Matte mit ihren mindestens achtzig Lenzen. „Veronika, der Lenz ist da!“, rief er fröhlich zur Begrüßung im Einklang mit den Comedian Harmonists.
Aber es war nicht Veronika, sondern der nächste Langhaarige.

John Lennon.
Bildquelle: Wikipedia.

John Lennon (1964).

Wird fortgesetzt. Es kommt noch besser – bald geht die Sache weiter!

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Sa=Sonnabend, 12. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 62

  1. Pingback: Freitag, 16. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 86 | Herbert Witzel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s