Lankwitz, 5. Mai 2014, 18:30 Uhr

PR-Lankwitz-5.5
Eintritt frei, Hut geht rum.

! ACHTUNG !! Ich hab mich bei der Postleitzahl vertan, war dabei im Geiste in Neukölln wohl. Die richtige PLZ lautet: 12249 BERLIN !!!

LNKS:

http://www.wolfgang-endler.de/

http://www.filmkulturcafelankwitz.de/

Film-Kultur-Café Lankwitz

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Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

Kalendergeschichte von unserem Gastautor HEINRICH VON KLEIST:

(Ist zwar etwas länger, aber das Lesen lohnt sich.)

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

Spitzweg-Paulus
Carl Spitzweg: Der Apostel Paulus (1848, Kopie nach Rembrandt).

 

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere [zu belehren] – ich will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so können, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen. Der Franzose sagt, „l’appétit vient en mangeant“ [= „der Appetit kommt beim Essen“], und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert und sagt, „l’idee vient en parlant“ [= „der Gedanke kommt beim Reden“].

Spitzweg-Das Picknick.
Carl Spitzweg: Das Picknick (1868).

Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten und erforsche in einer verwickelten Streitsache den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne, sagte; den sie kennt weder das Gesetzbuch noch hat sie den Euler oder den Kästner studiert. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt, wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt.

Spitzweg-Reisende Komödianten.
Carl Spitzweg: Reisende Komödianten (1838).

In diesem Sinne begreife ich, von welchem Nutzen Moliere seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten konnte, so ist dies eine Bescheidenheit, an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganz andere Hälfte desselben.

Carl_Spitzweg-Singender_Dorfpfarrer.
Carl Spitzweg: Der singende Dorfpfarrer mit Brevier und Regenschirm beim Spaziergang durch die reifen Felder (1840).

Ich glaube, daß mancher große Redner in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.

Carl_Spitzweg-Der_Schmetterlingsfänger.
Carl Spitzweg: Der Schmetterlingsfänger (1837).

Mir fällt jener „Donnerkeil“ des Mirabeau ein, mit welchem er den Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23ten Juni, in welcher dieser den Ständen auseinanderzugehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? „Ja“, antwortete Mirabeau, „wir haben des Königs Befehl vernommen“ – ich bin gewiß, daß er, bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: „ja, mein Herr“, wiederholte er, „wir haben ihn vernommen“ – man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will. „Doch was berechtigt Sie“ – fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf -, „uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.“ – Das war es, was er brauchte! „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine“ – um sich gleich auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. „Und damit ich mich Ihnen ganz deutlich erkläre“ – und erst jetzt findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: „So sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsere Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.“ – Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte. – Wenn man an den Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei diesem Auftritt nicht anders als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von einem elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte Elektrizität erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung, der in ihm inwohnende Elektrizitätsgrad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Mut, bei der Vernichtung seines Gegners, zur verwegensten Begeisterung über. Vielleicht, daß es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, daß Mirabeau sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch, daß er sich, einer Kleistischen Flasche gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden, und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Schloßherrn und der Vorsicht Raum.

Carl_Spitzweg-Paß.
Carl Spitzweg: „Wo ist der Paß?“ (1855).

Dies ist eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt, welche sich, wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumständen bewähren würde. Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache zurück.

 

 

 

 

Spitzweg-Verbotener_Weg
Carl Spitzweg: Spaziergang am Rande des Kornfeldes (Verbotener Weg) (1849).
Lafontaine-im-Louvre
Lafontaine im Louvre – nein, ausnahmsweise nicht Oskar, sondern Jean de, der Fabeldichter. Marmorstatue von Pierre Julien (1785). Foto: Wikipedia.

Auch Lafontaine gibt, in seiner Fabel: les animaux malades de la peste [= die Pest unter den Tieren], wo der Fuchs dem Löwen eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkwürdiges Beispiel von einer allmählichen Verfertigung des Gedankens aus einem in der Not hingesetzten Anfang. Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Tierreich, der Löwe versammelt die Großen desselben, und eröffnet ihnen, daß dem Himmel, wenn er besänftigt werden solle, ein Opfer fallen müsse. Viel Sünder seien im Volke, der Tod des größten müsse die übrigen vom Untergang retten. Sie möchten ihm daher ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er, für sein Teil, gestehe, daß er, im Drange des Hungers, manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde, wenn er ihm zu nahe gekommen; ja, es sei ihm in leckerhaften Augenblicken zugestoßen, daß er den Schäfer gefressen. Wenn niemand sich größerer Schwachheiten sich schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu sterben. »Sire«, sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten will, »Sie sind zu großmütig. Ihr edler Eifer führt Sie zu weit. Was ist es, ein Schaf erwürgen? Oder ein Hund, diese nichtswürdige Bestie? Und: quant au berger«, fährt er fort, denn dies ist der Hauptpunkt: »On peut dire«; obschon er noch nicht weiß, was? »qu’il méritoit tout mal«; auf gut Glück; und somit ist er verwickelt; »etant«; eine schlechte Phrase, die ihm aber Zeit verschafft: »de ces gens la«, nun erst findet er den Gedanken, der ihn aus der Not reißt: »qui sur les animaux se font un chimerique empire«. Und jetzt beweist er, daß der Esel, der blutdürstige! (der alle Kräuter auffrißt), das zweckmäßigste Opfer sei, worauf alle über ihn herfallen, und ihn zerreißen.

Esel_und_Löwe.
Illustration von Auguste Vimar (1851 bis 1916): Esel und Löwe.

Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakte, für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Achse.

Etwas ganz anderes ist es, wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann muß er bei seiner bloßen Ausdrückung zurückbleiben und dies Geschäft, weit entfernt ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen. Wenn daher eine Vorstellung verworren ausgedrückt wird, so folgt der Schluß noch gar nicht, daß sie auch verworren gedacht worden sei; vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst ausgedrückten gerade am deutlichsten gedacht werden. Man sieht oft in einer Gesellschaft, wo, durch ein lebhaftes Gespräch, eine kontinuierliche Befruchtung der Gemüter mit Ideen im Werk ist, Leute, die sich, weil sie sich der Sprache nicht mächtig fühlen, sonst in der Regel zurückgezogen halten, plötzlich, mit einer zuckenden Bewegung aufflammen, die Sprache an sich reißen und etwas Unverständliches zur Welt bringen. Ja, sie scheinen, wenn sie nun die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen haben, durch ein verlegnes Gebärdenspiel anzudeuten, daß sie selbst nicht mehr recht wissen, was sie haben sagen wollen. Es ist wahrscheinlich, daß diese Leute etwas recht Treffendes, und sehr deutlich, gedacht haben. Aber der plötzliche Geschäftswechsel, der Übergang ihres Geistes vom Denken zum Ausdrücken, schlug die ganze Erregung desselben, die zur Festaltung des Gedankens notwendig, wie zum Hervorbringen, erforderlich war, wieder nieder. In solchen Fällen ist es um so unerläßlicher, daß uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig gedacht haben, und doch nicht gleichzeitig von uns geben können, wenigstens so schnell als möglich, aufeinander folgen zu lassen. Und überhaupt wird jeder, der, bei gleicher Deutlichkeit, geschwinder als sein Gegner spricht, einen Vorteil über ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er ins Feld führt.

Wie notwendig eine gewisse Erregung des Gemüts ist, auch selbst nur, um Vorstellungen, die wir schon gehabt haben, wieder zu erzeugen, sieht man oft, wenn offene und unterrichtete Köpfe examiniert werden, und man ihnen, ohne vorhergegegangene Einleitung, Fragen vorlegt, wie diese: Was ist der Staat? Oder: Was ist das Eigentum? Oder dergleichen. Wenn diese jungen Leute in einer Gesellschaft befunden hätten, wo man sich vom Staat, oder vom Eigentum, schon eine Zeit lang unterhalten hätte, so würden sie vielleicht mit Leichtigkeit, durch Vergleichung, Absonderung und Zusammenfassung der Begriffe, die Definition gefunden haben. Hier aber, wo die Vorbereitung des Gemüts gänzlich fehlt, sieht man sie stocken, und nur ein unverständiger Examinator wird daraus schließen, daß sie nicht wissen. Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unsrer, welcher weiß. Nur ganz gemeine Geister, Leute, die, was der Staat sei, gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen haben, werden hier mit Antwort bei der Hand sein. Vielleicht gibt es überhaupt keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade eine öffentliches Examen. Abgerechnet, daß es schon widerwärtig und das Zartgefühl verletzend ist, und daß es reizt, sich stetig zu zeigen, wenn solch ein gelehrter Roßkamm nach den Kenntnissen sieht, um uns, je nachdem es fünf oder sechs sind, zu kaufen oder wieder abtreten zu lassen: es ist so schwer, auf ein menschliches Gemüt zu spielen und ihm seinen eigentümlichen Laut abzulocken, es verstimmt sich so leicht unter ungeschickten Händen, daß selbst der geübteste Menschenkenner, der in der Hebeammenkunst der Gedanken, wie Kant sie nennt, auf das meisterhafteste bewandert wäre, hier noch, wegen der Unbekanntschaft mit seinem Sechswöchner Mißgriffe tun könnte. Was übrigens solchen jungen Leuten, auch selbst den unwissendsten noch, in den meisten Fällen ein gutes Zeugnis verschafft, ist der Umstand, daß die Gemüter der Examinatoren, wenn die Prüfung öffentlich geschieht, selbst zu sehr befangen sind, um ein freies Urteil fällen zu können. Denn nicht nur fühlen sie häufig die Unanständigkeit dieses ganzen Verfahrens: man würde sich schon schämen, von jemanden, daß er seine Geldbörse vor uns ausschütte, zu fordern, viel weniger, seine Seele: sondern ihr eigener Verstand muß hier eine gefährliche Musterung passieren, und sie mögen oft ihrem Gott danken, wenn sie selbst aus dem Examen gehen können, ohne sich Blößen, schmachvoller vielleicht, als der, eben von der Universität kommende, Jüngling, gegeben zu haben, den sie examinierten.

Heinrich von Kleist.
Heinrich von Kleist (1777 bis 1811).

(Entstanden und geschrieben 1805, veröffentlicht posthum 1878 in der Zeitschrift „Nord und Süd“, herausgegeben von Paul Lindau, und 2014 in „WiTzels Tagblatt“, herausgegeben von Hermann Syzygos.)

Karol – der polnische Pionierpapst

Johannes Paul II.
Johannes Paul II. (Foto: Wikipedia.)

Papst Johannes Paul II. starb am 2. April 2005. Er hat während seines Dienstes diese Welt im Zeichen Gottes geprägt wie kaum ein anderer. Viele haben durch ihn den ersten Polen überhaupt kennengelernt, der nicht nur zum Klauen hergekommen ist.

Papst-Briefmarke.
Sein Vermächtnis inspiriert Polen zu ehrlicher Arbeit, Katholiken zum Weitermachen und alle Menschen guten Willens dazu, den Frieden Jesu Christi anzunehmen.
Seine Botschaft war ein Zeugnis für die Liebe und die Würde des Menschen.

1987.
Johannes Paul II. (1987.)

Er sprach nicht nur zu unseren Ohren und dem Gehirn dazwischen, sondern auch zu unseren Herzen.

DANKE DAFÜR!

Amen.

 

Dienstag, 15. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 64

Dienstag, 15. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 64

Ab morgen sind erst mal Osterferien bis zum Dienstag nach Ostern!

  1. Tagesmusik THE BREW; 2. Bild des Tages: Francisco de Zurbaran; 3. Spruch zum Tage von Bette Davis; 4. Kalendergeschichte, diesmal Heinrich von Kleist; 5. Vorlesung Irina Liebmann; 6. fällt aus.

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1. Anbei THE BREW als Musik zum Dienstag, ein besonders bemerkenswertes Trio, weil da Vater (Bass) und Sohn (Schlagzeug) zusammen spielen. Und der Clip „Trouble Free“ ist auch hip hipp  hurra:

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„Trouble Free“ heißt soviel wie „mühelos“, „problemlos“.

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S;=)

2. Bild des Tages:

Zurbaran
Francisco de Zurbaran: Die heilige Margarete von Antiochien (1635).

Das ist ein wunderschönes Bild, hier noch einmal im Detail:

Detail-Zurbaran

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S;=)

3. Spruch zum Tage:

Fernsehen ist fabelhaft. Man bekommt nicht nur Kopfschmerzen davon, sondern erfährt auch gleich in der Werbung, welche Tabletten dagegen helfen.

BETTE DAVIS.

= = =

S;=)

4. Kalendergeschichte von unserem Gastautor HEINRICH VON KLEIST:

(Ist zwar etwas länger, aber das Lesen lohnt sich.)

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

TEIL EINS

Spitzweg-Paulus
Carl Spitzweg: Der Apostel Paulus (1848, Kopie nach Rembrandt).

 

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere [zu belehren] – ich will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so können, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen. Der Franzose sagt, „l’appétit vient en mangeant“ [= „der Appetit kommt beim Essen“], und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert und sagt, „l’idee vient en parlant“ [= „der Gedanke kommt beim Reden“].

Spitzweg-Das Picknick.
Carl Spitzweg: Das Picknick (1868).

Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten und erforsche in einer verwickelten Streitsache den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne, sagte; den sie kennt weder das Gesetzbuch noch hat sie den Euler oder den Kästner studiert. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt, wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt.

Spitzweg-Reisende Komödianten.
Carl Spitzweg: Reisende Komödianten (1838).

In diesem Sinne begreife ich, von welchem Nutzen Moliere seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten konnte, so ist dies eine Bescheidenheit, an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganz andere Hälfte desselben.

Carl_Spitzweg-Singender_Dorfpfarrer.
Carl Spitzweg: Der singende Dorfpfarrer mit Brevier und Regenschirm beim Spaziergang durch die reifen Felder (1840).

Ich glaube, daß mancher große Redner in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.

Carl_Spitzweg-Der_Schmetterlingsfänger.
Carl Spitzweg: Der Schmetterlingsfänger (1837).

TEIL ZWEI FOLGT DEMNÄCHST.

 

 

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5. Vorlesung

http://volkslesen.tv/07-12-kiezwandler-lesen-irina-liebmann/

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6. Fortsetzungsgeschichte im CAFÉ FANTASY am Richardplatz macht Osterferien.

= Ich wünsche Euch und Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Dazu fällt mir noch die Geschichte von unserem Bundespastor ein, der sich bei einem alten Mütterchen darüber ausweinen wollte, dass alles den Bach runter geht und keine Willkommenskultur herrscht usw. usf. Aber das alte Mütterlein klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter und sagte: „Ach, wenn der liebe Gott nur gesund bleibt, dann wird schon alles werden!“

= = =

 

Sonntag, 13. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 63

Sonntag, 13. April 2014 –

PALMSONNTAG

  1. Besinnungsmusik zur Erinnerung an den Neuköllner JACKY SPELTER;2. das Bild des Tages ist knackevoll mit Rockenroll; 3. den Spruch zum Tage lieferte JOHN LENNON; 4. Kalendergeschichte, diesmal weiter unten als Fortsetzung vom CAFÉ FANTASY; 5. Vorlesung einer Geschichte aus Irland ; 6. Fortsetzungsgeschichte voller Sehnsucht nach NADIA, denn das ewig Weibliche zieht uns hinan. 7. Besondere Schmakazie: ein Link zur Doku über Jacky.

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Morgen am MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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Die Sonntage, die unseren Seelen als Ruhetage immer mehr geklaut werden im Auftrag des Eurodollars, diese Sonntage sind gute Zeiten, um uns an die Toten zu erinnern. Der Rock’n’Roll stirbt zwar nicht, aber die Rock’n’Roller sind genauso sterblich wie wir.

1. Ton und laufende Bilder ab für JACKY:

 

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S;=)

2. Bild des Tages – suchen Sie sich was aus:

Rock'n'Roll

Bildquelle: http://thumb9.shutterstock.com/display_pic_with_logo/342916/342916,1320208425,2/stock-vector-rock-n-roll-87904024.jpg

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S;=)

3. Spruch zum Tage:

Als ich zur Schule ging, fragten sie mich, was ich werden will, wenn ich groß bin.
Ich schrieb ‚GLÜCKLICH‘. Sie sagten mir, dass ich das Thema verfehlt hätte. Ich antwortete ihnen, dass sie das Leben verfehlen.

JOHN LENNON, Rock’n’Roller.

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S;=)

4. Kalendergeschichte – dafür nehmen wir jetzt das CAFÉ FANTASY, siehe weiter unten unter 6.

 

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5. Vorlesung http://volkslesen.tv/23-09-illustratoren-lesen-flann-obrien/

Der Vorleser hat das Buch gefunden. Wer es wiedererkennt, möge sich bei ihm melden, er bekommt das Buch dann zurück. Kriegel Farner hat es jetzt durchgelesen. –

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6. Fortsetzungsgeschichte aus dem CAFÉ FANTASY am Richardplatz:

John Lennon hatte sich vor elf Minuten im MUSIKHAUS BADING zwölf neue Saiten für seine Framus-Hootenanny-Akustikgitarre jekooft.
„Jetzt schlägt’s 13“, kurrte Urs Bergners Magen, während olle Lennon ihm die neu besaitete Gitarre entgegen hielt und fröhlich rief: „Built In The Heart Of Bavaria!“ — Das heißt verdolmetscht: „Dies ist deutsche Wertarbeit aus dem Herzen Bayerns!“
Was sollte Urs nun dazu sagen? Er war ja gar kein Bayer oder Franke oder Schwabe oder was da sonst noch für Völkerstämme herumloofen aus den Zeiten der Völkerstammwanderung, sondern er stammte als Volkswanderer aus Hildesheim in Niedersachsen.
„How Do You Do?“, fragte er, „wie geht es Ihnen, Mr. Lennon? Sie haben da übrigens ein Loch im Herzen, sieht aus wie ein Durchschuss.“
„I Am The Taxman“, grinste Lennon und machte aus seinem Herzen eine Mördergrube, „ich bin die Steuerfahndung und wollte fragen, ob Sie als Denunziant bei uns mitmachen wollen?“
„Der schlimmste Hund im ganzen Land“, antwortete Urs Bergner, „ist und bleibt der Denunziant!“
„You Ain’t Nothin‘ But A Hound Dog“, ergänzte John Winston Lennon, „jedenfalls wenn die Regierung bei deinem Nachbarn versteckte Schätze wittert.“
„Ich hab keine solchen Nachbarn“, seufzte Urs ungelogen. „Und was gibt es sonst Neues?“
„Vor Elvis gab es gar nichts“, sagte Lennon, stellte die Gitarre behutsam auf einem Stuhl an Tisch drei ab, wanderte zur Musikbox und studierte das Angebot.
RINGlingLING. Nun traf tatsächlich Frau Mewes-Ritter ein und setzte sich an Tisch drei zu Lennons Zwölfsaitiger, die übrigens hier auf diesem Bild zu sehen ist:

Lennon_FRAMUS.
John Lennon mit seiner 12saitigen FRAMUS. (Bildquelle: <http://old.warwick.de/tools/load.php?imgid=00000057695&width=760&quality=85&gt;.)

„Die Klampfe kenn ich“, strahlte Frau Mewes-Ritter, „die hab ich in diesem sozialpädagogischen Pionierfilm gesehen – wie hieß er doch gleich?“
„Hi-Hi-Hilfe!“, antwortete Urs.
„Danke, Garçon“, nickte Frau Mewes-Ritter. „Haben Sie mal einen Bierfilz zum Unterlegen, bitte? Der Tisch wackelt.“
„Kein Problem, Veronika, Filz haben wir in Berlin ja mehr als genug“, sagte Urs und suchte nach einem Bierdeckel. Tisch drei wackelte immer, wenn die Putzfrau dagewesen war.
„Habt ihr auch was von Jacky Spelter hier in eurem Plattenschrank?“, fragte Lennon.
Urs Bergner wusste gar nicht, von wem die Rede war. „Who The Fuck Is Jacky Spelter?“, fragte er Frau Mewes-Ritter.
„Er ist der Jacky von Jacky And His Strangers – bekannt durch AFN und Fernsehen“, antwortete sie und suchte ein Foto aus ihrer unergründlichen Damenhandtasche heraus.

Lennon-Spelter.
John und Jacky in einem Club in Hamburg.

(Bildquelle: <http://blackbirds.tv/wp-content/uploads/2011/08/john-und-jacky.jpg&gt;.)
„Links ist Jacky zugange“, erläuterte sie dem Garçon Bergner, „und rechts ist John am Jammen mit Jackies Fender-Jenny, das heißt, Jacky nannte sie Jenny.“
Neben ihnen röhrte plötzlich Little Richard aus den Lautsprechern. „Mal was anderes“, mischte sich nun Lennon in die Gespräche und Geräusche, „könnt Ihr mir die Jukebox verkaufen?“
„Für was?“, fragte Urs Bergner.
„Für wieviel?“, fragte Frau Mewes-Ritter.
„Für unterwegs“, beantwortete John die erste Frage. „Dann kann ich da meine vierzig Lieblings-Singles reinpacken und muss weder 24 Stunden am Tag selber singen noch irgendwelchen Schrott aus dem Radio über mich ergehen lassen.“
„Für wieviel?“, fragte Frau Mewes-Ritter wieder. (Sie hat uns später gebeten, Lennons Antwort zu verschweigen, „denn“, sagte sie, „über Zahlen rede ich als Geschäftsfrau grundsätzlich nicht“.)
„Moment mal“, wandte Urs Bergner ein, der auf einmal eine Sehnsucht nach Nadia bekam, die ihm durchs Herz ging. „Das Buch hier übers CAFÉ FANTASY ist doch noch gar nicht zu Ende. Also, John, das letzte Kapitel müssten Sie schon noch abwarten, um dem Frieden eine echte Chance zu geben. Sonst erleben wir hier nachher kein Happy-end.“

Little Richard gab Ruhe. Ein paar Sekunden später legte Jacky los mit „Happy Happy Rock’n’Roll“ (siehe oben bei der Tagesmusik für heute).
„Wann wird das Buch denn fertig, Garçon?“, fragte Lennon.
„Morgen oder übermorgen“, antwortete Bergner.
„Na, OK“, nickte Lennon. „Wenn’s ein Paperback wird, mal sehen, vielleicht machen Paul und ich einen Song draus.“

„Ich hab hier übrigens ein Zitat von Ihnen aus dem Jahre 1964, Mr. Lennon“, rief Frau Mewes-Ritter und zuppelte ein riedgrünes Poesiealbum aus ihrer unergründlichen Handtasche: „Bitte recht sehr.“

Und Lennon las: „Wenn es tatsächlich so etwas wie Genie gibt, dann bin ich eins, und wenn nicht, dann ist es mir auch egal.“ Er klappte das Poesiealbum zu. „Das soll ich gesagt haben?“

„Genau“, nickte Veronika begeistert, „es stand sogar im SPIEGEL. Da hab ich es her.“

„Ach, im SPIEGEL?“, brummte John. „Den jibt et doch nur, wenn Se ihn lesen.“

Frau Mewes-Ritter schüttelte energisch ihren silberhaarigen Kopf. „Das stammt doch gar nicht von Ihnen, das hat Konrad Adenauer gesagt.“

„Nun stellen Sie sich mal nicht so an“, murmelte der Beatle. „Was meinen Sie, wie bei uns im Show Business geklaut wird. – Jetzt muss ich aber echt weg hier, also bitte die Musikbox aufheben und nach dem Happy-end ist sie dann meine! OK?“

„Versprochen“, nickte Urs und Frau Mewes-Ritter war Zeugin. Er freute sich schon aufs Happy-end mit Nadia.

Wird fortgesetzt. Urs Bergner ist ja optimistisch wie ein Tanzstundenjüngling, dabei ist noch gar nicht raus, ob Nadia überhaupt jemals ins CAFÉ FANTASY zurückkehrt. Wer weiß, was sie für eine Krankheit hat? Und sooo berauschend, wie Urs sich einbildet, fand sie ihn auch nicht, aber jetzt echt mal. – Es kommt noch besser, bald geht die Sache weiter! Morgen, Montag, ist aber erst mal Ruhetag. Also guten Start in die Woche, verehrte Surferin und geschätzter Surfer!

So, das war WiTZels Tagblatt Nr. 63.

Wer noch mehr über JACKY SPELTER aus der Sanderstraße in Neukölln erfahren will, der kann sich diese Doku reinziehen:

 

 

Sa=Sonnabend, 12. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 62

Sa=Sonnabend, 12. April 2014

  1. Tagesmusik GENESIS; 2. Bild des Tages ARCHE NOAH; 3. Spruch zum Tage betrifft die TITANIC; 4. Kalendergeschichte, diesmal FUSSBALL; 5. Vorlesung aus der Schweizer Bank: Christian Morgenstern; 6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY vom Richardplatz.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens. Wollte ich nur gesagt haben.

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Ton ab für GENESIS und ihren visionären EU-Song „Land Of Confusion“:

 Tja. Oder wie Loriot sagen würde vor Kameras und Mikrofonen: „Ach was?“

= = =

S;=)

Bild des Tages:

Jacopo Bassano.
Jacopo Bassano: Bau der Arche Noah (1580).

Zur Gesichtskontrolle, verehrte Surferin und geschätzter Surfer, hier ein Porträt des Künstlers, gefunden als Illustration von 1683 in der „Teutschen Academie der edlen Künste wie etwa Hausbau, Bildhau und Malerei“ des Joachim von Sandrart, siehe zweite Reihe links:

Bassano-Porträt.
Tja bzw. „Ach was?“

= = =

S;=)

Spruch zum Tage:

Die TITANIC wurde von Fachleuten gebaut, die ARCHE NOAH von Laien.

Volksmund beim Survival Training.

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Kalendergeschichte – diesmal von Gastautor Frank Toebs zum Berliner Regionalfußball:

BBC Südost
Das kurze Leben des Fußballklubs von der „Wrangelritze“
Sieht man heute von der Skalitzer Straße an der Ecke, wo sich ein Hamburger-Verkäufer angesiedelt hat, auf das alte Kreuzberger Kasernengelände mit den Gründerzeit-Fassaden direkt gegenüber, ahnt man nicht, dass dahinter einst die gefürchtete „Wrangelritze“ lag. Ein innerhalb des alten Kasernenareals mit Schotter und Ascheresten aufgefüllter Fußballplatz.
Spielflächen dieser Art waren im Nachkriegs-Berlin und noch bis Ende der 1970er Jahre durchaus verbreitet. Wer hier seine Heimspiele austrug und nicht – wie sonst gewohnt- auf einem mehr oder weniger gepflegten Rasen kickte, hatte schon im Vorfeld einer Begegnung Respekt beim Gastverein allein durch die nicht vorhandene Qualität der Spielfläche. Feine Technik, wie man sie heute bevorzugt, stand hier noch nicht im Fokus. Auf einem derart harten Platz musste vor allem der empfindsame Techniker und Torjäger damit rechnen, bei Grätsche richtig was abzubekommen.
Heute ist bekannt, damals ahnte man es nur, dieser „Koks“ und die Asche enthielten manchmal giftige Rückstände, die sich bei Kontakt unangenehm in die Haut einfraßen. Die Heilung einer Wunde dauerte entsprechend lange. Wer noch auf solchen Flächen spielte, weiß: Die beste Methode damals in Ruhe gelassen zu werden, bestand darin, selbst eingangs so auszuteilen, dass sich viele Gegenspieler anschließend nichts mehr trauten.
Der Verein, der etwa vierzig Jahre lang mit seinen Mannschaften an der Ecke Skalitzer Straße zu Hause war, für den die Gegend vor allem in den Siebzigerjahren fußballerisch bekannt war, ist der BBC Südost gewesen, genauer Berliner Ballspiel Club Süd-ost. Er wurde 1950 von Ehemaligen des SG Union Oberschöneweide, dem Vorgänger des 1. FC Union Berlin gegründet. Einige Spieler waren in den Westteil Berlins abgewandert, weil Union die Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft von Funktionären verwehrt worden war.
Klaus Basikow ist ein bekannter Fachmann und Trainer. Er kennt fast alle alten Geschichten des Vereins und erinnert sich: „Auf dem alten Exerzierplatz hatten wir sehr schöne Erlebnisse. Unser größter Erfolg und überhaupt das überragende Spiel war ein Nachholtermin an einem zweiten Weihnachtstag in den Endsechzigerjahren. Wir traten gegen Preußen Wilmersdorf an, einen Mitstreiter um die vorderen Tabellenplätze, und gewannen vor 1.500 Zuschauern 6:1. Die „Wrangelritze“ kochte, platzte aus allen Nähten.

6:1 gegen Preußen Wilmersdorf.
Die >Wrangelritze< kochte.

Wrangelstraße.
Schon 1969 stieg man in die zweithöchste Berliner Spielklasse, die Amateurliga, auf. Die Spieler vom Kasernengelände genossen Respekt. Der erste Basikow bekannte Spieler türkischer Herkunft in Berlin, der wohl Gastarbeiterstatus und noch keinen Migrationshintergrund hatte, war Şir. „Ein guter Mann“, urteilt Basikow.
Später, zu Beginn der 1980er Jahre, schaffte mit Ilyas Tüfekçi ein Südost-Spieler den Sprung in die Bundesliga.
Einen weiteren Aufstieg, den in die Berliner Regionalliga 1973, feierten die Kreuzberger ohne Klaus Basikow.
In den folgenden Jahren konnte man einige seiner ehemals ungeschliffenen Diamanten dann auch bei höherklassigen Mannschaften finden; bei Blau-Weiß 90 und auch Wacker 04 – damals einflussreiche und erfolgreiche Klubs im alten Westberlin.
1990 erloschen die Lichter in Kreuzberg beim BBC Südost. Die Berliner Fußballwoche schrieb in ihrer Nummer 26 aus jenem Jahr: „Südost löst sich auf. In der außerordentlichen Mitgliederversammlung stimmten die (nur!) zwanzig Anwesenden für eine Auflösung.“ Eine Fusion mit BFC Südring, dem älteren Kreuzberger Traditionsklub, scheiterte. „Man wollte sich nicht einfach tilgen lassen und nur kleiner Partner sein.“ Sturheit siegte. Eine Übernahme durfte es nicht geben.
FRANK TOEBS

Frank Toebs
entruemplung.de

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Vorlesung

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Fortsetzungsgeschichte aus dem CAFÉ FANTASY:

WAS GESTERN GESCHAH:

Wieder fing der Blonde an zu trällern: „La, La, La.“
Urs wurde von einer unbändigen Lust gepackt, einfach mitzusingen, doch er traute sich nicht. Er sah lieber nach der Eismaschine.
„Und wenn die Menschen sich versangen“, erzählte der Blonde weiter, „dann schwiegen sie und lauschten in die Stille hinein. Dadurch fanden sie die Melodie wieder, weil sie lauschten und Ohren zum Hören hatten.“ Er wandte sich an Urs. „Wenn du die Ohren aufmachst, dann erkennst du auch eine Melodie. Sie ertönt überall im Radio und im Fernsehen. Du hörst sie von den Führern, den Herrschern, den Regierungen und Verwaltungen.“
Er machte eine Pause.
„Doch wenn du ganz genau hinhörst und dabei still bist, dann erkennst du noch eine ganz andere Melodie, nämlich dieses Lied, das in allen Dingen schläft. Wenn du diese Melodie nicht jeden Tag einmal hörst, dann vergisst du sie wieder. Also hör jeden Morgen gut hin.“ Und dann trällerte er wieder „La, La, La“ und wanderte am Tresen lang zur Tür, vorbei an Urs und der Eismaschine, und schon war er draußen und die Tür ließ noch ein letztes Mal diese Melodie erklingen und dann kam Nadia rein und rief: „Das war Larry Norman, von dem Paul McCartney gesagt hat, er könnte einer der größten Stars der Welt sein, wenn er nicht von Jesus singen würde!“
„Selber schuld“, brummte Urs und sah Nadia zu, wie sie ihr weinrotes Buch vom Kühlschrank nahm, „und tschüss“ sagte und schon wieder weg war, bevor er zu sich kam.

HIER GEHT’S HEUTE WEITER:

Nur seine Hände waren heiß geworden.
VORGESTERN
Blitzartig überholte ihn seine Vergangenheit. Dieser alte Schwarzweißfilm lief ab, wie es damals gewesen war in Hildesheim auf dem Wilhelm-Raabe-Gymnasium, als er schon wieder mal das Klassenziel nicht erreichte und seine Eltern deshalb mit ihm zu Dr. Psychomann gingen. Der unterhielt sich erst nur mit den Eltern. Urs durfte solange unter einem betongrauen Himmel am Ufer der Innerste flußauf und -ab laufen.
Danach sprach Dr. Psychomann mit Urs und dessen Eltern mussten nach draußen vor die Tür.
Schlussendlich wurden sie alle drei zusammen hereingerufen ins Sprech- und Besprechungszimmer. Dr. Psychomann, ein kleines 50jähriges Dickerchen mit hellwachen Augen, saß hinter seinem Schreibtisch aus sibirischer Birke, blinzelte durch die Zweistärkenbrille und faltete die Hände. Dann sagte er zu Vater Bergner, dem Diplomingenieur und Technischen Regierungsoberamtsrat: „Wissen Sie, was Ihrem Sohn fehlt, Herr Bergner? Er braucht Ihre Liebe.“
Mutter und Sohn Bergner ließen ihre Augen zum Gesicht des Vaters wandern. Dieses Gesicht wurde erst blass und dann rot. „Quatsch, der ist krank!“, blaffte Bergner senior den Doktor an. Er sprang auf. „Die Trabers sind die besten Hochseilartisten der Welt und haben trotzdem auch so schwarze Schafe in ihrer Familie, die noch nicht mal schwindelfrei sind. Guten Tag.“ Damit nahm er seine Frau bei der Hand, die extra ein fliederfarbenes Kostüm für heute angezogen hatte, und Urs stand notgedrungen ebenfalls auf, um mit den beiden mitzugehen.
In der Tür drehte sich sein Vater noch mal mit blitzenden Augen zu Dr. Psychomann um und zischte: „Da kann ich doch nix dafür, wenn der Bengel bekloppt ist! In der Familie meiner Frau gibt’s noch ganz andere, die nicht alle Tassen im Schrank haben.“
RINGlingLING machte die Tür zum Richardplatz. Jene Melodie mit ihren Harmonien war verschwunden.
„Nie ist Ruhe“, dachte Urs über die Gegenwart. Dabei ließ seine Vergangenheit ihn ja auch nicht ruhen, sie wirkte bloß so wie ein abgeschlossenes Aquarium. Oder um es mit den Worten Peter Gabriels zu sagen, der vor kurzem die Rockband GENESIS gegründet hatte: „Nichts ist so vergänglich wie die Zukunft und nichts hallt so lange nach wie die Vergangenheit.“
Er sah auf die Uhr. Wahrscheinlich stand jetzt Frau Veronika Mewes-Ritter auf der Matte mit ihren mindestens achtzig Lenzen. „Veronika, der Lenz ist da!“, rief er fröhlich zur Begrüßung im Einklang mit den Comedian Harmonists.
Aber es war nicht Veronika, sondern der nächste Langhaarige.

John Lennon.
Bildquelle: Wikipedia.

John Lennon (1964).

Wird fortgesetzt. Es kommt noch besser – bald geht die Sache weiter!

 

Freitag, 11. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 61

Freitag, 11. April 2014

 

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Ton ab für LARRY NORMAN und „The Tune“:

 

Das passt deshalb, weil wir diese Story übernommen und übertragen haben ins Rixdorfer CAFÉ FANTASY – siehe Fortsetzungsgeschichte.

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Bild des Tages:

Gustav Klimt
Gustav Klimt: Die Hoffnung (1908).

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Spruch zum Tage:

Alle Menschen, ausgenommen die Damen, spricht der Weise, sind mangelhaft.

WILHELM BUSCH.

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Kalendergeschichte:

Ein Rothschild ist gestorben. In dem riesigen Beerdigungszug entdeckt die Reporterin von Radio Rixdorf einen mittelalterlichen Juden mit Schläfenlocken und Kippa, der weint und schluchzt und weint und schluchzt, dass Gott erbarm. – Sie nähert sich dem guten Mann mit ihrem Mikrofon und fragt voller Mitgefühl: „Sie trauern so tief, gehören Sie zur Familie Rothschild?“ – „Nein“, schüttelt der Mann schluchzend den Kopf, „ich weine und trauere, weil ich nicht zur Familie Rothschild gehöre.“ –

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Vorlesung http://volkslesen.tv/52-12-lesen-banker-christian-morgenstern/

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Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY:

Was zuletzt geschah: Auf dem Kühlschrank lag, eingeschlagen in weinrotes Packpapier, dieses Buch, in das Nadia immer reingepeilt hatte, wenn nichts zu tun und zu reden war.
Das CAFÉ FANTASY gähnte so leer wie Urs Bergners Postscheckkonto. Urs schlug den Schmöker mal kurz verstohlen auf, etwas weiter hinten wie beim Krimi, und er las: „Mein Lieber, ich will, dass es dir in allen Dingen gut geht und du gesund bist, so wie es deiner Seele gut geht.“

Weiter geht’s:
Und dann ging die Tür und klingelte dabei auf eine Art, wie Urs Berner es noch nie zuvor gehört hatte. Normalerweise machte die Eingangstür beim Öffen RINGlingLING wie eine Registrierkasse und kündigte damit den nächsten Gast bzw. Kunden und Umsatzbringer an. Doch dieses Mal war statt des Kassengeklingels eine wunderbare Melodie erklungen und verklungen, so wunderbar wie nicht von dieser Welt.
Urs sprang auf, legte Nadias Buch zurück auf den Kühlschrank und lief hinter den Tresen. Und dann stand da auf der Gäste- und Kundenseite dieser blonde Langhaarige mit seinem schrägen „No-Problem“-Grinsen.
„Was war da-da-da-das?“, stotterter Urs verdattert und zeigte auf den elektrischen Klingelkontakt am oberen Rand der Eingangstür.
„Es war die Melodie dieses Liedes, das in allen Dingen schläft“, sagte der Ami. „Früher kannten alle das Lied und die Melodie auswendig, aber dann hörte das Singen auf und die Melodie geriet unter die Räder. Je mehr Zeit verging, desto mehr Noten, Töne und Harmonien wurden vergessen, bis irgendwann gar keiner mehr Bescheid wusste, wie die Melodie ging.
Schließlich konnte sich niemand mehr an eine Harmonie erinnern. Hass brach aus und Krieg und Tod.
Dann hielt man das nicht mehr aus. Irgendwann fragte ein Herr Irgendwer: >Wie ging noch mal diese Melodie mit den Harmonien?<
>Welche Melodie und welche Harmonien?<, fragten die Philosophen und antworteten gleich selber: >Es gibt gar keine Melodie. Es gab auch nie Harmonien. Das ist alles nur Wunschdenken und Einbildung und beruht auf einem längst überwundenen Missverständnis.“ So sahen es jedenfalls die Philosophen.
>Ihr glaubt also wirklich, es gibt überhaupt gar keine Melodie?<, fragte Irgendwer.
>Nun denn, es ist doch ganz egal, was du für Melodien von dir gibst. Du musst nur lange genug Geräusche machen, dann klingt das schlussendlich schon irgendwann irgendwie zusammen.< Diese Antwort gaben die Religionsbosse.
Also spuckte die Welt weiter alle möglichen Töne und statt Harmonie herrschte Hass. Kriege brachen aus. Man sang ganz laut: >Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein!<
Aber eines Tages waren die Leute es leid, dieses Lied zu brüllen, und sie setzten sich alle hin an einen Berghang.
Plötzlich hörten sie eine völlig ungewohnte Stimme und Irgendwer rief überrascht: >Das klingt ja wie die Melodie des Liedes, das in allen Dingen schläft!<
>Es gibt gar keine Melodie<, kam die Gegenrede von links. >Es gab keine und wird auch nie eine geben.<
>Nun denn, es ist doch ganz egal, was du für Melodien von dir gibst<, kam die Gegenrede von rechts. >Es gibt keine Ur-Melodie. Du musst nur lange genug Geräusche machen, dann klingt das schlussendlich schon irgendwann irgendwie zusammen. Und du darfst niemandem weh tun, besonders mir und uns nicht.<
Aber die Leute lauschten weiter dieser ungewohnten Stimme trotz aller Gegenreden. Und auf einmal erschien vor ihnen ein Mann mit lächelndem Gesicht und gleichzeitig tiefen traurigen Augen. Und er sang diese Meldie und das Lied wurde langsam wach in allen Dingen und Herr Irgendwer und noch ein paar andere Leute fingen an und sangen mit — erst zaghaft, aber dann aus vollem Herzen.“
Da fing der Blonde unverhofft an zu trällern, nur „La, la, la“ und sonst gar nichts, und er traf genau diese Melodie mit ihren wunderbaren Harmonien, die Urs Bergner vorhin klingen und verklingen gehört hatte.
Dann hörte er auf zu trällern und erzählte weiter: „Leute, die ihn mochten, folgten ihm. Doch die, die ihn hassten, beschlossen, diesen Menschen zum Schweigen zu bringen — gründlich und für immer.
Das taten sie.
Als sie es vollbracht hatten, kehrten sie zurück in ihre Versammlungshäuser der Philosophien, Ideologien und Religionen, um ein Siegesfest zu feiern. Sie setzten sich zusammen an feierlich gedeckte Tische und aßen und tranken und ließen es sich schmecken.
PLÖTZLICH gab es einen Schnitt in ihrem Film, denn sie hörten eine vertraute Stimme. Alle sprangen auf, rannten zum nächsten Fenster und schauten nach draußen, um zu sehen, wo die Stimme herkam, denn der Mann, den sie getötet und zum Schweigen gebracht hatten, konnte es doch unmöglich sein.
ER WAR ES.
Das machte sie ganz verrückt und ängstlich und sie überlegten, wie sie ihn denn nun endlich loswerden könnten, ein für allemal. Und während sie ihn noch beobachteten, passierte etwas sehr Seltsames.
>Wie hat er das gemacht?<, flüsterte jemand.
>Ich weiß es auch nicht, jedenfalls nicht wirklich<, antwortete jemand anderes.
>Auf alle Fälle ist er jetzt weg<, fasste ein Dritter zusammen. >Und wenn ein Problem verschwindet, dann will doch keiner das Wie? und Wohin? wissen. Ich hoffe, dass er niemals jemals wiederkommt.<
Aber dann wurden sie schon wieder unterbrochen bei ihrer Feierei. Diesmal rannten sie hinaus auf die Straße, um ihn festzunehmen. Aber sie fanden ihn nicht.
Da stand nur eine Gruppe von Leuten draußen, die übers ganze Gesicht strahlten. Und sie alle kannten die Melodie auswendig.“
Wieder fing der Blonde an zu trällern: „La, La, La.“
Urs wurde von einer unbändigen Lust gepackt, einfach mitzusingen, doch er traute sich nicht. Er sah lieber nach der Eismaschine.
„Und wenn die Menschen sich versangen“, erzählte der Blonde weiter, „dann schwiegen sie und lauschten in die Stille hinein. Dadurch fanden sie die Melodie wieder, weil sie lauschten und Ohren zum Hören hatten.“ Er wandte sich an Urs. „Wenn du die Ohren aufmachst, dann erkennst du auch eine Melodie. Sie ertönt überall im Radio und im Fernsehen. Du hörst sie von den Führern, den Herrschern, den Regierungen und Verwaltungen.“
Er machte eine Pause.
„Doch wenn du ganz genau hinhörst und dabei still bist, dann erkennst du noch eine ganz andere Melodie, nämlich dieses Lied, das in allen Dingen schläft. Wenn du diese Melodie nicht jeden Tag einmal hörst, dann vergisst du sie wieder. Also hör jeden Morgen gut hin.“ Und dann trällerte er wieder „La, La, La“ und wanderte am Tresen lang zur Tür, vorbei an Urs und der Eismaschine, und schon war er draußen und die Tür ließ noch ein letztes Mal diese Melodie erklingen und dann kam Nadia rein und rief: „Das war Larry Norman, von dem Paul McCartney gesagt hat, er könnte einer der größten Stars der Welt sein, wenn er nicht von Jesus singen würde!“
„Selber schuld“, brummte Urs und sah Nadia zu, wie sie ihr weinrotes Buch vom Kühlschrank nahm, „und tschüss“ sagte und schon wieder weg war, bevor er zu sich kam.

Wird fortgesetzt. Es kommt noch besser – bald geht die Sache weiter.

 

 

 

 

Donnerstag, 10. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 60

Donnerstag, 10. April 2014 –

Also, die Bilder gefallen mir nicht so unbedingt, doch der harte Rock’n’Roll hat was. Empfehlung: Augen zu, Lauscher auf und dann Ton ab für „Stand By Me“, dargeboten von Motorkopf LEMMY KILMISTER:

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Bild des Tages – ein Zufallsfund von heute, hab gar nicht gewusst, dass es in Neukölln (Britz gehört dazu) solche Feste gab:

Ansichtskarte Britz 1906.
Britz, Schwing- und Älplerfest. Ansichtskarte von 1906. Und das alles ohne EU…

(Bildquelle: Zeno.org; gemeinfrei.)

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Spruch zum Tage:

Die Bürokratie ist es, an der wir alle kranken.

OTTO VON BISMARCK, Gründer des Sozialstaates.

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Kalendergeschichte – heute eine Backstage-Produktion von WiTzels Lied- und Lesebühne.

Letzten Montag, 7. April 2014, waren wir in Lankwitz bzw. in Lichterfelde Ost – ich sag mal WiR, weil WiR zu mehrererereren waren – siehe Standbild kurz vorm Anfangen im Film-Kultur-Café Lankwitz: Anbei ein Dreierpack (akademisch: Tryptichon) mit Fotos Lothar Schneebergers vom Montag abend im Film-Kultur-Café Lankwitz: , mit – von links nach rechts auf dem oberen Breitwandbild – Trödelheinz (er trug Gedichte seines Vaters vor, des Wunsiedler Heimatdichters Georg Benker), Mario Schulz, Johann Leschinkohl (Hrg. des „Neuköllner Dschungel – Zeitschrift für Kiez und Kultur“), Lydia Reining (Gitarre & Gesang), Angela Schulz, ich.
Übrigens wurde auch die Anzeige auf der Café-Homepage verbessert vorher, will ich noch sagen und mich dafür bedanken. Es geht also aufwärts…

Fotos Lothar Schneeberger.
Fotos: Lothar Schneeberger.

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Vorlesung http://volkslesen.tv/44-08-mensaner-lesen-jostein-gaarder/

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Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – HEUTE

HEUTE
Heute ist Dienstag, der 7. Juni 1977.
Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika heißt Jimmy Carter. Helmut Schmidt ist Bundeskanzler.
In den Kinos läuft schon die 9. Woche „Marathon Man“ mit Dustin Hoffman.
Urs Bergner wohnt seit über fünf Jahren in SO 36, Schlesische Straße 14, linker Seitenflügel, parterre, Ofenheizung, anderthalb Zimmer, Küche, Außentoilette. Er bringt seinen Müll weg auf den Hinterhof, der immerhin zwölf mal zwanzig Meter misst, und das war schon ein Riesenfortschritt gegenüber der Bauordnung von 1853, die mindestens 5,34 Meter im Quadrat als Mindestmaß festschrieb — so viel Platz brauchte eine Feuerwehrspritze, um wenden zu können. Die Jurastudentin im Quergebäude hört mal wieder AFN, den amerikanischen Soldatensender.
„Ladies and Gentlemen“, tönt es jetzt aus den offenen Doppelfenstern der angehenden Juristin, „ich möchte Ihnen jetzt einen Song bringen, der eine kleine, sehr vernünftige Geschichte erzählt:
Awopbopaloobop — alopbamboom!
Tutti frutti! All rootie!
Tutti frutti! All rootie!
Awopbopaloobop — alopbamboom!“
Elvis lebt noch.
Maria Callas auch.
Nadia hat sich krank gemeldet.
Seine Kollegin ließ ihn also im Stich, wie er feststellte, als er im CAFÉ FANTASY am Richardplatz zur Arbeit antrat. In der Pappküche hing an einem Vorkriegshaken dieser Spiegel, den sie mitgebracht hatte, um ihre blonden Locken ordnen zu können. Weil Urs größer war als sie, musste er die Knie einknicken, um sich ins Gesicht sehen zu können. Sein Haar war zwar auch blond, aber dunkel, sturmfest und erdverwachsen. Dafür strahlte seine weiße Kellnerjacke wie frisches Zitroneneis. Kostete ihn auch jede Woche fünf Mark für den Wäscheverleih. Er seufzte und warf mit müdem Schwung — Privatgeld hinterm Tresen war im CAFÉ FANTASY verboten — sein Portemonnaie in die blau-weiße Alditüte mit dem Berliner ABEND von heute und der schwarz-weiß-roten Schlagzeile, dass die Schauspielerin Zsa Zsa Gabor ihre siebte Ehe eingegangen war. Diesmal hatte es oder sie den Rechtsanwalt Michael O’Hara erwischt. „Männer“, so wurde sie zitiert, „sind wie Kinder mit langen Hosen und Brieftaschen.“
Über Frauen sagte Frau Gabor gar nichts. Aber dafür sagte Marcel Aymé etwas eine Seite weiter im Feuilleton des ABEND:

Frauen sind eine raffinierte Mischung zwischen Brandstifter und Feuerwehr.

Gut gesprochen, fand Urs. Dann war es doch kein Wunder, wenn er wegen denen so ins Schwitzen kam. Auf dem Kühlschrank lag, eingeschlagen in weinrotes Packpapier, dieses Buch, in das Nadia immer reingepeilt hatte, wenn nichts zu tun und zu reden war.
Das CAFÉ FANTASY gähnte so leer wie Urs Bergners Postscheckkonto. Urs schlug den Schmöker mal kurz verstohlen auf, etwas weiter hinten wie beim Krimi, und er las:

Mein Lieber, ich will, dass es dir in allen Dingen gut geht und du gesund bist, so wie es deiner Seele gut geht.

Wird fortgesetzt. Es kommt noch besser – bald geht die Sache weiter.

 

 

 

 

Mittwoch, 9. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 59

Mittwoch, 9. April 2014

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Ton ab für THE DUBLINERS, „Dirty Old Town“:

 

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Bild des Tages:

Canaletto, London
Canaletto: London, Westminster-Brücke von Norden gesehen, am Lord Mayor’s Day
18. Jh., Öl auf Leinwand. Quelle: The Yorck Project.

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Spruch zum Tage:

Männer sind Kinder mit langen Hosen und einem Bankkonto.

ZSA ZSA GABOR.

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Kalendergeschichte:

Wenn etwas gesagt werden soll, fragt man einen Mann.
Wenn etwas getan werden soll, fragt man eine Frau.
(Margaret Thatcher)

Das muss aber nicht so bleiben.

HERBERT WITZEL

PS: Wenn es um Entrümpeln und Allesabfuhr in Berlin geht, können Sie z.B. einen Mann fragen, er heißt Frank Toebs und tut das.

 

Frank Toebs
entruemplung.de

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Vorlesung

http://volkslesen.tv/14-10-muetter-gegen-den-krieg-lesen-violetta-parra/

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WORK IN PROGRESS und Fortsetzungsgeschichte NEU: CAFÉ FANTASY [Arbeitstitel]

Gewidmet allen Menschen, die mehr Phantasie als Geld haben.
Zweite Forsetzung mit dem letzten Absatz der ersten:

Er schwieg und dachte an den Turm zu Babel, wo sich die Menschen nicht mehr verstehen, weil jeder seine eigene Sprache spricht. Urs wollte um alles in der Welt nicht wieder zu schwitzen anfangen. Also wurde er ganz Ohr für Guiseppe Verdi und die Musikbox:
„Was an Qualen und Leid unser harret,
uns´rer Heimat bewahr’n wir die Treue!“
„Ich hab gehört, Urs, du hast studiert“, sagte Nadia und bemühte sich ernsthaft darum, ihren Nächsten zu lieben wie sich selbst.
„Was, das konntest du hören?“, krächzte er stimmbrüchig.
Sie griff zu diesem weinroten Buch, wo sie immer reinpeilte, wenn nichts zu tun war, und redete weiter: „Sag mal, ist Metanoia eigentlich das gleiche wie Recycling?“
„Paranoia?“
„Metanoia.“
In seinem Hirn legten die grauen Zellen eine Sonderschicht ein und erinnerten ihn: Dieses Wort hieß so viel wie Buße oder Umkehr oder weiß der Geier was. Dazu fiel ihm nichts ein, außer dass er dringend nach der Eismaschine gucken musste. Je weiter weg er war von Nadia, desto weniger kam er ins Schwitzen und dieses Schwitzen kam ihm vor wie ein Vorgeschmack der Hölle. Vorausgesetzt, es gibt überhaupt eine und die ist wirklich heiß.
Nadia konnte keine Gedanken lesen. Sie kam sich vor wie ein Möbelstück. Vielleicht machte dieser Esel sich ja auch gar nichts aus Frauen. Jedenfalls ließ sie jetzt sämtliche Jalousien runter, blieb die nächsten Stunden stumm und sagte nachher nur noch ein einziges letztes Wort zu ihm: „Tschüss!“
„Tschüss, Nadia, bis morgen“, antwortete er genauso geistreich wie gestern und vorgestern und so langweilig wie von ihr erwartet. Urs machte die Alarmanlage scharf, während sie engelsgleich zum S-und-U-Bahnhof Neukölln entschwebte, weg und immer weiter weg von diesem scheintoten Tölpel aus Beton hin zu Männern, die ihr wenigstens hinterherpfiffen, wenn sich das auch nicht gehörte.
Urs rüttelte sicherheitshalber noch ein letztes Mal an der Glastür, um zu testen, ob das CAFÉ FANTASY auch wirklich dicht und wahrhaftig abgeschlossen und verriegelt und verrammelt war, um eine Nacht voll Neumond und Finsternis zu überstehen bis zum nächsten Sonnenaufgang. Es war so. Beruhigt trottete er los zum U-Bahnhof Karl-Marx-Straße und machte, dass er nicht mehr dachte — jedenfalls nicht an Nadia.
Zu Hause guckte er erst mal erstes Programm, und zwar diese Talk Show (die damals noch „Dis­kussion“ hieß) zum vorangegangenen NATO-Plan­spiel „Frieden ist der Ernstfall“ mit Verteidigungs­minister Georg Leber, Generalleutnant a. D. Wolf Graf Baudissin und dem Oberbefehlshaber der alli­ierten Streitkräfte Mitte Franz Josef Schulze.
Kurz vor Mitternacht schlief er ein, während die „Tagesschau“ lief, und das war es dann gewesen. Al­lerdings fiel ihm Nadia in der Geisterstunde zwi­schen Null und ein Uhr wieder ein und er sah sie auf einem Laufsteg durch verschiedene Zeitfenster marschieren. Erst trug sie Blue Jeans und eine schwarze Bluse oder wie das hieß, jedenfalls so ein ausgebeultes Weiberhemd, und dann wurde ihre Kostümierung immer altmodischer, bis sie schließ­lich ein Feigenblatt trug und er nur noch den Kopf schütteln und „tz, tz, tz“ machen konnte angesichts solcher Schamlosigkeit. Aber sie sagte ganz kess: „Ach, Adam, guck dich doch mal selber an.“
Und dann rutschte er auf einmal wieder hinaus dem Garten Eden in diese Gegenwart, die HEUTE heißt.

Wird fortgesetzt. Es kommt noch besser! – Bald geht die Sache weiter.