Sa=Sonnabend, 31. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 99

Sa=Sonnabend, 31. Mai 2014

  1. Tagesmusik: 99 Luftballons für 99 WiTzelsche Tagblätter;
  2. Bild des Tages: BANKSY;
  3. Spruch zum Tage von Herbert-Friedrich WiTzel;
  4. Kalendergeschichte, diesmal ???;
  5. Vorlesung, ein Kräutermärchen;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASYgeht morgen weiter, ich muss heute meinen Hexenschuss auskurieren.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

Bild und Ton an und Vorhang auf für NENA:

 

= = =

S;=)

Bild des Tages:

BANKSY
BANKSY („Copyright Is For Losers“). Thank You!

= = =

S;=)

Spruch zum Tage:

Frauen sind Weltwunder. Sie können lächeln, wo es gar nichts zu lächeln gibt.

HERBERT-FRIEDRICH WITZEL („Café Milath“).

= = =

S;=)

Kalendergeschichte:

Nach der dritten Sitzung fragt Dr. Psychomann seinen neuen Patienten: „Was machen denn Ihre Minderwertigkeitskomplexe, Herr Lewandowski? Wie geht es Ihnen nun damit?“

Strahlt sein Patient: „Mir geht’s jetzt spitzenmäßig! Sämtliche Komplexe sind verschwunden und das hab ich nur Ihnen zu verdanken, Sie miese kleine fette Schwuchtel…“

S;=)

= = =

Vorlesung

http://volkslesen.tv/25-11-prerow-liest-folke-tegetthoff/

= = =

Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – geht morgen weiter.

 

 

 

Advertisements

Freitag, 30. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 98

Freitag, 30. Mai 2014

Noch drei Nächte bis zum 2. Juni 2014 in Lankwitz mit WiTzels Lied- und Lesebühne:

 Mo_2-6-Lankwitz<<<< Hier KLICKen und alles blicken, Ort und Zeit usw. usf.

  1. Tagesmusik: Bolles Bolero (nachdem er seinen Jüngsten im schwarzafrikanischen Heroindealer-Gewühl im ehemaligen Volkspark Hasenheide verloren hatte), d.h. der Bolero ist natürlich von Ravel und wird dargebracht in einer Version von PINK MARTINI;
  2. Bild des Tages: Noch ein Bruegel, weil mir der von gestern so gut gefiel;
  3. Spruch zum Tage von Chamisso;
  4. Kalendergeschichte, diesmal aus dem Hause NOVALIS;
  5. Vorlesung, Paris-Berlin;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFé FANTASY.
  7. Besondere Schmakazie: „Das Riesenspielzeug“ von Adelbert von Chamisso, und zwar bebildert!!!

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

1. Ton ab für PINK MARTINI und deren Version von Ravels unsterblichem „Bolero“:

 

= = =

S;=)

2. Bild des Tages:

Bruegel-Detail-4
Puzzle Teil 1
Detail-5
Puzzle Teil 2.

 

Bruegel-Bauernhochzeit
Pieter Bruegel der Ältere: Bauernhochzeit (1568).

= = =

S;=)

3. Spruch zum Tage:

Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor.

Aus ADELBERT VON CHAMISSOs Gedicht: „Das Riesenspielzeug“.

Ehepaar-Chamisso.
Adelbert und Antonie von Chamisso aus der Friedrichstraße 242.

= = =

Mein Großvater Otto Witzel, Heideschulmeister und Kirchenorganist in Mellendorf, hat dort die schönste Bauerntochter geheiratet. Deshalb hab ich sturmfeste und erdverwachsene niedersächsische Bauern in der Verwandtschaft, die natürlich nicht so aussehen wie auf Bruegels wunderbarem Bild. Doch dadurch weiß ich, dass das Brot nicht bei Lidl oder Aldi im Regal wächst, sondern auf einem Ackerfeld. Jedes Volk braucht seine Bauern und seine Landwirtschaft. Deshalb mache ich hier und jetzt Werbung für meine Verwandten auf dem Nöhrenhof in Lehrte:

http://www.noehrenhof.de/

S;=)

4. Kalendergeschichte von unserem Gastautor NOVALIS in klassischer Rechtschreibung:

Hyazinth und Rosenblütchen

(aus „Die Lehrlinge zu Saïs“)

Vor langen Zeiten lebte weit gegen Abend ein blutjunger Mensch. Er war sehr gut, aber auch über die Maßen wunderlich. Er grämte sich unaufhörlich um nichts und wieder nichts, ging immer still für sich hin, setzte sich einsam, wenn die andern spielten und fröhlich waren, und hing seltsamen Dingen nach. Höhlen und Wälder waren sein liebster Aufenthalt, und dann sprach er immerfort mit Tieren und Vögeln, mit Bäumen und Felsen, natürlich kein vernünftiges Wort, lauter närrisches Zeus zum Totlachen. Er blieb aber immer mürrisch und ernsthaft, ungeachtet sich das Eichhörnchen, die Meerkatze, der Papagei und der Gimpel alle Mühe gaben ihn zu zerstreuen, und ihn auf den richtigen Weg zu weisen. Die Gans erzählte Märchen, der Bach klimperte eine Ballade dazwischen, ein großer dicker Stein machte lächerliche Bockssprünge, die Rose schlich sich freundlich hinter ihm herum, kroch durch seine Locken, und der Efeu streichelte ihm die sorgenvolle Stirn. Allein der Mißmut und Ernst waren hartnäckig.

Seine Eltern waren sehr betrübt, sie wußten nicht was sie anfangen sollten. Er war gesund und aß, nie hatten sie ihn beleidigt, er war auch bis vor wenig Jahren fröhlich und lustig gewesen, wie keiner; bei allen Spielen voran, von allen Mädchen gern gesehn. Er war recht bildschön, sah aus wie gemalt, tanzte wie ein Schatz.

Unter den Mädchen war eine, ein köstliches, bildschönes Kind, sah aus wie Wachs, Haare wie goldne Seide, kirschrote Lippen, wie ein Püppchen gewachsen, brandrabenschwarze Augen. Wer sie sah, hätte mögen vergehn, so lieblich war sie. Damals war Rosenblüte, so hieß sie, dem bildschönen Hyazinth, so hieß er, von Herzen gut, und er hatte sie lieb zum Sterben. Die andern Kinder wußten’s nicht. Ein Veilchen hatte es ihnen zuerst gesagt, die Hauskätzchen hatten es wohl gemerkt, die Häuser ihrer Eltern lagen nahe beisammen.

Wenn nun Hyazinth die Nacht an seinem Fenster stand und Rosenblüte an ihrem, und die Kätzchen auf dem Mäusefang da vorbeiliefen, da sahen sie die beiden stehn und lachten und kicherten oft so laut, daß sie es hörten und böse wurden. Das Veilchen hatte es der Erdbeere im Vertrauen gesagt, die sagte es ihrer Freundin, der Stachelbeere, die ließ nun das Sticheln nicht, wenn Hyazinth gegangen kam; so erfuhr’s denn bald der ganze Garten und der Wald, und wenn Hyazinth ausging so rief’s von allen Seiten: Rosenblütchen ist mein Schätzchen!

Nun ärgerte sich Hyazinth, und mußte doch auch wieder aus Herzensgrunde lachen, wenn das Eidechschen geschlüpft kam, sich auf einen warmen Stein setzte, mit dem Schwänzchen wedelte und sang:

„Rosenblütchen, das gute Kind,
Ist geworden auf einmal blind
Denkt, die Mutter sei Hyazinth,
Fällt ihm um den Hals geschwind;
Merkt sie aber das fremde Gesicht,
Denkt nur an, da erschrickt sie nicht,
Fährt, als merkte sie kein Wort,
Immer nur mit Küssen fort.“

Ah! wie bald war die Herrlichkeit vorbei. Es kam ein Mann aus fremden Landen gegangen, der war erstaunlich weit gereist, hatte einen langen Bart, tiefe Augen, entsetzliche Augenbrauen, ein wunderliches Kleid mit vielen Falten und seltsame Figuren hineingewebt. Er setzte sich vor das Haus, das Hyazinths Eltern gehörte. Nun war Hyazinth sehr neugierig, und setzte sich zu ihm und holte ihm Brot und Wein. Da tat er seinen weißen Bart von einander und erzählte bis tief in die Nacht, und Hyazinth wich und wankte nicht, und wurde auch nicht müde zuzuhören. Soviel man nachher vernahm, so hat er viel von fremden Ländern, unbekannten Gegenden, von erstaunlich wunderbaren Sachen erzählt, ist drei Tage dageblieben und mit Hyazinth in tiefe Schichten des Denkens hinuntergekrochen.

Rosenblütchen hat genug den alten Hexenmeister verwünscht, denn Hyazinth ist ganz versessen auf seine Gespräche gewesen, und hat sich um nichts bekümmert; kaum daß er ein wenig Speise zu sich genommen. Endlich hat jener sich fortgemacht, doch dem Hyazinth ein Büchelchen dagelassen, das kein Mensch lesen konnte. Dieser hat ihm noch Früchte, Brot und Wein mitgegeben, und ihn weit weg begleitet. Und dann ist er tiefsinnig zurückgekommen, und hat einen ganz neuen Lebenswandel begonnen. Rosenblütchen hat recht zum Erbarmen um ihn getan, denn von der Zeit an hat er sich wenig aus ihr gemacht und ist immer für sich geblieben.

Nun begab sich’s, daß er einmal nach Hause kam und war wie neugeboren. Er fiel seinen Eltern um den Hals und weinte. „Ich muß fort in fremde Lande“, sagte er; „die alte wunderliche Frau im Walde hat mir erzählt, wie ich gesund werden müßte, das Buch hat sie ins Feuer geworfen, und hat mich getrieben, zu euch zu gehen und euch um euren Segen zu bitten. Vielleicht komme ich bald, vielleicht nie wieder. Grüßt Rosenblütchen. Ich hätte sie gern gesprochen, ich weiß nicht, wie mir ist, es drängt mich fort; wenn ich an die alten Zeiten zurück denken will, so kommen gleich mächtigere Gedanken dazwischen, die Ruhe ist fort, Herz und Liebe mit, ich muß sie suchen gehn. Ich wollt‘ euch gern sagen, wohin, ich weiß selbst nicht, dahin wo die Mutter der Dinge wohnt, die verschleierte Jungfrau. Nach der ist mein Gemüt entzündet. Lebt wohl.“

Er riß sich los und ging fort. Seine Eltern wehklagten und vergossen Tränen, Rosenblütchen blieb in ihrer Kammer und weinte bitterlich. Hyazinth lief nun was er konnte, durch Täler und Wildnisse, über Berge und Ströme, dem geheimnisvollen Lande zu. Er fragte überall nach der heiligen Göttin (Isis) Menschen und Tiere, Felsen und Bäume. Manche lachten, manche schwiegen, nirgends erhielt er Bescheid. Im Anfange kam er durch rauhes, wildes Land, Nebel und Wolken warfen sich ihm in den Weg, es stürmte immerfort; dann fand er unansehnliche Sandwüsten, glühenden Staub, und wie er wandelte, so veränderte sich auch sein Gemüt, die Zeit wurde ihm lang und die innere Unruhe legte sich, er wurde sanfter und das gewaltige Treiben in ihm allgemach zu einem leisen, aber starken Zuge, in den sein ganzes Gemüt sich auflöste. Es lag wie viele Jahre hinter ihm.

Nun wurde die Gegend auch wieder reicher und mannigfaltiger, die Luft lau und blau, der Weg ebener, grüne Büsche lockten ihn mit anmutigen Schatten, aber er verstand ihre Sprache nicht, sie schienen auch nicht zu sprechen, und doch erfüllten sie sein Herz mit grünen Farben und kühlem, stillem Wesen. Immer höher wuchs jene süße Sehnsucht in ihm, und immer breiter und saftiger wurden die Blätter, immer lauter und lustiger die Vögel und Tiere, balsamischer die Früchte, dunkler der Himmel, wärmer die Luft, und heißer seine Liebe, die Zeit ging immer schneller, als sähe sie sich nahe am Ziele.

Eines Tages begegnete er einem kristallenen Quell und einer Menge Blumen, die kamen in ein Tal herunter zwischen schwarzen himmelhohen Säulen. Sie grüßten ihn freundlich mit bekannten Worten.

„Liebe Landsleute“, sagte er, „wo find‘ ich wohl den geheiligten Wohnsitz der Isis? Hier herum muß er sein, und ihr seid vielleicht hier bekannter als ich.“

„Wir gehn auch nur hier durch“, antworteten die Blumen; „eine Geisterfamilie ist auf der Reise und wir bereiten ihr Weg und Quartier. Indes sind wir vor kurzem durch eine Gegend gekommen, da hörten wir ihren Namen nennen. Gehe nur aufwärts, wo wir herkommen, so wirst du schon mehr erfahren.“

Die Blumen und die Quelle lächelten, wie sie das sagten, boten ihm einen frischen Trunk und gingen weiter.

Hyazinth folgte ihrem Rat, frug und frug und kam endlich zu jener längst gesuchten Wohnung, die unter Palmen und andern köstlichen Gewächsen versteckt lag. Sein Herz klopfte in unendlicher Sehnsucht, und die süßeste Bangigkeit durchdrang ihn in dieser Behausung der ewigen Jahreszeiten. Unter himmlischen Wohlgedüften entschlummerte er, weil ihn nur der Traum in das Allerheiligste führen durfte. Wunderlich führte ihn der Traum durch unendliche Gemächer voll seltsamer Sachen auf lauter reizenden Klängen und in abwechselnden Akkorden. Es dünkte ihm alles so bekannt und doch in niegesehener Herrlichkeit, da schwand auch der letzte irdische Anflug, wie in Luft verzehrt, und er stand vor der himmlischen Jungfrau, da hob er den leichten, glänzenden Schleier, und Rosenblütchen sank in seine Arme.

Eine ferne Musik umgab die Geschehnisse des liebenden Wiedersehns, die Ergießungen der Sehnsucht, und schloß alles Fremde von diesem entzückenden Ort aus. Hyazinth lebte nachher noch lange mit Rosenblütchen unter seinen frohen Eltern und Gespielen, und unzählige Enkel dankten der alten wunderlichen Frau für ihren Rat und ihr Feuer; denn damals bekamen die Menschen soviel Kinder, als sie wollten.

S;=)

= = =

5. Vorlesung  

http://volkslesen.tv/27-13-die-vier-aus-der-zwischenzeit-kurt-tucholsky/

= = =

6. Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 18

BANKSY
Anton von der Antifa noch ohne Sturmhaube und mit Mutter,

Anton von der Antifa wartete schon draußen: „Ich finde, Ihr solltet den Böhmen in Böhmisch-Rixdorf mal Bescheid sagen, dass sie ihre böhmische Heimat mal auf Vordermann bringen. Da sind ja nur 13% zur EU-Wahl gegangen und wollten sich zwischen Martin Schulz und Jean-Claude Juncker entscheiden. Wo gibt’s denn so was?!“

„Wir nehmen das zur Kenntnis, junger Mann“, antwortete Veronika Mewes-Fischer und machte sich eine entsprechende Aktennotiz. „Das europäische Volk muss einfach EU-näher werden.“

„Reicht es eigentlich nicht, wenn die EU ihre Betriebsräte betriebsintern wählt?“, dachte Aushilfskellner und Eismatscher Urs Bergner laut nach. „Das wäre doch viel preiswerter.“

Anton sah auf seine rot-grüne Swatch. „Ich muss jetzt weg nach Kreuzberg.“

„Viel Spaß noch“, wünschte ihm der Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz. Anton hatte ihn nicht wiedererkannt, weil Weiz in kein Antifa-Menschenbild passte. „Ich komme gerade von dort, hab mir den Wohnsitz eines Asylbewerbers angeguckt.“

„Ist ja krass!“ Anton machte große runde Antifa-Augen unter seiner Sturmhaube. „Waren Sie in der Gerhart-Hauptmann-Schule?“

Weiz schüttelte den Kopf. „Ich war an der Friedrichstraße 235, wo Adelbert von Chamisso gewohnt hat. Seine Familie musste vor den französischen Revolutionstruppen flüchten, als er neun Jahre alt war, und erlebte eine schlimme Odyssee durch mehrere Länder Europas, bis ihnen der preußische König das Bleiberecht gewährte. Chamissos Mutter hatte ihn angeschrieben deswegen und die Familie genoss einen guten Ruf, was man nicht von allen französischen Adligen behaupten konnte. – Ich hab hier eine Postkarte mitgebracht aus dem Hause WiTzel, der gute Mann veranstaltet Stadtteilführungen in Kreuzberg.“

Chamisso-Tafel.
Motiv meiner Postkarte zu Chamisso-Führungen. (Anm. Herbert-Friedrich WiTzel.)

Anton sah noch einmal auf seine Antifa-Swatch. „Jetzt muss ich aber los“, rief er, „sonst komme ich zu spät und nicht mehr ins Fernsehen.“

Nun war das angestammte Team wieder beisammen an Tisch drei vom CAFÉ FANTASY am Richardplatz. Nur Nadia fehlte. „Wo bleibt eigentlich Ihre Kollegin, Garçon?“, fragte Frau Mewes-Fischer.

„Nadia ist immer noch krankgeschrieben“, seufzte Urs und sein Herz tat ihm weh. Eine Sekunde lang bekam er ganz schwarze Augen, bis er seine Gefühle wieder weggedrückt hatte.

„Haben Sie Sehnsucht nach ihr, Garçon?“, fragte Frau Mewes-Fischer.

Er nickte andeutungsweise und wandte sich dann an Weiz: „Sie wollten uns doch weiter von Pastor Blumhardt und Gottliebin Dittus im Schwarzwald erzählen, Herr Diaspora-Prediger.“

„Ich will mal so sagen“, lachtete Weiz, „wenn du wissen willst, wie die Geschichte weitergeht, dann solltest du dir vielleicht dieses Buch kaufen:“

http://www.amazon.de/gp/product/B00KB3521I?adid=01M941AC68YPY074V8PR&camp=1410&creative=6378&creativeASIN=B00KB3521I&linkCode=as1&tag=kreuzbergarch-21

„Nun seien Sie mal nicht so, Herr Weiz“, murmelte Frau Mewes-Fischer. „Ich dachte, wir wollten das CAFÉ FANTASY werbefrei halten.“

„Ja, schon“, antwortete Weiz, „aber den Witzel kenn ich ganz gut, der ist doch unser Autor und hat das hier alles ausgebrütet. Da sollten wir schon eine Ausnahme machen.“

„OK“, nickte Veronika und Urs stimmte ihr und ihm zu.

Wird fortgesetzt, bald geht die Sache weiter.

Jetzt werben wir noch für Frank Toebs, den Entrümpler unseres Vertrauens:

Frank Toebs
entruemplung.de

= = =

7. Besondere Schmakazie: jenes erwähnte Gedicht von Adelbert von Chamisso aus dem Jahre 1831 – die Wiedergabe dieses Gedichtes dient der Bildung, vier Abbildungen entnehmen wir ausgesprochen dankbar dem Goethezeitportal. (http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3290) und eine aus Wikimedia.

Ansichtskarte-CHAMISSO.
Ansichtskarte aus dem Elsass, zirka 1912, Privatbesitz.

Das Riesenspielzeug

Burg Nideck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt,
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer;
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor,
Und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein,
Neugierig zu erkunden, wie’s unten möchte sein.

Ansichtskarte-Chamisso.

Mit wen’gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,
Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald,
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,
Bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut;
Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,
Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

Pocci.

„Ei! artig Spielding!“ ruft sie, „das nehm‘ ich mit nach Haus.“
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus
Und feget mit den Händen, was sich da alles regt,
Zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammenschlägt,

Das Riesenfräulein.

Und eilt mit freud’gen Sprüngen – man weiß, wie Kinder sind –
Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
„Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höhn.“

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein,
Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
„Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei!.“

Das Riesen-Spielzeug.

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
Den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;
Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
„Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin!
Der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn!

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;
Denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot;
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor;
Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!“

Grengg-Riesenspielzeug.


Burg Nideck ist im Elsaß der Sage wohl bekannt,
Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer;
Und fragst Du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

So, Ihr Lieben, dies war WiTzels Tagblatt Nr. 98. – Hab mich gefreut, dass Sie hier waren! 🙂

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 29. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 97

Donnerstag, 29. Mai 2014

Die wichtigste Nachricht vorneweg, first, but not least sozusagen:

Noch 5 (fünf) Tage bis zu WiTzels Lied- und Lesebühne in Lankwitz mit Ingrid Biermann-Volke, einem Gast und meiner Wenigkeit.

Bei dem eingeladenen Gast handelt es sich um Klaus Regel, über den ich einen guten Artikel in der taz gelesen hatte:
http://www.taz.de/!97331/

  1. Tagesmusik von den DUBLINERS: Lord Of The Dance;
  2. Bild des Tages von Pieter Bruegel Senior bzw. dem Älteren;
  3. Spruch zum Tage von Flavio Alborino aus Freiburg;
  4. Kalendergeschichte, diesmal zur Quäker-Hilfe Quäkerhilfe.;
  5. Vorlesung, Tintenherz;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY.
  7. Besondere Schmakazie für dieses langhaarige Volk vom andern Stern, das die Blumen lieb hat:

    aus Blancas Blog.
    Aus Blancas kleinekleinigkeiten-Blog.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

1.a) Ton ab für ein altes Lied, das Jesus Christus meint, den Party-Retter der Hochzeit zu Kana:

 

Auf den Seiten der Evangelischen Kirchengemeinde Weingarten fand ich einen guten Text dazu und übernehme diese Verse mit einem Dankeschön:

1.b) Der König des Tanzes

(altes Quäkerlied, in der Übersetzung von H.J. Hufeisen)

Tanz’ doch, wo immer du auch bist,
Ich bin der König des Tanzes, spricht Christ.
Ich tanzte durch des Todes Haus
in Gottes Welt hinaus.
Drum traue darauf, das Leben steht auf!

1.
Ich tanzte an dem Morgen beim Erwachen dieser Welt,
Ich drehte um die Sonne und in dem Sternenzelt.
Ich schwang mich auf die Erde
und schwebte gut auf ihr.
Ich tanze und singe das Leben zu dir.
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

2.
Ich tanzte meine Seele den hohen Herren vor,
doch wollten sie nicht tanzen,
denn das bringt Mut hervor.
So ging ich zu den Fischern, und rief sie aus dem Boot.
Sie tanzten mit Kraft und vergaßen die Not.
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

3.
Ich tanzte auch am Sonntag
trotz schärfstem Tanzverbot,
Ich tanzte mit den Schwachen, wir teilten Zeit und Brot.
Die Frommen starrten förmlich, weil ich so anders war, sie hassten mein Volk und ich starb wie ein Narr.
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

4.
Mein Tanzen war verloren, kein Leben regte sich.
Da grinsten stolz die Herren der Welten über mich.
Die Fischer weinten bitter und gingen auf Distanz.
Die Schwachen, sie hofften erneut auf den Tanz.
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

5.
Ich tanzte nach drei Tagen befreiend durch die Welt.
Selbst Steine rollten Wege trotz Mauern durch das Feld
Da traf ich meine Fischer und Schwachen traurig an.
Sie staunten und fühlten, das Tanzen begann…
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

= = =

S;=)

2. Bild des Tages:

Detail-1.
Teil (Detail) 1.
Detail-2.
Teil (Detail) 2.
Detail-3.
Teil (Detail) 3.
Bruegel d.Ä.
Pieter Bruegel der Ältere: Bauerntanz (1568).

 

= = =

S;=)

3. Spruch zum Tage:

Beim Tanzen gibt es keine Fehler, nur Variationen.

FLAVIO ALBORINO, Salsa-Lehrer in Freiburg.

= = =

S;=)

4. Kalendergeschichte:

Heute biete ich Euch, Ihnen und uns etwas Besonderes, nämlich die Vor-Veröffentlichung eines Beitrags, der erst am ersten Juli im „Brückenbauer Friedrichshain-Kreuzberg interkulturell“ erscheint. Darf ich das überhaupt? – Ja, denn den Text hab ich verfaßt. Bei meiner Schreibe bin ich der Kapitän und den Text dürfen alle lesen, die jetzt laut singen: „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise…“

51 Jahre Quäker-Hilfe in Deutschland, seit April in Berlin

Quäkerhilfe.
Symbol bzw. Logo der Quäker-Hilfe.

Bis zu der Ausstellung „Stille Helfer — Quäker-Hilfe im Nachkriegsdeutschland“ 1996 im Deutschen Historischen Museum (Berlin) kannte ich Quäker nur aus Geschichten und dem Geschichtsbuch. Genau wie viele andere Deutsche verband ich durch Erzählungen meiner Eltern und Großeltern die Schulspeisung oder „Kinderspeisung“ (Rosinenbrötchen, Kakao, Haferbrei) mit dem Wort „Quäker“. Warum heißen sie überhaupt „Quaker“, zu Deutsch: „Zitterer“? George Fox, einer der Ur-Quäker, schreibt dazu in seiner Lebensgeschichte: „Es war Richter Bennet zu Derby, der uns zuerst Quäker genannt hat, weil ich ihnen sagte, sie müssten erzittern vor dem Wort Gottes. So geschehen 1650.“

George-Fox.
George Fox (1624 bis 1691).

In schlimmster Not nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die von US-amerikanischen und britischen Quäkern organisierte „Quäkerspeisung“ für Millionen deutscher Kinder zur rettenden humanitären Großtat und zum Aha-Erlebnis: Die ehemaligen Feinde kamen mit der Suppe.
Vor dem Ersten Weltkrieg waren Quäker in Deutschland praktisch ausgestorben. In Meyers Konversationslexikon von 1899 lesen wir unter „Quäker“: In Deutschland nur in der Gegend von Pyrmont vertreten, wegen Fleißes und häuslicher Tugend geachtet.
Kirchen und Religionen gab es reichlich. Alle Soldaten des Ersten Weltkriegs, die sich gegenseitig zusammenschossen, trugen Neue Testamente, New Testaments und Nouveaux Testaments in der Tasche oder, um niemandes Gefühle zu verletzen, Korane oder die Thora. Nach dieser mörderischen industriellen Revolution auf den Schlachtfeldern entstand in vielen Herzen eine brennende Sehnsucht nach Frieden, und diesen Frieden des Herzens brachten die Quäker mit für jedermann und genderneudeutsch jedefrau und jedenjedi, ohne sich erst das Parteibuch, den Ariernachweis, die rote Fahne oder sonstige politische Korrektheitszeugnisse vorlegen zu lassen. Die deutschen Quäker wuchsen wie Senfkörner und trafen sich 1925 in Eisenach zur ersten eigenständigen „Deutschen Jahresversammlung“ der „Religiösen Gesellschaft der Freunde“, denn so nennen sie sich nach dem 15. Vers im 15. Kapitel des Johannesevangeliums: „Ich werde euch nicht mehr Diener nennen; denn ein Diener weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr nenne ich euch Freunde; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (O-Ton Jesus).
Im November 1925 zog das „Quäkerbüro“ in den linken Seitenflügel der Prinz-Louis-Ferdinand-Str. 5, heute Planckstraße 20, Berlin-Mitte. Dort befindet es sich heute noch.

 

Planckstraße_20.
Berlin Mitte, Planckstraße 20, Eingang.
Quäkerschild.
Schild des Quäkerbüros in der Planckstraße.

1965 gründete sich die „Deutsche Quäker-Hilfe“, sie zog jetzt am 10. April von Bielefeld nach Berlin und unterstützt Projekte wie „Fair Trade“ durch Zusammenarbeit. „Fair Trade“-Kaffee gibt es seit ein paar Wochen sogar bei Aldi, wie ich aus meinem Alltag weiß. Außerdem weiß ich, dass Ziele beim Gehen entstehen und Pfade beim Trampeln, aber was ich außerdem schon immer wissen wollte, ist: Wie geht eigentlich glückliches Gehen? — In den Infos der Quäker-Hilfe findet sich dazu einen Tipp: „Ich glaube, dass ich nur einmal durch dieses Leben gehe. Wenn ich daher irgendwo Güte zeigen oder einem Mitmenschen irgend etwas Gutes tun kann, dann will ich das nicht aufschieben oder sein lassen, sondern hier und jetzt tun. Denn diesen Weg werde ich nicht mehr entlang kommen.“ WILLIAM PENN (1644 bis 1718), Gründer Pennsylvanias. Er schloss den einzigen Vertrag zwischen Weißen und Indianern, der nie aufgeschrieben und nie gebrochen wurde.

http://www.quäker-hilfe.de/

 

= = =

5. Vorlesung ― http://volkslesen.tv/06-13-tafelwerk-und-tintenherz-tintenherz/

= = =

6. Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 17

Wir erinnern uns an Veronika Mewes-Fischer (82), Urs Bergner (39) und den Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz (214), die sich in der Zeitschleife des CAFÉ FANTASY an Tisch drei getroffen haben zur Small Talk Show ohne Fernsehen.

Urs Bergner ergriff das Wort: “Erzählen Sie uns lieber weiter von 1841 und dieser Gottliebin Dittus im Schwarzwald, Herr Diaspora-Prediger.”

„Gute Idee“, nickte Frau Mewes-Fischer. Weiz schwieg nachdenklich so lange, dass es ihr zu lang und weilig wurde. „Wissen Sie eigentlich, Herr Weiz, warum wir Frauen immer das letzte Wort haben?“

Weiz schwieg weiter. „Warum denn, Veronika?“, fragte Urs an seiner statt. Er musste dabei verstärkt an Nadia denken.

„Weil Euch Männern immer so schnell nichts mehr einfällt“, antwortete Frau Mewes-Fischer.

Weiz räusperte sich. Auf einmal flog die Tür auf. Ein schwarz gekleideter Finstermann mit schwarzer Sturmhaube stürmte ins CAFÉ FANTASY und baute sich vor Tisch drei im allgemeinen und dem Diaspora-Prediger Weiz auf. „Wir haben gehört, du bist einer von diesen ewig Gestrigen und hast gedacht, wir kriegen dich nicht!“

Weiz räusperte sich immer noch. „Wer sind Sie denn?“, fragte Frau Mewes-Ritter streng.

„Ich bin Anton von der Antifa Neukölln“, sagte Anton zu ihr. Dann wandte er sich wieder Weiz zu. „Und ich hab gehört, du bist 214 Jahre alt und arbeitest als Diaspora-Pfaffe?“ Weiz nickte schweigend.

„Und was hast du in der Zeit von 1939 bis 1945 gemacht?“

„Da hatte ich Pause“, antwortete Weiz.

„DA HATTEST DU PAUSE? IM FASCHISMUS HATTEST DU PAUSE?“, brüllte Anton von der Antifa.

„Was ist das, Faschismus?“, fragte Weiz. Anton von der Antifa wusste es auch nicht so genau. Er wusste nur, dass er dagegen war, und nahm eine drohende Haltung ein. Weiz stand auf und nahm eine gerade Haltung ein. Veronika Mewes-Fischer stand auf und nahm eine gerade Haltung ein. Urs Bergner stand auf und nahm eine gerade Haltung ein.

Weiz betrachtete Anton in seiner schwarzen Vermummung. Wir geben hier eine kleine Sehhilfe diesbezüglich, für die wir uns bei BANKSY herzlich bedanken:

BANKSY
Anton von der Antifa noch ohne Sturmhaube und dafür mit Mutter.

„Gehören Sie zum gleichen Verein wie diese vermummten Finsterfrauen, denen ich unterwegs begegnet bin?“, fragte Weiz. „Oder ist gerade Karneval?“

Anton von der Antifa war aber nicht nach närrischen Tagen oder gar zum Lachen. „Wir sprechen uns noch“, knurrte er und machte, dass er wegkam. So janz alleene, det war ihm nix.

Weiz hatte sich nun genug geräuspert. Er blickte Anton von der Antifa etwas verblüfft nach, als der übern Richardplatz abmarschierte. Dann fuhr er fort mit seiner Geschichte, die er durch die Zeitschleife trug: “In der folgenden Adventszeit des Jahres 1841 be­kam Gottliebin Dittus eine so schlimme Gesichts­rose, dass deren gleichzeitiges Brennen und Jucken ihr gesamtes Nervenkostüm ergriff und sie krank ans Bett fesselte. Sie musste sich von ihren Ge­schwistern versorgen lassen.
Angst ist der Glaube des Teufels. Was die armen Dittus-Geschwister ängstigte und auch dem Leineweber Seitz im ersten Stock die Ruhe raubte, das war dieses vom Verstand her unerklärbare, ständig wiederkehrende Geschlurfe und Gepolter in Stube, Küche, Kammer des Erdgeschosses.
Für den Pfarrer Blumhardt empfand Gottliebin eine merkwürdige Hassliebe. Während sie sonntags in der Kirchenbank saß und seiner Predigt lauschte, wuchs in ihr auf einmal der Wunsch, ihm die Augen auszukratzen. — Andererseits konnte der Pastor und Seelenhirte Blumhardt sicher sein, Gemeindeschaf Gottliebin überall dort anzutreffen, wo es auch nur irgendein Erbauungswort von ihm zu hören gab ― obwohl ihr das Gehen schwerfiel mit ihrer schiefen Hüfte und dem zu kurzen Hinkefuß. Wenn sie nach diesen Ausflügen wieder in die Dittus-Wohnung zurückgehumpelt kam, wurde sie dort empfangen von einer seltsamen Eiseskälte, die ihr durch Mark und Knochen ging und minutenlang das Herz abdrückte, bis sie wieder zu sich kam.
Ihre Persönlichkeit veränderte sich. Gottliebin entwickelte eine abstoßende, ablehnende Art, die den Möttlingern zusehends widerlich wurde, wenn sie nicht gerade selber ungeschlachte grobe Klötze waren.
Weil Gottliebin ihre Erfahrungen und Erlebnisse eisern für sich behielt und mit ihren drei Geschwistern als arme Waisenfamilie Dittus keinen besonderen gesellschaftlichen Stellenwert am Ort hatte, fragte niemand weiter nach ihr — außer dem jungen Landarzt Dr. Späth, der sie seit dem Tod ihrer Eltern als Armendoktor betreute. Er war auch der einzige Mensch, dem sie manches von ihren Plagen im Vertrauen auf seine ärztliche Schweigepflicht mitgeteilt hatte.
Dieser Dr. Späth blieb zwei Mal über Nacht in der Stube der Dittus-Wohnung. Was er dort in der ersten Nacht erlebte, übertraf alle seine Erwartungen und Befürchtungen. In der zweiten Nacht lud er noch drei wissbegierige Personen ein, mit ihm dort die Zeit zu verbringen und Zeugen des geisterhaften Polterns und Schlurfens zu werden. In dieser Nacht sträubten sich allen Anwesenden die Haare. — Danach wurden diese Ereignisse zum Ge­sprächs­stoff, und zwar weit über Möttlingen hinaus. Die Nachricht dieser seltsamen Ereignisse verbreitete sich rasch in der ganzen Umgegend, so dass inzwi­schen sogar schon aus Calw und Stuttgart Anreisen­de gesichtet wurden, die neugierig um das Haus Brunnengasse 3 herumschlichen und Fragen stell­ten, die niemand beantworten konnte oder wollte. Allerdings erzählte Gottliebin auch dem Dr. Späth nichts von der wahren Ursache ihres Blutverlustes, von diesen vampirischen Geistern, die sie jede Wo­che heimsuchten. Der Arzt sah nur hilflos mit wach­sendem Entsetzen zu, wie sie immer schwächer wurde.
Anfang Februar 1842 brach über den Schwarz­wald eine derartige Kältewelle herein, dass die Vö­gel tot wie Holzstücke vom Himmel fielen. Wege und Straßen lagen so verschneit, dass keine Kut­sche mehr durchkam. Auf der zugefrorenen Nagold liefen dick eingemummelte Familien fröhlich Arm in Arm Schlittschuh und freuten sich auf die Bratäp­fel, die schon zu Hause im Kachelofen warteten.
Dr. Späth hatte über zwei Stunden bei seiner Patientin in Möttlingen verbracht und wusste zum erstem Mal in seinem Ärzteleben nicht mehr weiter. Deshalb borgte er vom Schultheiß, dem Wolldecken- und Teppichhersteller Kraushaar, dessen Pferdeschlitten. Im Schwarzwald hießen die Bürgermeister ‚Schultheiß‘ bis ins 20. Jahrhundert hinein. Von Kraushaars zwei schweren Haflingern ließ sich Dr. Späth über die schneeweißen Wege zum Arzt Dr. Körner in Altburg bei Calw ziehen.
‚Sie haben doch Gottliebin Dittus damals behandelt, Herr Kollege‘, begann er dort das Gespräch mit Dr. Körner ohne Umschweife, wie es seine Art war.
‚Ich erinnere mich‘, murmelte Körner zurückhal­tend, ein hagerer grauhaariger Mann mit vielen Falten in einem schmalen Gesicht. ‚Was gibt es denn?‘
‚Krämpfe gibt es ohne erkennbare Ursache‘, sprach Dr. Späth, ‚Krämpfe und Blutverluste, die gar nicht mehr aufhören.‘
‚Seit wann?‘
‚Seit…‘, Dr. Späth dachte nach, ‚seit sie in Möttlin­gen mit ihren drei Geschwistern eine Wohnung be­zogen hat.‘
‚Und sonst?‘ Besonders redselig schien der Kol­lege nicht zu sein.
‚Sie ist dort beim ersten Tischgebet ohnmächtig vom Stuhl gefallen‘, sagte Späth. ‚Eine solche Ohn­macht hat sie vorher noch nie erlebt.‘
‚Was sagt denn der Pfarrer dazu?‘
‚Der Pfarrer?‘ Späth starrte seinen Kollegen ver­blüfft an. ‚Der hat doch von Medizin gar keine Ah­nung.‘
Pause.
‚Er ist immerhin Seelsorger‘, sprach der Altburger Arzt. ‚Vielleicht ist ihre Seele krank oder …‘, er zögerte.
‚Oder was?‘, wollte Späth wissen.
Körner antworte: ‚Zwischen Himmel und Erde gibt es einen Bereich, den unsere Schulmedizin nicht kennt, weil dort die Finsternis herrscht.‘ Nun bekam Körner zu den vielen Längsfalten im Gesicht auch noch auf der Stirn drei tiefe Querfalten. Er klatschte entschlossen in die Hände. ‚Guten Tag und vielen Dank für Ihren Besuch, aber ich muss jetzt weitermachen.‘ Mit der rechten Hand griff er zu seiner Arzttasche und mit der linken hielt er dem Kollegen die Tür auf.
Als Dr. Späth nach Möttlingen zurückkehrte, hat­te schon die Dämmerung eingesetzt. Im Pfarrhaus sah er Licht und klopfte an. Pastor Johann Chri­stoph Blumhardt saß mit seiner Frau Doris am Ess­tisch beim Abendbrot. Dr. Späth sollte sich mit an den Tisch setzen. Er hatte zum Leidewesen der Hausfrau aber keinen Appetit auf das Abendbrot und blieb stehen, was auf sie ausgesprochen un­freundlich und ungemütlich wirkte.
‚Gottliebin Dittus ist sehr krank, Herr Pfarrer‘, sagte der Arzt.
‚Davon haben wir gehört, Herr Dr.‘, sagte Doris Blumhardt, weil ihr Mann gerade am Kauen war und den Mund voll hatte mit Graubrot, Butter und Schwarzwälder Schinken. ‚Hoffentlich wird das arme Ding bald wieder gesund.‘ Als Blumhardt ausgekaut und herunterge­schluckt hatte, wischte er sich mit einer blau ge­musterten Leinentuchserviette den Mund ab.
‚So viel ich weiß, Herr Dr., wird sie von Ihnen gut und anteilnehmend medizinisch versorgt‘, ergänzte er die Rede seiner Frau.
‚Ich habe Medizin studiert und bin Arzt, das ist richtig‘, sagte Dr. Späth.
‚Die Kranken brauchen den Arzt, nicht die Ge­sunden‘, sprach Blumhardt und seine Frau nickte. Es störte Doris sehr, dass dieser Doktor sich be­nahm wie zwischen Tür und Angel. Jetzt schlug er sogar noch seinen Mantelkragen hoch, als ob es ihn hier fror.
‚Das geht so nicht weiter mit Gottliebin‘, brumm­te Späth. ‚Hier kann kein Arzt mehr helfen, da muss ein Mann Gottes ran.‘
Blumhardt bekam vor Schreck einen Hustenan­fall.
‚Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Herr Pastor, als unsere Schulmedizin sich träumen lässt‘, wiederholte Späth die Rede seines Altburger Kollegen und verfertigte allmählich den Gedanken, dass für die Schultheologie das gleiche galt.
‚Was hat das arme Ding denn Wundersames?‘, fragte Doris und beobachtete besorgt ihren husten­den Gatten.
‚Gottliebin Dittus bekommt grundlose Krampf­anfälle‘, erklärte Späth aufgebracht. ‚Sie verliert Blut und wird von Tag zu Tag schwächer. Außerdem poltert und schlurft irgend etwas Unsichtbares um sie herum, und zwar so laut, dass inzwischen halb Möttlingen jede Nacht davon wach und unruhig wird.‘
Doris lauschte aufmerksam und besorgt auf die Geräusche ihres hustenden Mannes und sprach: ‚Wir haben hier noch nichts ge­hört im Pfarrhaus.
‚Das ist ja das Schlimme‘, seufzte Späth.
Die Hausfrau wollte den ungebetenen Gast gern auf fromme, liebenswürdige Art loswerden und wusste nicht wie.
Blumhardt beruhigte sich langsam wieder und fragte mit viel Freundlichkeit im Tonfall: ‚Warum arbeitet sie eigentlich nicht mehr?‘
‚Weil Gottliebin rechts einen verkürzten Fuß und dadurch links eine hohe Seite bekommen hat. Sie kann jetzt nur noch humpeln‘, antwortete Dr. Späth. ‚Außerdem wird sie gequält von Magen­schmerzen, Unterleibsleiden und kaputten Nieren, seit sie 13 ist.‘
Der Pfarrer dachte nach. ‚Die unerklärlichen Dinge zwischen Himmel und Erde entstammen ei­ner überkandidelten fehlgeleiteten Einbildungs­kraft‘, sagte Blumhardt dann ruhig und entschieden. ‚Man kennt doch die Frau­enzimmer, wie sie sind, wenn sie hysterisch wer­den. Meistens hilft schon eine Tasse Melissentee in solchen Fäl­len.‘
Dr. Späth nickte verärgert und wischte sich die Haare aus der Stirn. ‚Ja, ich kenne die Weiber und eben drum kann ich Einbildung ganz klar unter­scheiden von Geschehnissen, die über unsere fünf menschlichen Sinne und unseren Verstand weit hinaus gehen.‘ Er zog ein ganz neues Neues Testa­ment aus der Jackentasche und blätterte es zielstre­big bei einem eingeknickten Eselsohr auf. ‚Hier heißt es ausdrücklich: ‚Als aber Jesus auferstanden war am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.‘ Sie kennen doch die Bibel, Herr Pastor, oder?‘
Blumhardt fand die Frage reichlich unverschämt, Doris auch. ‚Natürlich kenne ich die Bibel, Sie…‘, ihm fiel kein treffendes frommes Wort ein für den Arzt. ‚An die Heilige Schrift können Sie aber nicht herangehen wie an einen Steinbruch und sich das herausbrechen, was Ihnen gerade in den Kram passt. Maria stammte aus Magdala und nicht aus Möttlingen. Sie lebte vor über eintausendachthun­dert Jahren. Damals herrschte eine ganz andere Weltsicht.‘
Der Arzt sprang auf und steckte sein Neues Tes­tament wieder ein. ‚Es hat keinen Zweck, weiter mit Ihnen zu reden, Pastor Blumhardt. Sie wollen nicht verstehen, wovon ich rede.‘
‚Ich will nicht? Nein, ich kann es nicht verstehen, Herr Dr. Späth.‘ Blumhardt legte sein Besteck hin, dass es klirrte. ‚Ich predige jeden Sonntag in der Marienkirche, taufe neugeborene Kinder, kümmere mich um die Konfirmanden, um die Paare, die hei­raten wollen, und um die Toten, die beerdigt wer­den wollen, und bin ansonsten im Pfarrhaus zu christlichen Zeiten immer erreichbar. Was glauben Sie denn, wer ich bin und was mir möglich ist? Ich kann weder zu Fuß übers Wasser laufen noch sonst irgendwelche Wunder tun.‘
‚Wollen Sie nicht wenigstens eine Tasse Melis­sentee mit uns trinken?‘, fragte Frau Blumhardt.
‚Nein, danke‘, sagte Dr. Späth.
‚Ich bin Pastor und Hirte‘, fuhr Blumhardt fort, ‚aber kein Wundermann und kein Geisterjäger.‘
‚Wenn Sie Pastor und Hirte sind, warum küm­mern Sie sich dann nicht um Ihr krankes Gemeinde­kind Gottliebin Dittus?‘, fragte Dr. Späth kämpferisch.
‚Weil sie einen guten Arzt hat und mich gar nicht sehen will‘, antwortete Blumhardt friedlich.
‚Sie haben doch bloß Angst um Ihren Ruf als auf­geklärter evangelischer Pfarrer, der in Tübingen Theologie studiert hat‘, fing der Arzt nun an zu schimpfen. ‚Deshalb wollen Sie sich hier auf keinen Kampf mit den Geistern einlassen, die Gottliebin kaputt machen.‘
‚Schreien Sie uns nicht so an‘, sagte Doris.
‚Mein Ruf ist mir egal‘, behauptete Blumhardt. ‚Aber wie auch immer, wir leben heute im moder­nen neunzehnten Jahrhundert und nicht im Mär­chenland des Mittelalters mit seinen Feen, Zwergen, Riesen und sonstigen Spukgestalten. Das müssten Sie als Arzt und Naturwissenschaftler doch am bes­ten wissen.‘
‚Ich weiß jedenfalls, dass der Medizin und mir als Arzt Grenzen gesetzt sind‘, sagte Späth. ‚Und hinter diesen Grenzen geht es unsichtbar wei­ter.‘
‚Warum wollen Sie meinen Mann unbedingt mit hineinziehen in diese unerfreuliche Sache, Herr Dr. ?‘, fragte Doris Blumhardt.
‚Unbedingt mit hineinziehen?‘, wiederholte der Dr. Späth erstaunt. ‚Sie haben doch beide keinen blas­sen Schimmer, wie schlimm es um die Kranke wirk­lich steht.‘ Er blickte Doris so durchdringend an, dass sie den Blick senkte. ‚Frau Blumhardt, was tun Sie, wenn es hier im Pfarrhaus brennt?‘
‚Dann versuche ich zu löschen und mein Mann ruft die Feuerwehr‘, antwortete sie.
‚Und was tun Sie, wenn die Flammen aus dem Haus Ihres Nächsten schlagen?‘, fragte der Dr. aufgebracht weiter. ‚Sehen Sie zu, wie ein Mensch lichterloh verbrennt?‘
‚Nein, natürlich nicht‘, rief Doris empört. ‚Wir rufen ge­nauso die Feuerwehr und versuchen zu retten, was zu retten ist.‘
‚Etwas anderes tue ich hier für Gottliebin Dittus auch nicht.‘ Späth riss zornig die Tür auf. ‚Gute Nacht und schlafen Sie gut weiter!‘ Er verließ das Pfarrhaus.“

Weiz verließ das CAFÉ FANTASY nun dito. Veronika und Urs blieben etwas ratlos zurück. Das heißt, Urs Bergner blieb ratlos. Frau Mewes-Ritter dagegen zuppelte ihren Ebook-Reader aus der Handtasche und fing an zu lesen.

„Was lesen Sie denn da?“, fragte Urs.

„Ach, ich lese einen historischen Krimi über die bekannteste deutsche Serienmörderin, Garçon“, antwortete sie freundlich. „Das Ebook gibt es nämlich ein paar Stunden lang kostenlos, weil Herbert-Friedrich WiTzel alias Hermann Syzygos heute seinen sozialen Tag hat.“

Der Engel von Bremen.
Zum sozialen Sonderangebot hier aufs Bild klicken bitte. FROHES SCHMÖKERN!

 Wird fortgesetzt – morgen geht die Sache weiter.

  • Wird Dr. Späth den Pastor Blumhardt rumkriegen, dass der sich doch noch mit diesem Menschenkind abgibt?
  •  Bald wissen wir mehr!

= = =

7. Besondere Schmakazie aus Blancas kleinekleinigkeiten-Blog:

 

Anello meraviglioso

aus Blancas Blog.
Aus Blancas kleinekleinigkeiten-Blog.

= = =

 

Mittwoch, 28. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 96

Mittwoch, 28. Mai 2014- noch sechs Tage bis zu meinem Auftritt im Film-Kultur-Café Lankwitz.

  1. Tagesmusik Roy Orbison und Johnny Cash;
  2. Bild des Tages: Mary Cassatt,
  3. Spruch zum Tage von Tom Hanks;
  4. Kalendergeschichte, diesmal über Lola Montez und den König;
  5. Vorlesung, Gogol;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY.
  7. Besondere Schmakazie: die Auflösung des gestrigen Schachproblems.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

Ton ab für ein Ständchen für diese hübsche Frau namens „Pretty Woman“

Was nun Johnny Cash angeht, da empfehle ich guten Gewissens meine eigene Schreibe:

Johnny-Cash.

= = =

S;=)

Bild des Tages:

Bootsfahrt.
Mary Cassatt: Die Bootsfahrt (1894).

= = =

S;=)

Spruch zum Tage:

Das so genannte schwache Geschlecht ist meist das stärkere Geschlecht wegen der Schwäche, die das stärkere Geschlecht für das schwache Geschlecht hat.

TOM HANKS zugeschrieben.

= = =

S;=)

Kalendergeschichte:

Als Lola Montez im Jahre 1846 nach München kam, wollte sie im Theater tanzen. Das wurde aber von der Intendanz abgelehnt. Sofort begab sie sich zum König Ludwig I. von Bayern, fing gleich im Vorzimmer Zank und Streit mit dem Kammerdiener an, weil der sie nicht vorlassen wollte, und veranstaltete dabei einen derartigen Aufriß, dass ihr heftiges Randalieren bis zum König durchdrang. Er befahl, man solle diese kecke und hochnäsige Person ruhig vorlassen, er werde ihr schon selber den Kopf waschen.

Als Lola Montez eintrat, war der König von ihrer Attraktivität sichtlich überrascht und augenblicklich für sie eingenommen. Nun kam es zu der in München oft und gern erzählten Szene, dass er die Echtheit ihres hervorragend gewölbten Busens anzweifelte. Daraufhin nahm sie eine Schere von seinem Schreibtisch und schnitt damit das Kleid vor ihrer Brust auf. Von diesem Moment an war der König sterblich in sie verliebt.

😉

 

 

= = =

Vorlesung ― http://volkslesen.tv/05-08-der-lesende-tresen-nikolaj-gogol/

= = =

Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 16

„Weiß einer, wo der Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz bleibt?“, fragte Urs Bergner (30) an Tisch drei.

„Nicht wirklich, Garcon“, antwortete Frau Mewes-Fischer (82) für den Rest der Welt, denn außer ihr befand sich niemand im Lokal.

„Weiß einer, wie die Wahlen zum EU-Kommando ausgegangen sind?“, fragte Urs Bergner weiter.

„Ja, Garçon“, nickte Frau Mewes-Fischer.

Die Tür ging auf und wieder zu. Prediger Weiz war eingetreten, grüßte stumm und setzte sich mit an Tisch drei.

„Die Politiker haben mal wieder gewonnen“, fuhr Frau Mewes-Fischer fort. „Es gibt zwar mehr Menschen in Europa als Politiker, aber deswegen haben sie ja auch die EU gegründet. Dort sind Politiker die mächtige Mehrheit.“

„Wer ist EU?“, fragte Weiz, der als Mensch des 19. Jahrhunderts nur Europa, Asien, Afrika, Amerika und Australien kennengelernt hatte.

„Die EU ist eine juristische Person, Herr Weiz“, erläuterte Urs Bergner, „eine Brüsseler Kapitalgesellschaft mit der Zielvorgabe, den Eurodollar weltweit in allen Ländern als Währung einzuführen, um Märkte und Menschen besser beherrschen zu können.“

„Na, na, Garçon“, sagte Frau Mewes-Fischer, „nun machen Sie mal unser schönes Europa nicht so madig.“

„Europa hat mit der EU so viel zu tun wie Deutschland“, knurrte Urs, „beide müssen für alles bezahlen, was die EU bestellt, Deutschland mit Bargeld und Schulden und noch mehr Schulden, und ganz Europa bezahlt mit Arbeitsplätzen und No Future. Keine Generation hat jemals dieses ‚Keiner-braucht-dich‘-Gefühl so ins Herz gehämmert gekriegt wie die EU-Generation. Es ist wie eine Bessenheit jener Regierungen, die nun meinen, sie müssten unbedingt der 51. Bundesstaat der USA werden.“

„Dafür müssen Sie Verständnis haben, Garçon“, sprach Frau Mewes-Fischer. „Wer in die Politik geht, der träumt vom großen Auftritt und steht gern im Mittelpunkt. Reichstag ist ja schon ganz schön, aber die EU-Passionsspiele sind eben noch schöner. EU-Politiker sind in erster Linie vom Finanzamt gesponsorte Regierungsvertreter. Dann kommt eine Ewigkeit lang gar nichts und dann kommen sogenannte ‚Volksvertreter‘, die davon träumen, Regierungsvertreter zu werden.“

„Passionsspiele?“ Weiz wunderte sich.

Urs ergriff das Wort: „Erzählen Sie uns lieber weiter von dieser Gottliebin Dittus im Schwarzwald, Herr Diaspora-Prediger.“

Wird fortgesetzt. Es kommt noch besser – bald geht die Sache weiter!

= = =

7. Auflösung des Schachproblems von gestern:

Schach-Problem zu Nr. 95
Weiß ist dran – Matt in zwei Zügen.

1.Tf7+ Sxf7 2.Sg6#

Dienstag, 27. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 95

Dienstag, 27. Mai 2014

  1. Tagesmusik aus dem Buckingham Palace Garden;
  2. Bild des Tages: Schachpartie;
  3. Spruch zum Tage von Else Lasker-Schüler;
  4. Kalendergeschichte, diesmal über einen Schweizer Universalgelehrten;
  5. Vorlesung, Stefan Zweig;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY fällt heute aus.
  7. Besondere Schmakazie ist wieder unsere Dienstags-Schachkomposition.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

1. Ton ab für VOLLES HAUS und „All You Need Is Love“:

Was gut ist, setzt sich durch, und Jesus hat sich durchgesetzt, weil wir alle mehr Liebe brauchen als wir verdienen.

= = =

S;=)

2. Bild des Tages:

Francesco-di-Giorgio-Martini.
Fragment: „SCHACHPARTIE“, gemalt vor 1500 von Francesco di Giorgio Martini
eigentlich: Francesco Maurizio di Giorgio di Martino Pollaiuolo
* 23.09.1439 Siena
November 1501 Siena
Wirkungsorte: Siena, Urbino.

Das passt gut zu meinem Traum eines allgemeinen Schachturniers um den LASKER/LASKER-SCHÜLER=Pokal, benannt nach dem dem deutschen Schachgroßmeister Emanuel Laser und seiner Schwägerin, der Dichterin Else Lasker-Schüler. Wir sind nun mal das Volk der Dichterinnen und Denker.

= = =

S;=)

3. Spruch zum Tage bzw. Weiß ist am Zug:

Hauche über den Frost meines Herzens, und wenn du es zwitschern hörst, fürchte dich nicht vor seinem schwarzen Lenz.

ELSE LASKER-SCHÜLER.

= = =

S;=)

4. Kalendergeschichte:

Huber.
Albrecht von Haller (1708 bis 1777).
Johann-Rudolf-Huber.
.

 

= = =

5. Vorlesung

http://volkslesen.tv/07-10-friedrichstadtpalast-liest-stefan-zweig/

= = =

6. Fortsetzungsgeschichte: „Café Fantasy“ fällt wegen gebremster Phantasie aus, ist aber morgen wieder da.

Wir empfehlen anstatt:
http://www.amazon.de/Die-Besessene-Gottliebin-Dittus-Moettlingen/dp/1496119681/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1401133584&sr=8-1&keywords=Witzel+Die+Besessene

 

7. Schachkomposition „Bonus Socius = Guter Gefährte“

So heißt ein mittelalterliches Manuskript zum Schach aus dem 13. Jahrhundert, dessen Autor anonym geblieben ist. In jenem Werk findet sich dieses Problem:

Schach-Problem zu Nr. 95
Weiß ist dran – Matt in zwei Zügen.

Auflösung morgen.

Vielen Dank für Ihren Besuch!

 

Sonntag, 25. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 94

Sonntag, 25. Mai 2014

Sonntag ROGATE (Betet!) : „Gelobt sei Gott, der meine Gebete nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“ PSALM 66,20.

  1. Tagesmusik plattdeutsch;
  2. Bild des Tages: Félix Vallotton;
  3. Spruch zum Tage von Steve Jobs;
  4. Kalendergeschichte, diesmal mit Eugen d’Albert;
  5. Vorlesung, Steve Jobs;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY.
  7. Besondere Schmakazie von Blancas Blog „keine kleinigkeiten“: Der Schlüssel zum Herzen.

= = =

Am MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

Ton ab für ein besinnliches Sonntagslied:

 

= = =

S;=)

Bild des Tages:

Kinder am Teich.
Félix Vallotton: Kinder an einem Teich (1900).

= = =

S;=)

Spruch zum Tage:

Ich würde mein gesamtes technisches Wissen sofort gegen einen einzigen Nachmittag mit Sokrates eintauschen.

STEVE JOBS.

= = =

S;=)

Kalendergeschichte:

Der Komponist Eugen d’Albert verbrachte in Riga einen sonnigen Lebensabend und sprach eines Tages mit seinem Rechtsanwalt über seine neue Ehe, die er mit einer jungen italienischen Freundin eingehen wollte. Von seiner sechsten Frau, in Musikerkreisen „die Pastorale“ genannt, hatte er sich gerade eben scheiden lassen. Der Jurist warnte ihn: „Herr Hofrat, sind Sie denn diesmal ganz sicher, dass Sie Ihre Neuerwählte auch wirklich lieben?“

„Und ob ich sicher bin“, erwiderte d’Albert im Brustton der Überzeugung. „Sollte ich nicht wissen, was Liebe ist, wo ich schon sechs Mal verheiratet war?“

S;=)

= = =

Vorlesung ―betrifft Steve Jobs:

http://volkslesen.tv/48-13-volkslesen-am-osz-kim-woche-1-walter-isaacson/

= = =

Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 15

Wir erinnern uns an den Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz an Tisch drei, an Frau Veronika Mewes-Fischer und an den nachdenklich gewordenen Aushilfskellner und Eismatscher Urs Bergner. Weiz hat gerade aus den Jahr 1842 live berichtet, wie Gottliebin Dittus zum Schrecken ihrer Tante den Pastor vergrault hatte.

“Und dann?”, fragte Urs zwei Mal, weil Weiz nicht gleich antwortete. [Kurze Anmerkung am Rande, liebe Leserinnen und Leser: Ich bemühe mich ja nun echt, die neue Rechtschreibung mitzumachen, aber diese Mehrarbeit ist doch idiotisch, aus zweimal „zwei Mal“ machen zu müssen, das gibt doch gar keinen verbesserten Sinn! – Herbert-Friedrich Witzel.]

“Ja”, stimmte Frau Mewes-Fischer der Frage ihres Vorredners zu, “wie geht die Geschichte nun weiter im Schwarzwald?”

Weiz lehnte sich zurück und atmete tief durch, bevor er weitersprach: „In Möttlingen gab es noch andere und erfreuli­chere Aufgaben für einen Pfarrer zu erledigen. Au­ßerdem hatte Blumhardt für den nächsten Sonntag in der Marienkirche seine Predigt vorzuberei­ten, so dass er diesen Hausbesuch bald vergessen hatte.
Doch Gottliebins Belästigungen durch die Geis­terwelt wurden immer krasser und heftiger, bis sie es nicht mehr aushielt und im Oktober 1841 am Dienstag nach dem Erntedankfest kleinlaut den neuen Pfarrer in seinem Amtszimmer aufsuchte. Zuerst entschuldigte sie sich für ihre bösartigen Be­schimpfungen.
Blumhardt nahm die Entschuldigung an und fragte zurückhaltend: ‚Was hast du denn nun auf dem Herzen, Gottliebin Dittus?’
‚Es ist so schlimm, Herr Pastor, dass ich es gar nicht sagen kann’, stotterte sie, wurde fast so rot wie ein Radieschen und schaute einen Augenblick lang verlegen aus dem Fenster. Draußen hatte der Herbst die Blätter sämtlicher Laubbäume bunt ge­färbt. Das Fenster selbst sah hell und freundlich aus mit seinem weiß gewaschenen Rahmen und den frisch geputzten Scheiben. Hier im Pfarrhaus schien die Lebenswelt vollkommen in Ordnung zu sein, während Gottliebins eigene Welt immer mehr aus den Fugen geriet.
Jeden Mittwoch und jeden Freitag fielen in den Nächten blutdurstige Geister über Gottliebin her und bissen sich an ihr fest. Sie spürte die Schmer­zen jedes Mal so wirklich wie den Boden unter ih­ren Füßen. Doch hier in diesem aufgeräumten evangelischen Pfarrhaus kam ihr das alles vor wie ein blutiges und wahnsinniges Geheimnis, viel zu blutig und viel zu wahnsinnig für das idyllische Möttlingen und diesen studierten Pfarrer mit seiner jungen Frau und dem ersten Kind. — Sie konnte einfach nicht weitersprechen. —
‚Dieses Mädchen ist ja hysterisch’, dachte der kleine schwarzhaarige Pastor an seinem Schreib­tisch, ‚das sehe ich doch schon an ihren Augen. Hoffentlich fängt sie jetzt nicht an und beschreibt mir alles im Detail. Am besten wechseln wir das Thema.’ Er räusperte sich einen Frosch aus dem Hals und sagte: ‚Ich hab gehört, du bist eine Bäckerstochter. Mein Vater war auch Bäcker.’ Gottliebin musste ihre Gedanken neu auf Vorder­mann bringen. Erst nickte sie und dann schüttelte sie den Kopf. ‚Ja, mein Vater war Bäcker wie der Onkel Ludwig, sein Bruder, und wie mein Großva­ter. Dem Großvater gehörte das Haus, in dem ich ge­boren bin, Hauptstraße 24. Die Bäckerei hat Onkel Ludwig übernommen und dann gab es für meinen Vater keine Arbeit mehr. Möttlingen ist zu klein für zwei Bäckereien.’
‚Aber wovon hat dein Vater denn dann über­haupt gelebt?’, fragte Blumhardt.
‚Erst hat er nach und nach sein Erbteil verkauft’, antwortete sie, ‚und dann, als nichts mehr davon war, hat er überall Geld geborgt in Möttlingen und Calw und Simmozheim, bis er in der ganzen Gegend keinen Kredit mehr hatte. Zweimal bekamen wir Geld von der Gemeinde, vom Armenpfleger.’
— Der Bäcker Johann Georg Dittus und seine Frau Christina, geborene Stanger, wohnten im 500-Seelen-Dorf Möttlingen, dem unauffälligen Dienstboteneingang zum Schwarzwald. Das zwölfte Kind, eine Tochter, geboren am 13.10.1815, tauften sie dort in der Marienkirche auf den Namen GOTT­LIEBIN.
Weil Familie Dittus so knapp bei Kasse war, konnten sie sich keinen Arzt leisten. Deshalb rückte Mutter Christina den Kinderkrankheiten ihrer Tochter Gottliebin durch „Besprechen“ zuleibe.
‚Lass das bloß sein, Mutter Dittus!’, sprach der alte Pfarrer Barth entsetzt, als Gottliebin Scharlach hatte und er diese magische Behandlungsmethode mitbe­kam.
Christina Dittus lachte. ‚Hauptsache ist doch, wir sind alle gesund, Herr Pfarrer.’
‚Aber durch das Besprechen lockst du auch alle möglichen Risiken und Nebenwirkungen aus dem Jenseits’, warnte er sie. ‚Und dieses Jenseits ist nicht der Himmel.’ Doch seine Warnung kam zu spät.
Ab dem siebten Geburtstag am 13. Oktober 1822 wohnte Gottliebin bei ihrer Tante Maria Barbara Dittus, geb. Künstle. Tante Marie war in Möttlingen berüchtigt und gefürchtet wegen ihrer abgrundtie­fen Bosheit. An Gottliebins achtem Geburtstag sprach die Tante zu ihr: ‚Wenn Du erst mal zehn Jahre alt geworden bist, Kind, dann bring ich dir bei, wie deine sämtlichen Wünsche in Erfüllung ge­hen können.’
Allerdings wurde Tante Marie dann mit jedem Tag noch ein kleines bisschen galliger und verbit­terter. An Gottliebins neuntem Geburtstag gratulier­te sie ihr nicht, sondern schüttelte nur hef­tig den Kopf: ‚Wenn du nicht ausgerechnet Gottlie­bin hießest, dann könnte ich dir alles Geld der Welt verschaffen.’ Einen Monat später starb die Tante und Gottliebin Dittus kam zu anderen Verwandten. Bis 1829 besuchte sie die Schule in Möttlingen, er­hielt Unterricht beim Pfarrer Christian Gottlob Barth und wurde von ihm konfirmiert. Als aufgeweckter, fröhlicher Backfisch gehörte sie zu seinen liebsten Pfarrkindern.
Ab dem vierzehnten Lebensjahr verdiente sie ih­ren Lebensunterhalt als Magd und Hausmädchen, zuerst acht Jahre in Weil der Stadt und zuletzt beim Pfarrer der Martinskirche in Altburg bei Calw, Pas­tor Bezner, bis sie 1838 so krank wurde, dass sie nicht mehr arbeiten konnte.
Notgedrungen kehrte sie zurück nach Möttlingen zum Rest der Familie Dittus. Beide Eltern waren in­nerhalb eines Jahres verstorben, der Vater gerade eben erst am 15. Januar 1839. — Jedenfalls kam es Gottliebin vor wie gerade eben erst gestern, obwohl das nun schon fast drei Jahre zurücklag.
‚Du siehst so sehr blass und abgezehrt aus, Gott­liebin’, sagte Blumhardt. ‚Willst du nachher mit uns Abendbrot essen?’
Zwar konnte Gottliebin vom fehlenden Geld reden, aber nicht vom fehlenden Blut und diesen Vampir­geistern. ‚Nein, vielen Dank, Herr Pfarrer’, antwor­tete sie und stand vom Besucherstuhl des Pastorenzimmers auf. ‚Das ist sehr freundlich, doch ich muss nach Haus zu meinen Geschwistern.’
In der Tür drehte sie sich noch einmal um. ‚Mir kommen in letzter Zeit die schmutzigsten Schimpf­wörter in den Mund, Herr Pfarrer. Ich weiß gar nicht woher, und ich spreche sie aus, ohne es zu wollen. Dabei meine ich niemanden damit. Es ist einfach so, als ob der Schmutz aus mir spricht. Und dann fühle ich einen unwiderstehlichen Druck und Zwang, al­len die Zunge herauszustrecken.’
Blumhardt wunderte sich. ‚Mir hast du nicht die Zunge herausgestreckt.’
Wieder wurde Gottliebin rot. ‚Sie sind aber auch der einzige. Und Sie sind doch ein Mann Gottes, Herr Pastor.’
Das mochte Blumhardt nicht hören, diese Jacke erschien ihm drei Nummern zu groß. ‚Ich halte sonn­tags Gottesdienst, das ist richtig’, räumte er ein. ‚Aber ansonsten bin ich Gott nicht näher als andere Menschen auch und in meinem Neuen Testament steht nicht mehr drin als in deinem. Du bist doch getauft und konfirmiert worden, oder?’
‚Aber sicher doch, Herr Pastor’, antwortete sie.
‚Dann weißt du ja Bescheid in der Christenlehre. Sieh zu, dass du treu und aufrichtig in deinem Le­benswandel bist und in Gottes Geboten bleibst, dann wird dir alles andere aus seiner Gnade heraus hinzugegeben.’ Blumhardt blickte ihr zuversichtlich in die braunen Augen. — Gottliebin wagte es einfach nicht, von diesen quälenden Geistern zu reden. Sie bewegte sich weiter in so allgemeinen Reden, dass Blumhardt weder daraus schlau wurde noch selbst ein treffendes Wort sagen konnte, das ihr geholfen hätte. Schließlich zückte er seine Taschenuhr und warf einen Blick darauf. Sie verstand, was er damit sagen wollte, und begann jetzt alle möglichen großen und kleinen Sünden ihres früheren Lebens zu bekennen in der Hoffnung, dadurch von den Dämonen frei zu werden. Er hörte geduldig alles an. Gottliebin hatte nicht umsonst einen guten Ruf und ihre Schandtaten hätten höchstens im Poesiealbum eines zwölfjährigen Mädchens für Entsetzen gesorgt. — ‚Wer seine Sünden bekennt und lässt, dem sind sie auch vergeben’, sagte der Pfarrer. ‚Der HERR wirft unsere Sünden ins tiefste Meer, so heißt es schon im Alten Testament, und am Strand dieses Meeres prangt ein riesengroßes Warnschild, auf dem steht: ANGELN VERBOTEN!’
Gottliebin bekam einen ungläubigen Silberblick und verabschiedete sich mit einem Knicks. ‚Auf Wiedersehen, Pastor Blumhardt, und bitte beten Sie für mich. Vielleicht wird dann ja alles wieder gut.’ Einen kurzen Augenblick lang glaubte sie das tat­sächlich selber.
‚Für dich beten tu ich gern, Gottliebin’, nickte er.
Eine Woche nach diesem Gespräch oder viel­mehr diesem Verschweigen machte der Pfarrer einen erneuten Hausbesuch bei Gottliebin Dittus in der Brunnengasse.
Weder blickte Gottliebin ihm ins Gesicht noch er­widerte sie seinen Gruß. Blumhardt hielt sie des­halb für stolz und eigensinnig. Er beschloss, sich einen solchen Besuch nicht noch einmal anzutun.“ So Weiz, so gut.

Wird fortgesetzt.

Falls Sie die Geschichte der Gottliebin Dittus gleich am Stück lesen möchten, bitte sehr:
http://www.amazon.de/Die-Besessene-Gottliebin-Dittus-Moettlingen/dp/1496119681/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1400961860&sr=8-1&keywords=Witzel+Die+Besessene

= =  =

= = =

Schlüsselring.
Aus Blancas Blog „kleinekleinigkeiten“ – Danke dafür.

Sa=Sonnabend, 24. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 93

Sa=Sonnabend, 24. Mai 2014

  1. Tagesmusik Fritz Kalkbrenner (Berlin);
  2. Bild des Tages: Hokusai (Japan);
  3. Spruch zum Tage von Cindy Crawford;
  4. Kalendergeschichte, diesmal mit Kaiser Wilhelm I.;
  5. Vorlesung, Psalm 63;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY am Richardplatz, Folge 14.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

Ton ab für

 

= = =

S;=)

Bild des Tages:

Hokusai.
Hokusai: Die große Welle vor Kanagawa (Farbholzschnitt, 1830).

Hier ein anderer Abzug, Wiedergabe drei Nummern größer:

Die große Welle
Die große Welle.

= = =

S;=)

Spruch zum Tage:

 Wenn ich aufwache, sehe ich auch nicht aus wie Cindy Crawford.

CINDY CRAWFORD.

Cindy-Crawford-Deichmann.
Deichmann Geschäft in Ostrowiec Swietokrzyski, Polen
(Wiki, Urheber: Krugerr).

= = =

S;=)

Kalendergeschichte:

Wenn in Berlin die Wache aufzog, dann trat Kaiser Wilhelm I. in seinem Palais Unter den Linden an das berühmte „Eckfenster“. Diese Tatsache war nicht nur in Deutschland, sondern europaweit bekannt. Tausende von Touristen warteten jedes Mal auf die Gelegenheit, den Mann zu sehen, der Kraft und Größe des deutschen Reiches verkörperte. In seinen letzten Lebensjahren wurde Wilhelm von diversen Krankheiten geplagt und seine Ärzte verordneten ihm Schonung. Aber der Kaiser hatte „keine Zeit, müde zu sein“.

Wilhelm-I.
Kaiser Wilhelm I. von Deutschland in Generalsuniform (Fotografie von Wilhelm Kuntzemüller 1884).

Pünktlich zur Stunde, als die Wache aufzog, stand er wieder wie gehabt am Eckfenster und nahm mit gütigem Lächeln alle Ehrerbietung und alle Huldigungen entgegen. Sein Leibarzt trat neben den Kaiser und beschwor ihn eindringlich, diese Anstrengung seiner Gesundheit zuliebe ab sofort sein zu lassen. Den Kaiser hatte das Stehen tatsächlich sehr ermüdet, doch nichtsdestotrotz erwiderte er: „Lassen Sie mich nur – ich muss ans Fenster. Es ist Mittag und im Baedeker steht, dass man mich um diese Zeit von der Straße aus sehen kann.“

= = =

Vorlesung

http://volkslesen.tv/14-08-d-psalme-zueritueuetsch-4/

= = =

Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 14

Wir erinnern uns: Der Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz erzählte davon, wie schlimm es Gottliebin Dittus nun in der Brunnengasse Nr. 3 erging, wie es um sie herum unerträglich polterte und alle möglichen Geräusche machte, wie ihr nachts die Hände gewaltsam übereinander gelegt wurden, Irrlichter um ihr Bett herumtanzten und seltsame geisterhafte Gestalten auftauchten. – Dann besuchte ihre Tante Kätter den neuen Möttlinger Pastor Johann Christoph Blumhardt und erzählte ihm davon.

Blumhardt.
Johann Christoph Blumhardt (1805 bis 1880) nach einem zeitgenössischen Bildnis.

[Abbildung entnommen aus meinem Buch: „Die Besessene – Gottliebin Dittus in Möttlingen.“]

“Und dann?”, fragte Frau Mewes-Fischer. “Was machte der Pastor? Ich hab diese Exorzismus-Filme aus Hollywood gesehen, also da geht ja echt die Post ab!”

„Blumhardt war bereit, Gottliebin zu besuchen“, erzählte Weiz. „Die Räume im Erdgeschoss der Brunnengasse 3 fand er noch niedriger, dunkler und enger vor als erwartet. Mit Mühe bewegte sich der Pastor dort in die Stube, ohne anzustoßen, und sank auf einen dreibeinigen Küchenhocker, von dem die meiste weiße Farbe schon abgeblättert war. Tante Kätter machte sich am Kochherd zu schaffen.
‚Ich bin Pfarrer Blumhardt’, stellte er sich den Geschwistern Dittus vor. Weil das jeder sagen konn­te, fütterte er nach: ‚Ich bin der Nachfolger von Pas­tor Dr. Christian Gottlob Barth, dem Verfasser mehrerer erfolgreicher Erbauungsbücher für die Jugend und Herausgeber des Calwer Missionsblattes.’
Gottliebin saß ihm gegenüber am Esstisch. Ihr Gesicht veränderte sich und ihre Augen wurden lauernd. ‚Was willst du hier, du blöder Pfaffe?’, zischte sie. ‚Mach, dass du rauskommst, helfen kannst du sowieso nicht — los, verschwinde und lass dich nie wieder blicken!’
Der Pastor schüttelte verständnislos den Kopf und machte, dass er hier rauskam.
Erschrocken fiel Tante Kätter die Suppenkelle aus der Hand. Sie lief dem Pastor hinterher. ‚Tut mir leid, Herr Pfarrer!’
‚Mir auch’, antwortete Blumhardt knapp und versuchte draußen seine Freundlichkeit und Ausge­glichenheit wiederzufinden. So etwas war ihm noch nie passiert in seiner bisherigen Laufbahn.“ Weiz räusperte sich und trank einen Schluck Kaffee.
„Und dann?“, fragte Aushilfskellner und Eismatscher Urs Bergner, der durch diese Anregungen  dazu gebracht wurde, über eine Bibelschule, eine Ausbildung zum Prediger oder sogar ein Theologiestudium nachzudenken. Neulich hatte er einen Spruch von Steve Jobs gelesen: „Diejenigen, die verrückt genug sind zu denken, sie könnten die Welt verändern, tun es auch.“ Urs Bergner wollte zumindest mitreden können, was die Weltveränderung betraf hier am Richardplatz in Neukölln. Als er neulich am Hermannplatz aus der U-Bahn kam und Richtung Kottbusser Damm ging, wanderte sein Blick an dem Eckhaus Weserstraße/Sonnenallee nach oben.

Foto: Lothar Schneeberger.

Dort entdeckte er einen aufmerksamen Betrachter der laufenden Ereignisse.

 

 

 

Foto: Lothar Schneeberger.
(Beide Fotos machte Lothar Schneeberger – Danke dafür.)

Dieser interessierte Blick von oben machte ihn sehr nachdenklich auf konstruktive Art. –

„Und dann?“, fragte Urs noch einmal, weil Weiz nicht antwortete.

„Ja“, stimmte Frau Mewes-Fischer seiner Frage zu, „wie geht die Geschichte nun weiter im Schwarzwald?“

Wird fortgesetzt. Morgen geht das Gespräch im CAFÉ FANTASY weiter.

= = =

So, das war WiTzels Tagblatt Nr.:

 

Ludwig-Richter-93.
Illustration Ludwig Richter: Civitella (Der Abend), 1828.

 

 

 

 

 

 

Freitag, 13. Juni 2014: NEUKÖLLN-Abend in Schöneberg

13-5-Neukölln_Abend.
So die Bilddatei. Das vom NEUKÖLLNER DSCHUNGEL gesponsorte Original-Plakat wurde vom Dschungelteam vorm Druck noch verbessert und vereinfacht – DANKE für die Realisierung!

Wer oder was ist denn nun das DanTra’s?

13-6-Neukölln_Abend.
NEUKÖLLNER DSCHUNGEL, 25. Ausgabe, 5. Jahrgang, Mai/Juni 2014, Seite 24.

GELD: Eintritt frei – Hut geht rum.

Links:

Autor Herbert-Friedrich WiTzel LIVE.

NEUKÖLLNER DSCHUNGEL®

DanTra’s Kneipe’n Kultur.

Herbert-Friedrich WiTzel alias Hermann Syzygos auf Facebook.

 

 

Freitag, 23. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 92

Freitag, 23. Mai 2014

  1. Tagesmusik: „Vatta, aufstehn !!!“ (1970);
  2. Bild des Tages: Essen an der Ruhr;
  3. Spruch zum Tage von Jürgen von Manger;
  4. Kalendergeschichte, diesmal apokalyptisch;
  5. Vorlesung, Dschings Aitmatov (einer der stärksten Autoren des 20. Jahrhunderts für mich);
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY am Richardplatz – Folge 13.
  7. Besondere Schmakazie mit Mr. Charlie zur Wirtschaftskrise nach dem Geld- und Goldrausch.
  • Charlie-Chaplin.
    Charlie Chaplin gibt uns einen Surf- und Lesetip für die Wirtschaftskrise bzw. für den Kater nach Geld- und Goldräuschen.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

Die Älteren unter uns, zu denen ich gehöre, kennen noch die Zeiten, als es keine EU und jede Menge Arbeit gab. Wenn Du einen Job loswurdest, dann bist Du einfach eine Tür weitergegangen, hast Dich vorgestellt und konntest morgen anfangen…

Ton ab für TANA SCHANZARA:

 

= = =

S;=)

Bild des Tages:

J. Ohrmann
J. Ohrmann: Essen an der Ruhr (1860).

 

= = =

S;=)

Spruch zum Tage:

Kegeln ist die Kunst, einen Umsturz zu machen, indem man eine ruhige Kugel schiebt.“

JÜRGEN VON MANGER.

= = =

S;=)

Kalendergeschichte vom Ende der Menschheit:

Gott lässt sich nicht spotten und er macht nicht alles mit. Wir wissen nicht die einzelnen Gründe, doch hatte er „aus gegebenem Anlass“, wie es vom Himmel her hieß, eine zweite Sintflut auf seiner TO-DO-Liste. Maria und Jesus erinnerten ihn dann an die Verheißung, als er in seinem Herzen gesprochen hatte: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was lebt, wie ich es getan habe.

Solange die Erde besteht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“

Das war natürlich ein Schlag ins Gesicht sämtlicher Klimawandels-Propheten. „Sie missbrauchen meinen Regenbogen, das Zeichen meines Bundes zwischen mir und ihnen und allem lebendigen Getier auf ewig“, sprach Gott der HERR und ließ sich nur eine neue Arche als Zugeständnis abringen.

Wir wissen nicht, warum, aber jedenfalls entschloss sich der liebe Gott, die Arche diesmal nicht von Noa, sondern von der EU bauen zu lassen. – Tja, und als es dann zu regnen anfing, gab es in Brüssel 50.000 Sesselfurzer, die sich mit der korrekten ISO-Norm für Affen und Bananen beschäftigten, und die Menschen wie Du und ich in Mitteleuropa hatten zwar nix bestellt, durften aber alles bezahlen nach der alten Freibierregel: „Wir spielen jetzt Wiedergutmachung und Deutschland gibt einen aus!“

Dazu fällt mir zwischendurch noch die Geschichte von Konrad Adenauer ein, weil nach dem Krieg ja nun wirklich alle die hohle Hand nach Deutschland ausstreckten, Österreich eingeschlossen. Adenauer sagte dazu: „Wenn die Österreicher Wiedergutmachung wollen, dann können sie die Knochen von Adolf Hitler zurückhaben.“

Bonn Appetit! - Kagähr Meyähr!
Konrad und Charles, Gott hab sie selig! Mit der heutigen EU haben sie so viel zu tun wie Deutschland mit dem Islam.

So, wir kommen nun zum Schluss unserer apokalyptischen Geschichte: Die Regenbogenfraktion einigte sich mit Wowereit auf eine gemeinsame Einweihungsparty für den Willy-Brandt-Flughafen und die Barak-Obama-Arche. Und was soll ich Euch sagen: Wir sind alle jämmerlich ersoffen, jedenfalls im Westen. Im Osten hatten sie immerhin eine Schwarzmeerflotte, aber wir hatten nur kubikmeterweise heiße Luft, die nach ISO-Norm 40 Minuten erhitzt werden darf, aber nicht länger, und anschließend mit spiralförmigen Bewegungen vom Wedelbefugten im Raum verwedelt werden muss wie die ISO-Tomatensoße vom ISO-Italiener auf der ISO-Pizza.

Gelbes-U-Boot.
Regierungs-Arche.

Es gab welche, die wollten sich ins Gelbe U-Boot retten, das noch von John, George, Paul und Ringo übriggeblieben war. Da saßen aber schon „unsere“ Politiker schön warm und trocken drin und flüchteten vor der Verantwortung für ihr eigenes Tun und Lassen wie sonst auch.

= = =

Vorlesung ― http://volkslesen.tv/27-08-werkstatt-der-kulturen-liest-tschingis-aitmatow/

= = =

Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY am Richardplatz – Folge 13

Wir erinnern uns an den Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz, der uns von Gottliebin Dittus erzählt hat, wie sie in der Möttlinger Brunnengasse Nr. 3 sofort das Gefühl hatte: „Hier ist es nicht richtig…“ Die Dittus-Geschwister setzten sich zum Mittagessen und Gottliebin sollte das Tischgebet sprechen. Sie begann: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast …“ Dann verdrehte sie plötzlich die Augen und fiel vom Stuhl wie ein Stück Holz.”

“War sie tot?”, fragte Frau Mewes-Fischer entsetzt. Auch dem Aushilfskellner und Eismatscher Urs Bergner lief eine Gänsehaut den Rücken rauf vom Hintern bis zum Nacken.

„Erst mal wusste niemand, was mit ihr los ist“, antwortete Weiz. „Sie lag da auf den blanken Dielenbrettern, zum Schrecken ihrer Geschwister, und rührte sich nicht. Dort am Boden kam sie dann zu sich. Wegen ihrer seltsam widerlich ge­wordenen und abstoßend zuckenden Gesichtszüge hatte niemand von den Geschwistern es gewagt, die Bewusstlose zu berühren.
Fünf Minuten nach dieser unerklärlichen Be­wusstlosigkeit sah Gottliebin aus wie vorher.
Heute früh hatte der Armenpfleger der Gemein­de Möttlingen für 150 Gulden diese Stube-Kammer-Küche-Wohnung in der Brunnengasse 3 gekauft, um sie als Unterkunft den verwaisten Dittus-Kin­dern zur Verfügung zu stellen. Nachdem Vater und Mutter gestorben waren, mussten sie notgedrungen umziehen, denn das Elternhaus gehörte der Calwer Hypotheken-Kredit-Bank.
Fünf Geschwister waren übriggeblieben: Andre­as Dittus ― zu dieser Zeit auswärts als Holzfäller und Forstgehilfe ―, sein halbblinder Bruder Jörg und die Schwestern Katharina, Annamaria und Gottliebin.
Gottliebin, geboren am 13. Oktober 1815, hatte ebenfalls andernorts ihre Dienste getan, bis sie ar­beitsunfähig wurde durch ihren verwachsenen Rücken, eine schiefe, zu hohe Hüfte, ein zu kurzes Bein und einen schlimmen Unterleib.“

Übrigens war Prediger Weiz so freundlich, uns eine Daguerrotypie der Gottliebin Dittus zur Verfügung zu stellen, allerdings aus einer späteren Lebensphase:

 

[Abbildung entnommen aus meinem Buch: „Die Besessene – Gottliebin Dittus in Möttlingen.“]

Dittus-Daguerrotypie.
Gottliebin Dittus (1815 bis 1872). 

Weiz weiter: „Am zweiten Tag gab es Spätzle mit Linsen bei den Dittus-Kindern. Die Linsen hatten sie von ihrer mitleidigen Tante Maria Kätter geschenkt bekom­men.
Am dritten Tag wurde Gottliebin eng ums Herz, denn sie wusste nicht mehr, was sie machen sollte, um hier alle hungrigen Mäuler satt zu bekommen. Es war nichts im Haus, kein Mehl mehr und Geld schon gar nicht, außer einem einzigen Notgroschen unterm Kopfkissen ihres Bettes nebenan in der Kammer. Den Groschen nahm sie nun und hielt ihn mit ihrer kleinen linken Faust umklammert.
Gottliebin dachte an ihre Geschwister, für die sie Verantwortung trug. Es war ihr, als würden alle Wände der Wohnung über ihrem Kopf zusammen­stürzen. Sie schloss hinter sich die Tür der Kammer und trat in die Stube.
‚Wenn ich doch wenigstens mehr Geld zum Ein­kaufen hätte’, murmelte sie verzweifelt vor sich hin, ‚wenigstens noch einen einzigen Groschen mehr…’ Plötzlich spürte sie ein Zucken in ihrer lin­ken Hand. Als sie die Faust öffnete, sah sie tatsäch­lich zwei Groschen statt einem in ihrer Hand.
Sofort bekam sie wieder eine Gänsehaut und dieses unheimliche Gefühl überfiel sie mit aller Macht: HIER IST ES NICHT RICHTIG. Hier will irgend etwas sich einmischen und mitmachen in ihrem Leben. Ent­setzt warf sie beide Groschen in den Abtritt und ihre Gänsehaut verschwand.“

„Abtritt?“, wunderte sich Urs Bergner, „was ist ein Abtritt?“

„Heute würden wir es ein Plumpsklo nennen, Garçon“, erläuterte Frau Mewes-Fischer. Er nickte verständig.

Weiz fuhr fort. „Nun hatte Gottliebin gar nichts mehr außer der festen Überzeugung, dass diese Hilfe nicht vom Himmel geschickt worden war. Gott kommt mit Ruhe. Sie wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn und kehrte zurück in ihre Kammer, wollte sich aufs Bett legen zum Ausruhen. Einkaufen konnte sie ja nun doch nicht mehr. ABER WAS IST DAS? Auf dem Bett findet sie jetzt den abgetrennten Ärmel eines Männerhemdes, auf einer Seite zuge­bunden und prall mit Mehl gefüllt wie eine Wurst. Oben drauf liegt ein Silbertaler und unter dem Sil­bertaler ein beschrifteter Zettel. Sie liest: ‚Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid.’
Trotz des frommen Spruches wird ihr Gesicht so weiß wie das Mehl. Eins hat sie durch Erfahrung schon gelernt im Lauf ihrer bald 25 Lebensjahre: Wo JESUS draufsteht, muss nicht Jesus drin sein. Der Teufel ist da für seine höllische Partei der beste Wahlkämpfer des Universums. — Doch weil es den Geschwistern Dittus jetzt wirklich am Allernötigsten mangelt, be­hält sie diesen Hemdsärmel, oder jedenfalls seinen Inhalt, und den Taler. Noch am gleichen Tag nimmt sie das Mehl zum Backen und den Silbertaler zum Einkaufen. Beim Abendbrot haben sie satt zu essen, doch so richtig lecker schmecken will es Gottliebin nicht. Im ganzen Haus entstand nach Einbruch der Dun­kelheit eine Unruhe, die auch den Bewohner des ersten Stockes mit einbezog, den allein leben­den Leineweber Michael Seitz. Das war völlig neu für ihn, was er hier miterlebte. Er konnte es nicht ein­sortieren in seinen bisherigen Erfahrungsschatz. Durch Kammer, Stube und Küche des Erdgeschos­ses bewegte sich ein Schlurfen wie von unsichtba­ren Füßen hin und her durch alle drei Räume. Bald erhob sich auch noch ein lautstarkes, unerklärbares Gepolter. Alle, die das hörten, bekamen einen heillo­sen Schrecken, sowohl die Dittus-Geschwister als auch Nachbar Seitz sowie drei zufällige Passanten auf der Brunnengasse. Aber niemand tat einen Mucks und man vermied es, anderntags überhaupt von diesem entsetzlichen Radau zu sprechen. In der nächsten, der dritten Nacht wurden Gottliebin auf einmal mit Gewalt die Hände übereinander gelegt, während sie friedlich im Bett lag.
In der vierten Nacht tanzten schwebende Irrlich­ter um sie herum, die plötzlich auftauchten und ge­nauso plötzlich wieder verschwanden.
In der fünften Nacht erblickte sie unbekannte Gestalten an ihrem Bett.
Anderntags kam Tante Kätter zu Besuch und brachte wieder Linsen mit. Gottliebin sagte nichts, doch ihre Geschwister erzählten der Tante von den unheimlichen Vorgängen.
Maria Kätter berichtete es dem neuen Pastor Jo­hann Christoph Blumhardt.“ Weiz trank einen Schluck Kaffee, weil er einen trockenen Mund vom vielen Erzählen bekommen hatte.

„Und dann?“, fragte Frau Mewes-Fischer. „Was machte der Pastor? Ich hab diese Exorzismus-Filme aus Hollywood gesehen, also da geht ja echt die Post ab!“

Wird fortgesetzt.

 

= = =

7. Mr. Chaplin, wie lautet Ihre Surf- und Lese-Empfehlung für heute?

Charlie-Chaplin.
Charlie Chaplin gibt uns einen Surf- und Lesetip für die Wirtschaftskrise bzw. die Zeiten nach dem Geld- und Goldrausch:
NEUKÖLLNER-DSCHUNGEL.
Titelbild Mai/Juni 2014.

Ich empfehle den neuen NEUKÖLLNER DSCHUNGEL. Mit den kostenlosen NEUKÖLLNER DSCHUNGEL kommt man besser durch die Zeiten ohne Geld als mit Geld durch die Zeiten ohne NEUKÖLLNER DSCHUNGEL.

Mr. Chaplin, wir danken Ihnen für dieses höchst informative Gespräch.

PS: Übrigens sind im neuen NEUKÖLLNER DSCHUNGEL auch Beiträge von meiner Wenigkeit zu finden, und zwar auf den Seiten 10f. und 24.

= = =

So, das war WiTzels Tagblatt Nr.:

-92-
[Benutzt fürs Design: 92 – HAUTS DE SEINE – 92 -.]