Sonntag, 25. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 94

Sonntag, 25. Mai 2014

Sonntag ROGATE (Betet!) : „Gelobt sei Gott, der meine Gebete nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet“ PSALM 66,20.

  1. Tagesmusik plattdeutsch;
  2. Bild des Tages: Félix Vallotton;
  3. Spruch zum Tage von Steve Jobs;
  4. Kalendergeschichte, diesmal mit Eugen d’Albert;
  5. Vorlesung, Steve Jobs;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY.
  7. Besondere Schmakazie von Blancas Blog „keine kleinigkeiten“: Der Schlüssel zum Herzen.

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Am MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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Ton ab für ein besinnliches Sonntagslied:

 

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S;=)

Bild des Tages:

Kinder am Teich.
Félix Vallotton: Kinder an einem Teich (1900).

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S;=)

Spruch zum Tage:

Ich würde mein gesamtes technisches Wissen sofort gegen einen einzigen Nachmittag mit Sokrates eintauschen.

STEVE JOBS.

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S;=)

Kalendergeschichte:

Der Komponist Eugen d’Albert verbrachte in Riga einen sonnigen Lebensabend und sprach eines Tages mit seinem Rechtsanwalt über seine neue Ehe, die er mit einer jungen italienischen Freundin eingehen wollte. Von seiner sechsten Frau, in Musikerkreisen „die Pastorale“ genannt, hatte er sich gerade eben scheiden lassen. Der Jurist warnte ihn: „Herr Hofrat, sind Sie denn diesmal ganz sicher, dass Sie Ihre Neuerwählte auch wirklich lieben?“

„Und ob ich sicher bin“, erwiderte d’Albert im Brustton der Überzeugung. „Sollte ich nicht wissen, was Liebe ist, wo ich schon sechs Mal verheiratet war?“

S;=)

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Vorlesung ―betrifft Steve Jobs:

http://volkslesen.tv/48-13-volkslesen-am-osz-kim-woche-1-walter-isaacson/

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Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 15

Wir erinnern uns an den Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz an Tisch drei, an Frau Veronika Mewes-Fischer und an den nachdenklich gewordenen Aushilfskellner und Eismatscher Urs Bergner. Weiz hat gerade aus den Jahr 1842 live berichtet, wie Gottliebin Dittus zum Schrecken ihrer Tante den Pastor vergrault hatte.

“Und dann?”, fragte Urs zwei Mal, weil Weiz nicht gleich antwortete. [Kurze Anmerkung am Rande, liebe Leserinnen und Leser: Ich bemühe mich ja nun echt, die neue Rechtschreibung mitzumachen, aber diese Mehrarbeit ist doch idiotisch, aus zweimal „zwei Mal“ machen zu müssen, das gibt doch gar keinen verbesserten Sinn! – Herbert-Friedrich Witzel.]

“Ja”, stimmte Frau Mewes-Fischer der Frage ihres Vorredners zu, “wie geht die Geschichte nun weiter im Schwarzwald?”

Weiz lehnte sich zurück und atmete tief durch, bevor er weitersprach: „In Möttlingen gab es noch andere und erfreuli­chere Aufgaben für einen Pfarrer zu erledigen. Au­ßerdem hatte Blumhardt für den nächsten Sonntag in der Marienkirche seine Predigt vorzuberei­ten, so dass er diesen Hausbesuch bald vergessen hatte.
Doch Gottliebins Belästigungen durch die Geis­terwelt wurden immer krasser und heftiger, bis sie es nicht mehr aushielt und im Oktober 1841 am Dienstag nach dem Erntedankfest kleinlaut den neuen Pfarrer in seinem Amtszimmer aufsuchte. Zuerst entschuldigte sie sich für ihre bösartigen Be­schimpfungen.
Blumhardt nahm die Entschuldigung an und fragte zurückhaltend: ‚Was hast du denn nun auf dem Herzen, Gottliebin Dittus?’
‚Es ist so schlimm, Herr Pastor, dass ich es gar nicht sagen kann’, stotterte sie, wurde fast so rot wie ein Radieschen und schaute einen Augenblick lang verlegen aus dem Fenster. Draußen hatte der Herbst die Blätter sämtlicher Laubbäume bunt ge­färbt. Das Fenster selbst sah hell und freundlich aus mit seinem weiß gewaschenen Rahmen und den frisch geputzten Scheiben. Hier im Pfarrhaus schien die Lebenswelt vollkommen in Ordnung zu sein, während Gottliebins eigene Welt immer mehr aus den Fugen geriet.
Jeden Mittwoch und jeden Freitag fielen in den Nächten blutdurstige Geister über Gottliebin her und bissen sich an ihr fest. Sie spürte die Schmer­zen jedes Mal so wirklich wie den Boden unter ih­ren Füßen. Doch hier in diesem aufgeräumten evangelischen Pfarrhaus kam ihr das alles vor wie ein blutiges und wahnsinniges Geheimnis, viel zu blutig und viel zu wahnsinnig für das idyllische Möttlingen und diesen studierten Pfarrer mit seiner jungen Frau und dem ersten Kind. — Sie konnte einfach nicht weitersprechen. —
‚Dieses Mädchen ist ja hysterisch’, dachte der kleine schwarzhaarige Pastor an seinem Schreib­tisch, ‚das sehe ich doch schon an ihren Augen. Hoffentlich fängt sie jetzt nicht an und beschreibt mir alles im Detail. Am besten wechseln wir das Thema.’ Er räusperte sich einen Frosch aus dem Hals und sagte: ‚Ich hab gehört, du bist eine Bäckerstochter. Mein Vater war auch Bäcker.’ Gottliebin musste ihre Gedanken neu auf Vorder­mann bringen. Erst nickte sie und dann schüttelte sie den Kopf. ‚Ja, mein Vater war Bäcker wie der Onkel Ludwig, sein Bruder, und wie mein Großva­ter. Dem Großvater gehörte das Haus, in dem ich ge­boren bin, Hauptstraße 24. Die Bäckerei hat Onkel Ludwig übernommen und dann gab es für meinen Vater keine Arbeit mehr. Möttlingen ist zu klein für zwei Bäckereien.’
‚Aber wovon hat dein Vater denn dann über­haupt gelebt?’, fragte Blumhardt.
‚Erst hat er nach und nach sein Erbteil verkauft’, antwortete sie, ‚und dann, als nichts mehr davon war, hat er überall Geld geborgt in Möttlingen und Calw und Simmozheim, bis er in der ganzen Gegend keinen Kredit mehr hatte. Zweimal bekamen wir Geld von der Gemeinde, vom Armenpfleger.’
— Der Bäcker Johann Georg Dittus und seine Frau Christina, geborene Stanger, wohnten im 500-Seelen-Dorf Möttlingen, dem unauffälligen Dienstboteneingang zum Schwarzwald. Das zwölfte Kind, eine Tochter, geboren am 13.10.1815, tauften sie dort in der Marienkirche auf den Namen GOTT­LIEBIN.
Weil Familie Dittus so knapp bei Kasse war, konnten sie sich keinen Arzt leisten. Deshalb rückte Mutter Christina den Kinderkrankheiten ihrer Tochter Gottliebin durch „Besprechen“ zuleibe.
‚Lass das bloß sein, Mutter Dittus!’, sprach der alte Pfarrer Barth entsetzt, als Gottliebin Scharlach hatte und er diese magische Behandlungsmethode mitbe­kam.
Christina Dittus lachte. ‚Hauptsache ist doch, wir sind alle gesund, Herr Pfarrer.’
‚Aber durch das Besprechen lockst du auch alle möglichen Risiken und Nebenwirkungen aus dem Jenseits’, warnte er sie. ‚Und dieses Jenseits ist nicht der Himmel.’ Doch seine Warnung kam zu spät.
Ab dem siebten Geburtstag am 13. Oktober 1822 wohnte Gottliebin bei ihrer Tante Maria Barbara Dittus, geb. Künstle. Tante Marie war in Möttlingen berüchtigt und gefürchtet wegen ihrer abgrundtie­fen Bosheit. An Gottliebins achtem Geburtstag sprach die Tante zu ihr: ‚Wenn Du erst mal zehn Jahre alt geworden bist, Kind, dann bring ich dir bei, wie deine sämtlichen Wünsche in Erfüllung ge­hen können.’
Allerdings wurde Tante Marie dann mit jedem Tag noch ein kleines bisschen galliger und verbit­terter. An Gottliebins neuntem Geburtstag gratulier­te sie ihr nicht, sondern schüttelte nur hef­tig den Kopf: ‚Wenn du nicht ausgerechnet Gottlie­bin hießest, dann könnte ich dir alles Geld der Welt verschaffen.’ Einen Monat später starb die Tante und Gottliebin Dittus kam zu anderen Verwandten. Bis 1829 besuchte sie die Schule in Möttlingen, er­hielt Unterricht beim Pfarrer Christian Gottlob Barth und wurde von ihm konfirmiert. Als aufgeweckter, fröhlicher Backfisch gehörte sie zu seinen liebsten Pfarrkindern.
Ab dem vierzehnten Lebensjahr verdiente sie ih­ren Lebensunterhalt als Magd und Hausmädchen, zuerst acht Jahre in Weil der Stadt und zuletzt beim Pfarrer der Martinskirche in Altburg bei Calw, Pas­tor Bezner, bis sie 1838 so krank wurde, dass sie nicht mehr arbeiten konnte.
Notgedrungen kehrte sie zurück nach Möttlingen zum Rest der Familie Dittus. Beide Eltern waren in­nerhalb eines Jahres verstorben, der Vater gerade eben erst am 15. Januar 1839. — Jedenfalls kam es Gottliebin vor wie gerade eben erst gestern, obwohl das nun schon fast drei Jahre zurücklag.
‚Du siehst so sehr blass und abgezehrt aus, Gott­liebin’, sagte Blumhardt. ‚Willst du nachher mit uns Abendbrot essen?’
Zwar konnte Gottliebin vom fehlenden Geld reden, aber nicht vom fehlenden Blut und diesen Vampir­geistern. ‚Nein, vielen Dank, Herr Pfarrer’, antwor­tete sie und stand vom Besucherstuhl des Pastorenzimmers auf. ‚Das ist sehr freundlich, doch ich muss nach Haus zu meinen Geschwistern.’
In der Tür drehte sie sich noch einmal um. ‚Mir kommen in letzter Zeit die schmutzigsten Schimpf­wörter in den Mund, Herr Pfarrer. Ich weiß gar nicht woher, und ich spreche sie aus, ohne es zu wollen. Dabei meine ich niemanden damit. Es ist einfach so, als ob der Schmutz aus mir spricht. Und dann fühle ich einen unwiderstehlichen Druck und Zwang, al­len die Zunge herauszustrecken.’
Blumhardt wunderte sich. ‚Mir hast du nicht die Zunge herausgestreckt.’
Wieder wurde Gottliebin rot. ‚Sie sind aber auch der einzige. Und Sie sind doch ein Mann Gottes, Herr Pastor.’
Das mochte Blumhardt nicht hören, diese Jacke erschien ihm drei Nummern zu groß. ‚Ich halte sonn­tags Gottesdienst, das ist richtig’, räumte er ein. ‚Aber ansonsten bin ich Gott nicht näher als andere Menschen auch und in meinem Neuen Testament steht nicht mehr drin als in deinem. Du bist doch getauft und konfirmiert worden, oder?’
‚Aber sicher doch, Herr Pastor’, antwortete sie.
‚Dann weißt du ja Bescheid in der Christenlehre. Sieh zu, dass du treu und aufrichtig in deinem Le­benswandel bist und in Gottes Geboten bleibst, dann wird dir alles andere aus seiner Gnade heraus hinzugegeben.’ Blumhardt blickte ihr zuversichtlich in die braunen Augen. — Gottliebin wagte es einfach nicht, von diesen quälenden Geistern zu reden. Sie bewegte sich weiter in so allgemeinen Reden, dass Blumhardt weder daraus schlau wurde noch selbst ein treffendes Wort sagen konnte, das ihr geholfen hätte. Schließlich zückte er seine Taschenuhr und warf einen Blick darauf. Sie verstand, was er damit sagen wollte, und begann jetzt alle möglichen großen und kleinen Sünden ihres früheren Lebens zu bekennen in der Hoffnung, dadurch von den Dämonen frei zu werden. Er hörte geduldig alles an. Gottliebin hatte nicht umsonst einen guten Ruf und ihre Schandtaten hätten höchstens im Poesiealbum eines zwölfjährigen Mädchens für Entsetzen gesorgt. — ‚Wer seine Sünden bekennt und lässt, dem sind sie auch vergeben’, sagte der Pfarrer. ‚Der HERR wirft unsere Sünden ins tiefste Meer, so heißt es schon im Alten Testament, und am Strand dieses Meeres prangt ein riesengroßes Warnschild, auf dem steht: ANGELN VERBOTEN!’
Gottliebin bekam einen ungläubigen Silberblick und verabschiedete sich mit einem Knicks. ‚Auf Wiedersehen, Pastor Blumhardt, und bitte beten Sie für mich. Vielleicht wird dann ja alles wieder gut.’ Einen kurzen Augenblick lang glaubte sie das tat­sächlich selber.
‚Für dich beten tu ich gern, Gottliebin’, nickte er.
Eine Woche nach diesem Gespräch oder viel­mehr diesem Verschweigen machte der Pfarrer einen erneuten Hausbesuch bei Gottliebin Dittus in der Brunnengasse.
Weder blickte Gottliebin ihm ins Gesicht noch er­widerte sie seinen Gruß. Blumhardt hielt sie des­halb für stolz und eigensinnig. Er beschloss, sich einen solchen Besuch nicht noch einmal anzutun.“ So Weiz, so gut.

Wird fortgesetzt.

Falls Sie die Geschichte der Gottliebin Dittus gleich am Stück lesen möchten, bitte sehr:
http://www.amazon.de/Die-Besessene-Gottliebin-Dittus-Moettlingen/dp/1496119681/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1400961860&sr=8-1&keywords=Witzel+Die+Besessene

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Schlüsselring.
Aus Blancas Blog „kleinekleinigkeiten“ – Danke dafür.
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