Donnerstag, 29. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 97

Donnerstag, 29. Mai 2014

Die wichtigste Nachricht vorneweg, first, but not least sozusagen:

Noch 5 (fünf) Tage bis zu WiTzels Lied- und Lesebühne in Lankwitz mit Ingrid Biermann-Volke, einem Gast und meiner Wenigkeit.

Bei dem eingeladenen Gast handelt es sich um Klaus Regel, über den ich einen guten Artikel in der taz gelesen hatte:
http://www.taz.de/!97331/

  1. Tagesmusik von den DUBLINERS: Lord Of The Dance;
  2. Bild des Tages von Pieter Bruegel Senior bzw. dem Älteren;
  3. Spruch zum Tage von Flavio Alborino aus Freiburg;
  4. Kalendergeschichte, diesmal zur Quäker-Hilfe Quäkerhilfe.;
  5. Vorlesung, Tintenherz;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY.
  7. Besondere Schmakazie für dieses langhaarige Volk vom andern Stern, das die Blumen lieb hat:

    aus Blancas Blog.
    Aus Blancas kleinekleinigkeiten-Blog.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

1.a) Ton ab für ein altes Lied, das Jesus Christus meint, den Party-Retter der Hochzeit zu Kana:

 

Auf den Seiten der Evangelischen Kirchengemeinde Weingarten fand ich einen guten Text dazu und übernehme diese Verse mit einem Dankeschön:

1.b) Der König des Tanzes

(altes Quäkerlied, in der Übersetzung von H.J. Hufeisen)

Tanz’ doch, wo immer du auch bist,
Ich bin der König des Tanzes, spricht Christ.
Ich tanzte durch des Todes Haus
in Gottes Welt hinaus.
Drum traue darauf, das Leben steht auf!

1.
Ich tanzte an dem Morgen beim Erwachen dieser Welt,
Ich drehte um die Sonne und in dem Sternenzelt.
Ich schwang mich auf die Erde
und schwebte gut auf ihr.
Ich tanze und singe das Leben zu dir.
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

2.
Ich tanzte meine Seele den hohen Herren vor,
doch wollten sie nicht tanzen,
denn das bringt Mut hervor.
So ging ich zu den Fischern, und rief sie aus dem Boot.
Sie tanzten mit Kraft und vergaßen die Not.
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

3.
Ich tanzte auch am Sonntag
trotz schärfstem Tanzverbot,
Ich tanzte mit den Schwachen, wir teilten Zeit und Brot.
Die Frommen starrten förmlich, weil ich so anders war, sie hassten mein Volk und ich starb wie ein Narr.
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

4.
Mein Tanzen war verloren, kein Leben regte sich.
Da grinsten stolz die Herren der Welten über mich.
Die Fischer weinten bitter und gingen auf Distanz.
Die Schwachen, sie hofften erneut auf den Tanz.
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

5.
Ich tanzte nach drei Tagen befreiend durch die Welt.
Selbst Steine rollten Wege trotz Mauern durch das Feld
Da traf ich meine Fischer und Schwachen traurig an.
Sie staunten und fühlten, das Tanzen begann…
Tanz’ doch, wo immer du auch bist….

= = =

S;=)

2. Bild des Tages:

Detail-1.
Teil (Detail) 1.
Detail-2.
Teil (Detail) 2.
Detail-3.
Teil (Detail) 3.
Bruegel d.Ä.
Pieter Bruegel der Ältere: Bauerntanz (1568).

 

= = =

S;=)

3. Spruch zum Tage:

Beim Tanzen gibt es keine Fehler, nur Variationen.

FLAVIO ALBORINO, Salsa-Lehrer in Freiburg.

= = =

S;=)

4. Kalendergeschichte:

Heute biete ich Euch, Ihnen und uns etwas Besonderes, nämlich die Vor-Veröffentlichung eines Beitrags, der erst am ersten Juli im „Brückenbauer Friedrichshain-Kreuzberg interkulturell“ erscheint. Darf ich das überhaupt? – Ja, denn den Text hab ich verfaßt. Bei meiner Schreibe bin ich der Kapitän und den Text dürfen alle lesen, die jetzt laut singen: „Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise…“

51 Jahre Quäker-Hilfe in Deutschland, seit April in Berlin

Quäkerhilfe.
Symbol bzw. Logo der Quäker-Hilfe.

Bis zu der Ausstellung „Stille Helfer — Quäker-Hilfe im Nachkriegsdeutschland“ 1996 im Deutschen Historischen Museum (Berlin) kannte ich Quäker nur aus Geschichten und dem Geschichtsbuch. Genau wie viele andere Deutsche verband ich durch Erzählungen meiner Eltern und Großeltern die Schulspeisung oder „Kinderspeisung“ (Rosinenbrötchen, Kakao, Haferbrei) mit dem Wort „Quäker“. Warum heißen sie überhaupt „Quaker“, zu Deutsch: „Zitterer“? George Fox, einer der Ur-Quäker, schreibt dazu in seiner Lebensgeschichte: „Es war Richter Bennet zu Derby, der uns zuerst Quäker genannt hat, weil ich ihnen sagte, sie müssten erzittern vor dem Wort Gottes. So geschehen 1650.“

George-Fox.
George Fox (1624 bis 1691).

In schlimmster Not nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die von US-amerikanischen und britischen Quäkern organisierte „Quäkerspeisung“ für Millionen deutscher Kinder zur rettenden humanitären Großtat und zum Aha-Erlebnis: Die ehemaligen Feinde kamen mit der Suppe.
Vor dem Ersten Weltkrieg waren Quäker in Deutschland praktisch ausgestorben. In Meyers Konversationslexikon von 1899 lesen wir unter „Quäker“: In Deutschland nur in der Gegend von Pyrmont vertreten, wegen Fleißes und häuslicher Tugend geachtet.
Kirchen und Religionen gab es reichlich. Alle Soldaten des Ersten Weltkriegs, die sich gegenseitig zusammenschossen, trugen Neue Testamente, New Testaments und Nouveaux Testaments in der Tasche oder, um niemandes Gefühle zu verletzen, Korane oder die Thora. Nach dieser mörderischen industriellen Revolution auf den Schlachtfeldern entstand in vielen Herzen eine brennende Sehnsucht nach Frieden, und diesen Frieden des Herzens brachten die Quäker mit für jedermann und genderneudeutsch jedefrau und jedenjedi, ohne sich erst das Parteibuch, den Ariernachweis, die rote Fahne oder sonstige politische Korrektheitszeugnisse vorlegen zu lassen. Die deutschen Quäker wuchsen wie Senfkörner und trafen sich 1925 in Eisenach zur ersten eigenständigen „Deutschen Jahresversammlung“ der „Religiösen Gesellschaft der Freunde“, denn so nennen sie sich nach dem 15. Vers im 15. Kapitel des Johannesevangeliums: „Ich werde euch nicht mehr Diener nennen; denn ein Diener weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr nenne ich euch Freunde; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe“ (O-Ton Jesus).
Im November 1925 zog das „Quäkerbüro“ in den linken Seitenflügel der Prinz-Louis-Ferdinand-Str. 5, heute Planckstraße 20, Berlin-Mitte. Dort befindet es sich heute noch.

 

Planckstraße_20.
Berlin Mitte, Planckstraße 20, Eingang.
Quäkerschild.
Schild des Quäkerbüros in der Planckstraße.

1965 gründete sich die „Deutsche Quäker-Hilfe“, sie zog jetzt am 10. April von Bielefeld nach Berlin und unterstützt Projekte wie „Fair Trade“ durch Zusammenarbeit. „Fair Trade“-Kaffee gibt es seit ein paar Wochen sogar bei Aldi, wie ich aus meinem Alltag weiß. Außerdem weiß ich, dass Ziele beim Gehen entstehen und Pfade beim Trampeln, aber was ich außerdem schon immer wissen wollte, ist: Wie geht eigentlich glückliches Gehen? — In den Infos der Quäker-Hilfe findet sich dazu einen Tipp: „Ich glaube, dass ich nur einmal durch dieses Leben gehe. Wenn ich daher irgendwo Güte zeigen oder einem Mitmenschen irgend etwas Gutes tun kann, dann will ich das nicht aufschieben oder sein lassen, sondern hier und jetzt tun. Denn diesen Weg werde ich nicht mehr entlang kommen.“ WILLIAM PENN (1644 bis 1718), Gründer Pennsylvanias. Er schloss den einzigen Vertrag zwischen Weißen und Indianern, der nie aufgeschrieben und nie gebrochen wurde.

http://www.quäker-hilfe.de/

 

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5. Vorlesung ― http://volkslesen.tv/06-13-tafelwerk-und-tintenherz-tintenherz/

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6. Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 17

Wir erinnern uns an Veronika Mewes-Fischer (82), Urs Bergner (39) und den Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz (214), die sich in der Zeitschleife des CAFÉ FANTASY an Tisch drei getroffen haben zur Small Talk Show ohne Fernsehen.

Urs Bergner ergriff das Wort: “Erzählen Sie uns lieber weiter von 1841 und dieser Gottliebin Dittus im Schwarzwald, Herr Diaspora-Prediger.”

„Gute Idee“, nickte Frau Mewes-Fischer. Weiz schwieg nachdenklich so lange, dass es ihr zu lang und weilig wurde. „Wissen Sie eigentlich, Herr Weiz, warum wir Frauen immer das letzte Wort haben?“

Weiz schwieg weiter. „Warum denn, Veronika?“, fragte Urs an seiner statt. Er musste dabei verstärkt an Nadia denken.

„Weil Euch Männern immer so schnell nichts mehr einfällt“, antwortete Frau Mewes-Fischer.

Weiz räusperte sich. Auf einmal flog die Tür auf. Ein schwarz gekleideter Finstermann mit schwarzer Sturmhaube stürmte ins CAFÉ FANTASY und baute sich vor Tisch drei im allgemeinen und dem Diaspora-Prediger Weiz auf. „Wir haben gehört, du bist einer von diesen ewig Gestrigen und hast gedacht, wir kriegen dich nicht!“

Weiz räusperte sich immer noch. „Wer sind Sie denn?“, fragte Frau Mewes-Ritter streng.

„Ich bin Anton von der Antifa Neukölln“, sagte Anton zu ihr. Dann wandte er sich wieder Weiz zu. „Und ich hab gehört, du bist 214 Jahre alt und arbeitest als Diaspora-Pfaffe?“ Weiz nickte schweigend.

„Und was hast du in der Zeit von 1939 bis 1945 gemacht?“

„Da hatte ich Pause“, antwortete Weiz.

„DA HATTEST DU PAUSE? IM FASCHISMUS HATTEST DU PAUSE?“, brüllte Anton von der Antifa.

„Was ist das, Faschismus?“, fragte Weiz. Anton von der Antifa wusste es auch nicht so genau. Er wusste nur, dass er dagegen war, und nahm eine drohende Haltung ein. Weiz stand auf und nahm eine gerade Haltung ein. Veronika Mewes-Fischer stand auf und nahm eine gerade Haltung ein. Urs Bergner stand auf und nahm eine gerade Haltung ein.

Weiz betrachtete Anton in seiner schwarzen Vermummung. Wir geben hier eine kleine Sehhilfe diesbezüglich, für die wir uns bei BANKSY herzlich bedanken:

BANKSY
Anton von der Antifa noch ohne Sturmhaube und dafür mit Mutter.

„Gehören Sie zum gleichen Verein wie diese vermummten Finsterfrauen, denen ich unterwegs begegnet bin?“, fragte Weiz. „Oder ist gerade Karneval?“

Anton von der Antifa war aber nicht nach närrischen Tagen oder gar zum Lachen. „Wir sprechen uns noch“, knurrte er und machte, dass er wegkam. So janz alleene, det war ihm nix.

Weiz hatte sich nun genug geräuspert. Er blickte Anton von der Antifa etwas verblüfft nach, als der übern Richardplatz abmarschierte. Dann fuhr er fort mit seiner Geschichte, die er durch die Zeitschleife trug: “In der folgenden Adventszeit des Jahres 1841 be­kam Gottliebin Dittus eine so schlimme Gesichts­rose, dass deren gleichzeitiges Brennen und Jucken ihr gesamtes Nervenkostüm ergriff und sie krank ans Bett fesselte. Sie musste sich von ihren Ge­schwistern versorgen lassen.
Angst ist der Glaube des Teufels. Was die armen Dittus-Geschwister ängstigte und auch dem Leineweber Seitz im ersten Stock die Ruhe raubte, das war dieses vom Verstand her unerklärbare, ständig wiederkehrende Geschlurfe und Gepolter in Stube, Küche, Kammer des Erdgeschosses.
Für den Pfarrer Blumhardt empfand Gottliebin eine merkwürdige Hassliebe. Während sie sonntags in der Kirchenbank saß und seiner Predigt lauschte, wuchs in ihr auf einmal der Wunsch, ihm die Augen auszukratzen. — Andererseits konnte der Pastor und Seelenhirte Blumhardt sicher sein, Gemeindeschaf Gottliebin überall dort anzutreffen, wo es auch nur irgendein Erbauungswort von ihm zu hören gab ― obwohl ihr das Gehen schwerfiel mit ihrer schiefen Hüfte und dem zu kurzen Hinkefuß. Wenn sie nach diesen Ausflügen wieder in die Dittus-Wohnung zurückgehumpelt kam, wurde sie dort empfangen von einer seltsamen Eiseskälte, die ihr durch Mark und Knochen ging und minutenlang das Herz abdrückte, bis sie wieder zu sich kam.
Ihre Persönlichkeit veränderte sich. Gottliebin entwickelte eine abstoßende, ablehnende Art, die den Möttlingern zusehends widerlich wurde, wenn sie nicht gerade selber ungeschlachte grobe Klötze waren.
Weil Gottliebin ihre Erfahrungen und Erlebnisse eisern für sich behielt und mit ihren drei Geschwistern als arme Waisenfamilie Dittus keinen besonderen gesellschaftlichen Stellenwert am Ort hatte, fragte niemand weiter nach ihr — außer dem jungen Landarzt Dr. Späth, der sie seit dem Tod ihrer Eltern als Armendoktor betreute. Er war auch der einzige Mensch, dem sie manches von ihren Plagen im Vertrauen auf seine ärztliche Schweigepflicht mitgeteilt hatte.
Dieser Dr. Späth blieb zwei Mal über Nacht in der Stube der Dittus-Wohnung. Was er dort in der ersten Nacht erlebte, übertraf alle seine Erwartungen und Befürchtungen. In der zweiten Nacht lud er noch drei wissbegierige Personen ein, mit ihm dort die Zeit zu verbringen und Zeugen des geisterhaften Polterns und Schlurfens zu werden. In dieser Nacht sträubten sich allen Anwesenden die Haare. — Danach wurden diese Ereignisse zum Ge­sprächs­stoff, und zwar weit über Möttlingen hinaus. Die Nachricht dieser seltsamen Ereignisse verbreitete sich rasch in der ganzen Umgegend, so dass inzwi­schen sogar schon aus Calw und Stuttgart Anreisen­de gesichtet wurden, die neugierig um das Haus Brunnengasse 3 herumschlichen und Fragen stell­ten, die niemand beantworten konnte oder wollte. Allerdings erzählte Gottliebin auch dem Dr. Späth nichts von der wahren Ursache ihres Blutverlustes, von diesen vampirischen Geistern, die sie jede Wo­che heimsuchten. Der Arzt sah nur hilflos mit wach­sendem Entsetzen zu, wie sie immer schwächer wurde.
Anfang Februar 1842 brach über den Schwarz­wald eine derartige Kältewelle herein, dass die Vö­gel tot wie Holzstücke vom Himmel fielen. Wege und Straßen lagen so verschneit, dass keine Kut­sche mehr durchkam. Auf der zugefrorenen Nagold liefen dick eingemummelte Familien fröhlich Arm in Arm Schlittschuh und freuten sich auf die Bratäp­fel, die schon zu Hause im Kachelofen warteten.
Dr. Späth hatte über zwei Stunden bei seiner Patientin in Möttlingen verbracht und wusste zum erstem Mal in seinem Ärzteleben nicht mehr weiter. Deshalb borgte er vom Schultheiß, dem Wolldecken- und Teppichhersteller Kraushaar, dessen Pferdeschlitten. Im Schwarzwald hießen die Bürgermeister ‚Schultheiß‘ bis ins 20. Jahrhundert hinein. Von Kraushaars zwei schweren Haflingern ließ sich Dr. Späth über die schneeweißen Wege zum Arzt Dr. Körner in Altburg bei Calw ziehen.
‚Sie haben doch Gottliebin Dittus damals behandelt, Herr Kollege‘, begann er dort das Gespräch mit Dr. Körner ohne Umschweife, wie es seine Art war.
‚Ich erinnere mich‘, murmelte Körner zurückhal­tend, ein hagerer grauhaariger Mann mit vielen Falten in einem schmalen Gesicht. ‚Was gibt es denn?‘
‚Krämpfe gibt es ohne erkennbare Ursache‘, sprach Dr. Späth, ‚Krämpfe und Blutverluste, die gar nicht mehr aufhören.‘
‚Seit wann?‘
‚Seit…‘, Dr. Späth dachte nach, ‚seit sie in Möttlin­gen mit ihren drei Geschwistern eine Wohnung be­zogen hat.‘
‚Und sonst?‘ Besonders redselig schien der Kol­lege nicht zu sein.
‚Sie ist dort beim ersten Tischgebet ohnmächtig vom Stuhl gefallen‘, sagte Späth. ‚Eine solche Ohn­macht hat sie vorher noch nie erlebt.‘
‚Was sagt denn der Pfarrer dazu?‘
‚Der Pfarrer?‘ Späth starrte seinen Kollegen ver­blüfft an. ‚Der hat doch von Medizin gar keine Ah­nung.‘
Pause.
‚Er ist immerhin Seelsorger‘, sprach der Altburger Arzt. ‚Vielleicht ist ihre Seele krank oder …‘, er zögerte.
‚Oder was?‘, wollte Späth wissen.
Körner antworte: ‚Zwischen Himmel und Erde gibt es einen Bereich, den unsere Schulmedizin nicht kennt, weil dort die Finsternis herrscht.‘ Nun bekam Körner zu den vielen Längsfalten im Gesicht auch noch auf der Stirn drei tiefe Querfalten. Er klatschte entschlossen in die Hände. ‚Guten Tag und vielen Dank für Ihren Besuch, aber ich muss jetzt weitermachen.‘ Mit der rechten Hand griff er zu seiner Arzttasche und mit der linken hielt er dem Kollegen die Tür auf.
Als Dr. Späth nach Möttlingen zurückkehrte, hat­te schon die Dämmerung eingesetzt. Im Pfarrhaus sah er Licht und klopfte an. Pastor Johann Chri­stoph Blumhardt saß mit seiner Frau Doris am Ess­tisch beim Abendbrot. Dr. Späth sollte sich mit an den Tisch setzen. Er hatte zum Leidewesen der Hausfrau aber keinen Appetit auf das Abendbrot und blieb stehen, was auf sie ausgesprochen un­freundlich und ungemütlich wirkte.
‚Gottliebin Dittus ist sehr krank, Herr Pfarrer‘, sagte der Arzt.
‚Davon haben wir gehört, Herr Dr.‘, sagte Doris Blumhardt, weil ihr Mann gerade am Kauen war und den Mund voll hatte mit Graubrot, Butter und Schwarzwälder Schinken. ‚Hoffentlich wird das arme Ding bald wieder gesund.‘ Als Blumhardt ausgekaut und herunterge­schluckt hatte, wischte er sich mit einer blau ge­musterten Leinentuchserviette den Mund ab.
‚So viel ich weiß, Herr Dr., wird sie von Ihnen gut und anteilnehmend medizinisch versorgt‘, ergänzte er die Rede seiner Frau.
‚Ich habe Medizin studiert und bin Arzt, das ist richtig‘, sagte Dr. Späth.
‚Die Kranken brauchen den Arzt, nicht die Ge­sunden‘, sprach Blumhardt und seine Frau nickte. Es störte Doris sehr, dass dieser Doktor sich be­nahm wie zwischen Tür und Angel. Jetzt schlug er sogar noch seinen Mantelkragen hoch, als ob es ihn hier fror.
‚Das geht so nicht weiter mit Gottliebin‘, brumm­te Späth. ‚Hier kann kein Arzt mehr helfen, da muss ein Mann Gottes ran.‘
Blumhardt bekam vor Schreck einen Hustenan­fall.
‚Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Herr Pastor, als unsere Schulmedizin sich träumen lässt‘, wiederholte Späth die Rede seines Altburger Kollegen und verfertigte allmählich den Gedanken, dass für die Schultheologie das gleiche galt.
‚Was hat das arme Ding denn Wundersames?‘, fragte Doris und beobachtete besorgt ihren husten­den Gatten.
‚Gottliebin Dittus bekommt grundlose Krampf­anfälle‘, erklärte Späth aufgebracht. ‚Sie verliert Blut und wird von Tag zu Tag schwächer. Außerdem poltert und schlurft irgend etwas Unsichtbares um sie herum, und zwar so laut, dass inzwischen halb Möttlingen jede Nacht davon wach und unruhig wird.‘
Doris lauschte aufmerksam und besorgt auf die Geräusche ihres hustenden Mannes und sprach: ‚Wir haben hier noch nichts ge­hört im Pfarrhaus.
‚Das ist ja das Schlimme‘, seufzte Späth.
Die Hausfrau wollte den ungebetenen Gast gern auf fromme, liebenswürdige Art loswerden und wusste nicht wie.
Blumhardt beruhigte sich langsam wieder und fragte mit viel Freundlichkeit im Tonfall: ‚Warum arbeitet sie eigentlich nicht mehr?‘
‚Weil Gottliebin rechts einen verkürzten Fuß und dadurch links eine hohe Seite bekommen hat. Sie kann jetzt nur noch humpeln‘, antwortete Dr. Späth. ‚Außerdem wird sie gequält von Magen­schmerzen, Unterleibsleiden und kaputten Nieren, seit sie 13 ist.‘
Der Pfarrer dachte nach. ‚Die unerklärlichen Dinge zwischen Himmel und Erde entstammen ei­ner überkandidelten fehlgeleiteten Einbildungs­kraft‘, sagte Blumhardt dann ruhig und entschieden. ‚Man kennt doch die Frau­enzimmer, wie sie sind, wenn sie hysterisch wer­den. Meistens hilft schon eine Tasse Melissentee in solchen Fäl­len.‘
Dr. Späth nickte verärgert und wischte sich die Haare aus der Stirn. ‚Ja, ich kenne die Weiber und eben drum kann ich Einbildung ganz klar unter­scheiden von Geschehnissen, die über unsere fünf menschlichen Sinne und unseren Verstand weit hinaus gehen.‘ Er zog ein ganz neues Neues Testa­ment aus der Jackentasche und blätterte es zielstre­big bei einem eingeknickten Eselsohr auf. ‚Hier heißt es ausdrücklich: ‚Als aber Jesus auferstanden war am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben böse Geister ausgetrieben hatte.‘ Sie kennen doch die Bibel, Herr Pastor, oder?‘
Blumhardt fand die Frage reichlich unverschämt, Doris auch. ‚Natürlich kenne ich die Bibel, Sie…‘, ihm fiel kein treffendes frommes Wort ein für den Arzt. ‚An die Heilige Schrift können Sie aber nicht herangehen wie an einen Steinbruch und sich das herausbrechen, was Ihnen gerade in den Kram passt. Maria stammte aus Magdala und nicht aus Möttlingen. Sie lebte vor über eintausendachthun­dert Jahren. Damals herrschte eine ganz andere Weltsicht.‘
Der Arzt sprang auf und steckte sein Neues Tes­tament wieder ein. ‚Es hat keinen Zweck, weiter mit Ihnen zu reden, Pastor Blumhardt. Sie wollen nicht verstehen, wovon ich rede.‘
‚Ich will nicht? Nein, ich kann es nicht verstehen, Herr Dr. Späth.‘ Blumhardt legte sein Besteck hin, dass es klirrte. ‚Ich predige jeden Sonntag in der Marienkirche, taufe neugeborene Kinder, kümmere mich um die Konfirmanden, um die Paare, die hei­raten wollen, und um die Toten, die beerdigt wer­den wollen, und bin ansonsten im Pfarrhaus zu christlichen Zeiten immer erreichbar. Was glauben Sie denn, wer ich bin und was mir möglich ist? Ich kann weder zu Fuß übers Wasser laufen noch sonst irgendwelche Wunder tun.‘
‚Wollen Sie nicht wenigstens eine Tasse Melis­sentee mit uns trinken?‘, fragte Frau Blumhardt.
‚Nein, danke‘, sagte Dr. Späth.
‚Ich bin Pastor und Hirte‘, fuhr Blumhardt fort, ‚aber kein Wundermann und kein Geisterjäger.‘
‚Wenn Sie Pastor und Hirte sind, warum küm­mern Sie sich dann nicht um Ihr krankes Gemeinde­kind Gottliebin Dittus?‘, fragte Dr. Späth kämpferisch.
‚Weil sie einen guten Arzt hat und mich gar nicht sehen will‘, antwortete Blumhardt friedlich.
‚Sie haben doch bloß Angst um Ihren Ruf als auf­geklärter evangelischer Pfarrer, der in Tübingen Theologie studiert hat‘, fing der Arzt nun an zu schimpfen. ‚Deshalb wollen Sie sich hier auf keinen Kampf mit den Geistern einlassen, die Gottliebin kaputt machen.‘
‚Schreien Sie uns nicht so an‘, sagte Doris.
‚Mein Ruf ist mir egal‘, behauptete Blumhardt. ‚Aber wie auch immer, wir leben heute im moder­nen neunzehnten Jahrhundert und nicht im Mär­chenland des Mittelalters mit seinen Feen, Zwergen, Riesen und sonstigen Spukgestalten. Das müssten Sie als Arzt und Naturwissenschaftler doch am bes­ten wissen.‘
‚Ich weiß jedenfalls, dass der Medizin und mir als Arzt Grenzen gesetzt sind‘, sagte Späth. ‚Und hinter diesen Grenzen geht es unsichtbar wei­ter.‘
‚Warum wollen Sie meinen Mann unbedingt mit hineinziehen in diese unerfreuliche Sache, Herr Dr. ?‘, fragte Doris Blumhardt.
‚Unbedingt mit hineinziehen?‘, wiederholte der Dr. Späth erstaunt. ‚Sie haben doch beide keinen blas­sen Schimmer, wie schlimm es um die Kranke wirk­lich steht.‘ Er blickte Doris so durchdringend an, dass sie den Blick senkte. ‚Frau Blumhardt, was tun Sie, wenn es hier im Pfarrhaus brennt?‘
‚Dann versuche ich zu löschen und mein Mann ruft die Feuerwehr‘, antwortete sie.
‚Und was tun Sie, wenn die Flammen aus dem Haus Ihres Nächsten schlagen?‘, fragte der Dr. aufgebracht weiter. ‚Sehen Sie zu, wie ein Mensch lichterloh verbrennt?‘
‚Nein, natürlich nicht‘, rief Doris empört. ‚Wir rufen ge­nauso die Feuerwehr und versuchen zu retten, was zu retten ist.‘
‚Etwas anderes tue ich hier für Gottliebin Dittus auch nicht.‘ Späth riss zornig die Tür auf. ‚Gute Nacht und schlafen Sie gut weiter!‘ Er verließ das Pfarrhaus.“

Weiz verließ das CAFÉ FANTASY nun dito. Veronika und Urs blieben etwas ratlos zurück. Das heißt, Urs Bergner blieb ratlos. Frau Mewes-Ritter dagegen zuppelte ihren Ebook-Reader aus der Handtasche und fing an zu lesen.

„Was lesen Sie denn da?“, fragte Urs.

„Ach, ich lese einen historischen Krimi über die bekannteste deutsche Serienmörderin, Garçon“, antwortete sie freundlich. „Das Ebook gibt es nämlich ein paar Stunden lang kostenlos, weil Herbert-Friedrich WiTzel alias Hermann Syzygos heute seinen sozialen Tag hat.“

Der Engel von Bremen.
Zum sozialen Sonderangebot hier aufs Bild klicken bitte. FROHES SCHMÖKERN!

 Wird fortgesetzt – morgen geht die Sache weiter.

  • Wird Dr. Späth den Pastor Blumhardt rumkriegen, dass der sich doch noch mit diesem Menschenkind abgibt?
  •  Bald wissen wir mehr!

= = =

7. Besondere Schmakazie aus Blancas kleinekleinigkeiten-Blog:

 

Anello meraviglioso

aus Blancas Blog.
Aus Blancas kleinekleinigkeiten-Blog.

= = =

 

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