Dienstag, 24. Juni 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 118

Dienstag, 24. Juni 2014

  1. Tagesmusik: die neue EU-Hymne;
  2. Bild des Tages: Vater, Mutter, Tochter;
  3. Spruch zum Tage von Klaus Wowereit;
  4. Kalendergeschichte, diesmal für Juristen;
  5. Vorlesung aus der Staatsbibliothek;
  6. Fortsetzungsgeschichte: „CAFÉ FANTASY“ – Folge 27.

Und für die nächste Allesabfuhr empfehlen wir:

Frank Toebs
entruemplung.de

 

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Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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1. Bild und Ton ab für PETER ALEXANDER:

 

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S;=)

2. Bild des Tages:

-+-
Henry William St. Pierre Bunbury: „Ich mit Frau und Tochter“ (1795). [Bildquelle: The Yorck Project.]
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S;=)

3. Spruch zum Tage:

Adenauer hat behauptet, das einzige, was wir Sozis vom Geld verstünden, sei, dass wir es von andern wollen. Mit dem Berlin-Brandenburger Großflughafen Willy Brandt konnten Platzeck und ich diesem rheinischen Kapitalisten endlich, endlich mal das Gegenteil beweisen!

KLAUS WOWEREIT, studierter Jurist (sollte ein Scherz sein, das Zitat – also von mir jetzt).

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S;=)

4. Kalendergeschichte:

Zwei Mütter reden über Gott und die Welt und ihre Sprösslinge: „Weiß Ihr Sohn denn schon, was er werden will?“ – „Rechtsanwalt. Er ist ein Streithammel, steckt seine Nase ständig in anderer Leute Angelegenheiten und weiß immer alles besser. Da hab ich ihm geraten, er soll sich das bezahlen lassen.“

PS: Seit 1969 hat sich in D die Zahl der Rechtsanwälte pro Quadratkilometer ver80(achtzig)facht.

S;=)

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5. Vorlesung ―zum Thema: „Vermessung der Welt“

http://volkslesen.tv/49-09-staatsbibliothek-liest-daniel-kehlmann-1/

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6. Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 27

„Was lesen Sie selber denn jetzt, Garçon?“, fragte Frau Veronika Mewes-Fischer (82) an Tisch drei den Aushilfskellner und coolen Eismatscher vom CAFÉ FANTASY.

„Ach, ich lese gerade eine Geschichte über diese Serienmörderin, den Engel von Bremen, Veronika“, antwortete Urs Bergner (30) und stellte ihr einen Kaffee hin. „Soll ich Ihnen den Anfang vorlesen?“

„Ich bitte darum“, lächelte Veronika.

„Das Zitat vorneweg auch?“

„Alles ohne Zensur, Garçon“, sagte sie, „wir sind schließlich erwachsene Menschen, ich jedenfalls.“

Und Urs Bergner packte seinen Ebook-Reader aus. „Das Buch gibt es aber auch gedruckt“, erläuterte er. „Bloß so kann ich unterwegs gleich eine ganze Bibliothek mitnehmen, Veronika. Da wird Lesen wie Fernsehen und ich kann zappen nach Herzenslust.“

„Sehr schön, Garçon“, nickte sie und wurde dann energisch: „ANFANGEN! ANFANGEN!! ANFANGEN!!!“

Urs Bergner hub an mit seiner Buchvorstellung:

Es gibt zwei Arten von Weltgeschichte: Die eine ist die offizielle, immer frisch frisiert und für den Schul­unterricht bestimmt, eine Bilderbuchgeschichte für unsere Kleinen; und dann ist da die andere geheime Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereig­nisse in sich birgt, eine Geschichte der Schande und des Verbrechens.

HONORÉ DE BALZAC, Verlorene Illusionen.

Am 2. Januar 1813 starb in Bremen der alte Milten­berg, Gesches Schwiegervater. An dessen Sterbebett lernte sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Gegen­wart des Todes kennen. Zur Verwunderung aller ging sie sogar noch abends im Dunkeln hin und drückte dem Toten die Hand, um ihm eine gute Nacht und einen guten Schlaf zu wünschen. Sie schi­en überhaupt keinen Horror vor dem Leichnam zu empfinden.
Das Einzige, was sie wirklich und wahrhaftig je­den Tag mehr störte, war der junge Miltenberg, ihr Mann, der als scheintote Schnapsleiche durch die Gegend torkelte und Geld kostete, richtig viel Geld.

Dies war ein Trailer und die Ouvertüre sozusagen, verehrte Leserin und geschätzter Leser, weil: Hier geht es um den Tod in Serie, wenn die Hauptperson erst mal richtig in die Gänge kommt. Ich sag es als Kollege Autor nur schon vorher, damit Sie nachher keinen Schreck kriegen. Ansonsten können Sie sich jetzt getrost eine Tasse First Flush Tippy Golden Flowery Orange Pekoe aus dem Teehaus Paul Schrader eingießen oder ein Fass Beck’s Bier aufmachen und in Opas Lehnstuhl oder in die Wohnlandschaft zurücklehnen und sich sicher sein, dass Ihnen außer Gruseln nichts passieren kann, denn das Schwarze hier sind ja nur die Buchstaben zu Ihrer kriminellen Unterhaltung, wenn alles klappt und nicht nur die Tür. 
 
Es ist der 13. April 1806. Um 12 Uhr mittags schüttet und hagelt es dermaßen auf die Hanse­stadt Bremen, dass du keine Ente vor die Tür ge­jagt hättest. Trotz des schauerlichen Sauwetters schoss Wollnäherin Margarete Timm durch dicke Regenfäden mit Hagelknoten hin und stammelte immer wieder dasselbe: „Syphilis… Miltenberg hat Syphilis…“
Viertel nach zwölf saß dieses blasse, zitternde, durchnässte zierliche Weiblein nun endlich warm und trocken bei der grobknochigen Kapitänswit­we Erna Blei, die vor drei Jahren erst nach Bre­men gezogen war. Trotz ihrer vierkantigen Statur wirkte sie hübsch durch ihr angenehmes Gesicht, glänzende dunkle Haare und fröhliche braune Au­gen. Sie hatte sich auf zurückhaltende Art einen Platz an der Sonnenseite Bremens erobert durch geistige Regsamkeit und eine liebevolle Ausstrah­lung. Und sie hatte bis jetzt alle Rechnungen und ihre Miete immer pünktlich bezahlt. Woher sie das Geld nahm, wusste keiner, doch denen, die es kassierten, war das egal. Witwe Blei roch nach Aloe Vera. Es hieß von ihr,  sie habe das zweite Gesicht.
Margarete Timm gehörte zu jenen Leuten, die sich gern die Karten legen lassen, wenn sie nicht mehr wissen, was Trumpf ist. Diesbezüglich galt Erna Blei als anerkannte Fachfrau, gerade auch wegen ihrer Zurückhaltung und der Tatsache, dass sie sich nie aufdrängelte mit ihren Karten oder ihre Fähigkeiten selber lobte.
„Ich hab gehört, Mutter Timm, Vater Timm soll als Damenschneider dermaßen fleißig sein, dass er beim Nähen die Luft anhält, um zehn Stiche mehr pro Tag zu schaffen“, lachte die lustige Kapi­tänswitwe. „Herzlichen Glückwunsch! Dann brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen wegen deines Haushaltsgeldes.“
„Wie viel?“ fragte Mutter Timm und zog einen kleinen  Geldbeutel aus den nassen Falten ihrer Kleidung.
„Einen Taler kostet dich der Spaß heute, weil du es bist.“ Der Taler wanderte übern Tisch und verschwand in Ernas roter Manschette am linken Ärmel. Nun wickelte sich die Witwe ihren schwar­zen Schal um den Kopf und zündete noch drei Kerzen an.
„Wo brennt‘s denn diesmal, Mutter Timm?“ fragte Witwe Blei, die Mitte zwanzig war und aus­sah wie Ende vierzig.
„Der Miltenberg hat Syphilis, Erna“, keuchte Mutter Timm, „und er säuft wie ein Loch. Aber da­von haben wir doch gar nichts geahnt, als er um Gesches Hand anhielt.“
Pause. Erna Blei hatte es nicht eilig und schon Schlimmeres erlebt.
„Und unser Sohn macht mir das Herz schwer“, fuhr die Timm zitternd fort. „Ständig läuft Johann Timm junior mit finsteren Blicken durch die Ge­gend, redet mit niemandem und ist so unzufrie­den, dass Gott erbarm. Und regnen tut es ja nun auch noch wie die Sintflut. Hoffentlich halten die Deiche das viele Wasser aus. Ich weiß gar nicht, was aus uns werden soll, wenn es so weitergeht.“ Sie seufzte inbrünstig. „Wenn doch der Milten­berg bloß verrecken würde an seinem Suff.“
Witwe Blei mischte schweigend ihre Karten durch, ließ Mutter Timm abheben und legte den halben Tisch in Viererreihen voll. Dann konzen­trierte sie sich. Draußen rauschte der Regen wei­ter wie die Niagarafälle.
Die Kapitänswitwe schwieg weiter, bis ihre Kli­entin es nicht mehr aushielt. „Was siehst du denn, Erna? Nun sag mir‘s doch!“
„Dein Sohn wird bald im zweitältesten Gewer­be der Welt arbeiten, Margarete“, flüsterte Erna geheimnisvoll.
„Ich weiß ja, was das älteste Gewerbe der Welt ist“, stotterte Mutter Timm. „Aber was ist denn das zweitälteste?“
„Du wirst es schon sehen, wenn er soweit ist“, antwortete die Witwe, die beim Wahrsagen im­mer gern mit den leichtesten Themen anfing. „Kann ich sonst noch etwas für dich tun, Margarete? Willst du vielleicht einen Blick in die Zukunft deiner Tochter werfen? Oder willst du wissen, ab wann in Bremen wieder die Sonne scheint?“
„Am besten beides“, antwortete Mutter Timm und kicherte wie ein Backfisch. Sie war kurz vorm Nervenzusammen-bruch gewesen und nun wie ein Kind, das Lachen und Weinen in einem Sack hat.
Erna Blei betrachtete noch einmal die Karten, bekam plötzlich einen schweren Hustenanfall, riss das Fenster auf, um wieder Luft zu bekom­men, und fing dann mit einem leidenschaftlichen Sopran an zu singen:
„Glücklich ist,
Wer vergisst,
Was doch nicht zu ändern ist.“
Sie hatte nämlich nicht nur das zweite Gesicht, sondern auch noch das zweite Gehör für kom­mende Melodien.
Gerichtsdiener Lüder Siemers lehnte zur glei­chen Zeit am offenen Fenster des Stadthauses, fand diesen Gesang in der Ferne total kurzweilig, nuckelte an seiner weißen Tonpfeife und war ganz froh über seinen krisensicheren Job. Norma­lerweise spuckte er nie aus, das hatte er sich im Gerichtssaal abgewöhnt, doch diesmal spie er fröhlich nach draußen in den Regen und beteiligte sich so auch noch privat am öffentlichen Niederschlag.
Wenig später schimmerte der Himmel über Bremen wieder wolkenlos und hell wie ein Fest­zelt von innen.
Noch später kehrte Mutter Timm heim und zog ein trockenes Kleid an, ein riedgrünes Maxikleid aus der preiswerten Wolle von wegen Sturmflut ertrunkenen und notgeschlachteten irischen Küs­tenschafen.
„Es wird alles gut werden, Vater“, sagte sie ru­hig zu ihrem Mann, der gerade wieder beim Nä­hen die Luft anhielt. „Es wird alles gut.“
Zur gleichen Zeit redete der junge Senator und Untersuchungsrichter Droste ein ernstes Wort mit Gerichtsdiener Siemers. „Das geht so nicht weiter, Lüder“, sprach Droste. „Die Verbrecher beschweren sich schon über dich und sagen, wie du herumläufst, das sei der schlimmste Räuberzi­vil, den sie je gesehen hätten. Also kauf dir gefäl­ligst endlich einen Gürtel, sonst denken alle, du machst dir die Hose mit der Kneifzange zu.“ Weil der Senator seinen sozialen Tag hatte, gab er Sie­mers einen Taler als Zuschuss für Dienstkleidung.
Ungefähr siebzehn Minuten später betrat Lü­der Siemers das Sattlereigeschäft Pelzerstraße 37, in dem Gesche Miltenberg, geborene Timm, hin­term Verkaufstresen stand. Nach einem Blick auf seine frisch geröhrten Hosen strahlte sie den Kunden wie eine Honigkuchenkönigin verkaufs­fördernd an. „Was darf’s denn sein, Herr Gerichts­diener?“
Gesche war so hübsch, dass Siemers erst mal die Spucke wegblieb. Diese neue Hauptrolle als Hausherrin kam ihren Starallüren sehr entgegen und auch als Gattin lebte sie sich lässig und ge­schickt an der grünen Seite des Sattlermeisters Miltenberg ein, wenn der denn nicht gerade blau war. Leider nagte zwischen seinen Beinen diese ekelhafte Krankheit, die er sich als gern gesehe­ner Besucher bei Bremens Hafennutten geholt hatte. Bis zur vollständigen Heilung war er bei seinen ehelichen Pflichten erst mal dienstuntaug­lich. Doch weil er selber sowieso mehr Säufer als Sexist war und Gesche ihn nicht nur aus Liebe ge­heiratet hatte, konnten beide diese Schonzeit ver­hältnismäßig gut verkraften, obwohl Gesche sich inzwischen doch ein bisschen einsam vorkam.
„Heute brauch ich einen Gürtel, tapfere kleine Frau“, brummte Siemers und fand sich verdammt charmant.
„Wie wär’s mit dem hier?“, frug Gesche und warf locker einen fast handbreiten Riemen aus bestem Büffelleder mit silberner Gürtelschnalle auf den Ladentisch. „Das Modell wird immer gern genommen und ist jetzt total angesagt in Paris, New York und  Sankt Petersburg.“
„Du musst es ja wissen, Gesina“, brummte Lüder und machte damit bei ihr zwanzig Punkte, denn so nannte sie sich selbst gern. „Mit dem fe­schen Gürtel da muss ich mich doch vor allen Bre­merinnen verstecken, wenn ich mal eine Nacht al­leine verbringen will. Ich brauch aber was Seri­öses fürs Gericht und fürs Stadthaus.“
„Wie kommt Ihr denn klar mit den eingesperr­ten Verbrechern im Stadthaus?“, fragte sie neu­gierig. = = =

Frau Mewes-Fischer war nun ebenfalls neugierig geworden. „Dieses Buch interessiert mich, Garçon“, sprach sie. „Wo gibt es das denn?“

„Hier“, antwortete Urs Bergner, „Sie müssen nur das Titelbild anklicken“:

 

Titelbild
Herbert-Friedrich Witzel: „Der Engel von Bremen“; als eBook und gedruckt erhältlich.

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Wird fortgesetzt, es kommt noch besser – bald geht die Geschichte weiter voran im CAFÉ FANTASY …

 

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