Klaus Elgert: „Das ist mein Leben“

Hier präsentiere ich Euch als Autor eine meiner Schreibarbeiten, die mir Spaß gemacht hat, übrigens, und Klaus Elgert ebenfalls:

Das ist mein Leben

Mit Klaus Elgert im Gespräch

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Foto: Carl Hatebur.

Herbert Witzel: Erzähl doch einfach deine Geschichte von Anfang an.

Klaus Elgert: Chronologisch, also dem zeitlichen Ablauf nach?

Ja, bitte.

Gut. Ich wurde geboren am 21. Mai 1942 in Bernau bei Berlin, gehöre also zu den Kindern des Krieges, der 1939 begonnen hatte, blieb zeitlebens ungestillt und bin entsprechend mickrig geraten. Inzwischen haben auch Neurologen, Psychologen et cetera pp meine Generation entdeckt mit den Schäden der Kriegsjahre und der Nachkriegszeit incl. Mangelwirtschaft und Bombardement. Sicher, auch ich bin ein traumatisiertes Opfer sowohl im weiteren als auch im engeren Sinne.

Da meine leibliche Mutter, eine geschiedene Linsenbarth, verhindert war, hat sie mich im zarten Alter von nur 8 Wochen „ausgesetzt“, das heißt in den Kindergarten verbracht und nicht mehr abgeholt. Unter normalen Umständen hätte ich zu diesem Zeitpunkt beschnitten werden können, doch die Nürnberger Gesetze (Rassengesetze) verhinderten dies. Um sich selbst und ihren Sohn zu schützen, beschloss die Mutter unter Tränen, den Sohn christlichen Pflegeeltern anzuvertrauen. Also wurde ich getauft, konfirmiert und christlich sozialisiert. „Wer frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein auf sie!”

Für meine Pflegemutter Lucie Pfannenbecker alias Kähms, geb. Wächter, war ich sozusagen die unbefleckte Empfängnis. Sie hatte ihr Auge auf mir und weil sie selbst keinen leiblichen Sohn hatte, wurde ich dann ihr „leiblicher“. Sie liebte mich sogar mehr als ihre leibliche Tochter, also als meine Stiefschwester, was diese mir nie verzieh. Es kam immer wieder zu Eifersüchteleien zwischen uns. Da ich der Jüngere war, hatte ich zeitweise gut zu leiden.

Aber aufgrund der umfangreichen Liebe, die die Pflegemutter mir zuteil werden ließ, war alles machbar und erträglich. Und Summa summarum kann ick sagen, dass ich eine sehr schöne Kindheit hatte am Rande von Berlin, quasi auf dem Land, mit viel Obst und Gemüse und Kleintierhaltung. Wir hatten Hühner, wir hatten Gänse, wir hatten Zicken.

Jeder Tag war anders. Diese Zeit der restlichen Kriegsjahre und der Nachkriegsjahre war schwer durchzustehen, weil von allem nicht mehr genug zur Verfügung stand und es enormer Anstrengungen bedurfte, für die Erwachsenen, für die Eltern, für sich selbst und für die Kinder das Notwendigste zu beschaffen. Dadurch hatten wir Kinder sehr viel Freiheit. Wir waren uns zeitweise den ganzen Tag überlassen und konnten uns miteinander und mit dem, was uns umgab, beschäftigen.

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Foto: Carl Hatebur.

Ging diese Freiheit denn auch mal zu Ende?

Eine Zäsur gab es eigentlich erst 1948 mit dem Eintritt in die Schule in Zepernick. Und noch bevor sie begann, sagte ich schon zu meiner Mutter: „Ja, die Schultüte werde ich nehmen, aber zur Schule werde ich nicht gehen.“

Und eben aufgrund der bis zum Eintritt in die Schulzeit genossenen Freiheit hatte ich das große Bedürfnis, frei zu sein.

Ich kann mich entsinnen, dass die ersten Übungen an dem großen Schreibtisch vom Pflegevater dann auch denkbar strapaziös für mich waren. Det hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich an den Schulbetrieb gewöhnen konnte, ja. Und auf der Hälfte kam dann noch ein Autounfall hinzu. Der verursachte bei mir erhebliche Schäden mit mächtig viel Knochenbrüchen. Ich musste also tatsächlich ein dreiviertel Jahr im Krankenhaus zubringen und darüber hinaus auch noch eine Klasse wiederholen, weil es anders nicht machbar war.

Ja, und dann packte mich plötzlich der Ehrgeiz. Schließlich gehörte ich mit zu den Besten und konnte so 1957 mit gutem Ergebnis die Schule verlassen.

Unsere Mutter also, nachdem sie hier nicht nur mit uns nach und während des Zweiten Weltkriegs hat hungern dürfen, hatte ja schon in ihrer Kindheit den Kohlrübenwinter vom Ersten Weltkrieg kennengelernt. Und aus dieser bitteren Erkenntnis und Erfahrung heraus beriet sie mich dann dahingehend, dass sie sagte: „Junge, lern Koch, damit du immer wat zu essen hast.“

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Foto: Carl Hatebur.

Und nach der Schule?

Bin ich dann rein in die Stadt, in den Bezirk Friedrichshain. Seinerzeit sind da gerade jene Gaststätten eröffnet worden: Frankfurter Tor, HO-Gaststätte, Café Warschau und det Budapest et cetera pp. Und da konnte ich dann als Kochlehrling eintreten. Die Lehre hat trotz der hohen körperlichen Belastung Spaß gemacht. 1960 schloss ich meine Ausbildung mit dem Facharbeiterbrief ab.

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Du bist dann in den Westen geflüchtet?

Ich glaub nicht, dass ich mich in den Westen abgesetzt hätte, wenn unsere Mutter nicht verstorben wäre. Dann wäre ich sicherlich zu Hause geblieben und wir hätten uns nach den Plänen gerichtet, die sie für uns hatte, nämlich dass die Tochter und der Sohn arbeiten gehen, Familien gründen und sie mit den Kindern, mit den Enkelkindern beschäftigt ist. Das waren ihre Pläne für die Zukunft.

Am 13. August 1961 las ich auf irgendwelchen Zetteln, die bei uns kursierten, dass eine Absperrung erfolgt und Ost von West getrennt sei. Nächsten Tag bin ich zum Humboldthafen. Dort kommt mir ein Volkspolizist entgegen und sagt: „Sie dürfen sich hier nicht aufhalten, hier ist ein Sperrgebiet. Zeigen Sie mir doch mal Ihren Ausweis.“ Na ja, nun, ich zeig den Ausweis und steck den wieder hinten in die Tasche. Der Polizist biegt ab.

Ich sage mir: „Jetzt kannst du nur ins Wasser gehen!“ Also ab ins Wasser und drüben auf der andern Seite wieder raus. Da kam denn schon eener auf mich zu, drückte mir n Fünf-Mark-Stück in die Hand und sagte: „Das ist dafür, dass du die Freiheit gewählt hast.“

Am 14. August 1961 war das. Einen Tag nach dem Mauerbau bin ich durch die Spree geschwommen Richtung Kongresshalle, rechter Hand lag der Humboldthafen.

Es hätte natürlich auch in die Hose gehen können. Eine Woche später wurde der erste Schwimmer im Humboldthafen abgeknallt.

Und dann hatte ick ja hier det Notaufnahmeverfahren zu absolvieren. Das dauerte einige Zeit. Danach konnte ich im Restaurant Kopenhagen als Koch beginnen.

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Foto: Carl Hatebur.

Das Restaurant Kopenhagen gibt es heute nicht mehr. Dazu hab ich einen Artikel in der WELT vom 17.12.1999 gefunden:

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Das traurige, hammerharte Ende des Kopenhagen

Bei der Versteigerung im Traditionsrestaurant wechselte sogar die Wandverkleidung den Besitzer

Von Annekatrin Looss

Die Stühle im „Kopenhagen“ am Kurfürstendamm 203 sind bis auf den letzten Platz besetzt, ebenso die Wandbänke. Selbst im Mittelgang drängeln sich Menschen. An der Seite lassen Tannenbäumchen mit goldenen Kugeln vorweihnachtliche Stimmung erahnen, die hier noch bis vor kurzem herrschte. Nun, am Donnerstagvormittag, bittet Auktionator Wigolf Spier um Ruhe. Die Versteigerung beginnt. Seit 1951 gab es das Kopenhagen. Nun muss es schließen.

Zuerst kommen Tische und Stühle unter den Hammer. Und gehen für 5.500 Mark an einen Herren mit der Nummer 350. Peter Hilpold, der das Restaurant 30 Jahre lang betrieb, hat sich zurückgezogen. Eigentlich wollte er gar nicht kommen. Doch es fehlte ein Schlüssel, und nun muss er den Ausverkauf mit ansehen.

Traurig lächelnd sitzt er da zwischen Möbeln, die bald nicht mehr ihm gehören. Nein, die Schließung kam für ihn nicht überraschend. Schon seit Jahren habe Vermieter Arthur Brauner die Miete erhöht. Zum Schluss habe er 30.000 Mark im Monat gezahlt, so Hilpold. Aber die Gäste wurden ja nicht mehr.

Erst nachdem die Schließung bekannt geworden war, seien die Tische ausgebucht gewesen. „Wären immer so viele Gäste gekommen, hätte ich Herrn Brauner auch mehr Geld geben können.“ Das Aufhören fällt Hilpold schwer. 30 Jahre lang habe er Gäste aus Politik und Fernsehen empfangen. Sogar Helmut Schmidt sei hiergewesen. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, würde er ein „Kopenhagen II“ eröffnen. „Etwas anderes zu machen, kann ich mir nicht vorstellen.“

Eine Stunde später ist es sichtlich leerer im Kopenhagen. Bis zum Nachmittag wird die Versteigerung noch dauern. Dann können die neuen Besitzer ihre Erinnerungen und Schnäppchen abholen. Bis spätestens zum 30. Dezember muss auch der Letzte hiergewesen sein. Denn dann wird das Kopenhagen in einen Daimler-Chrysler Showroom umgebaut.

(Gekürzt.)

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Was hast du dann gemacht?

Vom Restaurant Kopenhagen aus wollte ich ursprünglich nach Schweden, weil, das Restaurant Kopenhagen hatte eine dänische Annonceuse und die konnte Schwedisch und die hat mir ein Bewerbungsschreiben für Schweden aufgesetzt.

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Foto: Carl Hatebur.

Was ist denn eine „Annonceuse“?

Sie stellt die Verbindung dar zwischen dem Restaurant, also quasi zwischen dem Kellner, und dem Koch. Mithin das, was der Kellner an Bestellungen aufgenommen hat, hat er gebongt, und die Bons gibt er der Annonceuse und sie plärrt dann in die Küche, um die Gerichte, die bestellt worden sind, zu annoncieren. Da ist so ein Tresen zur Küche hin.

Aber ich bin dann doch nicht nach Schweden gegangen, denn zwischenzeitlich bekam ich ein Angebot übers Arbeitsamt, für eine Sommersaison als Koch in die Schweiz nach Lugano zu gehen .

Na ja, Lugano, det ließ bei mir natürlich Träume hochkommen und Nüscht wie hin, nicht? Also befand ich mich dann mir nichts, dir nichts, rechtzeitig zum Saisonbeginn in Lugano, wurde dort auch gleich in Empfang genommen und kam dann in einem netten kleenen Familienbetrieb unter, Hotel Brünig, und war da auch sozusagen Hahn im Korbe. Wurde dermaßen bemuttert von der Patronin, dass hier ihr Gatte sogar eifersüchtig wurde und na ja. Die Patronin hat mich gleich als sehr ehrgeizig geoutet und mir nach der Saison beste Zeugnisse ausgestellt. Und dann dachte ich also, Nüscht wie weg und rüber nach England, um Englischkenntnisse zu erwerben.

Nach England kam ich noch völlig ohne Ahnung von der Sprache, aber habe dann mit Händen und Füßen mich verständigt und es klappte. Habe erst mal als Koch dort ein Jahr gearbeitet und fleißig gespart, um zurück nach Deutschland zu gehen und hier in Heidelberg an der Hotelfachschule mich weiterzubilden.

Auf der Hotelfachschule in Heidelberg wurde mir bewusst, dass Englisch allein auch nicht hinlänglich sei. Ich bräuchte noch Französisch.

Also hab ich nach Abschluss des Hauptlehrgangs in Heidelberg mit dem Diplom in der Tasche mich auf den Weg nach Paris gemacht, ins erste Hotel am Platze, Hôtel de Crillon am Place de la Concorde. Hmmm, vom Feinsten! Da standen die Livrierten vor der Tür und haben die Wagenschläge von diesen großen Rolls Royce öffnen dürfen, wo dann die gnädige Frau ausstieg mit Hündchen und Pipapo, ja, unglaublich. Also ein Luxus und Preise spielten überhaupt keine Rolle und det war für mich einfach unfassbar, hm.

Kannst du dir vorstellen, wie da amerikanische Millionäre und Ölscheichs residierten, denen es nichts ausmachte, pro Nacht 500 Euro auf den Tisch zu blättern?

Ich hab ein Bombenerlebnis gehabt, und zwar hab ich mich hier von der Hotelsekretärin einladen lassen, einer Wienerin jüdischer Provenienz. Wir waren des öfteren unterwegs, eigentlich nur zum essen und das eine Mal sind wir denn also zu ihr. Na ja, und da hat sie mich denn abgefüllt und wir haben die Nacht miteinander verbracht. Am frühen Morgen, als ich um acht an meinem Arbeitsplatz saß, war ich immer noch voll bis Unterkante Oberlippe. Ich konnte doch tatsächlich weiter nüscht machen als lachen, immer nur lachen. Da hat mich mein Vorgesetzter natürlich nach Hause geschickt „to laugh it off“, zum Ablachen.

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Foto: Carl Hatebur.

Wenn du ins Internet gehst, dann findest du dort auch Innenaufnahmen vom Hôtel de Crillon, von dem feudalen Interieur. George Orwell hat da auch mal als Tellerwäscher gearbeitet, übrigens, und schreibt über diese Zeit in seinem Buch: „Erledigt in Paris und London“. Er bekam darum ein Gerichtsverfahren an den Hals und musste das Hôtel de Crillon danach „Hotel X“ nennen.

Ich bin auch schon drauf gekommen, im Internet nach diesem Hotel zu recherchieren. Es wird gerade umgebaut, wie ich inzwischen weiß. Von 2013 bis voraussichtlich 2015 wird das Haus renoviert und bleibt so lange geschlossen.

In Zusammenhang mit dem Hôtel de Crillon wird bei Wikipedia zwar iGeorge Orwell nicht erwähnt , aber ansonsten werden als gehabte Gäste genannt: Orson Welles, Kaiser Hirohito, Leonard Bernstein, nach dem heute eine Suite benannt ist, usw. usf.

Ja. 1919 war der amerikanische Präsident Woodrow Wilson da. Und als Queen Elizabeth gekrönt worden war und die erste Staatsvisite in Frankreich gemacht hat, ist sie ebenfalls im Crillon abgestiegen.

Wenn man hier so ganz von unten ankam und selbst schon am Hungertuch genagt hat, dann war det Hotel einfach det war irrsinnig!

Und … na jut. Dieset Jahr absolviert, das Zeugnis bekommen und dann ab über den Teich wieder nach England, oder über den Kanal, muss ick ja sagen, über den Kanal nach England „in order to be Clerical Officer at Headquarters of Britisch Transport Hotels Ltd. In London“. Im „Caledonian Hotel“ in Edinburgh war ich dann auch Assistent Manager.

Das war natürlich ein Sprung hier von Headquarters her als kaufmännischer Angestellter und dann zur Hotelfachschule und zuvor eigentlich nur Koch ein Sprung ins kalte Wasser. Man hatte aber hier bis zu 70 Stunden in der Woche abzuleisten und während der ersten vierzehn Tage bin ich gar nicht vors Hotel gekommen. Da bin ich also vom Dienst weg und hoch aufs Zimmer und hab mich schlafen gelegt, um fit zu bleiben. Hatte ein wunderschönes Zimmer mit „View onto the Castle“ und war bestens versorgt, konnte im Restaurant à la carte essen und hab nen Stresemann getragen und allet, wat dazugehört.

Aber dann kam der Manager, der auf Urlaub war, zurück und der mochte mich als Quereinsteiger nicht dulden. Ich verließ England, kehrte zurück nach Berlin und wurde Assistent der Geschäftsführung der Fremdenverkehrswerbung der Hotel- und Gaststätten-Innung.

Und da dachte ick, na, et is wohl besser, du machst noch ein weiteres Jahr Hotelfachschule, Hotelfachschule Berlin, aufbauend auf jenem Jahr in Heidelberg. Und gesagt getan; ich habe dort dann den Abschluss als staatlich geprüfter Betriebswirt fürs Hotel- und Gaststättengewerbe bekommen.

Nachdem ich diesen Schrieb und das Zertifikat in der Tasche hatte, meinte ich, ich würde auch noch ne bessere Aufstiegsmöglichkeit haben außerhalb des Gaststättengewerbes und der Hotellerie. Deshalb hab ich zugegriffen, als sich eine Chance bot, für die Schokoladenfabrik namens Van Houten tätig zu werden, und zwar als Controller. Erst mal nur ein Mann und der Haken war eben nur der, doppelt unterstellt zu sein, einmal Van Houten in Aachen und einmal der Firma Leonard Monheim in Berlin.

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Foto: Carl Hatebur.

Leonard Monheim hab ich gefunden für Aachen und in Verbindung mit TRUMPF Schokolade.

Richtig. Das ist eigentlich das Kerngeschäft und geht in die Vorkriegszeit zurück Leonard Monheim ist ursprünglich ein Apotheker in Aachen gewesen, der frühzeitig Kakaobohnen aufschließen und verarbeiten und Kakao und Schokolade herstellen konnte. Daraus entstand dann die Firma TRUMPF. Während der 1930er Jahre war TRUMPF sozusagen führender Schokoladenhersteller und hatte hier auch sehr fortschrittliche Werbemaßnahmen in petto. Man hat zum Beispiel einen Zeppelin mit dem TRUMPF-Logo über Deutschland oder jedenfalls über Berlin am Himmel kreisen lassen. Soweit, so gut.

Und dann hat nach dem Zweiten Krieg TRUMPF Aachen oder Monheim Aachen, das ist ja identisch Van Houten aufgekauft, eine renommierte Schokoladenfabrik, allerdings holländischer Provenienz. Und die hatten dann in Vaals, genau an der deutschen Grenze, ihre Niederlassung. Ob sie da nun nur nach dem Aufkauf von Van Houten hingegangen sind, um uff der Nähe zu sein, oder ob sie da schon immer ihren Firmensitz hatten, det entzieht sich meiner Kenntnis. Aber auf jeden Fall, als ick Aachen und den Kernbetrieb besuchen durfte, wurde ich auch nach Vaals geschickt, um mich mit der Van-Houten-Tochter-Leitung vertraut zu machen.

Und die Firma gab es auch in der DDR, hab ich gesehen. Da mussten sie sich aber anders nennen.

Weissensee hat eine große TRUMPF-Fabrik gehabt. Und die war ja im Osten und wurde dann umbenannt. Aber darüber hinaus zu den Zeiten der deutschen Teilung, als wir hier West-Berliner waren und hier ein Van-Houten-Werk Neukölln existierte, bestanden auch enge Kontakte zum Osten, insbesondere mit Polen in Krakau. Da wurde wohl in Lizenz gefertigt.

Dort, wo jetzt dieses Einkaufszentrum ist, da stand das Werk von Leonard Monheim bzw. Van Houten in Neukölln.

Wo dieses Einkaufszentrum ist? Welches denn? Einkaufszentren gibt es ja viele.

Ich meine das hinter diesem roten Backsteinbau in der Sonnenallee, dem alten ehemaligen Arbeitsamt und späteren Jobcenter. Auf der Rückseite befand sich Leonard Monheim-Van Houten.

Und wat wollt ick noch sagen? Ja, Dieter Monheim, der das Werk in Berlin auch als Praktiker sozusagen betreut hat, flog beständig zwischen Aachen und West-Berlin hin und her. Dann musste Geschäftsführer Schreiner immer zum Flughafen fahren, um den abzuholen. Und ein weiterer Monheim-Bruder hat auf der Insel Schwanenwerder ein Anwesen, man kann sagen, eine Villa. Damit wird auch deutlich, wie gut die Kontakte im Dritten Reich zum Regime waren, denn Schwanenwerder war ja voll und ganz in NS-Händen. Ick weeß nich, ob de davon weißt?

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Foto: Carl Hatebur.

Ich weiß nur etwas von einer Schulfarm oder verwechsele ich das jetzt mit der Insel Scharfenberg?

Es gab auf Schwanenwerder ein Ferienlager. Eines Tages fiel dort ein Baum um und dabei waren Kinder nicht nur gefährdet, ich glaube, es kamen auch welche zu Schaden. Danach haben sie das jedenfalls aufgegeben und eingestellt. Und einer der Polizeipräsidenten von West-Berlin, Georg Schertz, hat sich da einen Schuhkarton als Eigenheim hingestellt, genau an der Schwanenwerderbrücke. Es ist ja im Grunde genommen eine Insel. Dort gibt es eine Zufahrtsstraße und direkt auf dem äußersten Zipfel der Insel hat dieser ehemalige Berliner Polizeipräsident sein Haus. Dessen Vater hatte das Grundstück mal in grauer Vergangenheit günstig erwerben können. Sein Sohn, der Polizeipräsident, hat darauf dann diesen Schuhkarton ins Gelände gesetzt, damals schon mit Bewachungsanlagen, Videokameras und allem Drum und Dran und Drum herum. Da waren die Videokameras fast größer als der ganze Schuhkarton.

Aber jetzt kehren wir vom Polizeipräsidenten wieder zurück zum künstlerischen Neuköllner Präkariat, zu Klaus Elger.

Ich arbeitete nun also seit 1973 für Monheim-Van Houten. Das Stammhaus, das befand sich in Aachen, und ich war hier im Werk Berlin und der Geschäftsleitung untergeordnet und konnte dann natürlich mit meinen Recherchen auf Dinge stoßen, die der Geschäftsleitung in Berlin also nicht sehr angenehm sein konnten. Der Finanzdirektor in Aachen nahm mich wohl in Schutz und bemühte sich um mich und kam nach Berlin geflogen, um mit mir hier nach Feierabend zum Beispiel im Hotel Schweizer Hof zu Abend zu essen, um hier nun noch Zusätzliches in Erfahrung zu bringen. Det is natürlich ruchbar geworden, es kam zu einer atmosphärischen Störung und da dachte ick: „Um Gottes willen! Also hier kannste unmöglich drauf sitzen bleiben. Du musst weitermachen, du musst auf den Zweiten Bildungsweg!“ Denn es zeichnete sich ja die Arbeitslosigkeit ab.

Ich habe dann in Berlin an der Porsche-Oberschule meine Fachhochschulreife nachträglich erworben. Anschließend ging ich schnurstracks auf die Fachhochschule für Wirtschaft und habe dort die Graduierung als graduierter Betriebswirt gemacht. Noch bevor ich hier damit fertig war, habe ich dann die Fühler ausgestreckt und musste zur Kenntnis nehmen, dass ich für die freie Wirtschaft längst schon zu alt war, weil, der Markt war schon gesättigt und die Firmen fingen schon an, die Betriebswirte zu entlassen.

Da wusste ick, wat die Glocke geschlagen hat, und dachte, also wenn et dir jetzt nicht gelingt, in Forschung und Lehre unterzukommen, also rüberzuwechseln an die Freie Universität und dort weiterzumachen, dann ist für dich der Ofen aus. Denn biste uff dem Abstellgleis.

Nun, gedacht getan: An der FU hab ich mich dann für Wirtschaftspädagogik eingeschrieben. Es war ja nun schon das zweite Studium und ich musste es mir selbst finanzieren. Das Geld verdiente ich am Oberstufenzentrum des Gastgewerbes, der Brillat-Savarin-Schule, als Berufsschullehrer auf Honorarbasis .

Als ich dann hier an der Freien Universität nicht nur erfolgreich durch die Prüfung im Fach Jura gekommen bin, sondern vollständig das Staatsexamen bestand und meinen Diplom-Handelslehrer in der Tasche hatte, glaubte ich anfangs nicht, dass ich die Chance haben würde, ins Referendariat zu kommen. Kam aber doch, na ja, und dann sind wir angetreten.

Und dann nimmt mich der Schulleiter am dritten Tag beiseite und sagt: „Also, Herr Elgert, Sie müssen gar nicht glauben, dass Sie hier von mir übernommen werden.“

Aber dann dachte ich: „Also, wenn dir hier dieses Referendariat noch zugemutet werden soll und dein Seminarleiter hier schon an deinem kurzen Haarschnitt Anstoß nimmt, dann haste ganz schlechte Karten, nich.“ Also, ich fand es besser, nachdem ich mit geradem Rückgrat durchs Leben gekommen bin, mir nicht hier und jetzt nun noch in dem Alter eben dieses gerade Rückgrat brechen zu lassen. Nun ja, es war kein Problem, rauszukommen.

Dem folgten dann hier erst mal mit diesem hohen Bildungsstand nun Bewerbungen. Da kam es dann nur noch zu dem einen oder anderen Vorstellungsgespräch. Na ja, und dabei wurde mir schließlich ehrlich gesagt: „Sie sind ganz einfach erstens überqualifiziert, zweitens zu alt und haben drittens das falsche Geschlecht.“

Und dann fing ich an, mich für Kunst zu interessieren und mich mit Fernost zu beschäftigen, insbesondere mit China. Ich hatte mich auch in Sinologie noch eingeschrieben, der Form halber, und bin zusehends hier an Ost-Asiatika und fernöstlicher Kunst hängengeblieben. Aber nicht nur daran, sondern auch an Philosophie.

Um hier, hm, hm, hm, meine, ach, zeitweise desolate Stimmung aufzuhellen, bin ich dann immer tiefer in den Zen-Buddhismus reingekrochen, habe darüber auch Kreativität entwickelt und hab dann hier große Freude daran gehabt, auch mit Chinatusche, also mit der schwarzen Tusche zu hantieren und farbig zu werden unter dem Motto: ZEN = Schöpferische Kraft.

Dem nicht genug, im März ’14 hatte ich mein Debüt als Schauspieler im Stück: „Aufenthalt in Glückshausen“, mit dem ABC-Chaos-Theater.

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Soweit Klaus Elgert im Gespräch mit mir, Herbert Witzel, dem Autor, Stadtteilführer und Liedermacher. Ich schreib auch gern Ihre eigene Lebensgeschichte – leicht und locker, wie ein Westmann aus der Hüfte, und romantisch wie Walther von der Vogelweide. Reden Sie mit mir und ich mache Ihre Geschichte schwarz auf weiß lebendig!

Herbert Witzel
Warthestraße 25
12051 Berlin
Tel.: 030-693 16 49
<herbert_f_witzel@web.de>

Fotos: Carl Hatebur.

 

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Ein Gedanke zu “Klaus Elgert: „Das ist mein Leben“

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