Bismarck (1815―1898) als Schüler

Kreuzberg ist ein Durchgangsbezirk. Viele wohnen hier kurzzeitig als Studenten und ziehen nach dem Staatsexamen einen weißen Kittel über und um nach Wilmers- oder Zehlendorf. Andere haben hier das ABC und das große Einmaleins gelernt und später den ersten Sozialstaat der Welt gegründet wie Otto von Bismarck.

Bismarck als Schüler.
Otto Eduard Leopold Fürst von Bismarck-Schönhausen als Schüler. Zeitgenössisches Bildnis (Repro: Archiv Witzel.)

 

Er wurde 1822 als Siebenjähriger eingeschult in die jetzt verschwundene Plamannsche Erziehungsanstalt, die sich 1805 bis 1830 auf dem Gelände der heutigen Stresemannstraße Nr. 30 befand.

Sendker.
Stresemannstraße 30 (Bildquelle: Wikipedia; Urheber: Sendker).

Die Stresemannstraße ist mit ihren mehrfachen Straßenschilderwechseln eine typische Berliner Straße, denn im Umtaufen lassen wir uns hier in der Hauptstadt nichts vormachen. Hans Scholz schrieb in seinem Roman „Am grünen Strand der Spree“ (Hamburg 1955) zu den Namen dieser Straße: „Preußen nach 1866 – Königgrätzer Straße. Kaiserreich, Weltkrieg, Nibelungentreue – Budapester Straße. Weimarer Republik halbiert die Zeile in Friedrich Ebert und Saarland. Dieser Teil später Stresemannstraße. Drittes Reich – der Ebertteil in Hermann Göring, der Stresemann wieder in Saarland. Und Göring und Saarland?“ Nun denn, seit 1947 heißen beide Teile wieder Stresemann.
Der Pädagoge Johann Ernst Plamann (1771–1834) gründete dieses „Knabeninternat“ nach dem Vorbild Pestalozzis und beschäftigte hier unter anderem als Hilfslehrer auch Turnvater Friedrich Ludwig Jahn.
Bismarck erzählte später: „Die Plamannsche Anstalt lag so, dass man auf einer Seite ins freie Feld hinaussehen konnte. Am Südwestende der Wilhelmsstraße hörte damals die Stadt auf. Wenn ich aus dem Fenster ein Gespann Ochsen die Ackerfurche ziehen sah, musste ich immer weinen vor Sehnsucht nach Kniephof (heute: Konarzewo; ab 1816 verbrachte Bismarck im Dorf Kniephof die ersten Lebensjahre.). ― Meine Kindheit hat man mir in der Plamannschen Anstalt verdorben, die mir wie ein Zuchthaus vorkam. “
Als Anschieber der parlamentarisch abgesegneten „Sozialistengesetze“ hat Bismarck später reichlich Minuspunkte im linksdemokratischen Aktenschrank gesammelt. Allerdings ist er mit seinen politischen Gegnern Lassalle und Bebel wesentlich menschenfreundlicher umgegangen als später Stalin etwa mit Trotzki.
Die Linken wollen Revolution machen und konnten es noch nie richtig. Bismarck wollte erst nicht und konnte es dann aber doch. Dadurch hat er sich im Liliputanerverein der im Leben zu kurz Gekommenen auch keine Freundschaften geschaffen. Dennoch: Bismarcks Sozialstaat wird weltweit kopiert und nachgeahmt.

Repro: Archiv Witzel.
Repro: Archiv Witzel.

„Geben Sie dem Arbeiter Arbeit und das Recht auf Arbeit, solange er gesund ist, sichern Sie ihm Pflege, wenn er krank ist, sichern Sie ihm Versorgung, wenn er alt ist“, verlangte Bismarck vom Reichstag. Innerbetrieblich wurde das dort inzwischen ja auch schon sehr schön einhundertprozentig umgesetzt.

Bismarcklinde.
Schild in der Stresemannstraße 30 – siehe Foto oben, Nebenhaus links unterm dritten Fenster. (Bildquelle: Wiki.)

Außenbords freuen wir uns heute erst mal darüber, dass in Kreuzberg wenigstens diese Tafel noch an Bismarck erinnert.

Herbert Witzel

Buchung als Stadtteilführer Kreuzberg: 030-693 16 46.

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