Bautzen

Dort bin ich mit Freunden am 1. Advent 2014 zum Weihnachtsmarkt gewesen, nämlich.

Der „Wenzelsmarkt“, zu dem wir hinfuhren, jährt sich 2014 zum 630. Mal und gilt als ältester Weihnachtsmarkt Deutschlands. 1384 verlieh König Wenzel der Stadt das Recht zur Abhaltung eines freien Fleischmarktes in der Vorweihnachtszeit. 1505 wurde verordnet, dass kein anderer Ort in der Oberlausitz einen derartigen Markt abhalten durfte. Nach und nach gesellten sich zu den Würsten und Speckseiten der Fleischer immer mehr Zimtsterne und andere Waren, also wurde daraus ein klassischer Weihnachtsmarkt, wie wir als Fachbesucher von Weihnachtsmärkten vor Ort feststellen konnten.

Ortsschild
Deutsch-sorbisches Ortsschild. Foto: Wikimedia, Julian Nitzsche.

Diese kleine, feine Stadt liegt in Sachsen, wo die hübschen Mädchen und sich wohlfühlen, denn dort haben sie sich nicht den Buß- und Bettag klauen lassen. Die Buße ist ein fröhliches Geschäft; ohne Buße ergeht es uns wie der EU mit ihrer Alzheimer-Bulimie: Sie frisst und frisst und frisst und vergisst zu kotzen.

Was das höher gelegene Bautzen mit unserem via Luftlinie ca. 170 km entfernten Berlin verbindet, ist die Spree auf ihrem Weg in die Havel in die Elbe in die Nordsee. Das Städtchen ist über tausend Jahre alt, es findet sich 1002 als „Budissin“ in einer Chronik.

„Wenn der Wind nicht weiß, wohin, dann weht er über Budissin.“

So heißt es und so stimmt es, deshalb empfiehlt sich entsprechende wind- und wetterfeste Kleidung.

Bautzen hat 40.000 Einwohner und ist das kulturelle Zentrum der Sorben, einer slawischen Minderheit (ca. 65.000 insgesamt in Sachsen und Brandenburg), früher „Wenden“ genannt, mit eigener Sprache. –
Hier befindet sich das Sorbische Museum und informiert über eben dieses Völkchen.

Stadtansicht
Stadtansicht von der Friedensbrücke aus. Foto: Wikimedia, Stephan Höhne.

Was einem bei Bautzen zuerst einfällt, ist der wegen seiner Klinkerfassade als „gelbes Elend“ bezeichnete Knast. Er wurde um 1900 als Zuchthaus hingestellt und war damals die modernste Strafvollzugsanstalt in Sachsen („Königlich-sächsische Strafanstalt Bautzen I“). – Knastwärter bzw. Schließer, sozialpädagogisch „Gruppenbetreuer“ genannt, ist übrigens ein ausgesprochen krisensicherer Beruf. O-Ton eines Kollegen aus der Branche: „Die Gefangenen wechseln mit den Regierungen, aber wir bleiben. Uns brauchen sie immer.“ – Prominentester Häftling war Ernst Thälmann in der Nazi-Zeit, nicht so namentlich bekannt sind die ca. 26.000 politischen Gefangenen der sowjetischen Besatzungsmacht 1945 bis 1950 („Sonderlager 4“, nachweislich mind. 2.700 Tote). 1950 wurde „Bautzen I“ von der Volkspolizei übernommen. Dem „gelben Elend“ ist die Gedenkstätte gewidmet in „Bautzen II“.

Eine weitere überregionale gelbe Berühmtheit ist der Bautzener Senf. Zu diesem Thema gibt es ein eigenes Senf-Museum, in dem die Bautzener Senf-Geschichte nachgezeichnet und der Senf in seiner ganzen Vielfalt an Produkten dargestellt wird.

Um 1000 wurde in Bautzen die erste Pfarrkirche errichtet, 1213/21 das Domstift St. Petri gegründet und an gleicher Stelle mit dem Dom St. Peter (Petridom) begonnen. Nach 1430 erhielt der Dom seine heutige Gestalt. – Seit der Reformation 1524 ist der Dom die älteste „Simultankirche“, er wird sowohl von der katholischen als auch von der protestantischen Gemeinde genutzt. Weil innen restauriert wird, kann der Dom zur Zeit nur von außen bewundert werden. Zum Dom gehört die „Domschatzkammer“; diese wiederum kann besichtigt werden.
Reinsten protestantischen Wassers ist die Taucherkirche mit dem Taucherfriedhof. Sie hat aber mit diesem Unterwasserberuf nichts zu tun, sondern ist benannt nach dem „Taucherwald“ 15 km westlich von Bautzen.

Auf einer natürlichen, die Spree überragenden stabilen Granitplatte steht in der Altstadt die Ortenburg. Sie war die Hauptfestung der Oberlausitz und gehörte den jeweiligen Landesherren.

Bautzen hat auch einen schiefen Turm, den Reichenturm, der zwischenzeitlich auch als Schuldturm genutzt wurde. Diese Tatsache und der Name erinnert mich daran, dass wir als reiches Land gelten, obwohl seit 1969 die Staatsverschuldung steigt und steigt und steigt und steigt …

Nachbar des Reichenturms ist der Wendische Turm, Bestandteil eines ehemals befestigten Stadttors. Neben dem Turm befindet sich eine von Gottfried Semper erbaute Kaserne, der es genauso ergeht wie der Kaserne in Kreuzberg am Mehringdamm: Sie wird heute als Finanzamt genutzt.
Leider steigt das Wasser nicht immer so zuverlässig wie die Schulden in der EU, deshalb wurden von unseren Altvorderen Wassertürme und Pumpwerke eingerichtet, nicht nur zum Wohle der Trinkwasserversorgung, sondern auch, um Brände löschen zu können. Hier in Bautzen ist die „Alte Wasserkunst“ gut erhalten.

Nicht weit weg davon befindet sich die Michaeliskirche.

Ensemble.
Alte Wasserkunst und Michaeliskirche. Foto: Wikimedia, Julian Nitzsche.

Das Ensemble aus Wasserkunst und Michaeliskirche ist das Wahrzeichen der Stadt Bautzen. Stilisiert fand es Anwendung bei vielen städtischen Zeichen und Beschriftungen. Nach den berühmten Dresdener Bauwerken und Schloss Moritzburg ist es außerdem eines der am häufigsten verwendeten Motive für die touristische Werbung in Sachsen.

Und wer gut essen will, dem kann ich aus eigener Erfahrung das sorbische Restaurant „Wjelbik“ empfehlen, Kornstraße 7. Dort begrüßte uns die Wirtin Veronika Mahling („Malinkowa“) in sorbischer Tracht mit Brot und Salz und einem Sorbisch-Crashkurs: „prošu“ = Bitte; „dźakuju“ = Danke. ―Dźakuju!

(Benutzte Quellen: Baedeker Sachsen, bautzen.de, Wikipedia und die Wirklichkeit.)

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