Des Königs neue Kleider

neue Kleider.
Illustration von Vilhelm Pedersen. Bildquelle: Wiki.

Neulich bin ich diesem kleinen Mädchen begegnet, von dem Hans Christian Andersen erzählt:

Kleines Mädchen.
Bildquelle: Wiki; Photo: Andreas Praefcke.

Und das kam so:
An der Berliner Humboldt-Uni gibt es eine theologische Fakultät und die angehenden Theologen machen ihre praktischen Übungen in der Marienkirche, da gibt es regelmäßig an Sonntag Abenden einen Hochschul-Gottesdienst. Nun begab es sich an einem Sonntag Abend, dass die Studenten die letzten Tage Christi nachspielten, und zwar wie im Straßentheater, nur eben hier unter Dach und Fach und Kirchendach ― nicht bloß wegen der Witterung, sondern auch wegen des befürchteten Dazwischenfunkens rumänischer Taschendiebinnen.

Kirche von innen.
Bildquelle: Wikipedia, Dominik Tefert.

Bei diesem Passions-Theater nun kam ich neben das kleine Mädchen zu sitzen. Genau wie ich betrachtete sie mit großen Augen das Geschehen im Altarraum. Nachdem Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hatte, wusch sich nun Pontius Pilatus öffentlich die Hände und rief: „Ich trage am Tod dieses Mannes keine Schuld, das habt Ihr zu verantworten!“
Und die Volksdarsteller bzw. Volksvertreter schrien: „Wenn er unschuldig ist, dann komme die Strafe für seinen Tod auf uns und unsere Kinder!“ Das konnten sie guten Gewissens rufen, als Gender Tender Team hatten sie keine Kinder und den Rest verbuchten sie unter Selbstverwirklichung.
Pilatus gab nun also den Verbrecher bzw. Intensivtäter Barrabas frei zur sozialpädagogischen Täterbetreuung. So wurde Barrabas zum ersten Menschen, der dem Sohn Gottes sein Leben zu verdanken hatte.
Mit dem Genossen Sachzwang im Nacken ließ Pilatus nun Jesus auspeitschen, befahl, ihn ans Kreuz zu nageln, und gab ein Schild in Auftrag als weithin sichtbare Pressemeldung fürs Kopfende: „Hier stirbt Jesus aus Nazareth, der König der Juden“. Abgekürzt und zertifiziert nach ISO-Norm heißt das: „INRI“ (= Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum).

Schild.
Bildquelle: Isenheimer Altar; Urheberrechte: Matthias Grünewald.

Anschließend nahmen die römischen Besatzungssoldaten den verurteilten Jesus Christus mit als Stoff für einen Bunten Abend. Sie brachten ihn in ihren Gemeinschaftsraum, zogen ihn aus, hängten ihm vor versammelter Mannschaft einen roten Mantel um, flochten als Scherzartikel eine Krone aus Dornenzweigen und drückten sie ihm auf den Kopf. Sie gaben ihm einen Stock in die Hand, knieten vor ihm nieder und machten sich über ihn lustig.
„Der König der Juden, er lebe drei Mal hoch!“ riefen sie: „HOCH! HOCH!! HOCH!!!“ Dann spuckten sie ihn an, nahmen ihm den Stock wieder weg und schlugen ihn damit auf den Kopf.
Als sie ihn genug verspottet hatten und der Bunte Abend einem neuen Tag weichen musste, nahmen sie Jesus den roten Mantel ab, zogen ihm seine eigenen Kleider wieder an und führten ihn hinaus, um das Todesurteil zu vollstrecken.
Ich spürte, wie das kleine Mädchen neben mir zu zittern anfing. Sie sah jetzt kreideweiß aus. „Keine Panik“, versuchte ich sie zu beruhigen, „das ist doch alles bloß ein Rollenspiel, um hier die Hütte vollzukriegen und nachher den Hut rumgehen zu lassen, ich meine, den Klingelbeutel.“
Aber sie zitterte weiter. „Was ist denn los, kleines Mädchen?“ fragte ich leise. „Hast du Angst, dass hier religiöse Gefühle verletzt werden und irgendein Selbstmordattentäter heute Abend den Koran völlig falsch versteht, weil er geil ist auf Party mit 72 Jungfrauen?“
Sie schüttelte den Kopf, starrte auf den Garderobenständer im Altarraum und flüsterte: „Der rote Mantel sieht ja aus wie der Mantel vom Weihnachtsmann von Coca Cola.“

Passion.

(Die Rechte für dieses Bild von Pfr. Sieger Köder liegen beim Katholischen Bibelwerk, Stuttgart.)

Ich wünsche uns allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

 

 

 

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