Die Dienstagsdichtung für den 22. März 2016

Tempo Moderato

Luftschiffer-Nadar-nach-oben
Fotograf Felix Nadar, Selbstporträt als Luftschiffer (1865). Bildquelle: Wiki.

Antworten

Was bin ich
Wer bin ich
Brauche ich einen Schöpfer
Oder genüge ich mir selbst

Es gibt viele Antworten auf diese Fragen
Aber nur die Liebe zählt
Sie zählt immer

Nadar und Ernestine
Felix Nadar mit Frau Ernestine (1865). Bildquelle: Wiki.

Zvonko Plepelić

Dies ist ein Vorgeschmack auf die nächsten Veröffentlichungen des Berliner Schriftstellers Zvonko Plepelić

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Emse Bremse und Olle Ihmchen (32)

Na, Emse Bremse, du schaust ja so nachdenklich – hat es dir die Petersilie auf dem Balkon verhagelt oder was?“,

fragte Olle Ihmchen seinen Kumpel.

Ach, ich hab letzte Nacht so einen wundersamen Comic geträumt, der sah ungefähr so aus

Merck & Gaukel
Maxi Merck & Moritz Gaukel. © Wilhelm Busch 1865.

„,

antwortete Emse Bremse.

Das ist doch mal wieder nur Kritik! Kannst du nicht was Konstruktives träumen, von ehrenamtlicher Hilfe zum Beispiel bei der GroKo, dem Großen Koran-Willkommens-Kommitee?“,

veranstaltete Olle Ihmchen einen Zwergenaufstand der Anständigen.

Ich hab ja auch was Konstruktives geträumt“,

brummte Emse Bremse.

Ich hab geträumt, unsere Grenze würde aus humanitären Gründen bewacht, nur mal so als große Ausnahme, um uns Einheimische, besonders die Schwachen, vorm Nervenzusammenbruch zu beschützen

Spitzweg-Grenzposten.
Österreichischer Grenzposten. © Carl Spitzweg 1859.

.“

Sonntag, 4. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 76

Sonntag, 4. Mai 2014

…heute wieder mit einem Bauplan von Blancas Blog; siehe unter Sieben (=7=).

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens. Da sehen wir uns dann alle um 18:30 Uhr in Lankwitz, nämlich.

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1. Ton ab für „I Shall Not Be Moved“, von Mississippi John Hurt. Den bewundere ich, weil er so genial Gitarre spielt, Rhythmus und Melodie gleichzeitig, dass ich immer denke, es sind zwei. Außerdem macht er sich nicht wichtig und bringt die Leute zum Mitsingen:

 

Bei dem Text muss ich an den allerersten Psalm denken:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder / noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des HERRN / und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht.

Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. / Und was er macht, das gerät wohl.

Es ist das beste Coaching und die beste Therapie der Welt.

Deshalb hier gleich noch eine Gesangs-Ausgabe:

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S;=)

2. Bild des Tages:

Erstes Bild:

Caspar-David-Friedrich
Caspar David Friedrich: Dorflandschaft bei Morgenbeleuchtung (Einsamer Baum, Harzlandschaft)
(1822).

ZWEITES BILD

 

Storchenapotheke.
Carl Spitzweg: Bei der Storchenapotheke (1875).

= = =

S;=)

3. Spruch zum Tage:

Wenn ein Mensch einmal trainiert, passiert nichts. Aber wenn dieser Mensch sich überwindet, ein und dieselbe Sache hundert- oder tausendmal zu machen, wird er sich nicht nur körperlich weiterentwickeln.

EMIL ZATOPEK, „die tschechische Lokomotive“, der erste Mensch, der in einer Stunde mehr als 20 km lief.

= = =

S;=)

4. Kalendergeschichte:

Nach NSA

„Sagen Sie mal, Frau Lewandowski, warum haben Sie denn Ihrem Untermieter gekündigt? Der war doch ganz nett.“

„Ach, wissen Sie, Frau Sichelschmidt, ich bin ja wirklich liberal und tolerant. Aber wenn einer schon das Schlüsselloch zuklebt, dann stimmt doch irgendwas nicht…“

 

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5. Vorlesung

http://volkslesen.tv/23-08-taxifahrer-lesen-monika-maron/

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6. Fortsetzungsgeschichte: Geht am Dienstag weiter, denn Montag abend ist WiTzels Lied- und Lesebühne dran…

= = =

7.

Blancas Täschchen.

7. http://kleinekleinigkeiten.wordpress.com/2014/04/27/bild-dir-dein-taschchen/

Mittwoch, 23. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 66

Mittwoch, 23. April 2014

 

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Ton ab für eine wunderbare Jazz- und Ragtime-Pianistin, nämlich Stephanie Trick mit Jelly Roll Mortons „Finger Breaker“:

= = =

S;=)

Bild des Tages:

Carl-Spitzweg
Carl Spitzweg: Jäger, einem Mädchen nachblickend (1875).

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S;=)

Spruch zum Tage:

Eine Frau lieben und gleichzeitig etwas Vernünftiges tun ist schwer.

LEW TOLSTOI.

= = =

S;=)

Kalendergeschichte:

„Aber Herr Ober, was ist das denn? Hier sind ja gar keine Stühle!“

„Sie hatten doch auch nur einen Tisch reserviert.“

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Vorlesung

http://volkslesen.tv/09-08-kuenstler-und-lebenskuenstler-lew-tolstoi/

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Fortsetzungsgeschichte: Da bin ich heute leider nicht zu gekommen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben…

 

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

Kalendergeschichte von unserem Gastautor HEINRICH VON KLEIST:

(Ist zwar etwas länger, aber das Lesen lohnt sich.)

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

Spitzweg-Paulus
Carl Spitzweg: Der Apostel Paulus (1848, Kopie nach Rembrandt).

 

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere [zu belehren] – ich will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so können, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen. Der Franzose sagt, „l’appétit vient en mangeant“ [= „der Appetit kommt beim Essen“], und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert und sagt, „l’idee vient en parlant“ [= „der Gedanke kommt beim Reden“].

Spitzweg-Das Picknick.
Carl Spitzweg: Das Picknick (1868).

Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten und erforsche in einer verwickelten Streitsache den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne, sagte; den sie kennt weder das Gesetzbuch noch hat sie den Euler oder den Kästner studiert. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt, wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt.

Spitzweg-Reisende Komödianten.
Carl Spitzweg: Reisende Komödianten (1838).

In diesem Sinne begreife ich, von welchem Nutzen Moliere seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten konnte, so ist dies eine Bescheidenheit, an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganz andere Hälfte desselben.

Carl_Spitzweg-Singender_Dorfpfarrer.
Carl Spitzweg: Der singende Dorfpfarrer mit Brevier und Regenschirm beim Spaziergang durch die reifen Felder (1840).

Ich glaube, daß mancher große Redner in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.

Carl_Spitzweg-Der_Schmetterlingsfänger.
Carl Spitzweg: Der Schmetterlingsfänger (1837).

Mir fällt jener „Donnerkeil“ des Mirabeau ein, mit welchem er den Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23ten Juni, in welcher dieser den Ständen auseinanderzugehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? „Ja“, antwortete Mirabeau, „wir haben des Königs Befehl vernommen“ – ich bin gewiß, daß er, bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: „ja, mein Herr“, wiederholte er, „wir haben ihn vernommen“ – man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will. „Doch was berechtigt Sie“ – fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf -, „uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.“ – Das war es, was er brauchte! „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine“ – um sich gleich auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. „Und damit ich mich Ihnen ganz deutlich erkläre“ – und erst jetzt findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: „So sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsere Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.“ – Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte. – Wenn man an den Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei diesem Auftritt nicht anders als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von einem elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte Elektrizität erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung, der in ihm inwohnende Elektrizitätsgrad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Mut, bei der Vernichtung seines Gegners, zur verwegensten Begeisterung über. Vielleicht, daß es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, daß Mirabeau sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch, daß er sich, einer Kleistischen Flasche gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden, und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Schloßherrn und der Vorsicht Raum.

Carl_Spitzweg-Paß.
Carl Spitzweg: „Wo ist der Paß?“ (1855).

Dies ist eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt, welche sich, wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumständen bewähren würde. Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache zurück.

 

 

 

 

Spitzweg-Verbotener_Weg
Carl Spitzweg: Spaziergang am Rande des Kornfeldes (Verbotener Weg) (1849).
Lafontaine-im-Louvre
Lafontaine im Louvre – nein, ausnahmsweise nicht Oskar, sondern Jean de, der Fabeldichter. Marmorstatue von Pierre Julien (1785). Foto: Wikipedia.

Auch Lafontaine gibt, in seiner Fabel: les animaux malades de la peste [= die Pest unter den Tieren], wo der Fuchs dem Löwen eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkwürdiges Beispiel von einer allmählichen Verfertigung des Gedankens aus einem in der Not hingesetzten Anfang. Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Tierreich, der Löwe versammelt die Großen desselben, und eröffnet ihnen, daß dem Himmel, wenn er besänftigt werden solle, ein Opfer fallen müsse. Viel Sünder seien im Volke, der Tod des größten müsse die übrigen vom Untergang retten. Sie möchten ihm daher ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er, für sein Teil, gestehe, daß er, im Drange des Hungers, manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde, wenn er ihm zu nahe gekommen; ja, es sei ihm in leckerhaften Augenblicken zugestoßen, daß er den Schäfer gefressen. Wenn niemand sich größerer Schwachheiten sich schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu sterben. »Sire«, sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten will, »Sie sind zu großmütig. Ihr edler Eifer führt Sie zu weit. Was ist es, ein Schaf erwürgen? Oder ein Hund, diese nichtswürdige Bestie? Und: quant au berger«, fährt er fort, denn dies ist der Hauptpunkt: »On peut dire«; obschon er noch nicht weiß, was? »qu’il méritoit tout mal«; auf gut Glück; und somit ist er verwickelt; »etant«; eine schlechte Phrase, die ihm aber Zeit verschafft: »de ces gens la«, nun erst findet er den Gedanken, der ihn aus der Not reißt: »qui sur les animaux se font un chimerique empire«. Und jetzt beweist er, daß der Esel, der blutdürstige! (der alle Kräuter auffrißt), das zweckmäßigste Opfer sei, worauf alle über ihn herfallen, und ihn zerreißen.

Esel_und_Löwe.
Illustration von Auguste Vimar (1851 bis 1916): Esel und Löwe.

Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakte, für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Achse.

Etwas ganz anderes ist es, wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann muß er bei seiner bloßen Ausdrückung zurückbleiben und dies Geschäft, weit entfernt ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen. Wenn daher eine Vorstellung verworren ausgedrückt wird, so folgt der Schluß noch gar nicht, daß sie auch verworren gedacht worden sei; vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst ausgedrückten gerade am deutlichsten gedacht werden. Man sieht oft in einer Gesellschaft, wo, durch ein lebhaftes Gespräch, eine kontinuierliche Befruchtung der Gemüter mit Ideen im Werk ist, Leute, die sich, weil sie sich der Sprache nicht mächtig fühlen, sonst in der Regel zurückgezogen halten, plötzlich, mit einer zuckenden Bewegung aufflammen, die Sprache an sich reißen und etwas Unverständliches zur Welt bringen. Ja, sie scheinen, wenn sie nun die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen haben, durch ein verlegnes Gebärdenspiel anzudeuten, daß sie selbst nicht mehr recht wissen, was sie haben sagen wollen. Es ist wahrscheinlich, daß diese Leute etwas recht Treffendes, und sehr deutlich, gedacht haben. Aber der plötzliche Geschäftswechsel, der Übergang ihres Geistes vom Denken zum Ausdrücken, schlug die ganze Erregung desselben, die zur Festaltung des Gedankens notwendig, wie zum Hervorbringen, erforderlich war, wieder nieder. In solchen Fällen ist es um so unerläßlicher, daß uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig gedacht haben, und doch nicht gleichzeitig von uns geben können, wenigstens so schnell als möglich, aufeinander folgen zu lassen. Und überhaupt wird jeder, der, bei gleicher Deutlichkeit, geschwinder als sein Gegner spricht, einen Vorteil über ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er ins Feld führt.

Wie notwendig eine gewisse Erregung des Gemüts ist, auch selbst nur, um Vorstellungen, die wir schon gehabt haben, wieder zu erzeugen, sieht man oft, wenn offene und unterrichtete Köpfe examiniert werden, und man ihnen, ohne vorhergegegangene Einleitung, Fragen vorlegt, wie diese: Was ist der Staat? Oder: Was ist das Eigentum? Oder dergleichen. Wenn diese jungen Leute in einer Gesellschaft befunden hätten, wo man sich vom Staat, oder vom Eigentum, schon eine Zeit lang unterhalten hätte, so würden sie vielleicht mit Leichtigkeit, durch Vergleichung, Absonderung und Zusammenfassung der Begriffe, die Definition gefunden haben. Hier aber, wo die Vorbereitung des Gemüts gänzlich fehlt, sieht man sie stocken, und nur ein unverständiger Examinator wird daraus schließen, daß sie nicht wissen. Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unsrer, welcher weiß. Nur ganz gemeine Geister, Leute, die, was der Staat sei, gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen haben, werden hier mit Antwort bei der Hand sein. Vielleicht gibt es überhaupt keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade eine öffentliches Examen. Abgerechnet, daß es schon widerwärtig und das Zartgefühl verletzend ist, und daß es reizt, sich stetig zu zeigen, wenn solch ein gelehrter Roßkamm nach den Kenntnissen sieht, um uns, je nachdem es fünf oder sechs sind, zu kaufen oder wieder abtreten zu lassen: es ist so schwer, auf ein menschliches Gemüt zu spielen und ihm seinen eigentümlichen Laut abzulocken, es verstimmt sich so leicht unter ungeschickten Händen, daß selbst der geübteste Menschenkenner, der in der Hebeammenkunst der Gedanken, wie Kant sie nennt, auf das meisterhafteste bewandert wäre, hier noch, wegen der Unbekanntschaft mit seinem Sechswöchner Mißgriffe tun könnte. Was übrigens solchen jungen Leuten, auch selbst den unwissendsten noch, in den meisten Fällen ein gutes Zeugnis verschafft, ist der Umstand, daß die Gemüter der Examinatoren, wenn die Prüfung öffentlich geschieht, selbst zu sehr befangen sind, um ein freies Urteil fällen zu können. Denn nicht nur fühlen sie häufig die Unanständigkeit dieses ganzen Verfahrens: man würde sich schon schämen, von jemanden, daß er seine Geldbörse vor uns ausschütte, zu fordern, viel weniger, seine Seele: sondern ihr eigener Verstand muß hier eine gefährliche Musterung passieren, und sie mögen oft ihrem Gott danken, wenn sie selbst aus dem Examen gehen können, ohne sich Blößen, schmachvoller vielleicht, als der, eben von der Universität kommende, Jüngling, gegeben zu haben, den sie examinierten.

Heinrich von Kleist.
Heinrich von Kleist (1777 bis 1811).

(Entstanden und geschrieben 1805, veröffentlicht posthum 1878 in der Zeitschrift „Nord und Süd“, herausgegeben von Paul Lindau, und 2014 in „WiTzels Tagblatt“, herausgegeben von Hermann Syzygos.)

Dienstag, 15. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 64

Dienstag, 15. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 64

Ab morgen sind erst mal Osterferien bis zum Dienstag nach Ostern!

  1. Tagesmusik THE BREW; 2. Bild des Tages: Francisco de Zurbaran; 3. Spruch zum Tage von Bette Davis; 4. Kalendergeschichte, diesmal Heinrich von Kleist; 5. Vorlesung Irina Liebmann; 6. fällt aus.

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1. Anbei THE BREW als Musik zum Dienstag, ein besonders bemerkenswertes Trio, weil da Vater (Bass) und Sohn (Schlagzeug) zusammen spielen. Und der Clip „Trouble Free“ ist auch hip hipp  hurra:

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„Trouble Free“ heißt soviel wie „mühelos“, „problemlos“.

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S;=)

2. Bild des Tages:

Zurbaran
Francisco de Zurbaran: Die heilige Margarete von Antiochien (1635).

Das ist ein wunderschönes Bild, hier noch einmal im Detail:

Detail-Zurbaran

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S;=)

3. Spruch zum Tage:

Fernsehen ist fabelhaft. Man bekommt nicht nur Kopfschmerzen davon, sondern erfährt auch gleich in der Werbung, welche Tabletten dagegen helfen.

BETTE DAVIS.

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S;=)

4. Kalendergeschichte von unserem Gastautor HEINRICH VON KLEIST:

(Ist zwar etwas länger, aber das Lesen lohnt sich.)

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

TEIL EINS

Spitzweg-Paulus
Carl Spitzweg: Der Apostel Paulus (1848, Kopie nach Rembrandt).

 

Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen. Ich sehe dich zwar große Augen machen, und mir antworten, man habe dir in frühern Jahren den Rat gegeben, von nichts zu sprechen als nur von Dingen, die du bereits verstehst. Damals aber sprachst du wahrscheinlich mit dem Vorwitz, andere [zu belehren] – ich will, daß du aus der verständigen Absicht sprechest, dich zu belehren, und so können, für verschiedene Fälle verschieden, beide Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander bestehen. Der Franzose sagt, „l’appétit vient en mangeant“ [= „der Appetit kommt beim Essen“], und dieser Erfahrungssatz bleibt wahr, wenn man ihn parodiert und sagt, „l’idee vient en parlant“ [= „der Gedanke kommt beim Reden“].

Spitzweg-Das Picknick.
Carl Spitzweg: Das Picknick (1868).

Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch über den Akten und erforsche in einer verwickelten Streitsache den Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl zu beurteilen sein möchte. Ich pflege dann gewöhnlich ins Licht zu sehen, als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben, in welchem mein innerstes Wesen begriffen ist, sich aufzuklären. Oder ich suche, wenn mir eine algebraische Aufgabe vorkommt, den ersten Ansatz, die Gleichung, die die gegebenen Verhältnisse ausdrückt, und aus welcher sich die Auflösung nachher durch Rechnung leicht ergibt. Und siehe da, wenn ich mit meiner Schwester davon rede, welche hinter mir sitzt und arbeitet, so erfahre ich, was ich durch ein vielleicht stundenlanges Brüten nicht herausgebracht haben würde. Nicht, als ob sie es mir, im eigentlichen Sinne, sagte; den sie kennt weder das Gesetzbuch noch hat sie den Euler oder den Kästner studiert. Auch nicht, als ob sie mich durch geschickte Fragen auf den Punkt hinführte, auf welchen es ankommt, wenn schon dies letzte häufig der Fall sein mag. Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte Töne ein, ziehe die Verbindungswörter in die Länge, gebrauche wohl eine Apposition, wo sie nicht nötig wäre, und bediene mich anderer, die Rede ausdehnender, Kunstgriffe, zur Fabrikation meiner Idee auf der Werkstätte der Vernunft, die gehörige Zeit zu gewinnen. Dabei ist mir nichts heilsamer als eine Bewegung meiner Schwester, als ob sie mich unterbrechen wollte; denn mein ohnehin schon angestrengtes Gemüt wird durch diesen Versuch von außen, ihm die Rede, in deren Besitz es sich befindet, zu entreißen, nur noch mehr erregt, und in seiner Fähigkeit, wie ein großer General, wenn die Umstände drängen, noch um einen Grad höher gespannt.

Spitzweg-Reisende Komödianten.
Carl Spitzweg: Reisende Komödianten (1838).

In diesem Sinne begreife ich, von welchem Nutzen Moliere seine Magd sein konnte; denn wenn er derselben, wie er vorgibt, ein Urteil zutraute, das das seinige berichten konnte, so ist dies eine Bescheidenheit, an deren Dasein in seiner Brust ich nicht glaube. Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganz andere Hälfte desselben.

Carl_Spitzweg-Singender_Dorfpfarrer.
Carl Spitzweg: Der singende Dorfpfarrer mit Brevier und Regenschirm beim Spaziergang durch die reifen Felder (1840).

Ich glaube, daß mancher große Redner in dem Augenblick, da er den Mund aufmachte, noch nicht wußte, was er sagen würde. Aber die Überzeugung, daß er die ihm nötige Gedankenfülle schon aus den Umständen, und der daraus resultierenden Erregung seines Gemüts schöpfen würde, machte ihn dreist genug, den Anfang, auf gutes Glück hin, zu setzen.

Carl_Spitzweg-Der_Schmetterlingsfänger.
Carl Spitzweg: Der Schmetterlingsfänger (1837).

TEIL ZWEI FOLGT DEMNÄCHST.

 

 

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5. Vorlesung

http://volkslesen.tv/07-12-kiezwandler-lesen-irina-liebmann/

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6. Fortsetzungsgeschichte im CAFÉ FANTASY am Richardplatz macht Osterferien.

= Ich wünsche Euch und Ihnen ein frohes und gesegnetes Osterfest!

Dazu fällt mir noch die Geschichte von unserem Bundespastor ein, der sich bei einem alten Mütterchen darüber ausweinen wollte, dass alles den Bach runter geht und keine Willkommenskultur herrscht usw. usf. Aber das alte Mütterlein klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter und sagte: „Ach, wenn der liebe Gott nur gesund bleibt, dann wird schon alles werden!“

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Sonnabend, 22.2.2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Tagesmucke von & mit den ROCK TIGERS aus Korea;
  2. Bild des Tages: Carl Spitzweg;
  3. Spruch zum Tage von Adriano Celentano;
  4. Kalendergeschichte aus einem Berliner Pfarrhaus;
  5. Aktualitäten-Kabinett, diesmal mit aktueller Werbung aus Steglitz-Zehlendorf;
  6. Vorlesung;
  7. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

Ton ab für die Tagesmusik, diesmal aus Korea von den „Rock Tigers“ (dortselbst schwer angesagte Rockabilly-Truppe mit Standbass und spitzenmäßiger Sängerin):

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S=;)

Bild des Tages:

Carl Spitzweg: Der (leider abgefangene) Liebesbrief.
Carl Spitzweg: Der (abgefangene) Liebesbrief.

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S;=)

Spruch zum Tage:

Eine liebende Frau hört auch das, was man noch gar nicht gesagt hat.

ADRIANO CELENTANO.

Adriano Celentano und Claudia Mori.
Adriano Celentano und Claudia Mori.

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S;=)

Kalendergeschichte zum Thema „Volle Kirche“

Berlin, Taubenstraße 3. Das Pfarrhaus der (zerstörten) Dreifaltigkeitskirche diente als Dienstwohnung des Predigers und Theologieprofessors Friedrich Schleiermacher (1768 bis 1834). Schleiermacher hatte bei seinen Gottesdiensten sonntags immer volle Hütte. Nach den Gründen befragt, antwortete der kleine verwachsene Mann mit heiligem Lächeln:

Meine Studenten kommen, weil sie müssen. Die Damen kommen wegen der Studenten und die Offiziere kommen wegen der Damen.

Friedrich_Daniel_Ernst_Schleiermacher
Kirchenfüller Friedrich Schleiermacher.

= = =  S;=)
Achtung, Werbung bzw. wir wandern jetzt gedanklich von vollen Kirchen hinüber zu leeren Räumen: eine Empfehlung für Entrümplungen, Haushaltsauflösung und Sperrmüllabfuhrin Berlin – spez. Steglitz-Zehlendorf:

entruemplung.de
entruemplung.de

Fuhrunternehmer Frank Toebs (siehe Bild) hat immerhin über 25 Jahre Berufserfahrung.

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Vorlesung:

http://volkslesen.tv/05-09-krippenerzieher-lesen-heinrich-heine/

(Thema Nummer Eins: Heinrich Heine über Berliner Frauen. – Thema Zwo: Alarm im Kasperletheater!)

S;=)

Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Mata Haris Jugend als Margaretha Geertruida Zelle

Als Gretchen Zelle am 7. August 1894 achtzehn Jahre alt geworden war und ihre Pflegeeltern beobachtete, die mit ihr den Geburtstag feierten und dabei recht zufrieden aussahen, fragte sie beim Abendessen: „Onkel Taconis, wie geht eigentlich Glücklich sein?“

Frag mich etwas Leichteres, Gretchen“, antwortete der Onkel und aß weiter. Die Tante nickte stumm. Sie fand, solche Themen gehörten sich nicht für eine 18jährige. Damit war die Frage nach dem Glück erst mal beantwortet. Keine Antwort ist auch eine Antwort.

Nach Spätsommer, Herbst und Winter 1894/95 kam der Frühling und Anfang Mai beim Abendessen fragte Margaretha schon wieder: „Onkel Taconis, wie geht eigentlich Glücklich sein?“

Der Onkel guckte auf einmal hilflos durch die Zimmerdecke gen Himmel. Heute war überhaupt nicht sein Tag. Anschließend sah er Gretchen mit leeren blauen Augen an und fragte: „Hast du schon die Zeitung gelesen?“

Sie schüttelte den Kopf, dass ihre dunklen Locken flogen.

Lies erst mal die Zeitung, Gretchen“, sagte Onkel Taconis. „Dann reden wir weiter.“ Und die Tante nickte dazu. „Ist doch erstaunlich, dass jeden Tag genauso viel passiert, wie in die Zeitung passt“, sinnierte er abschließend und die Tante nickte wieder.

Margaretha glaubte zwar damals schon nicht mehr alles, aber ein paar Illusionen hatte sie doch noch. Vielleicht machte das Zeitunglesen ja wirklich glücklich. Tausende und Abertausende von erwachsenen ABC-Schützen können nicht irren. Deshalb nahm Gretchen brav nach dem Essen und Abräumen die „Nieuws van den Tag“, setzte sich ans Fenster und fing im letzten Licht der Sonne an zu lesen und zu blättern.

Dabei stieß sie auf eine Zeitungsannonce mit folgendem Text: „Offizier, auf Urlaub aus Indonesien, sucht junge Frau mit liebenswürdigem Charakter zwecks Heirat.“ Dieser Offizier hieß Campbell Rudolph John MacLeod, wie sie zielstrebig eine Woche später herausfand. Er war 20 Jahre älter als sie, zuckerkrank und wurde von diversen rheumatischen Zipperlein geplagt. Trotz alledem war Margaretha von MacLeods Auftreten und Ausstrahlung und besonders von seiner Uniform schlichtweg begeistert – selbst dann noch, als sich herausstellte, dass er die Anzeige gar nicht selber aufgegeben hatte, sondern sein Freund, der Erzschelm Richard Owen. „Richy“ vertrat das Prinzip: „Ohne Wein, Weib und Gesang/bleibst du ein Narr dein Leben lang.“

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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PLAKAT 3.3._.14