Sa=Sonnabend, 17. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 87

Sa=Sonnabend, 17. Mai 2014

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Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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Den Song schrieben sie vor einem halben Jahrhundert, als es noch ohne EU und ohne Moscheen und ohne Regenbogenfahnen ging, aber uns dafür unsere Frauen und Mädchen noch jeden Tag 24 Stunden lang was wert waren – Ton ab für die KINKS: „All Day And All Of The Night“:

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S;=)

Bild des Tages:

Die neue AU – 50.000 EUler und EUlinnen und EUlen haben sich bereit erklärt, aus Brüssel hinüberzuwechseln in die Heimatgegend der Lampedusa-„Flüchtlinge“, um dort den Verordnungsmangel zu lindern.

Afrikanische Union.
Erste Hilfe für Lampedusa: AU statt EU.

Allerdings muss ich gestehen, dass ich schon grundsätzlich an die Asylberechtigung z.B. der schwarzafrikanischen Dealer im ehemaligen Volkspark Hasenheide glaube. Sie würden bestimmt in jedem anderen Land der Welt verfolgt und sofort in den Knast gesteckt.

Wir dürfen auch nicht die Argumentation vergessen, dass sie oft Arbeiten leisten, die die Deutschen gar nicht machen wollen, z.B. Heroin an Schulkinder verkaufen. – Oder würden Sie das machen wollen? Ich jedenfalls nicht.

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Spruch zum Tage:

Männer sind unbestechlich.
Die meisten nehmen noch nicht einmal Vernunft an.

JOAN COLLINS

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Kalendergeschichte:

Ich will ja gar nicht behaupten, dass früher alles besser war. Früher hatten wir die oberen Zehntausend, die „Upper Ten“, von denen wir als kleine Leute ganz weit weg waren, und heute haben wir die oberen 50.000 in Brüssel. Durch den EU-Wahlkampf wird ja nun dauernd und überall verstärkt mit leerem Stroh dermaßen auf uns eingedroschen, dass es langsam Schmerzensgeld geben müsste für die glücklichen Wenigen, „The Happy Few“, die sich weitab von Brüssel noch ein Gehirn zwischen den Ohren und ein Herz in der Brust bewahrt haben.

Je älter ich werde, desto besser verstehe ich meine Eltern und bin stolz auf sie, diese beiden kleinen Leute, die zusammengehalten haben, bis dass der Tod sie trennte. Ich bin nicht größer als mein Vater, der beim Finanzamt Braunschweig Land anfing und dort als Beamter blieb bis zu seiner Pensionierung. – Er hat von einem Kollegen erzählt, mit dem er das Büro teilte. Dieser Kollege konnte stundenlang mit gefalteten Händen aus dem Fenster gucken. Eines Tages sagte er währenddessen zu meinem Vater: „Sie dürfen nicht denken, dass ich nichts tue, Kollege Witzel. Ich denke nach.“

Das kriegen wir ja nun auch verschärft aufs Brot geschmiert von den EUlern oder EUlen oder EUlinnen oder wie auch immer. Deshalb fällt es mir ein. Andererseits, um es zu einem Happy-end zu bringen, erwähne ich zur Ergänzung noch Sir Winston Churchill: „Schlimm sind nicht die, die dumm und faul sind – schlimm sind die, die dumm und fleißig sind.“

S;-)

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Vorlesung ― „Zusammen ist man weniger allein“:

http://volkslesen.tv/41-10-robert-koch-institut-liest-anna-gavalda/

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Fortsetzungsgeschichte:

CAFÉ FANTASY

Es stellte sich dann übrigens heraus, wie Urs Bergner den einschlägigen Medien entnahm, dass nicht nur „unsere“ Berliner Stadt-Politiker bis auf die drei Selbstmord-Senatoren wie vom Erdboden verschluckt waren, sondern sogar „unsere“ Politiker im Regierungsviertel. Man hatte es nur nicht gleich gemerkt, denn das Leben ging einfach weiter. Um Unruhe zu vermeiden, hatte man außerdem eine Deutsch sprechende polnische Schauspieltruppe engagiert, die im Bundestag „Partei schlägt sich, Partei verträgt sich“ spielte und übrigens erheblich preiswerter war als die verschwundene Original-Besetzung.

Aber wie gesagt, es kam dann doch heraus, dass „unsere“ Politiker weg waren und keiner wusste warum und wohin und wieso eigentlich. – Bis, ja, bis sich herausstellte, dass alles auf einen Schuljungen-Streich zurückzuführen war: Zwei Schüler des Goethe-Gymnasiums hatten sich sämtliche Politiker-Mail-Adressen von Berlin und vom Regierungsviertel herausgesucht und dann eine Mail verschickt, die in der BETREFF-Zeile den Satz enthielt: „Es ist alles herausgekommen.“

Tja.

Also seien Sie bitte zurückhaltend mit solchen Äußerungen gegenüber Berufspolitikern, meine lieben Leserinnen und Leser daheim an den Internet-Surfbrettern. „Unsere“ Regierung kann uns ja sowieso schon nicht leiden und redet lieber mit dem Ausland als mit dem Inland. Da brauchen wir jetzt nicht noch eins drauf zu setzen als Bevölkerung.

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 Falls Sie sich mal was Gutes antun wollen, empfehle ich Ihnen dieses Bilderbuch:

http://www.amazon.de/BANKSY-Book-Pictures-Wieland-Kraut-ebook/dp/B0096CFUSU/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1400312633&sr=8-1&keywords=Kraut+Banksy

Das Schaufenster befindet sich übrigens in meiner Straße, Warthestraße 64, und war zur Zeit der Aufnahme das „Kunstfenster W64“.

 

 

 

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Dienstag, 13. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 83

Dienstag, 13. Mai 2014

 

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Bild und Ton ab für Annett Louisan, sie wird immer besser:

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Bild des Tages:

Berlin
Karl Eduard Biermann: Berlin, Borsigs Maschinenbauanstalt (1847).

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Spruch zum Tage:

Frauen lügen nie. Sie erfinden höchstens die Wahrheit, die sie grade brauchen.

HENRY DE MONTHERLANT.

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Kalendergeschichte:

Max Liebermann kehrte von einer Italienreise zurück. Er wird von Bekannten nach seinen Eindrücken befragt. „Ach, et is jar nich so kitschich, wie de Leute imma reden.“

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Vorlesung

http://volkslesen.tv/45-11-radio-eins-liest-david-foster-wallace/

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Fortsetzungsgeschichte: Demnächst wieder.

Bis dahin empfehle ich Ihnen diese schreckliche und trotzdem locker zu lesende Geschichte:
http://www.amazon.de/Der-Engel-von-Bremen-HIstorischer/dp/1478105151/ref=sr_1_1/278-4786908-3577205?ie=UTF8&qid=1399928659&sr=8-1&keywords=Hermann+Syzygos#reader_1478105151

 

 

 

Sa=Sonnabend, 10. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 81

Sa=Sonnabend, 10. Mai 2014

  1. Tagesmusik Louis Armstrong;
  2. Bild des Tages: Henry Fords „Friedensschiff“;
  3. Spruch zum Tage von Sophokles;
  4. Kalendergeschichte, diesmal von Herbert Witzel;
  5. Vorlesung, Hebammen lesen Bertolt Brecht;
  6. Fortsetzungsgeschichte pausiert noch.

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Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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1. Da sind zwar diesmal keine Bilder bei, aber Satchmos Sound ist so einzigartig herzerfrischend, dass es sich trotzdem lohnt. Ton ab für Louis Armstrong: „Give Peace A Chance“.

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Bild des Tages:

Ford-Peace-Ship.
Henry Fords „Friedensschiff“ Oscar II, mit dem er den Ersten Weltkrieg ausbremsen wollte. Damit machte er sich zwar lächerlich, weil alle dachten, sie gewinnen, aber er hat es wenigstens versucht.

Dieses Foto zeigt das Schiff beim Auslaufen am 4. Dezember 1915. – Na, OK, Henry Ford ist  bei Intensivbänkern wie bei Sozis gleichermaßen verhasst, aber ich muss ja mit beiden nix am Hut haben. – Weil ich seine Aktion sehr liebenswürdig finde, hab ich eine Kurzgeschichte draus gemacht, die gibt es heute und morgen kostenlos als Ebook, wenn nicht gleich, dann wird das jedenfalls im Laufe des Tages freigeschaltet, wie wir das gelernt haben: Mit Compuger geht alles schneller, es dauert bloß länger.

http://www.amazon.de/Fahrt-mit-Ford-Zipfel-Weltfriedensversuch-ebook/dp/B0081RZ90A/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1399616130&sr=8-1&keywords=WiTzel+Ford

 

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Spruch zum Tage:

Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.

SOPHOKLES.

 

S;=)

Kalendergeschichte:

Die Generation meiner Eltern und Großeltern hatte wahrlich genug vom Krieg. Das galt sogar für solche Gewohnheits-Feindbilder wie Franz Josef Strauß, der sagte: „Wenn ein Deutscher noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dann soll ihm der Arm abfallen.“ – Ich selber bin in Braunschweig noch zwischen Ruinen aufgewachsen und eher vom Frieden begeistert als vom Krieg, denn im Frieden ist viel mehr möglich. Andere sehen das durchaus anders, schließlich wird mit Waffen und anderem Kriegsbedarf noch mehr Geld verdient als mit Rauschgift und Menschenhandel. Und als Kriegsherr ist man ja auch wenigstens mal richtig wichtig, weil man die Kinder anderer Leute in den Tod schicken kann.

 

Heinrich_Zille.
Heinrich Zille: Das Schwein vor dem Krieg und nach dem Krieg (1918).

Es war fünfzig Jahre Ruhe für Deutschland, bis die roten Grünen an die Macht kamen. Für diese lila linken Leute sind wir Mitmenschen so eine Art Laborratten für Großversuche. Deshalb startete dann auch „Kamerad Turnschuh“ Joschka Fischer von der Kommunistischen Bausparkasse Westdeutschland (KBW) den Großversuch, deutsche Soldaten in den Tod zu schicken getreu seiner Devise: „Deutsche Helden muss man tottreten.“ – Wie geht das? Wenn du brüllst: „Nie wieder Auschwitz!“, richtig. Und wenn du dann noch einen typischen Berufspolitiker wie Scharping, der nix anderes kann als sogenannte „Politik“, losschickst mit möglichst grausamen Horrorfotos, einseitig rausgesucht von irgendeiner exklusiven Werbeagentur Marke Psychomann & Co. KG, dann schaffst du es tatsächlich, den Frieden wieder abzuschaffen. Krieg fängt ja sowieso immer der andere an, deshalb brauchst du auch kein Gewissen, sondern nur eine Überzeugung bzw. eine Ideotologie. „Das Schlimme ist, dass alle ihre Gründe haben.“ (Jean Paul Sartre.) – Drum sind „unsere“ Politiker so geil auf die Ukraine, wo mein Onkel „Ottchen“ Witzel sein Soldatengrab gefunden hat, weil er dort 1943 an der Ostfront gefallen ist.

Nun ist es vorbei mit der Ruhe, die keine Friedhofsruhe war, sondern eine innere Ruhe des Herzens. Der Unterschied wird nur verständlich, wenn man eins hat. Das können „unsere“ Politiker uns zwar nicht nicht schenken, sie können es uns aber Gott sei Dank auch nicht wegnehmen.

Herbert WiTzel

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Vorlesung

http://volkslesen.tv/13-08-hebammen-lesen-bertolt-brecht/

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Fortsetzungsgeschichte: Pausiert noch.

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Das war WiTzels Tagblatt Nr.:

Otto-Ubbelohde.
Otto Ubbelohde: Illustration zum Märchen vom starken Hans.

Freitag, 9. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 80

Freitag, 9. Mai 2014

1. Tagesmusik Loudon Wainwright III; 2. Bild des Tages: Hermann tom Ring; 3. Spruch zum Tage von Hanne Wieder; 4. Kalendergeschichte, diesmal mit Herrn Lewandowski; 5. Vorlesung, Selim Özdogan; 6. Fortsetzungsgeschichte Demnächst.
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1. Ton ab für LOUDON WAINWRIGHT III, einen der coolsten Singer-Songwriter überhaupt:

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2. Bild des Tages:

Hermann tom Ring.
Hermann tom Ring: Ermengard und Walburg von Rietberg (1564).

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3. Spruch zum Tage:

Dass Frauen immer das letzte Wort haben, beruht hauptsächlich darauf, dass den Männern nichts mehr einfällt.

HANNE WIEDER.

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4. Kalendergeschichte:

Herr Lewandowski meldet sein dreizehntes Kind zur Taufe an. – „Also so was, Herr Lewandowski“, wundert sich der Pfarrer, „schon wieder ein Kind?“ – „Na, warum denn nicht, Herr Pfarrer? In der Bibel steht doch auch: ‚Seid fruchtbar und mehret euch!'“ – „Ja, schon, Herr Lewandowski. Aber die Bibel ist nicht nur für Sie allein geschrieben worden.“

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S;=)

5. Vorlesung

http://volkslesen.tv/46-09-zfl-liest-selim-oezdogan/

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6. Fortsetzungsgeschichte: Demnächst.

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Nun denn, liebe Surferinnen und Surfer, das war WiTzels Tagblatt Nr.:

Otto_Ubbelohde.
Otto Ubbelohde: Illustration zum Märchen „Dat Mäken von Brakel“.

 

Sa=Sonnabend, 26. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 69

Sonnabend, 26. April 2014

 

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Ton ab für unsere kostbare bayrische Nachtigall CLAUDIA KORECK:

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Bild des Tages:

Jean-Francois_Millet
Jean-Francois Millet: Die Ährenleserinnen (1857).

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Spruch zum Tage:

Jedes Thema ist gut. Es handelt sich nur darum, es mit Kraft und Klarheit wiederzugeben. In der Kunst muss man einen Hauptgedanken haben, diesen Gedanken muss man mit Beredsamkeit aussprechen, man muss selbst an seine Wahrheit glauben und diese Wahrheit den anderen mitteilen mit der Schärfe eines Prägstocks.

JEAN-FRANCOIS MILLET.

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S;=)

Kalendergeschichte:

Ruft einer beim Wettermann vom TV an: „Ich wollte Ihnen nur Bescheid sagen, dass die Feuerwehr gerade Ihre 30° und Sonnenschein aus meinem Keller gepumpt hat.“

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So ist das mit dem Keller und dem Wetter. Wenn es nicht um Niederschläge geht, sondern um Sperrmüll und Allesabfuhr, vor allen Dingen in Berlin, dann empfehlen wir kein TV und keinen Herrn Kachelmann, sondern Firma Frank Toebs:

Frank Toebs
entruemplung.de

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Vorlesung http://volkslesen.tv/16-08-steuerfluechtlinge-lesen-wolfgang-borchert/

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Fortsetzungsgeschichte: Dauert noch ein bisschen.

Danke für Ihre Geduld.

Dies war WiTzels Tagblatt Nr.

Nr.69
Illustration: Frank Ubbelohde (zum Märchen von den zwölf Brüdern).

 

Dienstag, 22. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 65

Dienstag, 22. April 2014

  1. Tagesmusik MARDI GRAS.BB und „Hop Sing Song“; 2. Bild des Tages: Amiet – Apfelernte; 3. Spruch zum Tage aus dem WIENER MUSENALMANACH (1782); 4. Kalendergeschichte Heinrich von Kleist ZWEITER TEIL; 5. Vorlesung Volkslesung; 6. Café Fantasy heute geschlossen.

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Bild und Ton ab für MARDI GRAS.BB und den „Hop Sing Song“:

 

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Ein Dankeschön dafür geht an Dr. Gundolf Krüger in Göttingen.

S;=)

Bild des Tages:

Cuno Amiet.
Cuno Amiet: Apfelernte (1907).

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S;=)

Spruch zum Tage – Adam an Gott bei Evas Anblick:

Adam an Gott bei Evas Anblick:
Kannst du so schöne Sachen
aus meinen Rippen machen,
so nimm, so nimm doch nur noch mehr,
nimm alle meine Rippen, Herr!

WIENER MUSENALMANACH (1782).

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S;=)

 

Kalendergeschichte von unserem Gastautor HEINRICH VON KLEIST:

(Ist zwar etwas länger, aber das Lesen lohnt sich.)

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

TEIL ZWEI

Carl_Spitzweg-Der_Schmetterlingsfänger.

Carl Spitzweg: Der Schmetterlingsfänger (1837).

Mir fällt jener „Donnerkeil“ des Mirabeau ein, mit welchem er den Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23ten Juni, in welcher dieser den Ständen auseinanderzugehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? „Ja“, antwortete Mirabeau, „wir haben des Königs Befehl vernommen“ – ich bin gewiß, daß er, bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: „ja, mein Herr“, wiederholte er, „wir haben ihn vernommen“ – man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will. „Doch was berechtigt Sie“ – fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf -, „uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.“ – Das war es, was er brauchte! „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine“ – um sich gleich auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. „Und damit ich mich Ihnen ganz deutlich erkläre“ – und erst jetzt findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: „So sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsere Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.“ – Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte. – Wenn man an den Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei diesem Auftritt nicht anders als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von einem elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte Elektrizität erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung, der in ihm inwohnende Elektrizitätsgrad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Mut, bei der Vernichtung seines Gegners, zur verwegensten Begeisterung über. Vielleicht, daß es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, daß Mirabeau sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch, daß er sich, einer Kleistischen Flasche gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden, und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Schloßherrn und der Vorsicht Raum.

Carl_Spitzweg-Paß.
Carl Spitzeg: „Wo ist der Paß?“ (1855).

Dies ist eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt, welche sich, wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumständen bewähren würde. Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache zurück.

 

 

Spitzweg-Verbotener_Weg
Carl Spitzweg: Spaziergang am Rande des Kornfeldes (Verbotener Weg) (1849).

Auch Lafontaine gibt, in seiner Fabel: les animaux malades de la peste [= die Pest unter den Tieren], wo der Fuchs dem Löwen eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkwürdiges Beispiel von einer allmählichen Verfertigung des Gedankens aus einem in der Not hingesetzten Anfang. Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Tierreich, der Löwe versammelt die Großen desselben, und eröffnet ihnen, daß dem Himmel, wenn er besänftigt werden solle, ein Opfer fallen müsse. Viel Sünder seien im Volke, der Tod des größten müsse die übrigen vom Untergang retten. Sie möchten ihm daher ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er, für sein Teil, gestehe, daß er, im Drange des Hungers, manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde, wenn er ihm zu nahe gekommen; ja, es sei ihm in leckerhaften Augenblicken zugestoßen, daß er den Schäfer gefressen. Wenn niemand sich größerer Schwachheiten sich schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu sterben. »Sire«, sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten will, »Sie sind zu großmütig. Ihr edler Eifer führt Sie zu weit. Was ist es, ein Schaf erwürgen? Oder ein Hund, diese nichtswürdige Bestie? Und: quant au berger«, fährt er fort, denn dies ist der Hauptpunkt: »On peut dire«; obschon er noch nicht weiß, was? »qu’il méritoit tout mal«; auf gut Glück; und somit ist er verwickelt; »etant«; eine schlechte Phrase, die ihm aber Zeit verschafft: »de ces gens la«, nun erst findet er den Gedanken, der ihn aus der Not reißt: »qui sur les animaux se font un chimerique empire«. Und jetzt beweist er, daß der Esel, der blutdürstige! (der alle Kräuter auffrißt), das zweckmäßigste Opfer sei, worauf alle über ihn herfallen, und ihn zerreißen.

Esel (= Opfer).

Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakte, für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Achse.

Das Rad des HImmelswagens.

Etwas ganz anderes ist es, wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann muß er bei seiner bloßen Ausdrückung zurückbleiben und dies Geschäft, weit entfernt ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen. Wenn daher eine Vorstellung verworren ausgedrückt wird, so folgt der Schluß noch gar nicht, daß sie auch verworren gedacht worden sei; vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst ausgedrückten gerade am deutlichsten gedacht werden. Man sieht oft in einer Gesellschaft, wo, durch ein lebhaftes Gespräch, eine kontinuierliche Befruchtung der Gemüter mit Ideen im Werk ist, Leute, die sich, weil sie sich der Sprache nicht mächtig fühlen, sonst in der Regel zurückgezogen halten, plötzlich, mit einer zuckenden Bewegung aufflammen, die Sprache an sich reißen und etwas Unverständliches zur Welt bringen. Ja, sie scheinen, wenn sie nun die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen haben, durch ein verlegnes Gebärdenspiel anzudeuten, daß sie selbst nicht mehr recht wissen, was sie haben sagen wollen. Es ist wahrscheinlich, daß diese Leute etwas recht Treffendes, und sehr deutlich, gedacht haben. Aber der plötzliche Geschäftswechsel, der Übergang ihres Geistes vom Denken zum Ausdrücken, schlug die ganze Erregung desselben, die zur Festaltung des Gedankens notwendig, wie zum Hervorbringen, erforderlich war, wieder nieder. In solchen Fällen ist es um so unerläßlicher, daß uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig gedacht haben, und doch nicht gleichzeitig von uns geben können, wenigstens so schnell als möglich, aufeinander folgen zu lassen. Und überhaupt wird jeder, der, bei gleicher Deutlichkeit, geschwinder als sein Gegner spricht, einen Vorteil über ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er ins Feld führt.

Schachbrett.

Wie notwendig eine gewisse Erregung des Gemüts ist, auch selbst nur, um Vorstellungen, die wir schon gehabt haben, wieder zu erzeugen, sieht man oft, wenn offene und unterrichtete Köpfe examiniert werden, und man ihnen, ohne vorhergegegangene Einleitung, Fragen vorlegt, wie diese: Was ist der Staat? Oder: Was ist das Eigentum? Oder dergleichen. Wenn diese jungen Leute in einer Gesellschaft befunden hätten, wo man sich vom Staat, oder vom Eigentum, schon eine Zeit lang unterhalten hätte, so würden sie vielleicht mit Leichtigkeit, durch Vergleichung, Absonderung und Zusammenfassung der Begriffe, die Definition gefunden haben. Hier aber, wo die Vorbereitung des Gemüts gänzlich fehlt, sieht man sie stocken, und nur ein unverständiger Examinator wird daraus schließen, daß sie nicht wissen. Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unsrer, welcher weiß. Nur ganz gemeine Geister, Leute, die, was der Staat sei, gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen haben, werden hier mit Antwort bei der Hand sein. Vielleicht gibt es überhaupt keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade eine öffentliches Examen. Abgerechnet, daß es schon widerwärtig und das Zartgefühl verletzend ist, und daß es reizt, sich stetig zu zeigen, wenn solch ein gelehrter Roßkamm nach den Kenntnissen sieht, um uns, je nachdem es fünf oder sechs sind, zu kaufen oder wieder abtreten zu lassen: es ist so schwer, auf ein menschliches Gemüt zu spielen und ihm seinen eigentümlichen Laut abzulocken, es verstimmt sich so leicht unter ungeschickten Händen, daß selbst der geübteste Menschenkenner, der in der Hebeammenkunst der Gedanken, wie Kant sie nennt, auf das meisterhafteste bewandert wäre, hier noch, wegen der Unbekanntschaft mit seinem Sechswöchner Mißgriffe tun könnte. Was übrigens solchen jungen Leuten, auch selbst den unwissendsten noch, in den meisten Fällen ein gutes Zeugnis verschafft, ist der Umstand, daß die Gemüter der Examinatoren, wenn die Prüfung öffentlich geschieht, selbst zu sehr befangen sind, um ein freies Urteil fällen zu können. Denn nicht nur fühlen sie häufig die Unanständigkeit dieses ganzen Verfahrens: man würde sich schon schämen, von jemanden, daß er seine Geldbörse vor uns ausschütte, zu fordern, viel weniger, seine Seele: sondern ihr eigener Verstand muß hier eine gefährliche Musterung passieren, und sie mögen oft ihrem Gott danken, wenn sie selbst aus dem Examen gehen können, ohne sich Blößen, schmachvoller vielleicht, als der, eben von der Universität kommende, Jüngling, gegeben zu haben, den sie examinierten.

Heinrich von Kleist.
Heinrich von Kleist.

(Entstanden und geschrieben 1805, veröffentlicht posthum 1878 in der Zeitschrift „Nord und Süd“, herausgegeben von Paul Lindau, und 2014 in „WiTzels Tagblatt“, herausgegeben von Hermann Syzygos.)

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Vorlesung http://volkslesen.tv/41-11-coburger-frauen-lesen-petra-durst-benning/

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Fortsetzungsgeschichte:
CAFÉ FANTASY geht demnächst weiter, heute reicht uns dieser geniale Kleist-Text – siehe oben. Der will erst mal verarbeitet sein, wir sind hier nicht beim Fernsehen, wo das Denken durch Dauerberieselung ausgeschaltet wird. – Wenn mir vor zwanzig Jahren einer erzählt hätte, dass wir für diese Berieselung eines Tages sogar zwangsweise eine zwanghafte Verblödungssteuer bezahlen müssen, also, ich hätte es für Spinne gehalten. Und dass jetzt meine Altersgenossen an diesen Schröpfköpfen sitzen und sich nicht entblöden, immer noch „die Gesellschaft“, die inziwschen aus uns selber besteht, für alles Üble verantwortlich zu machen, das hätte ich erst recht nicht geglaubt.

= = = So, liebe Freundinnen und Freunde des Internets daheim vor den Monitoren, das war WiTzels Tagblatt Nr.

Nummerngirl Julia.
Nummerngirl Julia. DANKE fürs herzerfrischende Lächeln!

 

 

 

Donnerstag, 20. März 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 42

Donnerstag, 20. März 2014

  1. Tagesmusik, diesmal frisch vom Leierkasten;
  2. Bild des Tages: ein BANKSY (Berlin 2004);
  3. Spruch zum Tage von Albert Einstein;
  4. Kalendergeschichte, diesmal zum Thema Beziehungskisten;
  5. Vorlesung, Philipp Besson;
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.
  7. Besondere Schmakazie außer der Reihe (WiTzels Werbung).

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Tagesmusik, frisch vom Leierkasten;

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Bild des Tages:

BANKSY Berlin 2004.
BANKSY schenkt uns in Berlin das passende Bild: Wegen der Unflughäfen nach Modell Wowereit (Tempelhof und BER) muss am Alexanderplatz vor landenden Fallschirmspringern gewarnt werden.

S;=)

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Spruch zum Tage:

Manche Männer versuchen die Frauen zu verstehen. Andere beschäftigen sich lieber mit einfacheren Themen wie z.B. der Relativitätstheorie.

ALBERT EINSTEIN, Nobelpreisträger immerhin.

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Kalendergeschichte:

Friedrichstraße 242, das Haus der Beziehungskisten

1815 entschloss sich der Naturforscher und Dichter Adelbert von Chamisso, den Schritt in ein neues Leben zu tun.

 

Westmarke
Chamisso als Wessi.

Und zwar einmal um die ganze Welt auf dem russischen Expeditionsschiff „Rurik“.

 

Ostmarke.
Chamisso als Ossi.

 

Im ersten Stock des Hauses Friedrichstraße 242 verabschiedete er sich von der 14jährigen Antonie Piaste mit den Worten: „Wenn ich wiederkomme, heirate ich  dich.“

Sie war die Adoptivtochter Julius Eduard Hitzigs, genannt „Ede“. Der zog mit Frau und Kindern 1807 aus Warschau nach Berlin, weil er als Jurist im Staatsdienst arbeitslos geworden war. Napoleon hatte die preußische Regierung gestürzt, Warschau gehörte zur französisch besetzten Zone. Hitzig ließ sich in Berlin zum Buchhändler umschulen, machte einen Verlag auf, schriftstellerte selber, gründete hier 1824 die „Neue Mittwochsgesellschaft“ als Salon und wurde — last, but not least — Direktor des Königlichen Kammergerichts  in der Lindenstraße. Dort residiert heute das Jüdische Museum.

Bei Ede mit den hübschen Töchtern trafen sich die Literaten gern. E.T.A. Hoffmann brachte am Klavier ein Ständchen, setzte Hitzig, Chamisso & Co. in seinen „Serapionsbrüdern“ ein literarisches Denkmal und schrieb für die kleine Clara Hitzig als Weihnachtsüberraschung das Märchen von „Nussknacker und Mausekönig“.

Aus Kindern wurden Leute. Als Clara, die hübscheste Hitzigtochter, herangewachsen war, mauste sie 1833 ein Märchenprinz als Ehefrau, nämlich der geniale Kunsthistoriker Franz Kugler, Verfasser des Liedes: „An der Saale hellem Strande“ und einer „Geschichte Friedrichs des Großen“, illustriert von Adolph Menzel. Kuglers zogen in den zweiten Stock, sie führten das gesellschaftliche Leben fort. Bei Clara und ihren schnuckeligen Nichten trafen sich fast jeden Abend Promis und Nachwuchs-Autoren bei englischem Tee, Landbrotstullen und anschließendem Bier aus einer Gastwirtschaft am Halleschen Tor. Die  beiden Theodore waren hier, Storm und Fontane, Emanuel Geibel, Felix Dahn und Jacob Burckhardt.

Heute sieht man von alledem nichts mehr. Wo einst die Friedrichstraße 242 stand, befindet sich heute der Theodor-Wolff-Park.

 

Th-Wolff-Park

Hinweisschild Theodor-Wolff-Park.

(Bildquelle: Wikipedia.)

 

Das Ehen stiftende Haus der hübschen Mädels und des guten Geschmacks wurde 1893 abgerissen. Schade eigentlich. Aber Herr und Frau Wowereit sollen sich für einen Wiederaufbau schon ganz stark machen, heißt es. Sie müssen nur vorher erst noch den BER-Flughafen erfolgreich in Brandenburgs Sand setzen.

Ach, und der gute Adalbert von Chamisso, als er nach ein paar Jahren wiederkam von seiner Weltreise und 2. Kustos im Botanischen Garten wurde, da hat er seine Antonie wirklich geheiratet und zog nach nebenan in die Nummer 235. Dort finden Sie übrigens auch eine Gedenktafel am Haus.

 

Chamisso.

Friedrichstraße 235 (Bildquelle: Wikipedia).

 

Das Bild hier ist ein seltenes des jungen Paares.

A.u.A.v.Chamisso

 

Adelbert und Antonie von Chamisso.

(Repro: Archiv Witzel).

Herbert Witzel

 

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Vorlesung ― 

http://volkslesen.tv/38-08-steuerberater-lesen-philippe-besson/

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Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Zwei Polizeibeamte nehmen die Gefangene in ihre Mitte und bringen sie zum Wagen. Außer ihnen dürfen nur noch Schwester Léonide und Pastor Darboux einsteigen. Dem Pastor hat es die Sprache verschlagen, so bewegt ist er.

In Vincennes ist die Hinrichtung auf 6:15 Uhr angesetzt. Mit dem ersten Morgendämmern trifft die Verurteilte auf dem Gelände der vieleckigen Befestigungsanlagen des Schlosses Vincennes ein.

Dragoner und ein Linienregiment aus der Garnison stehen Spalier.

12 Feldjäger der Zuaven-Infanterie, die sämtlich schon an der Front gekämpft hatten, bilden das Erschießungskommando: vier Gefreite, vier Korporale, vier Unteroffiziere. Sie stellen sich in Dreierreihen auf. Man hat diese nordafrikanischen Söldner ausgewählt, weil ihnen erstens Mata Hari kein Begriff ist und weil sie zweitens keine Hemmungen kennen, eine Frau zu erschießen.

Als der Wagen gegenüber dem für die Exekution vorgesehenen Pfahl hält, wird eine Fanfare geschmettert. Danach herrscht ungewöhnlich tiefes Schweigen.

Mata Hari steigt aus dem Wagen, begleitet von Schwester Léonide, die mit lauter Stimme betet, und den beiden Polizeibeamten. Dem Pastor war wohl alles zu viel geworden, jedenfalls steigt er nicht aus. Langsam gehen die vier Personen zu dem Pfahl. Dort macht die Verurteilte entschlossen ihren Arm von der Schwester los, verabschiedet sich von ihr mit einer Umarmung und schickt sie weg auf die rechte Seite. „Dort werde ich hinschauen.“

Während ein Offizier laut das Todesurteil verliest, stellt sich die Tänzerin an dem Pfahl auf. Die Augenbinde lehnt sie ab. Sie will auch nicht an den Pfahl gefesselt

werden, sondern frei stehenbleiben: „Zu sterben, zu schlafen, ins Nichts zu verschwinden, was macht das schon?“ Deshalb wird der vorgesehene Strick um ihre Hüften nur lose, mit sehr viel Spielraum, benutzt für eine Verbindung zu dem Pfahl.

Die Feldjäger stehen zehn Meter von ihr entfernt. Mata Hari lächelt und winkt zum Abschied Schwester Léonide zu, die kniet und betet.

Der kommandierende Offizier, der auch das Urteil verlesen hat, hebt den Degen. Laut kracht die abgefeuerte Salve von elf Schüssen, dann – etwas leiser – der vorgeschriebene Gnadenschuss.

Die tote Tänzerin bricht mit dem Kopf nach vorn zusammen und verwandelt sich in eine schlaffe, blutüberströmte Masse.

Mata Haris Leichnam wurde der medizinischen Fakultät der Sorbonne übergeben.

Man hat in Frankreich alles versucht, um die Spuren ihrer Existenz zu beseitigen. Nichts mehr sollte an sie erinnern. Ihr Nachlass mitsamt ihrer Bibliothek wurde zu Bruchstücken zerteilt, verscherbelt im wahren Sinne des Wortes und verstreut in alle Himmelsrichtungen, doch erreicht haben die Franzosen das Gegenteil.

Lieber war ich die Geliebte eines armen Offiziers als eines reichen Bankiers. Meine größte Freude war es, mit ihnen zu schlafen, ohne an Geld denken zu müssen.“ (Mata Hari im Verhör.)

Ihre letzten Worte soll sie in Vincennes an den kommandierenden Offizier gerichtet haben: „Monsieur, ich danke Ihnen.“

Briefmarke.

Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause.“ Novalis.

ENDE.

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Mittwoch, 19. März 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 41

Mittwoch, 19. März 2014
1. Die Tagesmusik heute zeigt uns im uralten Filmchen ein bisschen was von der locker-flockigen Präsenz des genialen Hank Williams;
2. Das Bild des Tages malte Gustav Klimt passend zum Frühling;
3. Der Spruch zum Tage stammt von Ezra Pound;
4. Kalendergeschichte, diesmal gereimt;
5. Vorlesung, Rainer Maria Rilke, kurz und knackig;
6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.
7. Auflösung der Schachkomposition von gestern.
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1. Tagesmusik, Hank Williams: „Hey good lookin'“

2. Bild des Tages, passend zum Frühling:

Klimt
Gustav Klimt: Der Kuss (1908).

3. Spruch zum Tage

Kultur besteht in dem, was übrig bleibt, wenn man das Erlernte vergessen hat.

EZRA POUND.

4. Kleine gereimte (Kalender-)Geschichte:

Es lebte einst in Afrika ein weiser Marabu,

der drückte beinah immerfort das eine Auge zu.

Und wenn ihm das verleidet war, was tat der Marabu?
Er macht das eine Auge auf und drückt das andre zu.

Das war ein großer Philosoph, der weise Marabu,

denn wer zufrieden leben will, drückt stets ein Auge zu.

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5. Vorlesung:

http://volkslesen.tv/02-08-rilke-vergessen-1/

6.

Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Auf dem letzten Weg

Nun tritt sie auf den langen Gefängniskorridor. Es sieht fast so aus, als würde sie den kleinen Zug Menschen anführen. Deshalb will jetzt der Oberwärter demonstrativ ihren Arm packen, um allen zu zeigen, wer hier der Herr im Haus ist.

Aber sie lässt sich das nicht gefallen, schiebt ihn weg und sagt ruppig: „Fassen Sie mich ja nicht an, ich bin keine Diebin! Was fällt Ihnen ein?“

Verblüfft über diesen Ton, wird doch der Oberwärter tatsächlich zahm und gehorsam.

Meine liebe Mutter, bitte reichen Sie mir den Arm und verlassen Sie mich nicht“, sagt Mata, bevor es sich der Oberwärter anders überlegen kann. Die beiden mochten sich anscheinend nicht besonders.

Schwester Léonide reicht ihr den Arm und hält ihre Hand fest. Später sagte sie: „Ich hatte Angst, Mata Hari könnte nun im letzten Augenblick noch irgendeine Dummheit machen. Deshalb umklammerte ich sie, so fest ich konnte.“

Der Zug steigt die Treppe hinab zur halb geöffneten Eingangstür von Saint-Lazare. Normalerweise stehen draußen nur ein paar friedliche Gestalten, die Wache schieben, doch heute hat sich eine richtige Menschenmenge auf der Straße versammelt. Das kann man schon vom ersten Stock aus sehen.

Die Tänzerin lächelt und freut sich über so viel Publikum. Gelassen betritt sie die „Brücke von Avignon“, die Kanzlei, wo jetzt im großen Dienstbuch die letzte Eintragung, die ihre Haft betrifft, vorgenommen wird: „Zelle, Margaretha Geertruida, genannt Mata Hari, wird am 15. Oktober 1917 um 5:30 Uhr der Zuständigkeit des dritten Kriegsgerichts übergeben, um in Vincennes mit dem Tode bestraft zu werden. Die Strafe lautet auf Erschießen.“

Sie bittet darum, in der Kanzlei noch drei Abschiedsbriefe schreiben zu dürfen. Es wird ihr erlaubt. Den ersten Brief richtete sie an ihre Tochter Non, den zweiten an Masloff und den dritten an jenen unbekannten Leumundszeugen im Prozess. Was aus diesen Schriftstücken wurde, weiß niemand.

Es hat zehn Minuten gedauert, dann sagt sie: „Ich bin fertig.“

Mata Hari
Letztes Foto am Tag ihrer Hinrichtung.

 

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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7. Auflösung der Schachkomposition. (Bei der originalen Partie sind 15 Züge  vorausgegangen.) Hier noch einmal die Ausgangsstellung zur Aufgabe „Matt in zwei Zügen“:

2. Schachkomposition
Weiß ist am Zug.

Hier die Auflösung:

16. Db3-b8+  !!!

Nach diesem Damenopfer ist das Matt nicht mehr zu verhindern.

16. … Sd7xb8 17. Td1-d8 Matt.
Die gesamte Partie fand in Paris statt, im Zuschauerraum der Oper „Der Barbier von Sevilla“. Der Amerikaner Paul Morphy, stärkster Spieler seiner Zeit bzw. der Jahre 1858/59, spielte gegen Karl von Braunschweig. Die Partie selbst und mehr dazu finden Sie bei Wikipedia – das gilt auch für Dich:
http://de.wikipedia.org/wiki/Morphy_%E2%80%93_Karl_von_Braunschweig_und_Graf_Isoard,_Paris_1858
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Dienstag, 18. März 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 40

Dienstag, 18. März 2014
1. Die Tagesmusik heute schenkt uns Nena mitsamt einem – find ich jedenfalls – witzigen Video;
2. Das Bild des Tages [Richard Oelzes „Erwartung“] bildet einen dunklen Gegensatz ab: Was passiert, wenn nichts passiert? Was passiert, wenn sich gar keiner bewegt und niemand kommt oder geht, geschweige denn mitgeht?;
3. Der Spruch zum Tage kommt frei nach Johnny Cash daher;
4. Kalendergeschichte, diesmal ohne Titel, weil sonst die Überraschung weg ist;
5. Vorlesung: „Die Brautprinzessin“;
6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI, Der letzte Tag.
7. Besondere Schmakazie ist am Dienstag die Schachkomposition.
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1. Tagesmusik, Nena mit einem nagelneuen: „Willst du?“ – Ja, ich will jetzt Nena hören und sehen!

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S;=)

2. Bild des Tages

Richard Oelze
Richard Oelze: Die Erwartung (1935/36).

In Braunschweig gab es mal im Lichthof des Städtischen Museums in den 1960er Jahren eine Oelze-Ausstellung und weil das Museum gleich neben meiner Schule lag und der Eintritt frei war, hab ich auf dem Heimweg einen Schlenker gemacht und damals dieses Gemälde in echt bzw. im Original gesehen [Bundespräsident Gauck würde wahrscheinlich „LIVE“ sagen auf O-Ton-€nglisch]. Na, wie auch immer, das Bild hat mich jedenfalls schwer beeindruckt. Trotzdem würde ich mich eher für Nena entscheiden.

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3. Spruch zum Tage:

Manchmal liest sich unser Leben wie eine Fortsetzungsgeschichte verpasster einmaliger Gelegenheiten von gestern. Aber nur Mut – Hauptsache, die Richtung stimmt!

Frei nach JOHNNY CASH.

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S;=)

4. (Kalender-)Geschichte:

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen.
Ubbelohde-1
Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die grosse Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war; und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das grösste Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blass und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: „Was fehlt dir, liebe Frau?“ – „Ach,“ antwortete sie, „wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.“ Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: „Eh du deine Frau sterben lässest, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten, was es will.“ In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Handvoll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und ass sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, dass sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so musste der Mann noch einmal in den Garten steigen. Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab, als er aber die Mauer herabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. „Wie kannst du es wagen,“ sprach sie mit zornigem Blick, „in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen.“ – „Ach,“ antwortete er, „lasst Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen: meine Frau hat Eure Rapunzeln aus dem Fenster erblickt, und empfindet ein so grosses Gelüsten, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.“ Da liess die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: „Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedingung: Du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.“ Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.
Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag, und weder Treppe noch Türe hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich hin und rief:

„Rapunzel, Rapunzel,
Lass mir dein Haar herunter.“

Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken, und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin, stieg daran hinauf.
Ubbelohde-2
Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er still hielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit vertrieb, ihre süsse Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Türe des Turms, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte. Als er einmal so hinter einem Baum stand, sah er, dass eine Zauberin herankam, und hörte, wie sie hinaufrief:

„Rapunzel, Rapunzel,
Lass dein Haar herunter.“

Da liess Rapunzel die Haarflechten herab, und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. „Ist das die Leiter, auf welcher man hinaufkommt, so will ich auch einmal mein Glück versuchen.“ Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turme und rief:

„Rapunzel, Rapunzel,
Lass dein Haar herunter.“

Alsbald fielen die Haare herab, und der Königssohn stieg hinauf.

Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fing an ganz freundlich mit ihr zu reden und erzählte ihr, dass von ihrem Gesang sein Herz so sehr sei bewegt worden, dass es ihm keine Ruhe gelassen und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Mann nehmen wollte, und sie sah, dass er jung und schön war, so dachte sie: „Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,“ und sagte ja, und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: „Ich will gerne mit dir gehen, aber ich weiss nicht, wie ich herabkommen kann. Wenn du kommst, so bringe jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten, und wenn die fertig ist, so steige ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.“ Sie verabredeten, dass er bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte: „Sag Sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.“ – „Ach du gottloses Kind,“ rief die Zauberin, „was muss ich von dir hören, ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!“ In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paarmal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten, und ritsch, ratsch waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in grossem Jammer und Elend leben musste.

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstossen hatte, machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief:

„Rapunzel, Rapunzel,
Lass dein Haar herunter.“

so liess sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. „Aha,“ rief sie höhnisch, „du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.“ Der Königssohn geriet ausser sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab: das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind im Walde umher, ass nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihn so bekannt; da ging er darauf zu, und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.

* * * ENDE * * *

Das war „Rapunzel“.  Ein Märchen der Brüder Grimm.

Die beiden Illustrationen stammen von Otto Ubbelohde.

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5. Vorlesung:

http://volkslesen.tv/28-09-schachspieler-lesen-william-goldman/

„Die Brautprinzessin“.

6.

Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Der letzte Tag
Mata Haris Mimik verändert sich allmählich. Ihre Gesichtszüge werden hart und zornig, während die letzten Knöpfe, Schnallen und Schleifen geschlossen werden. „Diese Franzosen“, murmelt sie. „Wenn ich nur wüsste, was es ihnen helfen soll, mich aus der Welt zu schaffen… Ob sie dadurch den Krieg gewinnen? Na, sie werden es ja sehen… Darum also hab ich mich ihretwegen abgerackert, ich, die ich doch gar keine Französin bin.“

Dann ändert sich ihr Tonfall und wechselt vom Selbstgespräch zur Ansprache: „Liebe Schwester Léonide, bitte geben Sie mir mein allerwärmstes Kleid. Ich friere und fühle, dass es heute Morgen richtig kalt wird. Und bitte geben Sie mir doch meine hübschen kleinen Schuhe, ja, die. Gut beschuht zu sein, das war mir immer wichtig.“

Nebenbei pudert sie ganz ruhig ihr Gesicht und sagt unvermittelt ernst: „Ich muss mit dem Pastor sprechen.“

Pastor Darboux, der Gefängnisgeistliche, bittet um etwas Wasser und bekommt einen Blechbecher voll, einen Trinkbecher aus der Gefängnisküche. Damit betritt er die Zelle und bittet die Anwesenden, ihn mit der Verurteilten drei Minuten lang alleinzulassen. Es wird vermutet, dass sie sich taufen lässt. Man weiß es nicht, denn der Pastor schweigt, als er mit nassen Augen aus der Zelle herauskommt, und gibt nur durch einen Wink zu verstehen, dass die anderen wieder eintreten können.

Kerzengerade steht Mata mitten im Raum wie zu einem Empfang. Sie sieht elegant aus in ihrem Kostüm, das so blau ist wie ihre Augen, mit langer weißgesäumter Jacke. Auf dem Kopf trägt sie einen breitkrempigen Hut voller Straußenfedern und zieht sich gelassen ihre Handschuhe über. „Ich bin bereit“, sagt sie fest.

Dann bedankt sie sich bei Dr. Bizard für seine fürsorglichen Mühen und wendet sich der Aufseherin zu: „Ich bin viel gereist, liebe Schwester Léonide! Nun gehe ich auf meine letzte Reise zu dem großen Bahnhof, bei dem es keine Retour gibt. Liebe kleine Mutter, sehen Sie mich an und machen Sie es wie ich: Weinen Sie nicht!“

Der Hauptmann nähert sich und fragt, ob sie noch etwas zu sagen habe.

Nein, nichts“, sagt sie und ergänzt trocken: „Selbst wenn ich noch etwas zu sagen hätte, würde ich es für mich behalten, wie Sie sich vielleicht denken können.“

In den französischen Strafgesetzen des Code penal, Buch I, Kapitel 1, Absatz 27, heißt es: „Wenn eine zum Tode verurteilte Frau erklärt und es sich als wahr erweist, dass sie schwanger ist, darf sie der Strafe erst nach ihrer Entbindung verfallen.“ Deshalb stellt der Hauptmann die letzte Frage, ob sie sich für schwanger halte.

Bedaure, nein“, lächelt sie. Es existiert das Gerücht, ihr Anwalt Clunet habe als letzten Ausweg diese Frage noch auf dem Richtplatz dazwischen gerufen, doch dies gehört zu den vielen Legenden, die sich um Mata Haris Lebensende ranken.

Wird fortgesetzt.

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7. Die Schachkomposition für diesen Dienstag:

2. Schachkomposition
Weiß ist am Zug.

In zwei Zügen matt – Auflösung morgen!

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Sonnabend, 15. März 2014 – „WiTzels Tagblatt“ Nr. 38

Sonnabend, 15. März 2014

  1. Tagesmusik heute ist eins meiner Lieblingslieder, „Jambalaya“, in einer fetzigen Zydeco-Version von Queen Ida;

  2. Bild des Tages in laufenden Bildern, hier wird Zydeco getanzt;

  3. Spruch zum Tage von Joachim Ringelnatz;

  4. Katzen-Kalendergeschichte von Karl Simrock zum Thema: „der Katze die Schelle umhängen“;

  5. Vorlesung, diesmal anlässlich der Amtseinführung von Barack Obama mit einem Gedicht von Robert Frost für John F. Kennedy;

  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

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Tagesmusik, Queen Ida mit „Jambalaya“:

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S;=)

Das Bild des Tages besteht aus laufenden Bildern, da wird Zydeco getanzt [ACHTUNG! AUCH MIT MUSIK !!!], und diesen Tanz find ich ja nun verdammt witzig

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S;=)

Spruch zum Tage: „Überall“

Überall ist Wunderland.
Überall ist Leben.
Bei meiner Tante im Strumpfenband
Wie irgendwo daneben.

JOACHIM RINGELNATZ.

Kleine (Kalender-)Geschichte:

KARL SIMROCK

Der Katze die Schelle anhängen

Die Mäuse hielten einmal eine Volksversammlung, um sich zu beraten, wie sie den Nachstellungen der Katzen entgehen könnten. Da war aber guter Rat teuer und vergebens rief der Vorsitzende die erfahrensten Männer der Gemeinde auf, bis endlich ein junger Mäuserich zwei Finger emporstreckte und um die Erlaubnis bat zu sprechen. Als ihm nun das Wort erteilt wurde, hub er an und sprach: „Ich habe lange darüber nachgedacht, warum die Katzen so gefährlich für uns sind. Das liegt gar nicht mal an ihrer Geschwindigkeit, von der so viel Wesens gemacht wird: Würden wir sie rechtzeitig gewahr, so wären wir wohl behende genug, in unser Loch zu entspringen, ehe sie uns etwas anhaben könnten.

Ihre Überlegenheit liegt viel mehr an ihrer Lautlosigkeit und in ihren samtenen Pfoten, hinter welchen sie ihre grausamen Krallen so lange verbergen, bis sie uns in den Tatzen haben. Denn weil wir den Schall des Katzentritts nicht vernehmen, deshalb tanzen und springen wir noch unbesorgt über Tisch und Bänke, während der Tod schon heranschleicht und den Buckel zum Sprunge krümmt, um uns zu haschen und zu würgen.“

Darum ist meine Meinung, man müsste der Katze eine Schelle anhängen, damit ihr Schall uns ihre Nähe verkünde, bevor es zu spät ist.

Dieser Vorschlag fand so großen Anklang, dass er wenig später zum Beschluss erhoben ward. Es fragte sich jetzt nur noch, wer es übernehmen sollte, der Katze die Schelle anzuhängen. Der Vorsitzer meinte, hierzu werde niemand geeigneter sein als derjenige, der den so schlauen Rat erdacht habe. Da geriet der junge Mäuserich in Verlegenheit und stotterte die Entschuldigung heraus, hierzu sei er zu jung, er kenne die Katze nicht genug. Sein Großvater, der sie besser kenne, werde dazu geschickter sein. Jener erklärte aber, eben weil er die Katze so gut kenne, werde er sich wohl hüten, einen solchen Auftrag zu übernehmen.

Auch sonst wollte sich niemand hierzu verstehen und so blieb der Beschluß bis auf diesen Tag unausgeführt und die Herrschaft der Katzen über die Mäuse ungebrochen.

(Leicht bearbeitet von HeWi. – Diese Geschichte passt gut in unsere Zeit, weil wir ja auch gern wenigstens die Mäuse unserer Kinder und Enkelkinder retten wollen.)

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Vorlesung: zur Musik aus den USA passt auch

http://volkslesen.tv/03-09-inauguration-week-robert-frost/

Bitte um Entschuldigung für das viele unübersetzte Anglo-Amerikanisch im heutigen Tagblatt! Morgen machen wir das wieder besser…

Fortsetzungsgeschichte MATA HARI —

COVER-Mata_Hari

 Der letzte Tag

Es war üblich im damaligen Frankreich, den zum Tode Verurteilten ihren Hinrichtungstermin erst eine Stunde vorher mitzuteilen. – Wir übernehmen für den weiteren Ablauf teilweise Informationen aus dem Bericht des Amtsarztes Dr. Bizard, eines Kollegen des Gefängnisarztes Dr. Bralez. –

Vor dem Gefängnis herrscht am 15. Oktober 1917 ein ziemlicher Andrang, obwohl es fünf Uhr früh ist. Die kräftige Stimme eines Hauptmanns sagt: „Es ist Zeit, meine Herren. Wir müssen hinaufgehen.“

Um der Menge Herr zu werden, befiehlt der Oberst Somprou in seiner Autorität als oberster Richter kurz, dass nur ausdrücklich bevollmächtigte Personen die Gefängniszelle betreten dürfen. Alle anderen haben mit ihm draußen zu warten. Sein gutes Beispiel sorgt für Ruhe.

Die Bevollmächtigten gelangen zuerst in die Kanzlei im ersten Stock, genannt: „Brücke von Avignon“. Hier muss jeder durch, der die weit verzweigten Räume des Gefängnisses Saint-Lazare betreten will.

Dann führt der Weg über einen langen Korridor, von den Ordensschwestern liebevoll mit Teppichen ausgelegt, um den Marschtritt des kleinen Zuges zu dämpfen und die Verurteilte vor Angst und Schrecken zu bewahren.

Schwester Léonide als Aufseherin öffnet die Zelle. Dort schlummern drei Frauen in ihren Betten. Der Hauptmann fragt: „Welche?“

Die in der Mitte“, antwortet die Schwester.

Mata Hari schläft tief, weil Dr. Bizard ihr am Abend vorher ein Schlafmittel gegeben hat. Die beiden anderen inhaftierten Frauen werden vor ihr wach und fangen an zu weinen, während eine Nonne, die Nachtdienst hatte, das Lampenlicht, das sie trug, nun auf den Boden stellt, sich hinkniet und betet.

Der Hauptmann rüttelt die Verurteilte aus dem Schlaf. Mata Hari reibt sich die Augen und versucht etwas zu sagen. Dann richtet sie sich auf, während der Soldat als Bevollmächtigter des Standgerichts mit fester und doch leicht zitternder Stimme sie mit ihrem zivilen Geburtsnamen anspricht und sagt: „Zelle, zeigen Sie Mut. Der Präsident der Republik hat Ihr Gnadengesuch abgelehnt. Ihre letzte Stunde ist gekommen.“

Tiefe Stille breitet sich im Raum aus. Mata Haris Gesicht verschwimmt im Halbdunkel, nur zwei funkelnde Augen sind noch sichtbar. Sie sagt leise und matt: „Das ist unmöglich.“ Dann wird ihre Stimme lauter und stärker und sie wiederholt es immer wieder: „Das ist unmöglich. Das ist unmöglich.“ Mindestens zehnmal spricht sie es aus wie ein Mantra, wie eine Beschwörungsformel.

Doch dann hat sie sich rasch gefangen und sagt zu ihrer Aufseherin Schwester Léonide, die sich darum bemüht, die zum Tode Verurteilte aufzubauen und zu ermutigen: „Keine Angst, liebe Schwester, ich kann sterben, ohne schwach zu werden. Sie sollen einen schönen Tod sehen.“

Dr. Bralez bietet ihr ein Glas Grog zur Stärkung an und Dr. Bizard Riechsalz. Mata entscheidet sich für den Grog. Dann beginnt sie sich noch im Bett anzuziehen oder vielmehr, sie wird angekleidet, während fast alle Anwesenden bis auf die beiden Ärzte rücksichtsvoll den Raum verlassen.

Sie bekommt ihre Privatkleidung.

Eine Nonne will sich vor sie stellen wie ein Garderobenschirm und tadelt die Verurteilte, weil sie beim Strümpfe anziehen den Ärzten zu viel Bein zeigt. „Lassen Sie nur“, sagt die Todgeweihte. „Scham hat in diesem Augenblick hier nichts mehr zu suchen.“

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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