Lecker: Sa., 28.2.2015 – Café Botanico


„Wo gehst du denn heute abend hin?“, fragt Olle Ihmchen den Emse Bremse am Richardplatz in Neukölln.

Richardstraße
Blick vom Richardplatz aus in die Richardstraße. Bildquelle: wiki.


– „Ick jeh mit meine Frau ins Café Botanico, Richardstraße 100“, strahlt Emse, „da jibt et nich nur Artischocken-Risotto und n Getränk für fuffzehn Euro, sondern auch noch n Konzert von WiTzke oder WiTzler oder wie der Kerl heißt – wenn de dir n schönen Bunten Sonnabend Abend machen willst, denn komm doch ooch hin …“

 

Heute isses so weit!

Runge
Der Morgen. Bildquelle: Yorck Project; Maler: Philipp Otto Runge.

 

RAINER MARIA RILKE schrieb über dieses Bild: „In den deutschen Romantikern war eine große Liebe zur Natur. Aber sie liebten sie ähnlich wie der Held einer Turgenieffschen Novelle jenes Mädchen liebte, von dem er sagt: ‚Sophia gefiel mir besonders, wenn ich saß und ihr den Rücken zuwendete, das heißt, wenn ich ihrer gedachte, wenn ich sie im Geiste vor mir sah, besonders des Abends, auf der Terrasse…‘ – Vielleicht hat nur einer von ihnen ihr ins Gesicht gesehen; Philipp Otto Runge, der Hamburger, der das Nachtigallengebüsch gemalt hat und den Morgen. Das große Wunder des Sonnenaufgangs ist so nicht wieder gemalt worden. Das wachsende Licht, das still und strahlend zu den Sternen steigt und unten auf der Erde das Kohlfeld, noch ganz vollgesogen mit der starken tauigen Tiefe der Nacht, in welchem ein kleines nacktes Kind – der Morgen – liegt. Da ist alles geschaut und wiedergeschaut. Man fühlt die Kühle von vielen Morgen, an denen der Maler sich vor der Sonne erhob und, zitternd vor Erwartung, hinausging, um jede Szene des mächtigen Schauspiels zu sehen und nichts von der spannenden Handlung zu versäumen, die da begann. Dieses Bild ist mit Herzklopfen gemalt worden. Es ist ein Markstein. Es erschließt nicht einen, es erschließt tausend neue Wege zur Natur.“-

(Abgekupfert bei <http://www.meisterwerke-online.de&gt;.)

Hier folgt noch der Konzert-Flyer, den ich vorgestern fertiggekriegt hab nach langen Jahren und schlaflosen Nächten – leider Freitag geschrieben und Samstag gemeint:

 

Aussen.
Flyer aussen, Seiten 1 und 4.

 

1+4
Flyer innen, Seiten 2 und 3.

 

Café-Botanico

 

Die Plätze sind begrenzt – bitte Tisch reservieren:

Café Botanico
http://www.quandoo-partner.com/?mid=aYgdr&cat=1&s=3&locale=de_DE

http://www.quandoo-partner.com/?mid=aYgdr&cat=1&s=3&locale=de_DE

 

 

 

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Freitag, 30. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 98

Freitag, 30. Mai 2014

Noch drei Nächte bis zum 2. Juni 2014 in Lankwitz mit WiTzels Lied- und Lesebühne:

 Mo_2-6-Lankwitz<<<< Hier KLICKen und alles blicken, Ort und Zeit usw. usf.

  1. Tagesmusik: Bolles Bolero (nachdem er seinen Jüngsten im schwarzafrikanischen Heroindealer-Gewühl im ehemaligen Volkspark Hasenheide verloren hatte), d.h. der Bolero ist natürlich von Ravel und wird dargebracht in einer Version von PINK MARTINI;
  2. Bild des Tages: Noch ein Bruegel, weil mir der von gestern so gut gefiel;
  3. Spruch zum Tage von Chamisso;
  4. Kalendergeschichte, diesmal aus dem Hause NOVALIS;
  5. Vorlesung, Paris-Berlin;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFé FANTASY.
  7. Besondere Schmakazie: „Das Riesenspielzeug“ von Adelbert von Chamisso, und zwar bebildert!!!

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

= = =

1. Ton ab für PINK MARTINI und deren Version von Ravels unsterblichem „Bolero“:

 

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S;=)

2. Bild des Tages:

Bruegel-Detail-4
Puzzle Teil 1
Detail-5
Puzzle Teil 2.

 

Bruegel-Bauernhochzeit
Pieter Bruegel der Ältere: Bauernhochzeit (1568).

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S;=)

3. Spruch zum Tage:

Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor.

Aus ADELBERT VON CHAMISSOs Gedicht: „Das Riesenspielzeug“.

Ehepaar-Chamisso.
Adelbert und Antonie von Chamisso aus der Friedrichstraße 242.

= = =

Mein Großvater Otto Witzel, Heideschulmeister und Kirchenorganist in Mellendorf, hat dort die schönste Bauerntochter geheiratet. Deshalb hab ich sturmfeste und erdverwachsene niedersächsische Bauern in der Verwandtschaft, die natürlich nicht so aussehen wie auf Bruegels wunderbarem Bild. Doch dadurch weiß ich, dass das Brot nicht bei Lidl oder Aldi im Regal wächst, sondern auf einem Ackerfeld. Jedes Volk braucht seine Bauern und seine Landwirtschaft. Deshalb mache ich hier und jetzt Werbung für meine Verwandten auf dem Nöhrenhof in Lehrte:

http://www.noehrenhof.de/

S;=)

4. Kalendergeschichte von unserem Gastautor NOVALIS in klassischer Rechtschreibung:

Hyazinth und Rosenblütchen

(aus „Die Lehrlinge zu Saïs“)

Vor langen Zeiten lebte weit gegen Abend ein blutjunger Mensch. Er war sehr gut, aber auch über die Maßen wunderlich. Er grämte sich unaufhörlich um nichts und wieder nichts, ging immer still für sich hin, setzte sich einsam, wenn die andern spielten und fröhlich waren, und hing seltsamen Dingen nach. Höhlen und Wälder waren sein liebster Aufenthalt, und dann sprach er immerfort mit Tieren und Vögeln, mit Bäumen und Felsen, natürlich kein vernünftiges Wort, lauter närrisches Zeus zum Totlachen. Er blieb aber immer mürrisch und ernsthaft, ungeachtet sich das Eichhörnchen, die Meerkatze, der Papagei und der Gimpel alle Mühe gaben ihn zu zerstreuen, und ihn auf den richtigen Weg zu weisen. Die Gans erzählte Märchen, der Bach klimperte eine Ballade dazwischen, ein großer dicker Stein machte lächerliche Bockssprünge, die Rose schlich sich freundlich hinter ihm herum, kroch durch seine Locken, und der Efeu streichelte ihm die sorgenvolle Stirn. Allein der Mißmut und Ernst waren hartnäckig.

Seine Eltern waren sehr betrübt, sie wußten nicht was sie anfangen sollten. Er war gesund und aß, nie hatten sie ihn beleidigt, er war auch bis vor wenig Jahren fröhlich und lustig gewesen, wie keiner; bei allen Spielen voran, von allen Mädchen gern gesehn. Er war recht bildschön, sah aus wie gemalt, tanzte wie ein Schatz.

Unter den Mädchen war eine, ein köstliches, bildschönes Kind, sah aus wie Wachs, Haare wie goldne Seide, kirschrote Lippen, wie ein Püppchen gewachsen, brandrabenschwarze Augen. Wer sie sah, hätte mögen vergehn, so lieblich war sie. Damals war Rosenblüte, so hieß sie, dem bildschönen Hyazinth, so hieß er, von Herzen gut, und er hatte sie lieb zum Sterben. Die andern Kinder wußten’s nicht. Ein Veilchen hatte es ihnen zuerst gesagt, die Hauskätzchen hatten es wohl gemerkt, die Häuser ihrer Eltern lagen nahe beisammen.

Wenn nun Hyazinth die Nacht an seinem Fenster stand und Rosenblüte an ihrem, und die Kätzchen auf dem Mäusefang da vorbeiliefen, da sahen sie die beiden stehn und lachten und kicherten oft so laut, daß sie es hörten und böse wurden. Das Veilchen hatte es der Erdbeere im Vertrauen gesagt, die sagte es ihrer Freundin, der Stachelbeere, die ließ nun das Sticheln nicht, wenn Hyazinth gegangen kam; so erfuhr’s denn bald der ganze Garten und der Wald, und wenn Hyazinth ausging so rief’s von allen Seiten: Rosenblütchen ist mein Schätzchen!

Nun ärgerte sich Hyazinth, und mußte doch auch wieder aus Herzensgrunde lachen, wenn das Eidechschen geschlüpft kam, sich auf einen warmen Stein setzte, mit dem Schwänzchen wedelte und sang:

„Rosenblütchen, das gute Kind,
Ist geworden auf einmal blind
Denkt, die Mutter sei Hyazinth,
Fällt ihm um den Hals geschwind;
Merkt sie aber das fremde Gesicht,
Denkt nur an, da erschrickt sie nicht,
Fährt, als merkte sie kein Wort,
Immer nur mit Küssen fort.“

Ah! wie bald war die Herrlichkeit vorbei. Es kam ein Mann aus fremden Landen gegangen, der war erstaunlich weit gereist, hatte einen langen Bart, tiefe Augen, entsetzliche Augenbrauen, ein wunderliches Kleid mit vielen Falten und seltsame Figuren hineingewebt. Er setzte sich vor das Haus, das Hyazinths Eltern gehörte. Nun war Hyazinth sehr neugierig, und setzte sich zu ihm und holte ihm Brot und Wein. Da tat er seinen weißen Bart von einander und erzählte bis tief in die Nacht, und Hyazinth wich und wankte nicht, und wurde auch nicht müde zuzuhören. Soviel man nachher vernahm, so hat er viel von fremden Ländern, unbekannten Gegenden, von erstaunlich wunderbaren Sachen erzählt, ist drei Tage dageblieben und mit Hyazinth in tiefe Schichten des Denkens hinuntergekrochen.

Rosenblütchen hat genug den alten Hexenmeister verwünscht, denn Hyazinth ist ganz versessen auf seine Gespräche gewesen, und hat sich um nichts bekümmert; kaum daß er ein wenig Speise zu sich genommen. Endlich hat jener sich fortgemacht, doch dem Hyazinth ein Büchelchen dagelassen, das kein Mensch lesen konnte. Dieser hat ihm noch Früchte, Brot und Wein mitgegeben, und ihn weit weg begleitet. Und dann ist er tiefsinnig zurückgekommen, und hat einen ganz neuen Lebenswandel begonnen. Rosenblütchen hat recht zum Erbarmen um ihn getan, denn von der Zeit an hat er sich wenig aus ihr gemacht und ist immer für sich geblieben.

Nun begab sich’s, daß er einmal nach Hause kam und war wie neugeboren. Er fiel seinen Eltern um den Hals und weinte. „Ich muß fort in fremde Lande“, sagte er; „die alte wunderliche Frau im Walde hat mir erzählt, wie ich gesund werden müßte, das Buch hat sie ins Feuer geworfen, und hat mich getrieben, zu euch zu gehen und euch um euren Segen zu bitten. Vielleicht komme ich bald, vielleicht nie wieder. Grüßt Rosenblütchen. Ich hätte sie gern gesprochen, ich weiß nicht, wie mir ist, es drängt mich fort; wenn ich an die alten Zeiten zurück denken will, so kommen gleich mächtigere Gedanken dazwischen, die Ruhe ist fort, Herz und Liebe mit, ich muß sie suchen gehn. Ich wollt‘ euch gern sagen, wohin, ich weiß selbst nicht, dahin wo die Mutter der Dinge wohnt, die verschleierte Jungfrau. Nach der ist mein Gemüt entzündet. Lebt wohl.“

Er riß sich los und ging fort. Seine Eltern wehklagten und vergossen Tränen, Rosenblütchen blieb in ihrer Kammer und weinte bitterlich. Hyazinth lief nun was er konnte, durch Täler und Wildnisse, über Berge und Ströme, dem geheimnisvollen Lande zu. Er fragte überall nach der heiligen Göttin (Isis) Menschen und Tiere, Felsen und Bäume. Manche lachten, manche schwiegen, nirgends erhielt er Bescheid. Im Anfange kam er durch rauhes, wildes Land, Nebel und Wolken warfen sich ihm in den Weg, es stürmte immerfort; dann fand er unansehnliche Sandwüsten, glühenden Staub, und wie er wandelte, so veränderte sich auch sein Gemüt, die Zeit wurde ihm lang und die innere Unruhe legte sich, er wurde sanfter und das gewaltige Treiben in ihm allgemach zu einem leisen, aber starken Zuge, in den sein ganzes Gemüt sich auflöste. Es lag wie viele Jahre hinter ihm.

Nun wurde die Gegend auch wieder reicher und mannigfaltiger, die Luft lau und blau, der Weg ebener, grüne Büsche lockten ihn mit anmutigen Schatten, aber er verstand ihre Sprache nicht, sie schienen auch nicht zu sprechen, und doch erfüllten sie sein Herz mit grünen Farben und kühlem, stillem Wesen. Immer höher wuchs jene süße Sehnsucht in ihm, und immer breiter und saftiger wurden die Blätter, immer lauter und lustiger die Vögel und Tiere, balsamischer die Früchte, dunkler der Himmel, wärmer die Luft, und heißer seine Liebe, die Zeit ging immer schneller, als sähe sie sich nahe am Ziele.

Eines Tages begegnete er einem kristallenen Quell und einer Menge Blumen, die kamen in ein Tal herunter zwischen schwarzen himmelhohen Säulen. Sie grüßten ihn freundlich mit bekannten Worten.

„Liebe Landsleute“, sagte er, „wo find‘ ich wohl den geheiligten Wohnsitz der Isis? Hier herum muß er sein, und ihr seid vielleicht hier bekannter als ich.“

„Wir gehn auch nur hier durch“, antworteten die Blumen; „eine Geisterfamilie ist auf der Reise und wir bereiten ihr Weg und Quartier. Indes sind wir vor kurzem durch eine Gegend gekommen, da hörten wir ihren Namen nennen. Gehe nur aufwärts, wo wir herkommen, so wirst du schon mehr erfahren.“

Die Blumen und die Quelle lächelten, wie sie das sagten, boten ihm einen frischen Trunk und gingen weiter.

Hyazinth folgte ihrem Rat, frug und frug und kam endlich zu jener längst gesuchten Wohnung, die unter Palmen und andern köstlichen Gewächsen versteckt lag. Sein Herz klopfte in unendlicher Sehnsucht, und die süßeste Bangigkeit durchdrang ihn in dieser Behausung der ewigen Jahreszeiten. Unter himmlischen Wohlgedüften entschlummerte er, weil ihn nur der Traum in das Allerheiligste führen durfte. Wunderlich führte ihn der Traum durch unendliche Gemächer voll seltsamer Sachen auf lauter reizenden Klängen und in abwechselnden Akkorden. Es dünkte ihm alles so bekannt und doch in niegesehener Herrlichkeit, da schwand auch der letzte irdische Anflug, wie in Luft verzehrt, und er stand vor der himmlischen Jungfrau, da hob er den leichten, glänzenden Schleier, und Rosenblütchen sank in seine Arme.

Eine ferne Musik umgab die Geschehnisse des liebenden Wiedersehns, die Ergießungen der Sehnsucht, und schloß alles Fremde von diesem entzückenden Ort aus. Hyazinth lebte nachher noch lange mit Rosenblütchen unter seinen frohen Eltern und Gespielen, und unzählige Enkel dankten der alten wunderlichen Frau für ihren Rat und ihr Feuer; denn damals bekamen die Menschen soviel Kinder, als sie wollten.

S;=)

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5. Vorlesung  

http://volkslesen.tv/27-13-die-vier-aus-der-zwischenzeit-kurt-tucholsky/

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6. Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 18

BANKSY
Anton von der Antifa noch ohne Sturmhaube und mit Mutter,

Anton von der Antifa wartete schon draußen: „Ich finde, Ihr solltet den Böhmen in Böhmisch-Rixdorf mal Bescheid sagen, dass sie ihre böhmische Heimat mal auf Vordermann bringen. Da sind ja nur 13% zur EU-Wahl gegangen und wollten sich zwischen Martin Schulz und Jean-Claude Juncker entscheiden. Wo gibt’s denn so was?!“

„Wir nehmen das zur Kenntnis, junger Mann“, antwortete Veronika Mewes-Fischer und machte sich eine entsprechende Aktennotiz. „Das europäische Volk muss einfach EU-näher werden.“

„Reicht es eigentlich nicht, wenn die EU ihre Betriebsräte betriebsintern wählt?“, dachte Aushilfskellner und Eismatscher Urs Bergner laut nach. „Das wäre doch viel preiswerter.“

Anton sah auf seine rot-grüne Swatch. „Ich muss jetzt weg nach Kreuzberg.“

„Viel Spaß noch“, wünschte ihm der Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz. Anton hatte ihn nicht wiedererkannt, weil Weiz in kein Antifa-Menschenbild passte. „Ich komme gerade von dort, hab mir den Wohnsitz eines Asylbewerbers angeguckt.“

„Ist ja krass!“ Anton machte große runde Antifa-Augen unter seiner Sturmhaube. „Waren Sie in der Gerhart-Hauptmann-Schule?“

Weiz schüttelte den Kopf. „Ich war an der Friedrichstraße 235, wo Adelbert von Chamisso gewohnt hat. Seine Familie musste vor den französischen Revolutionstruppen flüchten, als er neun Jahre alt war, und erlebte eine schlimme Odyssee durch mehrere Länder Europas, bis ihnen der preußische König das Bleiberecht gewährte. Chamissos Mutter hatte ihn angeschrieben deswegen und die Familie genoss einen guten Ruf, was man nicht von allen französischen Adligen behaupten konnte. – Ich hab hier eine Postkarte mitgebracht aus dem Hause WiTzel, der gute Mann veranstaltet Stadtteilführungen in Kreuzberg.“

Chamisso-Tafel.
Motiv meiner Postkarte zu Chamisso-Führungen. (Anm. Herbert-Friedrich WiTzel.)

Anton sah noch einmal auf seine Antifa-Swatch. „Jetzt muss ich aber los“, rief er, „sonst komme ich zu spät und nicht mehr ins Fernsehen.“

Nun war das angestammte Team wieder beisammen an Tisch drei vom CAFÉ FANTASY am Richardplatz. Nur Nadia fehlte. „Wo bleibt eigentlich Ihre Kollegin, Garçon?“, fragte Frau Mewes-Fischer.

„Nadia ist immer noch krankgeschrieben“, seufzte Urs und sein Herz tat ihm weh. Eine Sekunde lang bekam er ganz schwarze Augen, bis er seine Gefühle wieder weggedrückt hatte.

„Haben Sie Sehnsucht nach ihr, Garçon?“, fragte Frau Mewes-Fischer.

Er nickte andeutungsweise und wandte sich dann an Weiz: „Sie wollten uns doch weiter von Pastor Blumhardt und Gottliebin Dittus im Schwarzwald erzählen, Herr Diaspora-Prediger.“

„Ich will mal so sagen“, lachtete Weiz, „wenn du wissen willst, wie die Geschichte weitergeht, dann solltest du dir vielleicht dieses Buch kaufen:“

http://www.amazon.de/gp/product/B00KB3521I?adid=01M941AC68YPY074V8PR&camp=1410&creative=6378&creativeASIN=B00KB3521I&linkCode=as1&tag=kreuzbergarch-21

„Nun seien Sie mal nicht so, Herr Weiz“, murmelte Frau Mewes-Fischer. „Ich dachte, wir wollten das CAFÉ FANTASY werbefrei halten.“

„Ja, schon“, antwortete Weiz, „aber den Witzel kenn ich ganz gut, der ist doch unser Autor und hat das hier alles ausgebrütet. Da sollten wir schon eine Ausnahme machen.“

„OK“, nickte Veronika und Urs stimmte ihr und ihm zu.

Wird fortgesetzt, bald geht die Sache weiter.

Jetzt werben wir noch für Frank Toebs, den Entrümpler unseres Vertrauens:

Frank Toebs
entruemplung.de

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7. Besondere Schmakazie: jenes erwähnte Gedicht von Adelbert von Chamisso aus dem Jahre 1831 – die Wiedergabe dieses Gedichtes dient der Bildung, vier Abbildungen entnehmen wir ausgesprochen dankbar dem Goethezeitportal. (http://www.goethezeitportal.de/index.php?id=3290) und eine aus Wikimedia.

Ansichtskarte-CHAMISSO.
Ansichtskarte aus dem Elsass, zirka 1912, Privatbesitz.

Das Riesenspielzeug

Burg Nideck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt,
Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer;
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor,
Und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein,
Neugierig zu erkunden, wie’s unten möchte sein.

Ansichtskarte-Chamisso.

Mit wen’gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,
Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald,
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,
Bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut;
Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,
Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

Pocci.

„Ei! artig Spielding!“ ruft sie, „das nehm‘ ich mit nach Haus.“
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus
Und feget mit den Händen, was sich da alles regt,
Zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammenschlägt,

Das Riesenfräulein.

Und eilt mit freud’gen Sprüngen – man weiß, wie Kinder sind –
Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
„Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höhn.“

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein,
Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
„Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei!.“

Das Riesen-Spielzeug.

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
Den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;
Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
„Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin!
Der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn!

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;
Denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot;
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor;
Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!“

Grengg-Riesenspielzeug.


Burg Nideck ist im Elsaß der Sage wohl bekannt,
Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer;
Und fragst Du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

So, Ihr Lieben, dies war WiTzels Tagblatt Nr. 98. – Hab mich gefreut, dass Sie hier waren! 🙂

 

 

 

 

 

 

Sa=Sonnabend, 24. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 93

Sa=Sonnabend, 24. Mai 2014

  1. Tagesmusik Fritz Kalkbrenner (Berlin);
  2. Bild des Tages: Hokusai (Japan);
  3. Spruch zum Tage von Cindy Crawford;
  4. Kalendergeschichte, diesmal mit Kaiser Wilhelm I.;
  5. Vorlesung, Psalm 63;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY am Richardplatz, Folge 14.

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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Ton ab für

 

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S;=)

Bild des Tages:

Hokusai.
Hokusai: Die große Welle vor Kanagawa (Farbholzschnitt, 1830).

Hier ein anderer Abzug, Wiedergabe drei Nummern größer:

Die große Welle
Die große Welle.

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S;=)

Spruch zum Tage:

 Wenn ich aufwache, sehe ich auch nicht aus wie Cindy Crawford.

CINDY CRAWFORD.

Cindy-Crawford-Deichmann.
Deichmann Geschäft in Ostrowiec Swietokrzyski, Polen
(Wiki, Urheber: Krugerr).

= = =

S;=)

Kalendergeschichte:

Wenn in Berlin die Wache aufzog, dann trat Kaiser Wilhelm I. in seinem Palais Unter den Linden an das berühmte „Eckfenster“. Diese Tatsache war nicht nur in Deutschland, sondern europaweit bekannt. Tausende von Touristen warteten jedes Mal auf die Gelegenheit, den Mann zu sehen, der Kraft und Größe des deutschen Reiches verkörperte. In seinen letzten Lebensjahren wurde Wilhelm von diversen Krankheiten geplagt und seine Ärzte verordneten ihm Schonung. Aber der Kaiser hatte „keine Zeit, müde zu sein“.

Wilhelm-I.
Kaiser Wilhelm I. von Deutschland in Generalsuniform (Fotografie von Wilhelm Kuntzemüller 1884).

Pünktlich zur Stunde, als die Wache aufzog, stand er wieder wie gehabt am Eckfenster und nahm mit gütigem Lächeln alle Ehrerbietung und alle Huldigungen entgegen. Sein Leibarzt trat neben den Kaiser und beschwor ihn eindringlich, diese Anstrengung seiner Gesundheit zuliebe ab sofort sein zu lassen. Den Kaiser hatte das Stehen tatsächlich sehr ermüdet, doch nichtsdestotrotz erwiderte er: „Lassen Sie mich nur – ich muss ans Fenster. Es ist Mittag und im Baedeker steht, dass man mich um diese Zeit von der Straße aus sehen kann.“

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Vorlesung

http://volkslesen.tv/14-08-d-psalme-zueritueuetsch-4/

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Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 14

Wir erinnern uns: Der Herrnhuter Diaspora-Prediger Weiz erzählte davon, wie schlimm es Gottliebin Dittus nun in der Brunnengasse Nr. 3 erging, wie es um sie herum unerträglich polterte und alle möglichen Geräusche machte, wie ihr nachts die Hände gewaltsam übereinander gelegt wurden, Irrlichter um ihr Bett herumtanzten und seltsame geisterhafte Gestalten auftauchten. – Dann besuchte ihre Tante Kätter den neuen Möttlinger Pastor Johann Christoph Blumhardt und erzählte ihm davon.

Blumhardt.
Johann Christoph Blumhardt (1805 bis 1880) nach einem zeitgenössischen Bildnis.

[Abbildung entnommen aus meinem Buch: „Die Besessene – Gottliebin Dittus in Möttlingen.“]

“Und dann?”, fragte Frau Mewes-Fischer. “Was machte der Pastor? Ich hab diese Exorzismus-Filme aus Hollywood gesehen, also da geht ja echt die Post ab!”

„Blumhardt war bereit, Gottliebin zu besuchen“, erzählte Weiz. „Die Räume im Erdgeschoss der Brunnengasse 3 fand er noch niedriger, dunkler und enger vor als erwartet. Mit Mühe bewegte sich der Pastor dort in die Stube, ohne anzustoßen, und sank auf einen dreibeinigen Küchenhocker, von dem die meiste weiße Farbe schon abgeblättert war. Tante Kätter machte sich am Kochherd zu schaffen.
‚Ich bin Pfarrer Blumhardt’, stellte er sich den Geschwistern Dittus vor. Weil das jeder sagen konn­te, fütterte er nach: ‚Ich bin der Nachfolger von Pas­tor Dr. Christian Gottlob Barth, dem Verfasser mehrerer erfolgreicher Erbauungsbücher für die Jugend und Herausgeber des Calwer Missionsblattes.’
Gottliebin saß ihm gegenüber am Esstisch. Ihr Gesicht veränderte sich und ihre Augen wurden lauernd. ‚Was willst du hier, du blöder Pfaffe?’, zischte sie. ‚Mach, dass du rauskommst, helfen kannst du sowieso nicht — los, verschwinde und lass dich nie wieder blicken!’
Der Pastor schüttelte verständnislos den Kopf und machte, dass er hier rauskam.
Erschrocken fiel Tante Kätter die Suppenkelle aus der Hand. Sie lief dem Pastor hinterher. ‚Tut mir leid, Herr Pfarrer!’
‚Mir auch’, antwortete Blumhardt knapp und versuchte draußen seine Freundlichkeit und Ausge­glichenheit wiederzufinden. So etwas war ihm noch nie passiert in seiner bisherigen Laufbahn.“ Weiz räusperte sich und trank einen Schluck Kaffee.
„Und dann?“, fragte Aushilfskellner und Eismatscher Urs Bergner, der durch diese Anregungen  dazu gebracht wurde, über eine Bibelschule, eine Ausbildung zum Prediger oder sogar ein Theologiestudium nachzudenken. Neulich hatte er einen Spruch von Steve Jobs gelesen: „Diejenigen, die verrückt genug sind zu denken, sie könnten die Welt verändern, tun es auch.“ Urs Bergner wollte zumindest mitreden können, was die Weltveränderung betraf hier am Richardplatz in Neukölln. Als er neulich am Hermannplatz aus der U-Bahn kam und Richtung Kottbusser Damm ging, wanderte sein Blick an dem Eckhaus Weserstraße/Sonnenallee nach oben.

Foto: Lothar Schneeberger.

Dort entdeckte er einen aufmerksamen Betrachter der laufenden Ereignisse.

 

 

 

Foto: Lothar Schneeberger.
(Beide Fotos machte Lothar Schneeberger – Danke dafür.)

Dieser interessierte Blick von oben machte ihn sehr nachdenklich auf konstruktive Art. –

„Und dann?“, fragte Urs noch einmal, weil Weiz nicht antwortete.

„Ja“, stimmte Frau Mewes-Fischer seiner Frage zu, „wie geht die Geschichte nun weiter im Schwarzwald?“

Wird fortgesetzt. Morgen geht das Gespräch im CAFÉ FANTASY weiter.

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So, das war WiTzels Tagblatt Nr.:

 

Ludwig-Richter-93.
Illustration Ludwig Richter: Civitella (Der Abend), 1828.

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 20. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 89

Dienstag, 20. Mai 2014

  1. Tagesmusik Max Raabe;
  2. Bild des Tages: Carl Spitzweg;
  3. Spruch zum Tage von Elbert Hubbard;
  4. Kalendergeschichte, diesmal rund um Churchills Hilfskreuzer LUSITANIA;
  5. Vorlesung, Lisa J. Smith;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY.
  7. Als besondere Schmakazie eine Schachkomposition.

 

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Ton ab für MAX RAABE, mondän im dänischen Fernsehen mit dem erstklassigen Klassiker vom kleinen grünen Kaktus:

 

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S;=)

Bild des Tages:

Spitzweg.
Carl Spitzweg: Der Kaktusliebhaber (1851).

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S;=)

Spruch zum Tage:

Ironie heißen die Kakteen, die auf dem Friedhof unserer Illusionen wuchern. – Ersetzen wir sie doch durch ausgesäte Senfkörner.

ELBERT HUBBARD, ergänzt von Herbert-Friedrich Witzel.

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S;=)

Kalendergeschichte:

Elbert Hubbard wurde am 19 Juni 1856 in Bloomington, Illinois, geboren als Sohn des Silas Hubbard und der Juliana Frances Read. Im Herbst 1855 waren die Eltern aus Buffalo, New York, wo der Vater eine dahindümpelnde Arztpraxis gehabt hatte, nach Bloomington gezogen, um sich zu verbessern. Als sie etwas spät feststellten, dass es bereits mehrere etablierte niedergelassene Ärzte in Bloomington gab, zog die Familie im darauffolgenden Jahr weiter nach Hudson, Illinois.

Hier besuchte Hubbard die öffentliche Schule. Sie bestand aus einem kleinen Gebäude mit zwei Räumen. 30 Jahre später beschrieb Hubbard seine Schulbildung als „bestens“ und dass er keinerlei besonderen Ehrgeiz entwickelt habe, weil ihm klar gewesen sei, dass er erstens eines Tages den Lehrer mit einem Problem aus der Bruchrechnung ratlos machen würde, und zweitens irgendwann das Brettspiel „Dame“ beherrschen würde auf einem derart hohen Weltniveau, dass ganz Hubbard dann seinen Namen ehrfürchtig flüstern könnte. Hubbards Schwester Mary erinnerte sich rückblickend, dass ihr Bruder ein Störenfried war, der gern die Lehrer ärgerte und gelegentlich auch völlig unvermittelt losbrüllte, wenn seinem überwachen Sinn für Humor ein Witz eingefallen war.
Als junger Mann ging Hubbard nach Buffalo im US-Bundesstaat New York, wo er in dem Unternehmen Larkin Soap Company seines Schwagers John Larkin als leitender Angestellter tätig wurde. 1891 gab er diese Stelle auf, um sich auf seine schriftstellerische Arbeit zu konzentrieren. Bis 1894 schrieb er vier Romane und war ein Semester lang an der Universität von Harvard in Cambridge, Massachusetts, eingeschrieben.
Von Buffalo zog Hubbard in die Kleinstadt East Aurora, N.Y., wo er ab 1895 eine Kunstdruckerei betrieb sowie als Herausgeber und Journalist tätig war und das Roycroft Movement begründete, eine Kunst- und Handwerksgemeinschaft. Mit Roycroft Press schuf Hubbard die Möglichkeiten zur Unterstützung anderer Autoren. Er gründete 1895 die Magazine „The Philistine“ (Der Spießbürger) und „Little Journeys“ (Kleine Reisen), für die er als Herausgeber und Autor tätig war. In 1908 kam mit „The Fra“ (Der Ordensbruder) ein weiteres Magazin hinzu. Alle drei Zeitschriften erschienen bis zu Hubbards Tod in 1915.

Bekannt wurde Hubbard in erster Linie durch seine biografischen Essays.

Am 22. April 1915 veröffentlichte die Kaiserliche Deutsche Botschaft eine Warnung in den fünfzig größten amerikanischen Zeitungen, die direkt neben die Abfahrtszeiten der Transatlantikdampfer gesetzt wurde:

„ACHTUNG! Reisende, die vorhaben, den Atlantik zu überqueren, werden daran erinnert, dass Deutschland und seine Alliierten und Großbritannien und seine Alliierten sich im Kriegszustand befinden; dass das Kriegsgebiet auch die Gewässer rings um die Britischen Inseln umfasst; dass in Übereinstimmung mit der formellen Bekanntgabe der Kaiserlichen Deutschen Regierung alle Schiffe, die die Flagge Großbritanniens oder eines seiner Verbündeten führen, Gefahr laufen, in diesen Gewässern zerstört zu werden, und dass Reisende, die im Kriegsgebiet auf Schiffen aus Großbritannien oder seiner Verbündeten reisen, dies auf eigene Gefahr tun. KAISERLICHE DEUTSCHE BOTSCHAFT, WASHINGTON D. C., 22. April 1915.“[44]

Deutsche Warnungs-Anzeige.

Am 1. Mai 1915 lief die britische „RMS Lusitania“ aus. Sie war ein ohne Rücksicht auf Menschenleben als Passagierschiff getarnter Hilfskreuzer und Munitionstransporter. Die inzwischen bekannt gewordene geheime Ladeliste der „Lusitania“ zeigt, dass der Ozeanriese jede Menge Kriegsgut an Bord hatte: 1.248 Kästen mit 7,5-Zentimeter-Granaten, 4.927 Kisten mit Gewehrpatronen, 2.000 Kisten mit weiterer Munition für Handfeuerwaffen.

Am 7. Mai 1915 starb der Passagier Elbert Hubbard im Atlantischen Ozean vor der irischen Küste zusammen mit seiner Ehefrau Alice, als die „RMS Lusitania“ vom U-Boot „U 22“ versenkt wurde. – Ob wir wollen oder nicht, wir kommen am Krieg als Geschichtenerzähler nicht vorbei. Die Wahrheit stirbt in jedem Krieg zuerst und „ein Dichter darf nicht lügen“ (Wilhelm Raabe).

Um die USA in den Krieg zu locken, wurde ihnen die „Lusitania“ von den Briten erfolgreich als reiner Passagierdampfer untergejubelt, versenkt von den Deutschen, die rücksichtslos Zivilpersonen umbringen und kleinen Kindern die Hände abhacken – so das Feindbild vom „German War Pig“, das auch heute noch durch neue britische EU-geförderte Historienfilme geistert. „Unsere“ Politiker bezahlen auch noch den giftigen Kakao, durch den wir gezogen werden.

Commander Kenworthy, am Morgen des 7. Mai im Kartenraum der britischen Admiralität anwesend, schrieb im Originalmanuskript seines Buches The Freedom of the Seas (1927): „Die Lusitania wurde bewußt mit beträchtlich verminderter Geschwindigkeit und ohne die zurückbeorderten Geleitschiffe in eine Zone geschickt, in der bekanntermaßen ein U-Boot lauerte.“ Das Wort „bewußt“ wurde auf Veranlassung der Admiralität in der gedruckten Ausgabe entfernt. Kenworthy hatte vorher von Churchill den Auftrag erhalten, ein Memorandum über die Versenkung eines Ozeandampfers mit amerikanischen Passagieren an Bord vorzulegen.[85]

Die „Lusitania“ liegt in 90 m Tiefe vor der irischen Küste. Taucher fanden in dem Wrack massenweise militärisches Material, darunter zirka 4.000.000 Patronen Kaliber .303 British Lee-Enfield des US-Herstellers Remington Arms .[88]

– Die „Lusitania“ hat sich eher zufällig als Thema ergeben durch das Hubbard-Zitat, das ich gern verwenden wollte. Es geht auch gar nicht um Recht oder Unrecht, dadurch wird niemand mehr lebendig. Es geht nur darum, den Lügen von heute gegenüber ein bisschen wachsam zu sein und nicht alles zu glauben, was uns „unsere“ Politiker erzählen. Sonst wachsen ja wirklich nur noch Kakteen im Garten unseres Lebens.

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Vorlesung 

http://volkslesen.tv/25-10-umweltbundesamt-liest-1-lisa-j-smith/

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Fortsetzungsgeschichte aus dem CAFÉ FANTASY – Folge 10
Wie wir wissen, liegt das CAFÉ FANTASY am Richardplatz in Neukölln und der Richardplatz befindet sich gleich neben Böhmisch-Rixdorf, dem Viertel der Böhmischen Brüdergemeine, wo natürlich auch Schwestern wohnen. Sie haben aber keine Komplexe und fühlen sich wohl, ohne dass die Brüdergemeine in Schwestern-und-Brüdergemeine vergründeutscht und verrotwelscht werden müsste.
Nun denn, wir hatten den Autor zwar ausdrücklich gebeten, seine ungefragten Meinungen für sich zu behalten, doch hin und und wieder passieren immer mal wieder solche Ausrutscher, für die wir uns ausdrücklich hiermit entschuldigen. Aber wie auch auch immer, durch die Nachbarschaft mit Rixdorf geschah es nun, dass ein sogenannter „Diaspora“-Prediger aus Herrnhut unverhofft ins CAFÉ FANTASY hereinschneite und sich zu Frau Mewes-Fischer und Urs Bergner an Tisch drei setzte, mit Blick auf die alte Dorfschmiede von 1624.
Ein Diaspora-Prediger kümmert sich um die verstreuten Schäfchen der Gemeinde, die „Gemeine“ heißt und geschrieben wird in dem Sinne, dass in dieser Gemeinde keiner besser oder schlechter ist als der andere, sondern alle sind allgemein.
„Wo haben Sie denn diese Klamotten her?“, fragte Urs Bergner den Gast interessiert, nachdem er aufgestanden war und dem Prediger eine Tasse Kaffee hingestellt hatte.
„Ich bin Prediger Weiz“, antwortete der Neue, „und ich komme zu Ihnen durch die Korridore der Zeit aus dem Jahr 1844 zu Besuch. Was Sie ‚Klamotten‘ nennen, das trug ich eben damals.“
„Wie war denn damals das Wetter, Herr Weiz?“, fragte Veronika Mewes-Fischer. „Spüren Sie einen Unterschied durch den Klimawandel?“
„Durch wen oder was?“, frug Weiz verstört zurück.
„Durch den Klimawandel“, erläuterte Urs Bergner, der mal studiert hatte. „Jetzt erwärmt sich das Universum oder die Welt oder jedenfalls Berlin und das Rote Rathaus und die Atmosphäre unter dem Himmel. Die Gletscher schmelzen weg und die Polkappen und bei uns in Berlin Tempelhof und überhaupt dürfen schon gar keine Flugzeuge mehr landen oder starten vor lauter heißer Luft.“
Weiz dachte nach und fasste dann seine Gedanken wie folgt zusammen: „Dann muss es eben so gehen in Berlin wie bei uns damals 1844, als wir auch ohne Flugzeuge ausgekommen sind. Das ist natürlich schade für Berlin, weil andere Großstädte wie London sich freuen über ihren städtischen Flughafen, aber London hatte ja auch keine Mauer. Berlin hatte eben die Mauer, und als die Mauer abgeräumt wurde, da wurde aus Versehen auch der Flughafen plattgemacht. Plattmachen geht ja immer ziemlich einfach. Und was den Klimawandel angeht mitsamt abschmelzenden Polkappen und Gletschern, das erinnert mich an Kurfürst Joachim I., der am 15. Juli 1525 auf den Kreuzberg geflüchtet ist vor einer Sintflut, die ihm sein Hofastrologe vorausgesagt hatte im Wetterbericht. Er hat alles überlebt. Also, ich kann Ihnen den Kreuzberg empfehlen, falls mal wieder irgendwas sein sollte. Oder Sie bauen sich eine 3D-Arche wie in diesem Film, den ich vor ein paar Tagen gesehen hab. Allerdings müssen Sie dann auch allen Tieren 3D-Brillen aufsetzen, so wie BANKSY das hier macht auf dieser Ansichtskarte aus London, die ich dort auf dem Flughafen gekauft hab. London hat sogar zwei Flughäfen in der Stadt, Heathrow und City Airport. Aber in Berlin hat das wahrscheinlich der Konkursverwalter nicht mehr erlaubt.“
Weiz schneuzte sich mit einem schottisch karierten Taschentuch. Früher hieß es Sacktuch, doch in sexy Berlin ist das missverständlich geworden. Hier ist erst mal die erwähnte Ansichtskarte vom 3D-Arche-Zoo:

 

3D-Zoo.
Rattenmann auf dem Weg zur 3D-Arche Noah. Seine Frau zieht sich noch an, kommt dann aber gleich nach. (BANKSY 2013.)

Mehr von BANKSY gibt es hier übrigens:

http://www.amazon.de/BANKSY-Book-Pictures-Wieland-Kraut-ebook/dp/B0096CFUSU/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1400590342&sr=8-1&keywords=Kraut+Banksy

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„Wollen Sie uns veräppeln?“, knurrte Urs. „Da liegt ja Schnee, das hat doch mit unserem Klimawandel nach ISO-Norm gar nichts zu tun! Wenn das die EU wüsste … solche Ansichtskarten gehören ja verboten!“

 

„ISO-Norm schön und gut“, schmunzelte Veronika Mewes-Fischer, „aber die normative Kraft des Faktischen müssen Sie trotzdem aushalten, da hilft nun alles nix. Aber jetzt mal was anderes, Garçon …“

„Genau“, bestätigte Weiz, „and now something completely different! So reden Engländer im Flugzeug jedenfalls.“ Er nickte Veronika aufmunternd zu.

„Waren Sie denn schon im Ring-Center einkaufen, Garçon, wie ich es Ihnen angeraten habe?“,  fragte Frau Mewes-Fischer.

Ring-Center.
Ring-Center Frankfurter Allee.

„Ach, das erzähle ich Ihnen in der nächsten Folge, in Folge 11“, antwortete Urs Bergner. „So viel Zeit muss sein im CAFÉ FANTASY, nämlich.“

Nun, wer möchte da widersprechen?

Wird fortgesetzt. –

  • Was hat Diaspora-Prediger Weiz aus den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts zu berichten?
  • Wie erging es Urs Bergner im Ring-Center Frankfurter Allee? –
  • Morgen wissen wir mehr!

Es kommt jedenfalls noch besser und bald geht die Sache weiter.

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Unsere Schachkomposition. Diesmal haben wir im Angebot einen Klassiker aus dem Jahre 1737, ausgebrütet vom syrischen Schachmeister Philipp Stamma:

Philipp Stamma.
Weiß ist dran – Matt in vier Zügen.

AUFLÖSUNG MORGEN.

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So, das war’s mal wieder, nämlich WiTzels Tagblatt Nr.:

89

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 18. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 88

Sonntag, 18. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 88

 

  1. Tagesmusik: Sarah Kaiser;
  2. Bilder des Tages: Schwedenheim und Schloss Glücksburg;
  3. Spruch zum Tage von Therese von Ávila;
  4. Kalendergeschichte;
  5. Vorlesung, Ephraim Kishon;
  6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY am Richardplatz.
  7. Besondere Schmakazie ist was Preiswertes zum Anziehen für die Damen: ein Shrug von Blancas Blog kleine kleinigkeiten…

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Morgen bzw. MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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Heute ist der Sonntag KANTATE! = „Singt dem HERRN ein neues Lied!“

Warum eigentlich? = Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder (Psalm 98,1).

= Sie tut es. Ton ab für Sarah Kaiser aus Berlin, diesmal im hohen Norden:

 

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S;=)

Bild(er) des Tages:

Weil Sarah Kaiser in Flensburg am Singen ist, folgt hier und jetzt ein Bild vom Schwedenheim mitten in Flensburg, das die Schweden 1950 für deutsche Kinder gestiftet haben.

Schwedenheim.
Schwedenheim in Flensburg.

Jetzt wird’s persönlich, aber das muss auch mal sein: Dieses Heim wurde nämlich eine Zeitlang von Elisabeth Wolff geleitet, Gott hab sie selig. Und weil Elisabeth Wolff eine Schwester meiner Mutter war, durfte ich sie dort in den 50ger Jahren als kleener Piepel von meiner Geburtsstadt Braunschweig aus besuchen, es war die allererste Allein-Reise meines Lebens überhaupt. Und ich hab wunderschöne Tage im Flensburger Schwedenheim verbracht. Einmal haben wir Schloss Glücksburg besucht, das es inzwischen sogar schon zwei Mal als Motiv auf eine Briefmarke geschafft hat. Tja, so klein ist die Welt:

Glücksburg-Briefmarke.
1977.
Zweite-Marke.
2013.

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S;=)

Spruch zum Tage:

Solo Dios basta = Gott allein genügt.

THERESE VON ÁVILA.

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S;=)

Kalendergeschichte:

Theresia von Ávila war eine spanischen Kirchenlehrerin aus dem Karmelitenorden. Sie lebte von 1515 bis 1582. Ständig Ihr Leben lang machte ihr eine schwache Gesundheit zu schaffen. Sie empfand das Klosterleben empfand sie als anziehend und zugleich als bedrückend. „Der Böse gaukelte mir vor“, so sagte sie, „dass ich die Härten des Klosterlebens nicht ertragen könnte, weil ich so verwöhnt sei. Dagegen verteidigte ich mich mit den Leiden, die Christus durchgemacht hatte, weil es da nicht viel bedeuten würde, dass ich ein paar für ihn erlitt.“

Teresa von Avila lebte von 1515 bis 1582. Sie gründete den Orden der Barfüßigen Karmeliterinnen. 1944 ernannte man sie zur Schutzpatronin der Schachspieler. 1970 erhob der Papst sie zur Kirchenlehrerin.

Auf das Schachspiel kommen wir am Dienstag wieder zurück, wenn der HERR will und wir leben.

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Vorlesung

http://volkslesen.tv/11-13-melancholie-und-tanzende-grossmuetter-ephraim-kishon/

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Fortsetzungsgeschichte aus dem CAFÉ FANTASY am Richardplatz:

Wir erinnern uns: Nach dem Dumme-Jungen-Streich einer Rundmail des Inhalts „Es ist alles herausgekommen“ sind „unsere“ Politiker schlagartig verschwunden und drei Berliner Senatoren haben Selbstmord gemacht. Im Bundestag wurden die „Partei-schlägt-sich-Partei-verträgt-sich“-Sitzungen von einer polnischen Schauspieltruppe sehr preisgünstig übernommen, weshalb das Fehlen der MdBs nicht so schnell auffiel.

Dadurch herrscht heute, am Sonntag nachmittag, eine ziemlich besinnliche Stimmung im CAFÉ FANTASY. Frau Veronika Mewes-Ritter (81) hatte inzwischen wieder geheiratet und hieß jetzt Mewes-Fischer, weil sie endlich einen Mann gefunden hatte mit noch mehr Falten im Gesicht als sie selber. „Und seine ollen Schuhe, mit denen er nach unten getreten hat, wie sich das für Radfahrer gehört, also, diese Latschen sind sogar ausgestellt“, sagte sie stolz.

Aushilfskellner und Eismatscher Urs Bergner (30) war mit seinen Gedanken allerdings woanders. Seine Träume und Sehnsüchte hatte er ein Lied gepackt und dieses Lied genauso mitgebracht wie seine Gitarre, die er noch zu D-Mark-Zeiten in der Schwarzwälder Hermann-Hesse-Stadt Calw für einen Tausender gekauft und in einen unauffälligen schwarzen Koffer gepackt hatte, der noch einmal einen Hunderter fraß. Wie er in den Schwarzwald kam, das ist eine Geschichte, die jetzt hier den Rahmen des Monitors und den Zeitrahmen dito sprengen würde. Deshalb erzählen wir das mal bei einer anderen Gelegenheit.

„Sie haben ja eine Gitarre“, stellte Frau Mewes-Fischer bewundernd fest. „Ist so ein Saiteninstrument eigentlich schwer zu spielen?“

„Das Wichtigste ist, dass die Gitarre stimmt, Veronika, sonst macht das Spielen keinen Spaß. Ich musste mir erst mal die Saiten merken.“ Urs schlug die Saiten einzeln nacheinander an: „1 + 1 + 1 + 1 + 1 + 1 – haben Sie mitgezählt, Frau Mewes-Fischer, ich meine Veronika?“

„Nein“, sagte Veronika.

„Na, wie auch immer, wenn Sie mitgezählt hätten und gewusst hätten, dass jede Gitarre nach der neuen ISO-Norm sechs Saiten haben muss, dann hätten Sie mitbekommen, dass die Gitarre stimmt, denn die Quersumme all ihrer Saiten ergab 6“, erklärte Urs.

„Sex? Das verstehe ich als frischgebackene Ehefrau“, nickte Veronika. „Dann nehmen Sie also nachts immer Ihre Gitarre mit ins Bett, Garçon. Nun, wir sind ja tolerant in Berlin und gönnen jedem seine eigene geschlechtliche Identität.“ Frau Mewes-Fischer lächelte lüstern. „Welche Rolle übernehmen Sie denn dann? Sind Sie der Kontrabass?“

„Weil Sie eine emanzipierte Frau sind, Veronika“, knurrte Urs, „darf ich Ihnen hoffentlich sagen, dass Sie eine Menge Blödsinn zusammenreden. Wenn Sie allerdings nicht emanzipiert sind und ich Kavalier sein muss, dann nehme ich das sofort zurück und würde mal sagen, es sind Geräusche alternativer praktischer Intelligenz, die Sie da von sich geben.“

„Wenn Sie ein Kavalier wären, dann würden Sie mir jetzt auf der Gitarre einen Ständer bringen, ich meine ein Ständchen“, entgegnete sie. „Also, Garçon, warum singen Sie mir nichts vor?“

„Ja, warum eigentlich nicht?“, stellte Urs die Gegenfrage und wunderte sich, dass er da nicht gleich drauf gekommen war:

„Wenn ich montags in mein Kino geh‘
und im Film die feinen Leute seh‘,
denk‘ ich immer wieder: Könnt‘ ich mal,
ach, könnt‘ ich mal genauso glücklich sein!
Alle Tage Sekt und Kaviar,
und ein Auto und ein Schloss sogar!
wünsch‘ ich mir in meinen kühnsten Träumerei’n.
Auf dem Sieben-Euro-fünfzig-Platz
sehn‘ ich mich nach einem süßen Schatz,
die genauso wie im Film am Schluss
mich glücklich machen muss.
Wenn ich montags in mein Kino geh‘
und den Himmel voller Geigen seh‘,
träum‘ ich noch am Dienstag früh:
Einmal leben so wie die –
doch zu so was kommt man nie!

Schade eigentlich.“

Frau Mewes-Fischer applaudierte und rief dann begeistert: „Das hab ich aber schon mal von den Comedian Harmonists gehört und von Herbert WiTzel im Film-Kultur-Café Lankwitz bei WiTzels Lied- und Lesebühne!“

Wird fortgesetzt. Es kommt noch besser, bald geht die Geschichte weiter im CAFÉ FANTASY und wir erfahren, wie es Urs beim Einkaufen im RingCenter an der Frankfurter Allee ergangen ist, die früher Stalin-Allee hieß nach dem großen Vorbild von Frau Mewes-Fischers neuem Ehemann, der jetzt so alt aussieht. – Direkt gegenüber vom CAFÉ FANTASY befindet sich auf dem Richardplatz die alte Dorfschmiede übrigens, die wir hier abbilden, damit Sie sehen und wissen, wovon ich rede überhaupt:

Schmiede-Richardplatz.

Weil die Dorfschmiede in der Mitte vom Richardplatz steht, liegt sie eigentlich allen Häusern am Richardplatz direkt gegenüber, nicht nur dem CAFÉ FANTASY – aber da bin ich eben erst drauf gekommen.

Und noch ein kleiner Tipp am Rande:

Frank Toebs
entruemplung.de

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Nun kommen wir zum Outfit:

Shrug.
„Shrug“ – Abb. kleine kleinigkeiten Blog.

Wenn Sie hier bitte auf diesen Link klicken:

http://kleinekleinigkeiten.wordpress.com/2014/05/13/shrug-your-shirt/#more-3791

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So, das war WiTzels Tagblatt Nr.

Nr 88
Repro und Design: Archiv Syzygos.

 

Sonntag, 13. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 63

Sonntag, 13. April 2014 –

PALMSONNTAG

  1. Besinnungsmusik zur Erinnerung an den Neuköllner JACKY SPELTER;2. das Bild des Tages ist knackevoll mit Rockenroll; 3. den Spruch zum Tage lieferte JOHN LENNON; 4. Kalendergeschichte, diesmal weiter unten als Fortsetzung vom CAFÉ FANTASY; 5. Vorlesung einer Geschichte aus Irland ; 6. Fortsetzungsgeschichte voller Sehnsucht nach NADIA, denn das ewig Weibliche zieht uns hinan. 7. Besondere Schmakazie: ein Link zur Doku über Jacky.

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Morgen am MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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Die Sonntage, die unseren Seelen als Ruhetage immer mehr geklaut werden im Auftrag des Eurodollars, diese Sonntage sind gute Zeiten, um uns an die Toten zu erinnern. Der Rock’n’Roll stirbt zwar nicht, aber die Rock’n’Roller sind genauso sterblich wie wir.

1. Ton und laufende Bilder ab für JACKY:

 

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S;=)

2. Bild des Tages – suchen Sie sich was aus:

Rock'n'Roll

Bildquelle: http://thumb9.shutterstock.com/display_pic_with_logo/342916/342916,1320208425,2/stock-vector-rock-n-roll-87904024.jpg

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S;=)

3. Spruch zum Tage:

Als ich zur Schule ging, fragten sie mich, was ich werden will, wenn ich groß bin.
Ich schrieb ‚GLÜCKLICH‘. Sie sagten mir, dass ich das Thema verfehlt hätte. Ich antwortete ihnen, dass sie das Leben verfehlen.

JOHN LENNON, Rock’n’Roller.

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S;=)

4. Kalendergeschichte – dafür nehmen wir jetzt das CAFÉ FANTASY, siehe weiter unten unter 6.

 

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5. Vorlesung http://volkslesen.tv/23-09-illustratoren-lesen-flann-obrien/

Der Vorleser hat das Buch gefunden. Wer es wiedererkennt, möge sich bei ihm melden, er bekommt das Buch dann zurück. Kriegel Farner hat es jetzt durchgelesen. –

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6. Fortsetzungsgeschichte aus dem CAFÉ FANTASY am Richardplatz:

John Lennon hatte sich vor elf Minuten im MUSIKHAUS BADING zwölf neue Saiten für seine Framus-Hootenanny-Akustikgitarre jekooft.
„Jetzt schlägt’s 13“, kurrte Urs Bergners Magen, während olle Lennon ihm die neu besaitete Gitarre entgegen hielt und fröhlich rief: „Built In The Heart Of Bavaria!“ — Das heißt verdolmetscht: „Dies ist deutsche Wertarbeit aus dem Herzen Bayerns!“
Was sollte Urs nun dazu sagen? Er war ja gar kein Bayer oder Franke oder Schwabe oder was da sonst noch für Völkerstämme herumloofen aus den Zeiten der Völkerstammwanderung, sondern er stammte als Volkswanderer aus Hildesheim in Niedersachsen.
„How Do You Do?“, fragte er, „wie geht es Ihnen, Mr. Lennon? Sie haben da übrigens ein Loch im Herzen, sieht aus wie ein Durchschuss.“
„I Am The Taxman“, grinste Lennon und machte aus seinem Herzen eine Mördergrube, „ich bin die Steuerfahndung und wollte fragen, ob Sie als Denunziant bei uns mitmachen wollen?“
„Der schlimmste Hund im ganzen Land“, antwortete Urs Bergner, „ist und bleibt der Denunziant!“
„You Ain’t Nothin‘ But A Hound Dog“, ergänzte John Winston Lennon, „jedenfalls wenn die Regierung bei deinem Nachbarn versteckte Schätze wittert.“
„Ich hab keine solchen Nachbarn“, seufzte Urs ungelogen. „Und was gibt es sonst Neues?“
„Vor Elvis gab es gar nichts“, sagte Lennon, stellte die Gitarre behutsam auf einem Stuhl an Tisch drei ab, wanderte zur Musikbox und studierte das Angebot.
RINGlingLING. Nun traf tatsächlich Frau Mewes-Ritter ein und setzte sich an Tisch drei zu Lennons Zwölfsaitiger, die übrigens hier auf diesem Bild zu sehen ist:

Lennon_FRAMUS.
John Lennon mit seiner 12saitigen FRAMUS. (Bildquelle: <http://old.warwick.de/tools/load.php?imgid=00000057695&width=760&quality=85&gt;.)

„Die Klampfe kenn ich“, strahlte Frau Mewes-Ritter, „die hab ich in diesem sozialpädagogischen Pionierfilm gesehen – wie hieß er doch gleich?“
„Hi-Hi-Hilfe!“, antwortete Urs.
„Danke, Garçon“, nickte Frau Mewes-Ritter. „Haben Sie mal einen Bierfilz zum Unterlegen, bitte? Der Tisch wackelt.“
„Kein Problem, Veronika, Filz haben wir in Berlin ja mehr als genug“, sagte Urs und suchte nach einem Bierdeckel. Tisch drei wackelte immer, wenn die Putzfrau dagewesen war.
„Habt ihr auch was von Jacky Spelter hier in eurem Plattenschrank?“, fragte Lennon.
Urs Bergner wusste gar nicht, von wem die Rede war. „Who The Fuck Is Jacky Spelter?“, fragte er Frau Mewes-Ritter.
„Er ist der Jacky von Jacky And His Strangers – bekannt durch AFN und Fernsehen“, antwortete sie und suchte ein Foto aus ihrer unergründlichen Damenhandtasche heraus.

Lennon-Spelter.
John und Jacky in einem Club in Hamburg.

(Bildquelle: <http://blackbirds.tv/wp-content/uploads/2011/08/john-und-jacky.jpg&gt;.)
„Links ist Jacky zugange“, erläuterte sie dem Garçon Bergner, „und rechts ist John am Jammen mit Jackies Fender-Jenny, das heißt, Jacky nannte sie Jenny.“
Neben ihnen röhrte plötzlich Little Richard aus den Lautsprechern. „Mal was anderes“, mischte sich nun Lennon in die Gespräche und Geräusche, „könnt Ihr mir die Jukebox verkaufen?“
„Für was?“, fragte Urs Bergner.
„Für wieviel?“, fragte Frau Mewes-Ritter.
„Für unterwegs“, beantwortete John die erste Frage. „Dann kann ich da meine vierzig Lieblings-Singles reinpacken und muss weder 24 Stunden am Tag selber singen noch irgendwelchen Schrott aus dem Radio über mich ergehen lassen.“
„Für wieviel?“, fragte Frau Mewes-Ritter wieder. (Sie hat uns später gebeten, Lennons Antwort zu verschweigen, „denn“, sagte sie, „über Zahlen rede ich als Geschäftsfrau grundsätzlich nicht“.)
„Moment mal“, wandte Urs Bergner ein, der auf einmal eine Sehnsucht nach Nadia bekam, die ihm durchs Herz ging. „Das Buch hier übers CAFÉ FANTASY ist doch noch gar nicht zu Ende. Also, John, das letzte Kapitel müssten Sie schon noch abwarten, um dem Frieden eine echte Chance zu geben. Sonst erleben wir hier nachher kein Happy-end.“

Little Richard gab Ruhe. Ein paar Sekunden später legte Jacky los mit „Happy Happy Rock’n’Roll“ (siehe oben bei der Tagesmusik für heute).
„Wann wird das Buch denn fertig, Garçon?“, fragte Lennon.
„Morgen oder übermorgen“, antwortete Bergner.
„Na, OK“, nickte Lennon. „Wenn’s ein Paperback wird, mal sehen, vielleicht machen Paul und ich einen Song draus.“

„Ich hab hier übrigens ein Zitat von Ihnen aus dem Jahre 1964, Mr. Lennon“, rief Frau Mewes-Ritter und zuppelte ein riedgrünes Poesiealbum aus ihrer unergründlichen Handtasche: „Bitte recht sehr.“

Und Lennon las: „Wenn es tatsächlich so etwas wie Genie gibt, dann bin ich eins, und wenn nicht, dann ist es mir auch egal.“ Er klappte das Poesiealbum zu. „Das soll ich gesagt haben?“

„Genau“, nickte Veronika begeistert, „es stand sogar im SPIEGEL. Da hab ich es her.“

„Ach, im SPIEGEL?“, brummte John. „Den jibt et doch nur, wenn Se ihn lesen.“

Frau Mewes-Ritter schüttelte energisch ihren silberhaarigen Kopf. „Das stammt doch gar nicht von Ihnen, das hat Konrad Adenauer gesagt.“

„Nun stellen Sie sich mal nicht so an“, murmelte der Beatle. „Was meinen Sie, wie bei uns im Show Business geklaut wird. – Jetzt muss ich aber echt weg hier, also bitte die Musikbox aufheben und nach dem Happy-end ist sie dann meine! OK?“

„Versprochen“, nickte Urs und Frau Mewes-Ritter war Zeugin. Er freute sich schon aufs Happy-end mit Nadia.

Wird fortgesetzt. Urs Bergner ist ja optimistisch wie ein Tanzstundenjüngling, dabei ist noch gar nicht raus, ob Nadia überhaupt jemals ins CAFÉ FANTASY zurückkehrt. Wer weiß, was sie für eine Krankheit hat? Und sooo berauschend, wie Urs sich einbildet, fand sie ihn auch nicht, aber jetzt echt mal. – Es kommt noch besser, bald geht die Sache weiter! Morgen, Montag, ist aber erst mal Ruhetag. Also guten Start in die Woche, verehrte Surferin und geschätzter Surfer!

So, das war WiTZels Tagblatt Nr. 63.

Wer noch mehr über JACKY SPELTER aus der Sanderstraße in Neukölln erfahren will, der kann sich diese Doku reinziehen:

 

 

Sa=Sonnabend, 12. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 62

Sa=Sonnabend, 12. April 2014

  1. Tagesmusik GENESIS; 2. Bild des Tages ARCHE NOAH; 3. Spruch zum Tage betrifft die TITANIC; 4. Kalendergeschichte, diesmal FUSSBALL; 5. Vorlesung aus der Schweizer Bank: Christian Morgenstern; 6. Fortsetzungsgeschichte CAFÉ FANTASY vom Richardplatz.

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Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens. Wollte ich nur gesagt haben.

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Ton ab für GENESIS und ihren visionären EU-Song „Land Of Confusion“:

 Tja. Oder wie Loriot sagen würde vor Kameras und Mikrofonen: „Ach was?“

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S;=)

Bild des Tages:

Jacopo Bassano.
Jacopo Bassano: Bau der Arche Noah (1580).

Zur Gesichtskontrolle, verehrte Surferin und geschätzter Surfer, hier ein Porträt des Künstlers, gefunden als Illustration von 1683 in der „Teutschen Academie der edlen Künste wie etwa Hausbau, Bildhau und Malerei“ des Joachim von Sandrart, siehe zweite Reihe links:

Bassano-Porträt.
Tja bzw. „Ach was?“

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S;=)

Spruch zum Tage:

Die TITANIC wurde von Fachleuten gebaut, die ARCHE NOAH von Laien.

Volksmund beim Survival Training.

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S;=)

Kalendergeschichte – diesmal von Gastautor Frank Toebs zum Berliner Regionalfußball:

BBC Südost
Das kurze Leben des Fußballklubs von der „Wrangelritze“
Sieht man heute von der Skalitzer Straße an der Ecke, wo sich ein Hamburger-Verkäufer angesiedelt hat, auf das alte Kreuzberger Kasernengelände mit den Gründerzeit-Fassaden direkt gegenüber, ahnt man nicht, dass dahinter einst die gefürchtete „Wrangelritze“ lag. Ein innerhalb des alten Kasernenareals mit Schotter und Ascheresten aufgefüllter Fußballplatz.
Spielflächen dieser Art waren im Nachkriegs-Berlin und noch bis Ende der 1970er Jahre durchaus verbreitet. Wer hier seine Heimspiele austrug und nicht – wie sonst gewohnt- auf einem mehr oder weniger gepflegten Rasen kickte, hatte schon im Vorfeld einer Begegnung Respekt beim Gastverein allein durch die nicht vorhandene Qualität der Spielfläche. Feine Technik, wie man sie heute bevorzugt, stand hier noch nicht im Fokus. Auf einem derart harten Platz musste vor allem der empfindsame Techniker und Torjäger damit rechnen, bei Grätsche richtig was abzubekommen.
Heute ist bekannt, damals ahnte man es nur, dieser „Koks“ und die Asche enthielten manchmal giftige Rückstände, die sich bei Kontakt unangenehm in die Haut einfraßen. Die Heilung einer Wunde dauerte entsprechend lange. Wer noch auf solchen Flächen spielte, weiß: Die beste Methode damals in Ruhe gelassen zu werden, bestand darin, selbst eingangs so auszuteilen, dass sich viele Gegenspieler anschließend nichts mehr trauten.
Der Verein, der etwa vierzig Jahre lang mit seinen Mannschaften an der Ecke Skalitzer Straße zu Hause war, für den die Gegend vor allem in den Siebzigerjahren fußballerisch bekannt war, ist der BBC Südost gewesen, genauer Berliner Ballspiel Club Süd-ost. Er wurde 1950 von Ehemaligen des SG Union Oberschöneweide, dem Vorgänger des 1. FC Union Berlin gegründet. Einige Spieler waren in den Westteil Berlins abgewandert, weil Union die Teilnahme an der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft von Funktionären verwehrt worden war.
Klaus Basikow ist ein bekannter Fachmann und Trainer. Er kennt fast alle alten Geschichten des Vereins und erinnert sich: „Auf dem alten Exerzierplatz hatten wir sehr schöne Erlebnisse. Unser größter Erfolg und überhaupt das überragende Spiel war ein Nachholtermin an einem zweiten Weihnachtstag in den Endsechzigerjahren. Wir traten gegen Preußen Wilmersdorf an, einen Mitstreiter um die vorderen Tabellenplätze, und gewannen vor 1.500 Zuschauern 6:1. Die „Wrangelritze“ kochte, platzte aus allen Nähten.

6:1 gegen Preußen Wilmersdorf.
Die >Wrangelritze< kochte.

Wrangelstraße.
Schon 1969 stieg man in die zweithöchste Berliner Spielklasse, die Amateurliga, auf. Die Spieler vom Kasernengelände genossen Respekt. Der erste Basikow bekannte Spieler türkischer Herkunft in Berlin, der wohl Gastarbeiterstatus und noch keinen Migrationshintergrund hatte, war Şir. „Ein guter Mann“, urteilt Basikow.
Später, zu Beginn der 1980er Jahre, schaffte mit Ilyas Tüfekçi ein Südost-Spieler den Sprung in die Bundesliga.
Einen weiteren Aufstieg, den in die Berliner Regionalliga 1973, feierten die Kreuzberger ohne Klaus Basikow.
In den folgenden Jahren konnte man einige seiner ehemals ungeschliffenen Diamanten dann auch bei höherklassigen Mannschaften finden; bei Blau-Weiß 90 und auch Wacker 04 – damals einflussreiche und erfolgreiche Klubs im alten Westberlin.
1990 erloschen die Lichter in Kreuzberg beim BBC Südost. Die Berliner Fußballwoche schrieb in ihrer Nummer 26 aus jenem Jahr: „Südost löst sich auf. In der außerordentlichen Mitgliederversammlung stimmten die (nur!) zwanzig Anwesenden für eine Auflösung.“ Eine Fusion mit BFC Südring, dem älteren Kreuzberger Traditionsklub, scheiterte. „Man wollte sich nicht einfach tilgen lassen und nur kleiner Partner sein.“ Sturheit siegte. Eine Übernahme durfte es nicht geben.
FRANK TOEBS

Frank Toebs
entruemplung.de

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Vorlesung

http://volkslesen.tv/52-12-lesen-banker-christian-morgenstern/

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Fortsetzungsgeschichte aus dem CAFÉ FANTASY:

WAS GESTERN GESCHAH:

Wieder fing der Blonde an zu trällern: „La, La, La.“
Urs wurde von einer unbändigen Lust gepackt, einfach mitzusingen, doch er traute sich nicht. Er sah lieber nach der Eismaschine.
„Und wenn die Menschen sich versangen“, erzählte der Blonde weiter, „dann schwiegen sie und lauschten in die Stille hinein. Dadurch fanden sie die Melodie wieder, weil sie lauschten und Ohren zum Hören hatten.“ Er wandte sich an Urs. „Wenn du die Ohren aufmachst, dann erkennst du auch eine Melodie. Sie ertönt überall im Radio und im Fernsehen. Du hörst sie von den Führern, den Herrschern, den Regierungen und Verwaltungen.“
Er machte eine Pause.
„Doch wenn du ganz genau hinhörst und dabei still bist, dann erkennst du noch eine ganz andere Melodie, nämlich dieses Lied, das in allen Dingen schläft. Wenn du diese Melodie nicht jeden Tag einmal hörst, dann vergisst du sie wieder. Also hör jeden Morgen gut hin.“ Und dann trällerte er wieder „La, La, La“ und wanderte am Tresen lang zur Tür, vorbei an Urs und der Eismaschine, und schon war er draußen und die Tür ließ noch ein letztes Mal diese Melodie erklingen und dann kam Nadia rein und rief: „Das war Larry Norman, von dem Paul McCartney gesagt hat, er könnte einer der größten Stars der Welt sein, wenn er nicht von Jesus singen würde!“
„Selber schuld“, brummte Urs und sah Nadia zu, wie sie ihr weinrotes Buch vom Kühlschrank nahm, „und tschüss“ sagte und schon wieder weg war, bevor er zu sich kam.

HIER GEHT’S HEUTE WEITER:

Nur seine Hände waren heiß geworden.
VORGESTERN
Blitzartig überholte ihn seine Vergangenheit. Dieser alte Schwarzweißfilm lief ab, wie es damals gewesen war in Hildesheim auf dem Wilhelm-Raabe-Gymnasium, als er schon wieder mal das Klassenziel nicht erreichte und seine Eltern deshalb mit ihm zu Dr. Psychomann gingen. Der unterhielt sich erst nur mit den Eltern. Urs durfte solange unter einem betongrauen Himmel am Ufer der Innerste flußauf und -ab laufen.
Danach sprach Dr. Psychomann mit Urs und dessen Eltern mussten nach draußen vor die Tür.
Schlussendlich wurden sie alle drei zusammen hereingerufen ins Sprech- und Besprechungszimmer. Dr. Psychomann, ein kleines 50jähriges Dickerchen mit hellwachen Augen, saß hinter seinem Schreibtisch aus sibirischer Birke, blinzelte durch die Zweistärkenbrille und faltete die Hände. Dann sagte er zu Vater Bergner, dem Diplomingenieur und Technischen Regierungsoberamtsrat: „Wissen Sie, was Ihrem Sohn fehlt, Herr Bergner? Er braucht Ihre Liebe.“
Mutter und Sohn Bergner ließen ihre Augen zum Gesicht des Vaters wandern. Dieses Gesicht wurde erst blass und dann rot. „Quatsch, der ist krank!“, blaffte Bergner senior den Doktor an. Er sprang auf. „Die Trabers sind die besten Hochseilartisten der Welt und haben trotzdem auch so schwarze Schafe in ihrer Familie, die noch nicht mal schwindelfrei sind. Guten Tag.“ Damit nahm er seine Frau bei der Hand, die extra ein fliederfarbenes Kostüm für heute angezogen hatte, und Urs stand notgedrungen ebenfalls auf, um mit den beiden mitzugehen.
In der Tür drehte sich sein Vater noch mal mit blitzenden Augen zu Dr. Psychomann um und zischte: „Da kann ich doch nix dafür, wenn der Bengel bekloppt ist! In der Familie meiner Frau gibt’s noch ganz andere, die nicht alle Tassen im Schrank haben.“
RINGlingLING machte die Tür zum Richardplatz. Jene Melodie mit ihren Harmonien war verschwunden.
„Nie ist Ruhe“, dachte Urs über die Gegenwart. Dabei ließ seine Vergangenheit ihn ja auch nicht ruhen, sie wirkte bloß so wie ein abgeschlossenes Aquarium. Oder um es mit den Worten Peter Gabriels zu sagen, der vor kurzem die Rockband GENESIS gegründet hatte: „Nichts ist so vergänglich wie die Zukunft und nichts hallt so lange nach wie die Vergangenheit.“
Er sah auf die Uhr. Wahrscheinlich stand jetzt Frau Veronika Mewes-Ritter auf der Matte mit ihren mindestens achtzig Lenzen. „Veronika, der Lenz ist da!“, rief er fröhlich zur Begrüßung im Einklang mit den Comedian Harmonists.
Aber es war nicht Veronika, sondern der nächste Langhaarige.

John Lennon.
Bildquelle: Wikipedia.

John Lennon (1964).

Wird fortgesetzt. Es kommt noch besser – bald geht die Sache weiter!