Beständige Veränderung

Aber Hallo, Hallöchen und

Halalali

oder

O la la

oder wie das heißt –

das illustre und illustrierte Tagesgedicht hat die Fliege gemacht zum BER = Berlin-Brandenburger „Großklotzflughafen Kläuschen Wowereit“ (ist so inzwischen umbenannt worden – heißt nicht mehr „Normalflughafen Willy Brandt“, weil,

Willy Brandt
1980
Album Willy Brandt
Bundeskanzler 1969 – 1974. Bildquelle: Wiki und Bundesarchiv, hochgeladen von Engelbert Reineke.
  1. sind wir mit dem Umbenennen in Berlin voll im Training,
  2. und außerdem
  3. wollen die Filzlaus-Kamarilla (arm, aber sexy) und sonstige Genossinnen und Genossen im Roten Rathaus nicht mehr, dass einer der wenigen anständigen Sozialdemokraten, an die wir uns noch erinnern, mit diesem Klüngel-Versorgungsbetrieb (= über 30.000.000 EUR jeden Monat) in Verbündelung gebracht wird. So riet es ihnen jedenfalls Fa. McKinsey mit Blick auf die nächste Wahl um die besten Plätze an der Futterkrippe nach ISO-Norm.

HA HA,

Lachendes Mädchen
Vermeer van Delft: Kavalier der alten Schule und lachendes junges Mädchen (1659). Repro: Archiv Witzel.

das sollte ein Scherz sein, denn Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Das Tagesgedicht ist jetzt zu finden auf

worttransport.de

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Dienstag, 19. August 2014 – WiTzels Wochenblatt Nr. 133

Dienstag, 19. August 2014

  1. Wochenmucke OTTO REUTTER;
  2. Bild der Woche: Der „Krögel“;
  3. Wochen-Spruch zum Tage von JOHN LENNON;
  4. Kalender(wochen)geschichte, diesmal à la Fips Asmussen;
  5. Vorlesung, „Hier kommt Lola!“;
  6. Fortsetzungsgeschichte: Wie geht eigentlich Glücklichsein? Siehe 7.
  7. Besondere Schmakazie: LAUREN BACALL in „The Big Sleep“, singing.

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Nächsten FREITAG bring ich meine HOMMAGE an Otto Reutter:

22.8.
22.8., 19 Uhr.

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1. Ton ab für OTTO REUTTER: „Muß man denn ins Ausland reisen?

 

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S;=)

2. Bild der Woche:

Berlin
Michael Adam: Berlin, der »Krögel« (1901).
«Am Krögel« bezieht sich auf die Stichstraße, die vom Molkenmarkt entlang der alten Stadtvogtei an die Spree führte
Land: Deutschland
[(c) 2007 The Yorck Project]

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S;=)

3. Spruch zum Tage:

Leben ist das, was passiert, während Du fleißig dabei bist, andere Pläne zu schmieden.
Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“

JOHN LENNON.

= = =

S;=)

4. Kalendergeschichte:

Der wilde Jäger Lützow und der alte Oberförster, Hugo war sein Name, sitzen beide auf dem Hochsitz im Grunewald, Revier Dreilinden. Ein Hirsch kommt auf die Lichtung.

Flüstert Lützow: „So, der kann jetzt sein Testament machen!“ Er legt an, zielt in aller Ruhe und … PÄNG!

Sagt der alte Oberförster: „Guck an, nun läuft er tatsächlich zum Notar.“

[Nach Fips Asmussen.]

 

= = =

5. Vorlesung

http://volkslesen.tv/24-09-freundinnen-lesen-isabel-abedi/

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6. Fortsetzungsgeschichte:

7. Lauren Bacall, now singing in Heaven:

Wenn wir die Ehe von Lauren Bacall und Humphrey Bogart betrachten, dann darf übrigens ruhig mal über alles, was sich in Berlin und der EU GmbH & Co. KG aA „Ehe“ nach ISO-Norm à la Wowereit nennt, herzhaft gelacht werden. 🙂 🙂 🙂

= = =

Wenn Sie selber mal die Wohnung aufräumen wollen, damit eine Ehe reinpasst, dann empfehlen wir guten Gewissens Fa. Frank Toebs:

Frank Toebs
entruemplung.de

 

Dienstag, 24. Juni 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 118

Dienstag, 24. Juni 2014

  1. Tagesmusik: die neue EU-Hymne;
  2. Bild des Tages: Vater, Mutter, Tochter;
  3. Spruch zum Tage von Klaus Wowereit;
  4. Kalendergeschichte, diesmal für Juristen;
  5. Vorlesung aus der Staatsbibliothek;
  6. Fortsetzungsgeschichte: „CAFÉ FANTASY“ – Folge 27.

Und für die nächste Allesabfuhr empfehlen wir:

Frank Toebs
entruemplung.de

 

= = =

Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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1. Bild und Ton ab für PETER ALEXANDER:

 

= = =

S;=)

2. Bild des Tages:

-+-
Henry William St. Pierre Bunbury: „Ich mit Frau und Tochter“ (1795). [Bildquelle: The Yorck Project.]
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S;=)

3. Spruch zum Tage:

Adenauer hat behauptet, das einzige, was wir Sozis vom Geld verstünden, sei, dass wir es von andern wollen. Mit dem Berlin-Brandenburger Großflughafen Willy Brandt konnten Platzeck und ich diesem rheinischen Kapitalisten endlich, endlich mal das Gegenteil beweisen!

KLAUS WOWEREIT, studierter Jurist (sollte ein Scherz sein, das Zitat – also von mir jetzt).

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S;=)

4. Kalendergeschichte:

Zwei Mütter reden über Gott und die Welt und ihre Sprösslinge: „Weiß Ihr Sohn denn schon, was er werden will?“ – „Rechtsanwalt. Er ist ein Streithammel, steckt seine Nase ständig in anderer Leute Angelegenheiten und weiß immer alles besser. Da hab ich ihm geraten, er soll sich das bezahlen lassen.“

PS: Seit 1969 hat sich in D die Zahl der Rechtsanwälte pro Quadratkilometer ver80(achtzig)facht.

S;=)

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5. Vorlesung ―zum Thema: „Vermessung der Welt“

http://volkslesen.tv/49-09-staatsbibliothek-liest-daniel-kehlmann-1/

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6. Fortsetzungsgeschichte: CAFÉ FANTASY – Folge 27

„Was lesen Sie selber denn jetzt, Garçon?“, fragte Frau Veronika Mewes-Fischer (82) an Tisch drei den Aushilfskellner und coolen Eismatscher vom CAFÉ FANTASY.

„Ach, ich lese gerade eine Geschichte über diese Serienmörderin, den Engel von Bremen, Veronika“, antwortete Urs Bergner (30) und stellte ihr einen Kaffee hin. „Soll ich Ihnen den Anfang vorlesen?“

„Ich bitte darum“, lächelte Veronika.

„Das Zitat vorneweg auch?“

„Alles ohne Zensur, Garçon“, sagte sie, „wir sind schließlich erwachsene Menschen, ich jedenfalls.“

Und Urs Bergner packte seinen Ebook-Reader aus. „Das Buch gibt es aber auch gedruckt“, erläuterte er. „Bloß so kann ich unterwegs gleich eine ganze Bibliothek mitnehmen, Veronika. Da wird Lesen wie Fernsehen und ich kann zappen nach Herzenslust.“

„Sehr schön, Garçon“, nickte sie und wurde dann energisch: „ANFANGEN! ANFANGEN!! ANFANGEN!!!“

Urs Bergner hub an mit seiner Buchvorstellung:

Es gibt zwei Arten von Weltgeschichte: Die eine ist die offizielle, immer frisch frisiert und für den Schul­unterricht bestimmt, eine Bilderbuchgeschichte für unsere Kleinen; und dann ist da die andere geheime Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereig­nisse in sich birgt, eine Geschichte der Schande und des Verbrechens.

HONORÉ DE BALZAC, Verlorene Illusionen.

Am 2. Januar 1813 starb in Bremen der alte Milten­berg, Gesches Schwiegervater. An dessen Sterbebett lernte sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Gegen­wart des Todes kennen. Zur Verwunderung aller ging sie sogar noch abends im Dunkeln hin und drückte dem Toten die Hand, um ihm eine gute Nacht und einen guten Schlaf zu wünschen. Sie schi­en überhaupt keinen Horror vor dem Leichnam zu empfinden.
Das Einzige, was sie wirklich und wahrhaftig je­den Tag mehr störte, war der junge Miltenberg, ihr Mann, der als scheintote Schnapsleiche durch die Gegend torkelte und Geld kostete, richtig viel Geld.

Dies war ein Trailer und die Ouvertüre sozusagen, verehrte Leserin und geschätzter Leser, weil: Hier geht es um den Tod in Serie, wenn die Hauptperson erst mal richtig in die Gänge kommt. Ich sag es als Kollege Autor nur schon vorher, damit Sie nachher keinen Schreck kriegen. Ansonsten können Sie sich jetzt getrost eine Tasse First Flush Tippy Golden Flowery Orange Pekoe aus dem Teehaus Paul Schrader eingießen oder ein Fass Beck’s Bier aufmachen und in Opas Lehnstuhl oder in die Wohnlandschaft zurücklehnen und sich sicher sein, dass Ihnen außer Gruseln nichts passieren kann, denn das Schwarze hier sind ja nur die Buchstaben zu Ihrer kriminellen Unterhaltung, wenn alles klappt und nicht nur die Tür. 
 
Es ist der 13. April 1806. Um 12 Uhr mittags schüttet und hagelt es dermaßen auf die Hanse­stadt Bremen, dass du keine Ente vor die Tür ge­jagt hättest. Trotz des schauerlichen Sauwetters schoss Wollnäherin Margarete Timm durch dicke Regenfäden mit Hagelknoten hin und stammelte immer wieder dasselbe: „Syphilis… Miltenberg hat Syphilis…“
Viertel nach zwölf saß dieses blasse, zitternde, durchnässte zierliche Weiblein nun endlich warm und trocken bei der grobknochigen Kapitänswit­we Erna Blei, die vor drei Jahren erst nach Bre­men gezogen war. Trotz ihrer vierkantigen Statur wirkte sie hübsch durch ihr angenehmes Gesicht, glänzende dunkle Haare und fröhliche braune Au­gen. Sie hatte sich auf zurückhaltende Art einen Platz an der Sonnenseite Bremens erobert durch geistige Regsamkeit und eine liebevolle Ausstrah­lung. Und sie hatte bis jetzt alle Rechnungen und ihre Miete immer pünktlich bezahlt. Woher sie das Geld nahm, wusste keiner, doch denen, die es kassierten, war das egal. Witwe Blei roch nach Aloe Vera. Es hieß von ihr,  sie habe das zweite Gesicht.
Margarete Timm gehörte zu jenen Leuten, die sich gern die Karten legen lassen, wenn sie nicht mehr wissen, was Trumpf ist. Diesbezüglich galt Erna Blei als anerkannte Fachfrau, gerade auch wegen ihrer Zurückhaltung und der Tatsache, dass sie sich nie aufdrängelte mit ihren Karten oder ihre Fähigkeiten selber lobte.
„Ich hab gehört, Mutter Timm, Vater Timm soll als Damenschneider dermaßen fleißig sein, dass er beim Nähen die Luft anhält, um zehn Stiche mehr pro Tag zu schaffen“, lachte die lustige Kapi­tänswitwe. „Herzlichen Glückwunsch! Dann brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen wegen deines Haushaltsgeldes.“
„Wie viel?“ fragte Mutter Timm und zog einen kleinen  Geldbeutel aus den nassen Falten ihrer Kleidung.
„Einen Taler kostet dich der Spaß heute, weil du es bist.“ Der Taler wanderte übern Tisch und verschwand in Ernas roter Manschette am linken Ärmel. Nun wickelte sich die Witwe ihren schwar­zen Schal um den Kopf und zündete noch drei Kerzen an.
„Wo brennt‘s denn diesmal, Mutter Timm?“ fragte Witwe Blei, die Mitte zwanzig war und aus­sah wie Ende vierzig.
„Der Miltenberg hat Syphilis, Erna“, keuchte Mutter Timm, „und er säuft wie ein Loch. Aber da­von haben wir doch gar nichts geahnt, als er um Gesches Hand anhielt.“
Pause. Erna Blei hatte es nicht eilig und schon Schlimmeres erlebt.
„Und unser Sohn macht mir das Herz schwer“, fuhr die Timm zitternd fort. „Ständig läuft Johann Timm junior mit finsteren Blicken durch die Ge­gend, redet mit niemandem und ist so unzufrie­den, dass Gott erbarm. Und regnen tut es ja nun auch noch wie die Sintflut. Hoffentlich halten die Deiche das viele Wasser aus. Ich weiß gar nicht, was aus uns werden soll, wenn es so weitergeht.“ Sie seufzte inbrünstig. „Wenn doch der Milten­berg bloß verrecken würde an seinem Suff.“
Witwe Blei mischte schweigend ihre Karten durch, ließ Mutter Timm abheben und legte den halben Tisch in Viererreihen voll. Dann konzen­trierte sie sich. Draußen rauschte der Regen wei­ter wie die Niagarafälle.
Die Kapitänswitwe schwieg weiter, bis ihre Kli­entin es nicht mehr aushielt. „Was siehst du denn, Erna? Nun sag mir‘s doch!“
„Dein Sohn wird bald im zweitältesten Gewer­be der Welt arbeiten, Margarete“, flüsterte Erna geheimnisvoll.
„Ich weiß ja, was das älteste Gewerbe der Welt ist“, stotterte Mutter Timm. „Aber was ist denn das zweitälteste?“
„Du wirst es schon sehen, wenn er soweit ist“, antwortete die Witwe, die beim Wahrsagen im­mer gern mit den leichtesten Themen anfing. „Kann ich sonst noch etwas für dich tun, Margarete? Willst du vielleicht einen Blick in die Zukunft deiner Tochter werfen? Oder willst du wissen, ab wann in Bremen wieder die Sonne scheint?“
„Am besten beides“, antwortete Mutter Timm und kicherte wie ein Backfisch. Sie war kurz vorm Nervenzusammen-bruch gewesen und nun wie ein Kind, das Lachen und Weinen in einem Sack hat.
Erna Blei betrachtete noch einmal die Karten, bekam plötzlich einen schweren Hustenanfall, riss das Fenster auf, um wieder Luft zu bekom­men, und fing dann mit einem leidenschaftlichen Sopran an zu singen:
„Glücklich ist,
Wer vergisst,
Was doch nicht zu ändern ist.“
Sie hatte nämlich nicht nur das zweite Gesicht, sondern auch noch das zweite Gehör für kom­mende Melodien.
Gerichtsdiener Lüder Siemers lehnte zur glei­chen Zeit am offenen Fenster des Stadthauses, fand diesen Gesang in der Ferne total kurzweilig, nuckelte an seiner weißen Tonpfeife und war ganz froh über seinen krisensicheren Job. Norma­lerweise spuckte er nie aus, das hatte er sich im Gerichtssaal abgewöhnt, doch diesmal spie er fröhlich nach draußen in den Regen und beteiligte sich so auch noch privat am öffentlichen Niederschlag.
Wenig später schimmerte der Himmel über Bremen wieder wolkenlos und hell wie ein Fest­zelt von innen.
Noch später kehrte Mutter Timm heim und zog ein trockenes Kleid an, ein riedgrünes Maxikleid aus der preiswerten Wolle von wegen Sturmflut ertrunkenen und notgeschlachteten irischen Küs­tenschafen.
„Es wird alles gut werden, Vater“, sagte sie ru­hig zu ihrem Mann, der gerade wieder beim Nä­hen die Luft anhielt. „Es wird alles gut.“
Zur gleichen Zeit redete der junge Senator und Untersuchungsrichter Droste ein ernstes Wort mit Gerichtsdiener Siemers. „Das geht so nicht weiter, Lüder“, sprach Droste. „Die Verbrecher beschweren sich schon über dich und sagen, wie du herumläufst, das sei der schlimmste Räuberzi­vil, den sie je gesehen hätten. Also kauf dir gefäl­ligst endlich einen Gürtel, sonst denken alle, du machst dir die Hose mit der Kneifzange zu.“ Weil der Senator seinen sozialen Tag hatte, gab er Sie­mers einen Taler als Zuschuss für Dienstkleidung.
Ungefähr siebzehn Minuten später betrat Lü­der Siemers das Sattlereigeschäft Pelzerstraße 37, in dem Gesche Miltenberg, geborene Timm, hin­term Verkaufstresen stand. Nach einem Blick auf seine frisch geröhrten Hosen strahlte sie den Kunden wie eine Honigkuchenkönigin verkaufs­fördernd an. „Was darf’s denn sein, Herr Gerichts­diener?“
Gesche war so hübsch, dass Siemers erst mal die Spucke wegblieb. Diese neue Hauptrolle als Hausherrin kam ihren Starallüren sehr entgegen und auch als Gattin lebte sie sich lässig und ge­schickt an der grünen Seite des Sattlermeisters Miltenberg ein, wenn der denn nicht gerade blau war. Leider nagte zwischen seinen Beinen diese ekelhafte Krankheit, die er sich als gern gesehe­ner Besucher bei Bremens Hafennutten geholt hatte. Bis zur vollständigen Heilung war er bei seinen ehelichen Pflichten erst mal dienstuntaug­lich. Doch weil er selber sowieso mehr Säufer als Sexist war und Gesche ihn nicht nur aus Liebe ge­heiratet hatte, konnten beide diese Schonzeit ver­hältnismäßig gut verkraften, obwohl Gesche sich inzwischen doch ein bisschen einsam vorkam.
„Heute brauch ich einen Gürtel, tapfere kleine Frau“, brummte Siemers und fand sich verdammt charmant.
„Wie wär’s mit dem hier?“, frug Gesche und warf locker einen fast handbreiten Riemen aus bestem Büffelleder mit silberner Gürtelschnalle auf den Ladentisch. „Das Modell wird immer gern genommen und ist jetzt total angesagt in Paris, New York und  Sankt Petersburg.“
„Du musst es ja wissen, Gesina“, brummte Lüder und machte damit bei ihr zwanzig Punkte, denn so nannte sie sich selbst gern. „Mit dem fe­schen Gürtel da muss ich mich doch vor allen Bre­merinnen verstecken, wenn ich mal eine Nacht al­leine verbringen will. Ich brauch aber was Seri­öses fürs Gericht und fürs Stadthaus.“
„Wie kommt Ihr denn klar mit den eingesperr­ten Verbrechern im Stadthaus?“, fragte sie neu­gierig. = = =

Frau Mewes-Fischer war nun ebenfalls neugierig geworden. „Dieses Buch interessiert mich, Garçon“, sprach sie. „Wo gibt es das denn?“

„Hier“, antwortete Urs Bergner, „Sie müssen nur das Titelbild anklicken“:

 

Titelbild
Herbert-Friedrich Witzel: „Der Engel von Bremen“; als eBook und gedruckt erhältlich.

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Wird fortgesetzt, es kommt noch besser – bald geht die Geschichte weiter voran im CAFÉ FANTASY …

 

Sa=Sonnabend, 10. Mai 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 81

Sa=Sonnabend, 10. Mai 2014

  1. Tagesmusik Louis Armstrong;
  2. Bild des Tages: Henry Fords „Friedensschiff“;
  3. Spruch zum Tage von Sophokles;
  4. Kalendergeschichte, diesmal von Herbert Witzel;
  5. Vorlesung, Hebammen lesen Bertolt Brecht;
  6. Fortsetzungsgeschichte pausiert noch.

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Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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1. Da sind zwar diesmal keine Bilder bei, aber Satchmos Sound ist so einzigartig herzerfrischend, dass es sich trotzdem lohnt. Ton ab für Louis Armstrong: „Give Peace A Chance“.

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S;=)

Bild des Tages:

Ford-Peace-Ship.
Henry Fords „Friedensschiff“ Oscar II, mit dem er den Ersten Weltkrieg ausbremsen wollte. Damit machte er sich zwar lächerlich, weil alle dachten, sie gewinnen, aber er hat es wenigstens versucht.

Dieses Foto zeigt das Schiff beim Auslaufen am 4. Dezember 1915. – Na, OK, Henry Ford ist  bei Intensivbänkern wie bei Sozis gleichermaßen verhasst, aber ich muss ja mit beiden nix am Hut haben. – Weil ich seine Aktion sehr liebenswürdig finde, hab ich eine Kurzgeschichte draus gemacht, die gibt es heute und morgen kostenlos als Ebook, wenn nicht gleich, dann wird das jedenfalls im Laufe des Tages freigeschaltet, wie wir das gelernt haben: Mit Compuger geht alles schneller, es dauert bloß länger.

http://www.amazon.de/Fahrt-mit-Ford-Zipfel-Weltfriedensversuch-ebook/dp/B0081RZ90A/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1399616130&sr=8-1&keywords=WiTzel+Ford

 

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S;=)

Spruch zum Tage:

Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.

SOPHOKLES.

 

S;=)

Kalendergeschichte:

Die Generation meiner Eltern und Großeltern hatte wahrlich genug vom Krieg. Das galt sogar für solche Gewohnheits-Feindbilder wie Franz Josef Strauß, der sagte: „Wenn ein Deutscher noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dann soll ihm der Arm abfallen.“ – Ich selber bin in Braunschweig noch zwischen Ruinen aufgewachsen und eher vom Frieden begeistert als vom Krieg, denn im Frieden ist viel mehr möglich. Andere sehen das durchaus anders, schließlich wird mit Waffen und anderem Kriegsbedarf noch mehr Geld verdient als mit Rauschgift und Menschenhandel. Und als Kriegsherr ist man ja auch wenigstens mal richtig wichtig, weil man die Kinder anderer Leute in den Tod schicken kann.

 

Heinrich_Zille.
Heinrich Zille: Das Schwein vor dem Krieg und nach dem Krieg (1918).

Es war fünfzig Jahre Ruhe für Deutschland, bis die roten Grünen an die Macht kamen. Für diese lila linken Leute sind wir Mitmenschen so eine Art Laborratten für Großversuche. Deshalb startete dann auch „Kamerad Turnschuh“ Joschka Fischer von der Kommunistischen Bausparkasse Westdeutschland (KBW) den Großversuch, deutsche Soldaten in den Tod zu schicken getreu seiner Devise: „Deutsche Helden muss man tottreten.“ – Wie geht das? Wenn du brüllst: „Nie wieder Auschwitz!“, richtig. Und wenn du dann noch einen typischen Berufspolitiker wie Scharping, der nix anderes kann als sogenannte „Politik“, losschickst mit möglichst grausamen Horrorfotos, einseitig rausgesucht von irgendeiner exklusiven Werbeagentur Marke Psychomann & Co. KG, dann schaffst du es tatsächlich, den Frieden wieder abzuschaffen. Krieg fängt ja sowieso immer der andere an, deshalb brauchst du auch kein Gewissen, sondern nur eine Überzeugung bzw. eine Ideotologie. „Das Schlimme ist, dass alle ihre Gründe haben.“ (Jean Paul Sartre.) – Drum sind „unsere“ Politiker so geil auf die Ukraine, wo mein Onkel „Ottchen“ Witzel sein Soldatengrab gefunden hat, weil er dort 1943 an der Ostfront gefallen ist.

Nun ist es vorbei mit der Ruhe, die keine Friedhofsruhe war, sondern eine innere Ruhe des Herzens. Der Unterschied wird nur verständlich, wenn man eins hat. Das können „unsere“ Politiker uns zwar nicht nicht schenken, sie können es uns aber Gott sei Dank auch nicht wegnehmen.

Herbert WiTzel

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Vorlesung

http://volkslesen.tv/13-08-hebammen-lesen-bertolt-brecht/

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Fortsetzungsgeschichte: Pausiert noch.

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Das war WiTzels Tagblatt Nr.:

Otto-Ubbelohde.
Otto Ubbelohde: Illustration zum Märchen vom starken Hans.

Sa=Sonnabend, 26. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 69

Sonnabend, 26. April 2014

 

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Ton ab für unsere kostbare bayrische Nachtigall CLAUDIA KORECK:

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S;=)

Bild des Tages:

Jean-Francois_Millet
Jean-Francois Millet: Die Ährenleserinnen (1857).

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S;=)

Spruch zum Tage:

Jedes Thema ist gut. Es handelt sich nur darum, es mit Kraft und Klarheit wiederzugeben. In der Kunst muss man einen Hauptgedanken haben, diesen Gedanken muss man mit Beredsamkeit aussprechen, man muss selbst an seine Wahrheit glauben und diese Wahrheit den anderen mitteilen mit der Schärfe eines Prägstocks.

JEAN-FRANCOIS MILLET.

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S;=)

Kalendergeschichte:

Ruft einer beim Wettermann vom TV an: „Ich wollte Ihnen nur Bescheid sagen, dass die Feuerwehr gerade Ihre 30° und Sonnenschein aus meinem Keller gepumpt hat.“

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So ist das mit dem Keller und dem Wetter. Wenn es nicht um Niederschläge geht, sondern um Sperrmüll und Allesabfuhr, vor allen Dingen in Berlin, dann empfehlen wir kein TV und keinen Herrn Kachelmann, sondern Firma Frank Toebs:

Frank Toebs
entruemplung.de

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Vorlesung http://volkslesen.tv/16-08-steuerfluechtlinge-lesen-wolfgang-borchert/

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Fortsetzungsgeschichte: Dauert noch ein bisschen.

Danke für Ihre Geduld.

Dies war WiTzels Tagblatt Nr.

Nr.69
Illustration: Frank Ubbelohde (zum Märchen von den zwölf Brüdern).

 

Dienstag, 22. April 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 65

Dienstag, 22. April 2014

  1. Tagesmusik MARDI GRAS.BB und „Hop Sing Song“; 2. Bild des Tages: Amiet – Apfelernte; 3. Spruch zum Tage aus dem WIENER MUSENALMANACH (1782); 4. Kalendergeschichte Heinrich von Kleist ZWEITER TEIL; 5. Vorlesung Volkslesung; 6. Café Fantasy heute geschlossen.

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Bild und Ton ab für MARDI GRAS.BB und den „Hop Sing Song“:

 

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Ein Dankeschön dafür geht an Dr. Gundolf Krüger in Göttingen.

S;=)

Bild des Tages:

Cuno Amiet.
Cuno Amiet: Apfelernte (1907).

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S;=)

Spruch zum Tage – Adam an Gott bei Evas Anblick:

Adam an Gott bei Evas Anblick:
Kannst du so schöne Sachen
aus meinen Rippen machen,
so nimm, so nimm doch nur noch mehr,
nimm alle meine Rippen, Herr!

WIENER MUSENALMANACH (1782).

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S;=)

 

Kalendergeschichte von unserem Gastautor HEINRICH VON KLEIST:

(Ist zwar etwas länger, aber das Lesen lohnt sich.)

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

TEIL ZWEI

Carl_Spitzweg-Der_Schmetterlingsfänger.

Carl Spitzweg: Der Schmetterlingsfänger (1837).

Mir fällt jener „Donnerkeil“ des Mirabeau ein, mit welchem er den Zeremonienmeister abfertigte, der nach Aufhebung der letzten monarchischen Sitzung des Königs am 23ten Juni, in welcher dieser den Ständen auseinanderzugehen anbefohlen hatte, in den Sitzungssaal, in welchem die Stände noch verweilten, zurückkehrte, und sie befragte, ob sie den Befehl des Königs vernommen hätten? „Ja“, antwortete Mirabeau, „wir haben des Königs Befehl vernommen“ – ich bin gewiß, daß er, bei diesem humanen Anfang, noch nicht an die Bajonette dachte, mit welchen er schloß: „ja, mein Herr“, wiederholte er, „wir haben ihn vernommen“ – man sieht, daß er noch gar nicht recht weiß, was er will. „Doch was berechtigt Sie“ – fuhr er fort, und nun plötzlich geht ihm ein Quell ungeheurer Vorstellungen auf -, „uns hier Befehle anzudeuten? Wir sind die Repräsentanten der Nation.“ – Das war es, was er brauchte! „Die Nation gibt Befehle und empfängt keine“ – um sich gleich auf den Gipfel der Vermessenheit zu schwingen. „Und damit ich mich Ihnen ganz deutlich erkläre“ – und erst jetzt findet er, was den ganzen Widerstand, zu welchem seine Seele gerüstet dasteht, ausdrückt: „So sagen Sie Ihrem Könige, daß wir unsere Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden.“ – Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte. – Wenn man an den Zeremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei diesem Auftritt nicht anders als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von einem elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisierten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte Elektrizität erweckt wird. Und wie in dem elektrisierten dadurch, nach einer Wechselwirkung, der in ihm inwohnende Elektrizitätsgrad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Mut, bei der Vernichtung seines Gegners, zur verwegensten Begeisterung über. Vielleicht, daß es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte. Man liest, daß Mirabeau sobald der Zeremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand, und vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich, zu konstituieren. Denn dadurch, daß er sich, einer Kleistischen Flasche gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden, und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Schloßherrn und der Vorsicht Raum.

Carl_Spitzweg-Paß.
Carl Spitzeg: „Wo ist der Paß?“ (1855).

Dies ist eine merkwürdige Übereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt, welche sich, wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumständen bewähren würde. Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache zurück.

 

 

Spitzweg-Verbotener_Weg
Carl Spitzweg: Spaziergang am Rande des Kornfeldes (Verbotener Weg) (1849).

Auch Lafontaine gibt, in seiner Fabel: les animaux malades de la peste [= die Pest unter den Tieren], wo der Fuchs dem Löwen eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkwürdiges Beispiel von einer allmählichen Verfertigung des Gedankens aus einem in der Not hingesetzten Anfang. Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Tierreich, der Löwe versammelt die Großen desselben, und eröffnet ihnen, daß dem Himmel, wenn er besänftigt werden solle, ein Opfer fallen müsse. Viel Sünder seien im Volke, der Tod des größten müsse die übrigen vom Untergang retten. Sie möchten ihm daher ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er, für sein Teil, gestehe, daß er, im Drange des Hungers, manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde, wenn er ihm zu nahe gekommen; ja, es sei ihm in leckerhaften Augenblicken zugestoßen, daß er den Schäfer gefressen. Wenn niemand sich größerer Schwachheiten sich schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu sterben. »Sire«, sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten will, »Sie sind zu großmütig. Ihr edler Eifer führt Sie zu weit. Was ist es, ein Schaf erwürgen? Oder ein Hund, diese nichtswürdige Bestie? Und: quant au berger«, fährt er fort, denn dies ist der Hauptpunkt: »On peut dire«; obschon er noch nicht weiß, was? »qu’il méritoit tout mal«; auf gut Glück; und somit ist er verwickelt; »etant«; eine schlechte Phrase, die ihm aber Zeit verschafft: »de ces gens la«, nun erst findet er den Gedanken, der ihn aus der Not reißt: »qui sur les animaux se font un chimerique empire«. Und jetzt beweist er, daß der Esel, der blutdürstige! (der alle Kräuter auffrißt), das zweckmäßigste Opfer sei, worauf alle über ihn herfallen, und ihn zerreißen.

Esel (= Opfer).

Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakte, für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Achse.

Das Rad des HImmelswagens.

Etwas ganz anderes ist es, wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann muß er bei seiner bloßen Ausdrückung zurückbleiben und dies Geschäft, weit entfernt ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen. Wenn daher eine Vorstellung verworren ausgedrückt wird, so folgt der Schluß noch gar nicht, daß sie auch verworren gedacht worden sei; vielmehr könnte es leicht sein, daß die verworrenst ausgedrückten gerade am deutlichsten gedacht werden. Man sieht oft in einer Gesellschaft, wo, durch ein lebhaftes Gespräch, eine kontinuierliche Befruchtung der Gemüter mit Ideen im Werk ist, Leute, die sich, weil sie sich der Sprache nicht mächtig fühlen, sonst in der Regel zurückgezogen halten, plötzlich, mit einer zuckenden Bewegung aufflammen, die Sprache an sich reißen und etwas Unverständliches zur Welt bringen. Ja, sie scheinen, wenn sie nun die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen haben, durch ein verlegnes Gebärdenspiel anzudeuten, daß sie selbst nicht mehr recht wissen, was sie haben sagen wollen. Es ist wahrscheinlich, daß diese Leute etwas recht Treffendes, und sehr deutlich, gedacht haben. Aber der plötzliche Geschäftswechsel, der Übergang ihres Geistes vom Denken zum Ausdrücken, schlug die ganze Erregung desselben, die zur Festaltung des Gedankens notwendig, wie zum Hervorbringen, erforderlich war, wieder nieder. In solchen Fällen ist es um so unerläßlicher, daß uns die Sprache mit Leichtigkeit zur Hand sei, um dasjenige, was wir gleichzeitig gedacht haben, und doch nicht gleichzeitig von uns geben können, wenigstens so schnell als möglich, aufeinander folgen zu lassen. Und überhaupt wird jeder, der, bei gleicher Deutlichkeit, geschwinder als sein Gegner spricht, einen Vorteil über ihn haben, weil er gleichsam mehr Truppen als er ins Feld führt.

Schachbrett.

Wie notwendig eine gewisse Erregung des Gemüts ist, auch selbst nur, um Vorstellungen, die wir schon gehabt haben, wieder zu erzeugen, sieht man oft, wenn offene und unterrichtete Köpfe examiniert werden, und man ihnen, ohne vorhergegegangene Einleitung, Fragen vorlegt, wie diese: Was ist der Staat? Oder: Was ist das Eigentum? Oder dergleichen. Wenn diese jungen Leute in einer Gesellschaft befunden hätten, wo man sich vom Staat, oder vom Eigentum, schon eine Zeit lang unterhalten hätte, so würden sie vielleicht mit Leichtigkeit, durch Vergleichung, Absonderung und Zusammenfassung der Begriffe, die Definition gefunden haben. Hier aber, wo die Vorbereitung des Gemüts gänzlich fehlt, sieht man sie stocken, und nur ein unverständiger Examinator wird daraus schließen, daß sie nicht wissen. Denn nicht wir wissen, es ist allererst ein gewisser Zustand unsrer, welcher weiß. Nur ganz gemeine Geister, Leute, die, was der Staat sei, gestern auswendig gelernt, und morgen schon wieder vergessen haben, werden hier mit Antwort bei der Hand sein. Vielleicht gibt es überhaupt keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade eine öffentliches Examen. Abgerechnet, daß es schon widerwärtig und das Zartgefühl verletzend ist, und daß es reizt, sich stetig zu zeigen, wenn solch ein gelehrter Roßkamm nach den Kenntnissen sieht, um uns, je nachdem es fünf oder sechs sind, zu kaufen oder wieder abtreten zu lassen: es ist so schwer, auf ein menschliches Gemüt zu spielen und ihm seinen eigentümlichen Laut abzulocken, es verstimmt sich so leicht unter ungeschickten Händen, daß selbst der geübteste Menschenkenner, der in der Hebeammenkunst der Gedanken, wie Kant sie nennt, auf das meisterhafteste bewandert wäre, hier noch, wegen der Unbekanntschaft mit seinem Sechswöchner Mißgriffe tun könnte. Was übrigens solchen jungen Leuten, auch selbst den unwissendsten noch, in den meisten Fällen ein gutes Zeugnis verschafft, ist der Umstand, daß die Gemüter der Examinatoren, wenn die Prüfung öffentlich geschieht, selbst zu sehr befangen sind, um ein freies Urteil fällen zu können. Denn nicht nur fühlen sie häufig die Unanständigkeit dieses ganzen Verfahrens: man würde sich schon schämen, von jemanden, daß er seine Geldbörse vor uns ausschütte, zu fordern, viel weniger, seine Seele: sondern ihr eigener Verstand muß hier eine gefährliche Musterung passieren, und sie mögen oft ihrem Gott danken, wenn sie selbst aus dem Examen gehen können, ohne sich Blößen, schmachvoller vielleicht, als der, eben von der Universität kommende, Jüngling, gegeben zu haben, den sie examinierten.

Heinrich von Kleist.
Heinrich von Kleist.

(Entstanden und geschrieben 1805, veröffentlicht posthum 1878 in der Zeitschrift „Nord und Süd“, herausgegeben von Paul Lindau, und 2014 in „WiTzels Tagblatt“, herausgegeben von Hermann Syzygos.)

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Vorlesung http://volkslesen.tv/41-11-coburger-frauen-lesen-petra-durst-benning/

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Fortsetzungsgeschichte:
CAFÉ FANTASY geht demnächst weiter, heute reicht uns dieser geniale Kleist-Text – siehe oben. Der will erst mal verarbeitet sein, wir sind hier nicht beim Fernsehen, wo das Denken durch Dauerberieselung ausgeschaltet wird. – Wenn mir vor zwanzig Jahren einer erzählt hätte, dass wir für diese Berieselung eines Tages sogar zwangsweise eine zwanghafte Verblödungssteuer bezahlen müssen, also, ich hätte es für Spinne gehalten. Und dass jetzt meine Altersgenossen an diesen Schröpfköpfen sitzen und sich nicht entblöden, immer noch „die Gesellschaft“, die inziwschen aus uns selber besteht, für alles Üble verantwortlich zu machen, das hätte ich erst recht nicht geglaubt.

= = = So, liebe Freundinnen und Freunde des Internets daheim vor den Monitoren, das war WiTzels Tagblatt Nr.

Nummerngirl Julia.
Nummerngirl Julia. DANKE fürs herzerfrischende Lächeln!

 

 

 

Dienstag, 11. März 2014 – WiTzels Tagblatt Nr. 34

Dienstag, 11. März 2014

  1. Dienstag heißt „Tuesday“ uff Englisch, wa, deshalb grüßen wir bzw. The Corrs (nebst „Rolling Stone“ Ron Wood) heute ganz, ganz herzlich Mr. Bundespresident Gauck mit dem Lied: „Ruby Tuesday“, 
  2. Doppelbild des Tages: VERTUMNUS, der Gemüsegott;
  3. Spruch zum Tage von Winnetou, dem Häuptling der Apachen;
  4. Die passende Kalendergeschichte kommt diesmal aus der Gastronomie; 
  5. Vorlesung eines wunderschönen Textes, geschrieben von Christine Nöstlinger und vorgelesen von der Industriedesignerin Beate Artweger [in Hintergrund rauscht gaanz, gaaanz leise die Donau];
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.
  7. Premiere: die erste Schachaufgabe in WiTzels Tagblatt !

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Ton ab für The Corrs und Ron Wood, LIVE aus Dublin mit „Ruby Tuesday“:

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S;=)

Bild des Tages 1

Der Gott des Gemüses: VERTUMNUS

Arcimboldo.
Guiseppe Arcimboldo: Kaiser Rudolf II., porträtiert als VERTUMNUS (1590).

Diese vegetarische göttliche Frohnatur interessierte sich schon auch für Fleisch, aber nicht unbedingt auf dem Teller. Jedenfalls entnehme ich das diesem Schnappschuss des Paparazzo Peter Paul Rubens:
Vertumne_et_Pomone_-_Peter_Paul_Rubens_(1617-1619)_

Rubens: Vertumnus und Pomona (1619). [Abfotografiert im Louvre von Jean-Pol GRANDMONT 2013 – Danke dafür!]

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S;=)

Spruch zum Tage:

Das Wort Vegetarier stammt aus der Indianersprache und bedeutet ursprünglich: zu doof zum Jagen.

WINNETOU im Nachwort zu seinem vierten Band.

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S;=)

Die passende Kalendergeschichte stammt heute aus dem Bereich der Gastronomie:

Herr Ober, soll dieser Salat wirklich für zwei Personen sein?

Aber sicher doch, mein Herr!

Und warum ist nur eine Schnecke drin?

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S;=)

Vorlesung diesmal aus der Wachau: 

http://volkslesen.tv/23-12-sommerspiele-melk-lesen-christine-noestlinger/

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Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

1917

Der Prozess gegen Mata Hari nahm weiter seinen Lauf und ihre früheren Liebhaber versteckten sich. „Am Tag der Kriegserklärung“, sagte Oberst Somprou zur Angeklagten, “haben Sie mit dem Polizeipräsidenten von Berlin gefrühstückt und ihn dann zu seinem Wagen geleitet, umgeben von der aufgeregten Menge.“

Das stimmt“, antwortete Mata Hari. „Den Polizeipräsidenten hatte ich in einem Varieté, wo ich tanzte, kennengelernt. In Deutschland ist die Polizei berechtigt, die Kostüme der Künstlerinnen zu prüfen. Man hatte in den Zeitungen geschrieben, ich erschiene fast nackt auf der Bühne. Infolgedessen wollte der Polizeipräsident meine Aufmachung selbst sehen und begutachten. So lernten wir uns kennen und traten in Beziehungen zueinander.“

Briefmarke.

Sehr richtig“, nickte Oberst Somprou. „Kurz darauf beauftragte Sie der Chef der deutschen Spionage mit einer vertraulichen Mission und schickte Ihnen 30.000 Mark.“

Das stimmt, was die Person und die Summe betrifft“, antwortete Mata. „Dieser hohe Beamte schickte mir genau dreißigtausend Mark, aber nicht als Bezahlung für Dienste der von Ihnen genannten Art, sondern für meine Hingabe. Der Chef der deutschen Spionage war mein Geliebter.“

Das war uns bekannt“, sagte Somprou. „Aber diese Summe erscheint uns, offen gesprochen, maßlos hoch als Geschenk für empfangene Liebe.“

Mir nicht“, schüttelte Mata ihren hübschen Kopf, so dass die dichten dunklen Locken flogen. „Niemals gab mir jemand weniger.“

Umso besser für Sie“, fuhr der Oberst fort. „Von Berlin aus kamen Sie nach Paris, und zwar über Belgien, Holland und England. Was wollten Sie hier?“

Ich wollte vor allem meinen Umzug aus der Villa in Neuilly überwachen“, sprach Mata.

Somprou betrachtete skeptisch erst sie und dann die Akten, die er vor sich liegen hatte. „Unmittelbar danach begaben Sie sich unter dem Vorwand, in einem Feldlazarett helfen zu wollen, für sieben Monate in die Kampfzone.“

Jawohl, in Vittel war ich, aber nicht als Krankenschwester im Lazarett. Ich wollte dort einen russischen Soldaten pflegen, den Hauptmann Masloff.“ Hier musste das Kriegsgericht die Tatsache akzeptieren, dass diese verderbte Bajadere und gewissenlose Kurtisane, die ihre bisherigen Gunstzuwendungen eingestandener­maßen einen „Luxusartikel für närrisch gewordene Millionäre“ nannte, in ihren Beziehungen zu diesem moskowitischen Offizier eine mustergültige Zärtlichkeit bewies. So konnte es in den Polizeiberichten nachgelesen werden.

Major Massard sprach in seinem Prozessbericht von solchen, die so betört oder verblendet waren, dass sie die Schuld Mata Haris anzweifelten. „Solche Zweifel“, betonte er, „sind gänzlich unbegründet.“

Er drehte den Spieß um und wertete ihren lebhaft geäußerten Wunsch, in Verbindung mit Soldaten zu gelangen, als Beweis für ihre moralische Verwerflichkeit und den Hang zur Spionage.

Sie selbst bekannte sich zu dieser persönlichen Vorliebe im Prozess: „Männer, die nicht der Armee angehörten, haben mich nie interessiert. Der Offizier ist in meinen Augen ein höheres Wesen, ein Mann, der beständig ein Heldenleben führt, immer gerüstet gegen alle Abenteuer, gegen alle Gefahren. Wenn ich mich verliebte dann immer in tapfere und zuvorkommende Männer des Heeres, ohne mich darum zu kümmern, welchem Lande sie angehörten, denn für mich bilden die Krieger nun einmal eine besondere Art, hoch über allen anderen Menschen.“

Oberst Somprou, Präsident des Kriegsgerichtes, der als rechtschaffener Soldat den Verhandlungen vorstand, murmelte nach diesen Worten Mata Haris: „Tatsache ist aber doch, dass man Sie seit Ihrer Ankunft in Paris nur in Gesellschaft von Militärs sah. Besonders die Flieger schienen es Ihnen angetan zu haben, was allerdings auf Gegenseitigkeit beruhte, denn diese Männer suchten Sie gern auf und machten Ihnen den Hof. Wie gelang es Ihnen, den Fliegern ihre militärischen Geheimnisse zu entreißen, die sie zu wahren hatten? Das könnten uns wohl nur die Wände Ihres Boudoirs verraten. – Es ist erwiesen, dass Sie dem Feind die Punkte bezeichnet haben, an denen wir Beobachtungsposten aufstellten, um das Vorrücken der Front zu überwachen.“ Seine Stimme klang jetzt hart und metallisch. „Dadurch haben Sie eine große Zahl unserer Soldaten, die Sie angeblich so lieben, in den Tod geschickt!“

Als ich im Feldlazarett den Rittmeister Masloff pflegte, habe ich fortgesetzt mit dem Chef der deutschen Spionage in Holland korrespondiert, das leugne ich nicht“, sagte Mata Hari und bewahrte eine Ruhe bei diesem schweren Schuldvorwurf, die alle Anwesenden verwirrte. „Ich kann doch nichts dafür, dass der Mann diese Funktion ausübte. Niemals habe ich ihm vom Krieg geschrieben oder etwas darauf Bezügliches mitgeteilt.“

Dann kam die Rede des Obersten auf jenen erschossenen belgischen Doppelagenten, durch den sie Ladoux in die Falle ging.

Mata Hari war fälschlicherweise davon ausgegangen, Ladoux’ Liste der belgischen Agenten sei „veraltet“ gewesen. Deshalb habe sie die Namen gegen Geld weitergegeben. Mit dieser Antwort hatte sie ihr Todesurteil ausgesprochen.

Kerzengerade stand sie da in diesem Prozess und fühlte sich nur sichtbar gedemütigt, wenn ihr der Ankläger mit befehlsgewohnter Stimme indiskrete Fragen stellte. Was sie schwer betroffen machte und erregte, das waren hartnäckige Zweifel ihrer Richter, sobald es sich um die erheblichen Summen handelte, die sie sämtlich als Geschenke für ihre Hingabe erhalten haben wollte und nicht als Agentinnenhonorar. Dann wurden ihre Augen sekundenlang hart und hasserfüllt, und sie unterstrich ihre Antworten mit einer groben und verächtlichen Gestik.

Sie hat das alles einstudiert“, flüsterten sich ihre Gegner in diesen Momenten zu. Doch wenn man ihr nur ein bisschen Menschenwürde gönnt und die Szene aufmerksam betrachtet, dann war ihr Verhalten doch sehr authentisch. So ist sie nun einmal gewesen. So war Mata Hari, oder so ist sie jedenfalls geworden. Die Koketterie, mit der sie die Falten ihres Rockes fallen lässt, wenn sie sich auf die Anklagebank setzt, und ihr seltsames Lächeln, mit dem sie manche Punkte der Anklagerede zur Kenntnis nimmt, diese weiblichen Aktionen und Reaktionen bringen den Stadtkommandanten Major Massard und seine militärischen grauen Zellen zur Weißglut.

Immerhin bescheinigt er Mata Haris Auftreten im Kriegsgericht Eleganz und natürliche Anmut: „Sehr groß“ sei sie, „schlank, das Gesicht ein wenig lang und schmal, hatte sie zeitweise eine herbe und unangenehme Miene trotz ihrer schönen stahlblauen Augen und regelmäßigen Züge. In ihrem dunkelblauen Kleid mit spitzem, sehr tiefem Ausschnitt und ihrem dreieckigen, kokett militärisch aufgesetzten Hut entbehrte sie nicht der Eleganz. Doch sie war völlig ohne Grazie, was bei einer Tänzerin überraschen muss. Am meisten Eindruck machte ihr entschlossener Gesichtsausdruck und ihre hohe Intelligenz, von der sie jeden Augenblick Proben gab.“

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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Kriege sollten nur noch unblutig auf solchen Brettern stattfinden. Mal sehen, wenn der liebe Gott will und wir leben, dann schaffen wir es vielleicht, jeden Dienstag eine

SCHACHAUFGABE anzubieten – Weiß ist dran, Matt in drei Zügen!!!

Aber wie?

schach-1-a
Weiß ist am Zug, wie gesagt. Fragt sich nur, von wo nach wo?

Auflösung morgen.

Dienstag, 4. März 2014 – WiTzels Tagblatt

  1. Tagesmusik mit John Fogerty und seinen Blue Ridge Rangers  dazu, dass wir Tempel des Heiligen Geistes“ sind, HOLY GHOST BUILDINGS: „Workin‘ On A Building“;
  2. Bild des Tages: Antoni Gaudís schöpferische Fortsetzung der Apostelgeschichte;
  3. Spruch zum Tage von Willy Brandt;
  4. Kalendergeschichte, diesmal über Else Lasker-Schüler in Berlin;
  5. Vorlesung, u.a. geht es diesmal um eine „Propheten-Ehe“ sozusagen, nämlich die Verheiratung eines 8jährigen Mädchens mit einem 30jährigen Mann (Kaufpreis: 1.100 EUR an den Vater und seine zwei Ehefrauen);
  6. Fortsetzungsgeschichte MATA HARI.

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Nächsten MONTAG ist Tagblatts Ruhetag, übrigens.

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Ton ab für den Ex-Sänger der Hit-Fabrik „Creedence Clearwater Revival“, John Fogerty, hier mit seinen Blue Ridge Rangers und einem wunderschönen alten Gospel:


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S;=)

Bild des Tages:
„Temple Expiatori de la Sagrada Família“ (entworfen von Antoni Gaudí, begonnen 1882)

Sagrada Familia.
Sagrada Familia.

Ein starkes Glaubenszeugnis, trotz des Gegensteuerns aus der Rot-Grünen Hölle. Was Väter angefangen haben, bauen die Söhne weiter. Mir hat gefallen, wie ein katalanischer Bauarbeiter sagte:

Sie können machen, was sie wollen – aber unseren anonymen Ruhm, den können sie uns nicht mehr wegnehmen.

Hier zwei Links, einmal zu Wikipedia und einmal zum Original – bitte klicken, es lohnt sich.

Auch für uns Berlinerinnen und Berliner ist es gut, mal was anderes zu sehen als den plattgemachten scheintoten Flughafen Tempelhof und das Wowereit-Schelmenstück „BER“, benannt nach Willy Brandt, weil der sich nicht mehr wehren kann. Im Jenseits soll er jetzt ja „Wirbel-Willy“ heißen und als Ventilator eingesetzt werden, weil er sich im Grabe entsprechend umdreht.

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S;=)

Spruch zum Tage:

Man soll sich erst dann ein Auto anschaffen, wenn man sich auch einen Chauffeur leisten kann.“

WILLY BRANDT, zeitlebens ohne Führerschein und trotzdem ziemlich weit herumgekommen.

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S;=)

Kalendergeschichte:

Else Lasker-Schüler in Berlin

Else (1875)
Else Lasker-Schüler frisch verheiratet (1894).

Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte das „Hotel Koschel“, Motzstraße 78 (heute Nr. 7), in den Besitz von Heinrich Münch. Er benannte es später um in „Hotel Sachsenhof“, so heißt es auch heute noch. Heinrich Münch war mit Else Lasker-Schülers Bruder Paul befreundet. Durch dieses Vitamin B ergab es sich, dass sie 1924 in das Hotel einzog und dort in einem bescheidenen Hofzimmer bis zu ihrer Emigration am 19. April 1933 wohnte.

Der Schriftsteller, Theaterkritiker und Journalist Georg Zivier schilderte ihr Zimmer wie folgt:

Eine Karawane von Glastieren stand auf dem Mitteltisch ihres Pensionszimmers, kompaßgenau in der Richtung nach Jerusalem aufgestellt, wo sie die letzte Phase ihres Lebens auch zubringen wollte.“

Peter Hille, Georg Trakl, Gottfried Benn, Richard Dehmel, Franz Werfel, George Grosz, Theodor Däubler, René Schickele und Oskar Kokoschka nannte sie ihre Freunde, in der Künstlerszene vom „Café des Westens“ bildete sie den Mittelpunkt. Allerdings verdiente sie als Mitarbeiterin der Zeitschriften „Der Sturm“ und „Die Aktion“ so bitter wenig, dass sie — nach ihren eigenen Worten — auf der Straße immer dicht am Rand der Häuser unter den Balkonen entlang ging, damit ihre Eltern im Himmel nicht mit ansehen müssten, wie arm sie war.
Das Bezirksamt Schöneberg ließ zum 300. Gründungstag der Jüdischen Gemeinde in Berlin am 10. September 1971 eine Gedenktafel am Hotel anbringen.

Gedenktafel.
Gedenktafel Motzstraße 7.


Nachdem Else Lasker-Schüler von Nazis auf der Straße überfallen und zusammengeschlagen worden war, ging sie über Zürich nach Jerusalem.
Die Dichterin wurde am 11. Februar 1869 als jüngstes von sechs Kindern des Bankiers Aaron Schüler in Elberfeld geboren, heiratete 1893 den Berliner Arzt Dr. Berthold Schüler und zog in die Reichshauptstadt. 1899 wurde das Paar geschieden. In dieser Zeit erschienen ihre ersten Gedichte in diversen Zeitschriften.
1899 bekam sie den Sohn Paul, der 1927 an Tuberkulose starb. Er entstammte der Verbindung mit einem Griechen, einem „Plebejerzigeuner, der Tag und Nacht in verräucherten Cafés spielte“. Sie nannte diesen Griechen „Alcibiades“ und gab seine wahre Identität nie bekannt. Sich selbst nannte sie später nach ihrem 1914 erschienen Geschichtenbuch „Jussuf, Prinz von Theben“.
In den vierzig Jahren, die sie in Berlin verbrachte, hatte sie mehrere mehr oder weniger armselige Unterkünfte. Als ihr erster Lyrikband „Styx“ erschien, hauste sie „in dem abgetrennten Käfig eines Kellers, einem ehemaligen Flaschenraum, den mir der Portier des Gebäudes geheimnisvoll, aber großzügig für 75 Pfennige monatlich auf seine Rechnung und Gefahr vermietet hatte“.

Else Lasker-Schüler
Briefmarke zum 30sten Todestag 1975.

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Vorlesung u.a. geht es diesmal um eine „Propheten-Ehe“ sozusagen, nämlich die Verheiratung eines 8jährigen Mädchens mit einem 30jährigen Mann (Kaufpreis: 1.100 an den Vater und seine zwei Ehefrauen):

http://volkslesen.tv/17-10-genderbibliothek-liest-uta-von-schrenk/

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Fortsetzungsgeschichte:

COVER-Mata_Hari

Ein Verdacht entsteht

Alles Leben ist Tanz.

Mata Hari

Während ihres Lebens mehrte sich Mata Haris Vitamin B zu den VIPs und Promis aus Politik und High Society. Diese Kontakte und Informationsquellen, mit denen Mata Hari bewusst oder unbewusst kokettierte und sich wichtig tat damit, hierdurch mehr zu wissen als der Rest der Welt, diese Kontakte wurden ihre Krankheit zum Tode. Außerdem mochte sie die Deutschen und Geld riecht sowieso überall nach nix, außer nach Beruhigungsmittel – egal, wo es herkommt.

Im Mai 1916 bot ihr Carl Cremer, seines Zeichens deutscher Konsul in Amsterdam, 20.000 Franc an, falls sie sich bereit erklärte, Deutschland Informationen zukommen zu lassen. Sie nahm das Geld und erklärte sich zu allen Schandtaten bereit, doch eine Gegenleistung erbrachte sie nie.

Nun erlaube ich mir zwei Einlagen, liebe Leserinnen und Leser, die Sie selbstverständlich überfliegen oder überflügeln können:

1. „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.“ Otto von Bismarck.

2. Treffen sich Tünnes und Schäl auf der Brücke zwischen Linksrheinisch und Rechtsrheinisch. Sagt der Tünnes: „Du, Schäl, ich hab gehört, deine Frau soll im Bett ja eine ganz tolle Nummer sein!“ – Sagt der Tünnes: „Ach, Schäl, du weißt doch wie das ist. Die einen sagen so und die andern sagen so.“

Erstens heißt der Erste Weltkrieg Erster Weltkrieg, weil Krieg war, und zweitens soll Mata Hari im Bett und überhaupt ein „lecker Mädchen“ gewesen sein.

Erstens wurde später der Spionageverdacht bereinigt durch den deutschen Generalmajor a. D. Friedrich Gempp. Dieser diente unter Kaiser Wilhelm II. als Walter Nicolais Stellvertreter und Nachfolger. Oberstleutnant Walter Nicolai war während WK I der deutsche Geheimdienstchef – Spitzname: „Vater der Lügen“. Gempp wusste zwar alles, was den Geheimdienst anging, und er hatte auch reichlich von Mata Hari als heißem Feger gehört. Doch von einer Spionin Mata Hari wusste er nichts.

Andererseits ist im Freiburger Militärarchiv als Maschinenskript und Mikrofilm einsehbar der 14teilige Erfahrungsbericht über den deutschen militärischen Nachrichtendienst im Ersten Weltkrieg, von eben jenem Generalmajor Friedrich Gempp verfasst, von den Amis zunächst in Washington gebunkert und 1976 der Öffentlichkeit bzw. den Deutschen übergeben. In diesem Bericht wird auch über die „Agentin H 21“ informiert, bei der es sich um Mata Hari handelt. Im Spätherbst des ersten Kriegsjahres 1915 trat sie in den Dienst der „Abteilung III b“.

Abteilungsleiter Oberstleutnant Walter Nicolai lud Mata Hari nach Köln ein, wo beide ein Gespräch führten mit dem Ergebnis, dass sie einem Führungsoffizier (Major Roepell) unterstellt wurde, der ihre Ausbildung als Agentin leiten und begleiten sollte.

Roepell habe ihr, heißt es in dem Bericht für die USA, „auf langen Spaziergängen am Rande der Stadt Köln das Agenten-Einmaleins“ beigebracht, während im Praktikum ein Experte mit ihr „chemisches Schreiben“ übte. Ausbildung im dualen System sozusagen.

Mata Hari habe den Auftrag bekommen, vom Eiffelturm aus [sollte ein Scherz sein ;)] Aufklärung über die nächsten Offensivpläne des Gegners zu betreiben, durch militärisch interessante Gebiete Frankreichs zu reisen und mit der Kriegsnachrichtenstelle West in Düsseldorf (Leiter: Mahor Roepell) sowie der Agentenzentrale in der Deutschen Botschaft in Madrid (Leiter: Major Arnold Kalle) ständig Verbindung zu halten. Schlussendlich sei Mata Hari Hauptmann Hoffmann zugewiesen worden, der ihr den Decknamen „H 21“ gegeben habe.

Dann sei sie nach Den Haag zurückgekehrt. Wenig später habe ihr Generalkonsul Cremer 20.000 Francs als Startkapital zukommen lassen (s.o.).

Unter dem Vorwand, ihre bei Kriegsausbruch in Paris zurückgelassenen Möbel abholen zu wollen, sei „H 21“ im Dezember 1915 nach Frankreich eingereist und habe im Pariser „Grand Hotel“ Quartier bezogen, um dort die Aktenlage der Alliierten auszuschnüffeln. Das sei ihr durch Vitamin B und ihre dortigen Verbindungen zu Jean Hallaure, tätig im Kriegsministerium, zu Ex-Kriegsminister Adolphe Messimy und zu Jules Cambon, Generalsekretär im Außenministerium, ziemlich leicht gefallen.

Zwischen Weihnachten 1915 und Neujahr 1916 telegrafierte sie an Hoffmann, „dass vorläufig, namentlich jetzt, in Frankreich nicht an eine französische Offensive gedacht wird“, um anschließend mit ihrem Hausrat „in zehn Packkisten“ und auf kriegstypischen Umwegen (eine direkte Reise auf kürzestem Weg war in diesen Zeiten kaum möglich) durch Südfrankreich über Spanien nach Den Haag zurückzureisen.

George Ladoux vom Deuxième Bureau, der zweiten Abteilung des französischen militärischen Auslandsnachrichtendienstes, wurde bereits Mitte März 1915 auf Mata Hari aufmerksam und wunderte sich schon damals, was das alles zu bedeuten hatte.

Während ihrer Fahrt Paris-Spanien-Den Haag, bei einer Zwischenstation in Southampton, veranlasste der britische „Secret Intelligence Service“, der Informationen über Mata Hari von Agenten aus Madrid erhalten hatte, ihre Verhaftung. Sie reiste mit einem Pass, der auf den Namen „Gertrud Benedix“ ausgestellt war. Die Polizei befand ihre Papiere für gefälscht. Mata Hari wurde nach London verbracht.

Sir Basil Thompson, Leiter des britischen Spionageabwehrdienstes, verhörte sie. Mata verteidigte sich gegen die Vorwürfe der Agententätigkeit. Thompson, der reichlich Berufserfahrung im Umgang mit Spionen hatte, glaubte ihr. Den falschen Pass erklärte sie damit, dass sie die Geliebte eines deutschen Luftwaffenattachés mit Namen Bendix sei. Das war möglicherweise Notlüge und reine Schutzbehauptung.

Sir Thompson schrieb später in seinen Memoiren, Mata Hari habe ihn um ein persönliches Gespräch gebeten und dann gestanden, wirklich eine Spionin zu sein, jedoch für Frankreich und nicht für Deutschland. Er habe sie laufen lassen, danach aber den französischen Geheimdienst über dieses Gespräch informiert.

Nach Passieren der französisch-spanischen Grenzstation Hendaye am Golf von Biskaya in der Region Aquitanien erreichte Mata Hari Madrid am 12. Januar 1916. Dort erstattete sie dem Agentenchef in der Deutschen Botschaft, Major Arnold Kalle, einen persönlichen Lagebericht, den dieser umgehend in einem verschlüsselten Telegramm weiterleitete. Dieses drahtlose Telegramm wurde zum Stolperdraht für Mata Hari, denn die Tommies vom Secret Intelligence Service fingen dieses Telegramm auf und konnten den Code knacken. Der Rest war Routine und ein Weckruf von wegen Mata Hari an den französischen Geheimdienst zur Weiterleitung an die Spionageabwehr.

Unsere Hauptperson quartierte sich im Madrider „Palace Hotel“ ein, Tür an Tür mit der jungen Französin Marthe Richard, die auf alle Fälle eine „echte“ Spionin im Dienste Frankreichs geworden war, nachdem sie gleich zu Anfang des Krieges ihren Mann bei der deutschen Eroberung der Feste Maubeuge verloren hatte. Für Geheimdienstchef Ladoux stieg sie ins Bett mit dem weißhaarigen Korvettenkapitän und Marineattaché Baron Hans von Krohn. In ihren Memoiren schrieb sie, dass ihr über Mata Haris Agententätigkeit in Madrid nie etwas bekannt geworden sei. Bis in den April 1917 hinein wusste niemand etwas davon und sie selbst erfuhr es erst – na klar, durch die objektive Berichterstattung der Medien. In französischen Zeitungen wurde nach Mata Haris Festnahme behauptet, sie habe eine intime Beziehung zu dem Baron von Krohn gehabt.

Als Marthe Richards daraufhin ihren Liebhaber aufsuchte und mit ihm ein ernstes Gespräch unter Zuhilfenahme fliegender Untertassen führte, stellte sich die Behauptung als Zeitungsente heraus.

Wie auch immer, Major George Ladoux ließ Mata Hari jedenfalls von seinen Leuten in Madrid observieren, teils im Taxi, teils zu Fuß und teils auf einem Fahrrad, das genauso klapprig war wie jener harmlos wirkende Tattergreis, der in die Pedale trat und die Calle Mayor entlang radelte.

Von Madrid aus reiste Mata Hari nach Paris. Dort beantragte sie einen Passierschein nach Vittel in den Vogesen, direkt vor der damaligen Frontlinie. Sie erhielt die Genehmigung und wurde in Vittel überwacht wie die Blaue Mauritius, doch selbst Ladoux konnte nichts Verdächtiges in den Beobachtungsprotokollen entdecken. Sie besuchte Freunde, unter anderem im Spital einen russischen Offizier, ging einkaufen, trank Tee um fünf Uhr und ließ sich von einer Wahrsagerin die Karten legen.

Allerdings bauten sich die Horch-und-Guck-Beauftragten ihre eigenen Verschwörungstheorien zusammen. Angeblich soll Mata Hari zweimal ihre Abreise vorbereitet und dann wieder abgesagt haben. Und die Schiffe, mit denen sie wohl gefahren wäre, erhielten Torpedotreffer und landeten auf dem Meeresgrund. Auch diese Theorien fanden vermutlich unter „Beweismittel“ ihren geheimen Dienstweg in den Aktenordner: „Mata Hari wg. Hochverrat“. Doch die Ergebnisse der bisherigen Ermittlungen waren noch zu mager für einen Zugriff.

Für einen längeren Zwischenaufenthalt in den Niederlanden beantragte sie beim britischen Konsulat in Rotterdam ein Visum, das ihr verweigert wurde. Daraufhin wandte sie sich an das Auswärtige Amt. Dort tat man ihr den Gefallen und intervenierte beim Home Office am 27. April 1916 mit Telegramm Nr. 74. Das britische Feed back hätte Mata Hari stutzig machen müssen: „Die Behörden haben ihre Gründe, weshalb Zulassung der in Ihrem Telegramm 74 erwähnten Dame in England unerwünscht.“

Wird fortgesetzt.

Am Stück tutti completti, d.h. ganz und gar lesefertig als Kindle Ebook bei Amazon erhältlich, als gedrucktes Buch im DIN-A4-Format (64 Seiten mit vielen Schwarz-Weiß-Abbildungen, Thermobindung), einzeln numeriert, datiert und signiert von Herbert Witzel alias Hermann Syzygos, für 10 EUR + 2 EUR Versand (innerhalb Deutschlands) bei Herbert Witzel, Warthestraße 25, 12051 Berlin, Tel.: 030-693 16 49, <herbert_f_witzel[at]web.de>.

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